Unvorhergesehen – Arnaud Dudek „Strand am Nordpol“

„Um nicht unterzugehen, muss man sich an bedeutungslose Dinge klammern.“

Was wäre doch das Leben geradlinig und wohl auch recht fad ohne die unvorhergesehenen Zufälle und Begegnungen. Viele Freundschaften gäbe es nicht, Beziehungen oder sogar Ehen vermutlich ebenso weniger. Auch im Fall von Jean-Claude Stillmann und Françoise Vitelli scheint jemand, eine unbekannte Macht an den richtigen Strippen gezogen zu haben. Sie treffen sich und werden Freunde – trotz der Unterschiede. Auslöser ist eine Kamera, die Jean-Claude verliert und Françoise findet. Und schon nimmt die Geschichte in „Strand am Nordpol“ des Franzosen Arnaud Dudek ihren Verlauf. „Unvorhergesehen – Arnaud Dudek „Strand am Nordpol““ weiterlesen

Andrea Wulf „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“

„In der unberührten Natur liegt die Erhaltung der Welt.“ Henry David Thoreau

Er war der bekannteste Entdecker, Forscher und Reisende seiner Zeit. Und obwohl heute noch zahlreiche Schulen, Straßen und Plätze, eine Pinguin-Art und ein Mondkrater neben vielen weiteren Örtlichkeiten und Geschöpfen nach ihm benannt sind, ist sein Wirken und seine Bedeutung in Geschichte, Gegenwart und für die Zukunft nahezu in Vergessenheit geraten. Alexander von Humboldt (1769 – 1859) diskutierte mit Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, brachte Charles Darwin dazu, die Beagle für eine Weltumsegelung zu besteigen, und inspirierte bedeutende Naturschriftsteller wie beispielsweise Henry David Thoreau. Andrea Wulf hat über den deutschen Wissenschaftler ein Buch geschrieben, das Maßstäbe setzt und eine wundersame Lektüre bereitet.  „Andrea Wulf „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur““ weiterlesen

Wenn Krieg ist – Hugo Claus „Der Kummer von Belgien“

„Der Kern unseres Wesens ist nicht anderes als die Anstrengung, die wir unternehmen, um Mensch zu bleiben, nicht zu sterben.“

Belgien ist kein Land, sondern ein Zustand, sagt der Vater von Louis, der jugendliche Held im Roman „Der Kummer von Belgien“. Das Werk von Hugo Claus (1929 – 2008) scheint vieles zugleich zu sein: Entwicklungs-, Familien- wie auch Kriegsroman. Denn obwohl das Land, eingerahmt von Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg, für viele mit Blick auf seine Geschichte wohl recht unscheinbar wirkt, hat es auf dem Boden des Königreichs verheerende Schlachten gegeben. Man denke an Waterloo, man denke an Ypern. Im Mai 1940 besetzt die Deutsche Wehrmacht das kleine Land. Und einige deutschfreundliche Belgier machen mit dem Feind gemeinsame Sache.   „Wenn Krieg ist – Hugo Claus „Der Kummer von Belgien““ weiterlesen

Buntes Frühjahr – ein Blick in die Vorschauen

Für Bücherfreunde sind die zweimal jährlich erscheinenden Vorschauen für Frühjahr und Herbst wie Reisekataloge. Es geht in ein literarisches Schlaraffenland, in dem die Bibliophilen unter uns nie genug bekommen. Auch ich habe mich durch die Vorschauen geblättert und gebe einen Einblick in meine Wunschliste, die sich sicherlich noch vergrößern wird. Denn neben Wiederbegegnungen mit großen Namen beziehungsweise geschätzte Schriftsteller gibt es sicherlich die eine oder andere Entdeckung zu machen.

Aus hiesigen Landen

Auch die kommenden Frühjahrsvorschauen erinnern ein wenig an die Lektürliste eines Germanistik-Studiums, finden sich unter anderem Siegfried Lenz  (Hoffmann & Campe) und Hans Fallada (Aufbau-Verlag) wieder. Von Johannes Bobrowski wird es ein Band mit den gesammelten Gedichten geben (DVA, März). Zudem erscheint mit  „Trutz“ ein neuester Streich von Christoph Hein (Suhrkamp, März). Nach ihrem Erfolgsroman „Wald“ legt Doris Knecht mit „Alles über Beziehungen“ ein neues Werk vor (Rowohlt Berlin, März). Mit Begeisterung habe ich Natascha Wodins Schlüsselroman „Nachtgeschwister“ über ihre Beziehung zu dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig gelesen. Mit „Sie kam aus Mariupol“ erscheint ein Buch über Wodins Mutter (Rowohlt, Februar). Noch nicht gelesen habe ich indes Birk Meinhardts DDR-Roman „Brüder & Schwestern“. Nun ist es Zeit für einen zweiten, gleichnamigen Teil, der von den Jahren nach der Wende erzählt (Hanser, Februar).  Ulrich Schacht habe ich kürzlich mit seiner Novelle „Grimsey“ kennengelernt. Sein kommendes Buch trägt den Titel „Notre Dame“ (Aufbau, Februar). Gespannt bin ich auch auf das Buch „Arbeiterroman“ von Gerhard Henschel (Hoffmann & Campe, Februar) sowie „Die Poesie der Hörigkeit“ von Lea Singer (Hoffmann & Campe, März), letzteres Buch erzählt die Liebesgeschichte von Gottfried Benn. Mit dem Schweizer Buchpreis wurde Henriette Vásárhelyi für „immeer“ bedacht. Nun erscheint ihr neuestes Werk „Seit ich fort bin“ (Dörlemann, Februar). Einen dicken Wälzer mit einer besonderen Familiengeschichte gibt es von Chris Kraus: „Das kalte Blut“ (Diogenes, März).

Blick ins Nachbarland

Nach Niederlande und Flandern wird Frankreich im kommenden Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Das zeigt sich bereits jetzt mit einem Blick in die Frühjahrsvorschauen. Eine Robinsonade der besonderen Art, bei der ein Paar auf eine abgelegene Insel nahe dem Kap Hoorn strandet, legt die gebürtige Pariserin Isabelle Autissier mit ihrem Roman „Herz auf Eis“ vor (mare, März).  Der in Kabul geborene, aber in Frankreich lebende Atiq  Rahimi, Preisträger des renommierten Prix Goncourt, wird mit seinem neuesten, ins Deutsche übersetzte Werk „Heimatballade“ in die Buchläden kommen (Ullstein, Februar). Für ihren nun in Deutschland erscheinenden Roman „Die Zeit der Ruhelosen“ war Karine Tuil für den Prix Goncourt nominiert. Von Olivier Adam, bekannt für „Klippen“ und „An den Rändern der Welt“, gibt ebenfalls einen neuen Roman. Er trägt den Titel „Die Summe aller Möglichkeiten“ (Klett & Cotta, Juni).

Über den großen Teich

Fans von Paul Auster können sich freuen: „4321“ heißt sein neuester Roman (Rowohlt, Januar). Auch die große Margaret Atwood ist noch nicht schreibmüde. Es erscheint „Hexensaat“ (Knaus, April). Von T.C. Boyle gibt es „Terranauten“ zu lesen (Hanser, Januar), von Dave Eggers „Bis an die Grenze“ (Kiepenheuer & Witsch, März). In deutscher Neu-Übersetzung erscheint „Boston“ von Upton Sinclair (Manesse, Juni). Nach seinem wunderbaren Roman „Diese gottverdammten Träume“ freue ich mich auf einen neuen Streich von Richard Russo: „Ein Mann der Tat“ (Dumont, Mai).  Das Buch, das dank Verlagsnewsletter zuerst auf die Wunschliste kam, war „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara (Hanser Berlin, Januar). Gespannt bin auf die mir noch unbekannte Jennifer Haigh mit „Licht und Glut“ (Droemer, April), „Ich bin niemand“ von Patrick Flanery (Blessing, März) sowie Laird Hunt mit seinem Bürgerkriegsroman „Die Zweige der Esche“ (btb, April).

Aus dem hohen Norden

In den vergangenen Jahren haben mich besonders zwei Schriftstellerinnen aus Finnland imponiert: Sofi Oksanen sowie Katja Kettu. Von beiden gibt es mit „Die Sache mit Norman“ (Kiepenheuer & Witsch, März) beziehungsweise „Feuerherz“ (Ullstein, Februar) neue Werke. Von Landsmann Jussi Valtonen kann „Zwei Kontinente“ gelesen werden (Piper, Mai). Von „Wir Ertrunkenen“ begeistert, herrscht deshalb Vorfreude auf einen neuen Roman des Dänen Carsten Jensen: „Der erste Stein“ (Knaus, März). Auch der Isländer Jón Kalman Stefánsson ist mit „Etwas von der Größe des Universums“ zurück (Piper, Februar). Auch Fans von Tomas Espedal können sich freuen. „Biografie, Tagebuch, Briefe“ gibt es bald in den Buchläden (Matthes & Seitz, April). Von dessen Freund und Kollegen Karl Ove Knausgård erscheint der letzte Band der „Min kamp“-Reihe mit dem Titel „Kämpfen“ (Luchterhand, Mai). Auch Jostein Gaarder bringt sich mit „Ein treuer Freund“ wieder in Erinnerung (Hanser, März). Neu sind für mich die beiden Norwegerinnen Maja Lunde mit den Roman „Die Geschichte der Bienen“ (btb, März) sowie Erika Fatland mit ihrem Reisebericht „Sowjestistan“ (Suhrkamp, März). Beide sind in ihrem Heimatland mit dem Buchhandelspreis geehrt wurden. Aus Schweden kommen Jonas Hassem Khemiri mit „Alles, was ich nicht erinnere“ (DVA, März) sowie Tom Malquist mit „In jedem Augenblick unseres Lebens“ (Klett & Cotta, März). Nicht zu vergessen an dieser Stelle der Blick in die Krimi-Ecke. Nach seinem spannenden wie tiefgründigen Debüt „Der letzte Pilger“ wartet Gard Sveen mit einem neuesten spannenden Fall des Kommissars Tommy Bergmann auf. „Teufelskälte“ heißt das Buch (List, Juni). Auch Anne Holt steht mit „Ein kalter Fall“ im Regal der Neuerscheinungen (Piper, März).  Gespannt bin ich auf „… und morgen werde ich dich vermissen“ von Heine Bakkeid (Rowohlt, Juli).

Und, und, und…

Die Romanreihe von Elena Ferrante zählt wohl zu den erfolgreichsten Literatur-Importen der letzten Jahre. Nach „Meine geniale Freundin“ freue ich mich auf die Bände zwei und drei (Suhrkamp, Januar, Mai). Auch Folge vier wird bereits angekündigt (Suhrkamp, Oktober). Auch Haruki Murakami ist bei den Neuerscheinungen wieder mit von der Partie – mit „Birthday Girl“, eine illustrierte Erzählung des Japaners. Von Claudio Magris gibt es ebenfalls ein neues Buch: „Verfahren eingestellt“ (Hanser, März). Mit Interesse begegne ich zunehmend Literatur aus dem Osten. Auf die Wunschliste schafften es Artjom Wesjoly mit „Blut und Feuer“ (Aufbau, Juni) sowie Michael Schischkin mit „Die Eroberung von Ismael“ (DVA, Mai). Von Primo Levi erscheint mit „So war Auschwitz“ erstmals übersetzte Erinnerungen (Hanser, März).  Interessant erschienen mir zudem die Romane „Die Reise“ von Murray Bail (Dörlemann, April), „Das Floß der Medusa“ von Franzobel (Zsolnay & Deuticke, Januar),  „Am Ende der Via Condotti“ von Sándor Lénárd (dtv, April) sowie „Hier treffen sich fünf Flüsse“ von Barney Norris (Dumont, März). Im Bereich Sachbuch gibt es zwei für mich spannende Titel: „Die Anfänge von allem“ von Jürgen Kaube (Rowohlt Berlin, Juli) sowie Gaston Dorren „Sprachen. Eine verbale Reise durch Europa“ (Ullstein, März).


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Mordwaffe Buch – Patrick McGinley „Bogmail“

„So vieles im Leben war eine Frage der Täuschung.“

Man nehme ein gewichtiges Lexikon, möglichst im umfänglichen Backstein-Format, etwas Wut im Bauch und eine Person, die man nicht nur gedanklich ins Jenseits befördern möchte. Und schon ist der Mord geschehen. Der Pub-Besitzer Roarty tötet seinen Mitarbeiter Eamonn Eales, den er aus vollstem Herzen hasst, weil er sich an dessen Tochter herangegraben hat, mit einem gezielten Schlag auf den Kopf. Die Mordwaffe: der 25. Band der Encyclopædia Britannica. An dieser Stelle könnte der Krimi ein Ende finden. Schließlich ist der Täter, der die Leiche ohne Skrupel später des Nachts im Moor versenkt, bekannt. Doch „Bogmail“ des irischen Schriftstellers Patrick McGinley, der sein Buch mit „Roman mit Mörder“ untertitelt, ist einfach anders. „Mordwaffe Buch – Patrick McGinley „Bogmail““ weiterlesen

#MeinKlassiker – Knut Hamsun „Hunger“

„Stille. Kein Mensch um mich her, kein Licht, kein Lärm. Ich bin in der gewaltsamsten Gemütserregung.“

Der dünne Band stammt aus dem Jahr 1978; ein Jahr nach meiner Geburt. Die leicht vergilbten Seiten sind mit Anstreichungen und Kommentaren versehen. Bunte Haftnotizen ragen aus dem Buch heraus. Erschienen im Reclam-Verlag, hat es mich mehrere Monate begleitet, am Ende eines besonderen Lebensabschnittes. Als Birgit Boe vom Blog „Sätze & Schätze“ mich anschrieb und fragte, ob ich nicht einen Beitrag zu ihrer Serie „#MeinKlassiker“ verfasse, war mir schnell klar, dass es „Hunger“ von Knut Hamsun (1859 – 1952) sein soll. „Hamsuns frühe Werke und die deutsche Literatur der Jahrhundertwende“ hieß das Thema meiner Magisterarbeit, die ich nun ebenfalls mal wieder aus dem  Regal hole, nicht ohne in der einen oder anderen Erinnerung zu schwelgen. Der Name des norwegischen Nobelpreisträgers war mir in den Studienjahren immer wieder begegnet, wirkte er doch maßgeblich auf die moderne europäische Literatur. Bekannte Schriftsteller wie Thomas Mann, Arthur Schnitzler oder Franz Kafka lasen dessen Werke, die zu den beliebtesten in Deutschland zählten, mit Begeisterung. Gerade auch in einer Zeit, als allgemein die Skandinavier auf dem künstlerischen Bereich viel Beachtung fanden. Der Maler Edvard Munch, die Dramatiker August Strindberg und Henrik Ibsen, der Komponist Edvard Grieg sollen an dieser Stelle beispielhaft erwähnt werden. In Metropolen Berlin, München oder auch Paris entstanden von Skandinaviern geprägte Künstlerkreise.

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Doch in den 1940er Jahren wurde der Norweger zur persona non grata erklärt. Was war geschehen? Zeitlebens bewunderte er Deutschland, auch dann noch, als Hitler 1933 die Macht ergriffen hat. 1936 appellierte er an seine Landsleute, den Parteiführer der faschistischen National Samling, Vidkun Quisling, zu wählen, der nach der Besetzung Norwegens durch die Wehrmacht mit den Deutschen kollaborierte und an der Spitze einer Schattenregierung stand. 1943 schenkte Hamsun Joseph Goebbels seine 1920 erhaltene Nobelpreis-Medaille. In Norwegen wurde der Schriftsteller fortan geschmäht und nach dem Krieg wegen Landesverrats vor Gericht gestellt. Seine Bücher verschwanden aus den Regalen. Sowohl Hamsuns Leserschaft als auch die Wissenschaft tat sich in den kommenden Jahrzehnten schwer mit dem Literaten und seinem reichen Schaffen. Erst in den vergangenen Jahren erfolgte eine Wieder-Annäherung – allerdings ohne diese dunkle Facette im Leben Hamsuns zu vergessen.

Foto: Wikipedia
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Während der Roman „Segen der Erde“ heutzutage wohl vielen bekannt ist, war es die Erzählung „Hunger“, die Hamsun  zur erhofften Aufmerksamkeit der literarischen Szene und zu erstem Ruhm verhalf. Das Werk erschien in Auszügen und anonym erstmals 1888 in der dänischen Zeitung „Ny Jord“, 1891 schließlich in einer deutscher Übersetzung und in gekürzter Fassung in der Zeitschrift „Freie Bühne“. Das Geschehen in diesem recht eigenwilligen Erzählwerk ist überschaubar. Ein namenloser Protagonist, dessen Vergangenheit ebenfalls im Dunklen liegt, wandelt einsam und hungrig durch die Straßen Kristianias, des heutigen Oslos, ohne wirklich gegen seinen erbarmungswürdigen Zustand anzukämpfen. Banalitäten beziehungsweise kleine Dinge gewinnen im Alltag an Bedeutung. Das Schreiben ist das einzige Streben des Helden.

„Der Hunger hauste schon wieder bei mir, seit dem vorhergegangenen Abend hatte ich nichts gegessen – das war allerdings noch keine lange Zeit, ich hatte es oft mehrere Tage lang aushalten können, aber ich ließ bedenklich nach, ich konnte gar nicht mehr so gut hungern wie früher, ein einziger Tag konnte mich betäuben, und ich litt an häufigem Erbrechen, sobald ich Wasser trank.“

Vor allem sein besonderer Erzählmodus ließ dieses schmale Werk so einzigartig werden. Das gesamte Geschehen wird vollständig als innerer Monolog und aus der Sicht des Helden wiedergegeben. Vor allem dessen Innenleben, Gefühle und Gedanken wird beleuchtet. Beschreibungen der Umgebung und der Begegnungen mit Menschen wechseln sich mit Selbstreflexionen, einer Seelenschau ab. Hamsun betrat damit nahezu Neuland und fand vielfach Anerkennung. Manche sahen mit diesem Werk einen Epochenwandel und stellten dessen Autor folgend in die Reihe namhafter Künstler wie Franz Kafka und James Joyce.  „Hunger“ gilt als frühes Beispiel des „stream of consciousness“ (übersetzt Bewusstseinsstrom) und spiegelt Hamsuns eigenes Erleben wider: Er versuchte, als Journalist in Kristiania Fuß zu fassen, um jedoch wenig später ohne nennenswerten Erfolg ein Schiff in Richtung Westen zu besteigen. Der Norweger reiste zweimal in die USA, um dort sein Glück zu suchen. Vergeblich. Wer sich für den Schriftsteller und diese Lebensepoche interessiert, dem sei an dieser Stelle der Roman „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Hamsun und Wilde“ von Matthias Engels empfohlen.

Was macht diese eigenwillige Erzähltechnik mit dem Leser? Sie sorgt für eine ganz spezielle Leser-Held-Beziehung. Der Leser wird zu einem Beobachter, der zugleich in die intime Gedankenwelt des Protagonisten und Erzählers hineinsehen kann. Es entsteht ein konzentrierter Blick, der durch den von meist kurzen Sätzen, oft gar nur einzelnen Wörter geprägten erzählerischen Stil verstärkt wird. „Hunger“ hat mich insofern geprägt, dass ich ähnliche Werke mit einer spartanen, aber dafür prägnanten sowie psychologischen Erzählweise sehr zu schätzen lernte. Hamsun selbst hat sein Frühwerk  weder einem bestimmten Stil noch der Gattung Roman zuordnen wollen. Womöglich ragt es bis heute auch deshalb so heraus und kann Beginn einer neuen oder auch einer Wieder-Begegnung mit dem großen Literaten aus Norwegen sein.


Knut Hamsun: „Hunger“ ist aktuell antiquarisch in einer dtv-Taschenbuchausgabe erhältlich.

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