Stefan Hertmans – „Die Fremde“

„Hamutal kommt sich nichtig vor, alle sind sie nichtig, nicht mehr als Insekten in einer Nussschale im Meer (…).“

Nach seinem eindrucksvollen Roman „Krieg und Terpentin“ über den Ersten Weltkrieg und die Erlebnisse seines Großvaters holt Stefan Hertmans erneut die Vergangenheit in die Gegenwart. In seinem neuen Buch „Die Fremde“ geht er in der Zeit indes noch weiter zurück, um mehr als ein Jahrtausend in das Mittelalter. Anlass und Inspiration bieten ihm Monieux, ein Bergdorf in der Provence, in dem er seit Jahren lebt, sowie ein Dokument aus dem 11. Jahrhundert, das vor mehr als 120 Jahren in einer Synagoge in Kairo entdeckt wurde und heute in der Cairo Genizah Collection der Universität Cambridge zu finden ist.

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James Baldwin – „Giovannis Zimmer“

„Vielleicht begann in dem Sommer meine Einsamkeit, (…)“

Kein bereits verstorbener amerikanischer Schriftsteller scheint derzeit wohl wieder so öffentlich präsent zu sein wie James Baldwin. Die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit setzte indes bereits vor der aktuellen Debatte rund um Rassismus und dessen Folgen ein. Gefeiert wurde hierzulande seine Wiederentdeckung 2018, als sein stark autobiografisch geprägtes Debüt „Go Tell it on the Mountain“ aus dem Jahr 1953 in einer Neuübersetzung unter dem Titel „Von dieser Welt“ erschien. Nicht nur dem Rassenhass und der Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung widmete sich der Afroamerikaner in seinen Büchern. Mit „Giovannis Zimmer“, 1956 veröffentlicht, schrieb Baldwin eines der wohl frühesten und heutzutage bekanntesten Werke über Homosexualität, das nunmehr ebenfalls in einer Neuübersetzung aus der Feder der preisgekrönten Übersetzerin Miriam Mandelkow wieder zu entdecken ist.

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Katya Apekina – „Je tiefer das Wasser“

„Warum uns wieder da hineinziehen? Wir waren Kinder.“ 

Was will uns dieses Cover sagen? Mir erschien es etwas rätselhaft und mysteriös. Dieses Weiß unter den blauen Lettern des Titels, diese Augen. Doch wer das Debüt der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Katyna Apekina bis zum Ende liest, wird den Sinn erkennen und erneut erschauern. Ihr großartiger, indes auch teils verstörender Roman erzählt von einer außergewöhnlichen Familie – die außergewöhnliche Beziehungen und Emotionen pflegen, die schließlich zu tragischen Ereignissen führen. „Katya Apekina – „Je tiefer das Wasser““ weiterlesen

Roy Jacobsen – „Die Unsichtbaren“

„Der Gegensatz zwischen Meer und Land war immer schon da, in Gestalt einer Unruhe oder einer Sehnsucht.“

Barrøy – eine kleine Insel, die auf keiner realen Karte Norwegens eingezeichnet, sondern „nur“ auf einer literarischen Karte des nordischen Landes zu finden ist. Das von Wind und Meer umtoste, abgelegene wie karge Eiland, einige Ruderstunden vom Festland entfernt, ist Schauplatz der beeindruckenden Romantrilogie „Die Unsichtbaren“ des norwegischen Schriftstellers Roy Jacobsen – und die Heimat von Ingrid, die auf der Insel geboren wird und hier aufwächst, die hier die Zeit des Krieges erlebt, um später ihr Zuhause zu verlassen und sich auf die Spuren eines Mannes zu begeben.

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Claire Lombardo – „Der größte Spaß, den wir je hatten“

„Man ist nicht der Grund für das Glück der Eltern, sondern dafür zuständig, dass sie trotzdem glücklich sind.“

Ein gesundes Bauchgefühl kann uns vor schlechten Entscheidungen bewahren. Unser Instinkt schützt uns davor, in gewissen Situationen etwas Falsches zu machen und unter anderem auch davor – der Leseerfahrung sei dank – ein Buch in die Hand zu nehmen, Zeit mit ihm zu verbringen und zu vergeuden, das uns nicht gefallen wird. Da war dieser dicke Roman. Ein Debüt, das Buch einer jungen Amerikanerin. Auf dem Umschlag lobende Worte, sogar von dem mir sehr geschätzten Pulitzer-Preisträger Richard Russo. Ich war skeptisch! Schob die Lektüre vor mir her. Bis ich „Der größte Spaß, den wir je hatten“ von Claire Lombardo schließlich doch las und die Erfahrung machte, dass das Bauchgefühl manchmal auch komplett daneben liegen kann. „Claire Lombardo – „Der größte Spaß, den wir je hatten““ weiterlesen

Jón Kalman Stefánsson – „Ástas Geschichte“

„Und das Leben kann ein so schrecklich kurzer Atemzug sein.“

Was ist ein Leben anderes als ein Wollknäuel aus Fäden verschiedener Farben, die sowohl für die eigenen Erlebnisse, Gedanken und Erinnerungen als auch für die Gedanken und Erinnerungen anderer, die uns all die Jahre über begleiten, stehen. An ein solches Wollknäuel erinnert der neue Roman des Isländers Jón Kalman Stefánsson, denn in „Ástas Geschichte“ findet sich ein Chor aus Stimmen, die zusammengefügt ein eindrückliches Bild einer besonderen Frau erschaffen.

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