Der Eroberer – Hans Fallada "Ein Mann will nach oben"

„Es ist nur, Rieke“, sagte der Junge, „es ist alles so viel, alle diese Häuser, und alles Stein, und keiner weiß von uns …“

Er ist wieder zurück. Gut, er war nie wirklich weg, nur scheinbar abgetaucht. Jetzt füllt er wieder die Regale in den Buchläden und jene der Literaturfreunde. Mit dem Erfolg seines letzten Romans „Jeder stirbt für sich allein“, vor allem auch außerhalb seiner deutschen Heimat, ist Hans Fallada wieder im Gespräch. Der Aufbau-Verlag brachte 2011 jenen letzten Band des im Jahr 1893 als Rudolf Dietzel in Greifswald geborenen Autors in einer ungekürzten Neuerscheinung heraus. Weitere folgten, so auch der Roman „Ein Mann will nach oben“. „Der Eroberer – Hans Fallada "Ein Mann will nach oben"“ weiterlesen

Lektionen des Lebens – Michael Ondaatje "Katzentisch"

Drei Wochen auf hoher See, drei Wochen unterwegs zwischen den Kontinenten, drei Wochen, um die Kindheit hinter sich lassen. Allein und im Alter von elf Jahren geht Michael im Jahr 1954 auf große Reise. Mit dem Luxus-Dampfer „Oronsay“ soll er seine Heimat Sri Lanka verlassen, um seine Mutter, die bereits seit einigen Jahren in England lebt, wiederzu sehen und gemeinsam mit ihr ein neues Leben zu beginnen. An Bord schließt Michael nicht nur mit den Gleichaltrigen Ramadhin und Cassius Freundschaft. Das Trio erkundet das riesige Schiff und stiehlt in der ersten Klasse gutes Essen und aus den Rettungsbooten Schokoladenriegel. Den Turbinenraum haben sie zu ihrem Hauptquartier erkoren. Doch bei all den irrwitzigen Streichen und Erkundungen lernen die drei Jungs vor allem die Welt der Erwachsenen kennen – denn dafür gibt es keine bessere Gelegenheit als eine lange Fahrt auf engstem Raum umgeben von den Weiten des Meeres.

Doch in Michael  Ondaatje, Autor des weltbekannten Romans „Der englische Patient“, neuestem Werk „Katzentisch“ tauchen noch eine ganze Reihe weiterer schrulliger Protagonisten auf:  ein Pianist, der plötzlich von Bord verschwindet, eine Frau, die missliebige Krimi-Romane kurzerhand über die Reling wirft und Tauben in ihrem Mantel versteckt, ein Botaniker, der im Bauch des Schiffes seinen kleinen Garten pflegt, ein an Tollwut erkrankter Millionär, für den eine Prophezeiung schreckliche Wirklichkeit wird. Sie alle und weitere recht merkwürdige Personen – allen voran ein Gefangener, der nur ab und an während seiner Rundgänge auf dem Deck für die weiteren Passagiere sichtbar wird – sind Teil dieses bunten Kammerspiels, das seine Helden wie das Leben auch in normale und wichtige Gestalten einteilt. Die einen sitzen eben am Katzentisch, am weitesten entfernt von der renommierten Tafel des Kapitäns, die anderen genießen die Sonderbehandlung als Gäste der ersten Klasse. Was sie jedoch vereint, sind Geheimnisse, die sich um ihre Person ranken. Michael, Ramadhin und Cassius erfahren im Beisein dieser illustren Gesellschaft die ersten Lektionen mit den unbeschriebenen Gesetzen des Lebens. Sie lernen die Klassentrennung genauso kennen wie den Tod, erfahren auf der Reise vor allem aber auch verschiedene Sitten der Völker kennen.

 „Was interessant und wichtig ist, ereignet sich in der Regel im Verborgenen, an machtfernen Orten. Nichts von bleibenden Wert ereignet sich je am Tisch der Mächtigen, wo altvertraute Phrasen Kontinuität garantieren. Diejenigen die Macht besitzen, bleiben in der vertrauten Fahrrinne, die sie sich ausgebaggert haben.“

Die thematische Tiefe und seinen Anspruch erfährt dieser bezaubernde und weise Roman mit seinen wunderbaren Episoden und kleinen Geschichten indes durch die Verbindung und die Verschränkung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Michael erzählt von den damaligen Erlebnissen und aus der Sicht eines Jungen, um im zweiten Teil des Buches zudem von den Auswirkungen der einstigen Geschehnisse zu berichten. Da ist die kurze, indes intensive Beziehung zu Massi, der Schwester von Ramadhin, der als junger Mann seinem langjährigen Herzleiden erliegt, da ist das besondere Verhältnis Michaels zu seiner Cousine Emily, die er schließlich auf einer kleinen Insel an der kanadischen Westküste wiederfindet. Zudem wird ein prägendes Erlebnis jener „Taubenfrau“ erzählt, die als junge Frau dem Bann eines herrschsüchtigen Mannes verfällt. Und immer wieder schimmert als Thema jene immense Herausforderung, die Heimat zu verlassen und in einem anderen Land einen Neubeginn zu wagen, durch.

Am Ende bleibt ein Leser zurück, der als Erwachsener durch die wunderbar, mit sehr viel Liebe für die Protagonisten erzählte Geschichte berührt wird, aber mit dem Kind im Herzen zugleich eine unbändige Freude an den Abenteuern und Entdeckungen von Michael und seinen beiden Freunden verspürt. So begleiten die widersprüchlichen Gefühle die Lektüre dieses Romans, mit dem Ondaatje wieder einmal ein Meisterwerk geschaffen hat, das einen so schnell nicht loslässt.

Der Roman „Der Katzentisch“ von Michael Ondaatje erschien gerade als Taschenbuch im dtv-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Melanie Walz.
304 Seiten, 9,99 Euro

Leben als Roman – Karl Ove Knausgård "Sterben"

„Der Tag kam immer mit mehr als bloßem Licht. So nieder- geschlagen man auch sein mochte, es war unmöglich, völlig unbeeindruckt davon zu bleiben, was er an Anfängen brachte.“

Das Leben als Roman, leben, lieben, leiden als Inhalt?! Es braucht keine Fiktion, kein Fantasie, um herausragende Literatur zu schreiben. Wer „Sterben“ des Norwegers Karl Ove Knausgård liest, wird beide vorherige Sätze ohne Zögern zustimmen können. Der Autor hat in seinem Heimatland mit seinem auf sechs Büchern angelegten autobiografischen Romanprojekt für Furore gesorgt und selbst für ein Vielleser-Land wie Norwegen traumhafte Verkaufszahlen erreicht. In Deutschland wird im Juni nach den Bänden „Sterben“, „Lieben“ und „Spielen“ der vierte mit dem Titel „Leben“ erscheinen. In Norwegen heißt das umfassende Werk „Min Kamp“ („Mein Kampf“), ein Titel den man hierzulande aus bekannten Gründen aus dem Weg geht. „Leben als Roman – Karl Ove Knausgård "Sterben"“ weiterlesen

Der Körper, vom Leben gezeichnet – Paul Auster "Winterjournal"

„Wir alle sind uns selbst fremd, und wenn wir irgendeine Ahnung haben, wer wir sind, dann nur, weil wir in den Augen anderer leben.“

Er ist 64 Jahre alt. Sein Blick zurück ist ein besonderer. Denn sein Körper ist gezeichnet vom Leben. Mit schmerzhaften Unfällen in der Kindheit kamen die ersten Narben, die Herausforderung des Schriftstellerberufs, eine zerbrochene Ehe, Alkohol sowie Zigaretten und natürlich das Altern brachten die ersten Falten und grauen Haare. Wenn der amerikanische Autor Paul Auster sein Leben Revue passieren lässt, ist sein Körper Spiegel der Veränderungen, wie auch die Körper- und Beweglichkeit Ausdruck des Lebens ist.

In seinem neuesten Werk „Winterjournal“ wird seine Biografie zu einer Geschichte seines Körpers. Er erzählt von seiner Kindheit, seiner Faszination für Baseball, seinen Empfindungen, wenn  der Körper den Elementen wie Wind oder Wasser ausgesetzt ist, wie der Perspektivwechsel mit dem Erwachsenwerden eintritt, als die kleinen Dinge, die man als Kind noch faszinierend betrachtet hat, unbedeutender werden, weil die Distanz zum Boden größer geworden ist. Auster schildert seine erwachenden Empfindungen für das andere Geschlecht, seine zahlreichen Liebschaften und seine besonders innige Beziehung zu seiner zweiten und jetzigen Frau – der Autorin Siri Hustvedt. Wenn er von seinen beiden Kindern oder seiner Mutter berichtet, sind Hingabe und Liebe zu spüren, wenn er von seiner gescheiterten ersten Ehe, der Begegnung mit einer Prostituierten und sein Verhältnis zu Alkohol und Zigaretten erzählt, werden Offenheit und Ehrlichkeit erkennbar.

Auster ist schonungslos. Auch wenn es um das Lebensende geht. Wenn er vom Tod schreibt, dann in Metaphern wie den Blitzen, die unberechenbar vom Himmel fahren. Doch Auster weiß, dass das Leben Zufall und Geschenk zugleich ist, das Leben wie der Tod unberechenbar sind. Zwischen all jener nachdenklichen in Melancholie abgleitenden Stimmung finden sich immer wieder Momente der Lebensfreude, der Hingabe zur eigenen Existenz. Sein Rückblick hat keine feste Form, sein Schreiben ist ebisodenhaft und wechselt schnell die Jahre, die Zeiten und die Lebensabschnitte. Wenn er seine insgesamt 21 Wohnungen und Häuser, in denen er gelebt hat, beschreibt, werden nicht nur die örtlichen Veränderungen, sondern auch jene Umwälzungen seines Leben deutlich: die Zeit als junger Mann in Paris, die Umzüge innerhalb New Yorks abhängig von der eigenen finanziellen Lage, die Suche nach einem richtigen Zuhause für seine Familie. Trotz seines literarischen Ruhms bleibt er mit beiden Beinen auf dem Boden und bescheiden, denn gerade in seiner Körperlichkeit liegt so viel an Alltäglichem und Normalem. Auch ein Herr Auster schnarcht, rülpst, wechselt die Windeln seiner Kinder und sucht regelmäßig das Klo auf.

Seine Erinnerungen schreibt er in der du-Perspektive. Ganz so als ob er ein Selbstgespräch mit sich führen würde. Dass er uns Leser jedoch daranteilnehmen lässt, ist ein großer Schatz.Und nicht nur, weil wir interessante Einblicke in das Leben und den Alltag eines berühmten Schriftstellers erhalten. Er lässt uns wissen, dass jedes Leben und jeder Körper etwas Kostbareres ist – eben weil im Leben der Zufall herrscht, im positiven wie im negativen.

„Winterjournal“ von Paul Auster erschien im Rowohlt-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Werner Schmitz.
256 Seiten, 19,95 Euro

Doppel-Porträt – Michael Köhlmeier "Abendland"

„Aber niemand soll sich Pathos als die Fähigkeit zu mehr Leben schönreden, niemand soll von sich behaupten, er verkörpere die Idee vom schönen Leben; also können wir nur schwer erwarten, daß unser Leben mit Bedeutung vollgepackt ist.“

Der vom Leben gezeichnete trifft auf den Alten. Beide haben sich viel zu erzählen. Selbst wenn sie sich gut kennen. Schließlich war der eine der Patensohn des anderen, waren beide Leben nahezu untrennbar miteinander verknüpft. Der Schriftsteller Sebastian Lukasser trifft wieder auf den Mathematiker Carl Jacob Candoris. Es gilt, dessen Leben niederzuschreiben. Noch bleibt Zeit dafür, obwohl Candoris mit 95 Jahren am Ende seines Lebens steht. Mit diesem nahezu ein Jahrhundert umfassenden Leben hat er vieles gesehen und erlebt: Der Vater, ein Soldat, kommt aus dem Ersten Weltkrieg nicht zurück. Als Junge macht er Bekanntschaft mit Edith Stein, jener Frau, die als Jüdin Opfer des Holocaust wurde, später von der Kirche heilig gesprochen wurde. Als Doktorand geht er nach Russland, in den ersten Jahren des Dritten Reiches spioniert er für den Westen, wie weit Hitlers Deutschland im Bemühen um die Entwicklung einer eigenen Atomwaffe fortgeschritten ist. Später kommt Candoris in ein Internierungslager, wird wenig später wieder herausgeholt, um wiederum den Amerikanern innerhalb des Projektes „Manhattan“ rund um den Physiker Oppenheimer beim Bau der Atom-Bombe zu helfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt er die Nürnberger Prozesse hautnah mit.

Doch im Roman „Abendland“ des Österreichers Michael Köhlmeier erhält auch der jüngere aus diesem auf den ersten Blick ungleichen Duo Gelegenheit, sein Leben Revue passieren zu lassen. Eine große Rolle in diesem Rückblick nimmt Sebastians Vater Georg Lukasser ein. Als Jazz-Gitarrist ist er ein Genie. Er wird sowohl in seiner Heimat Österreich als auch in den USA, dem Mutterland des Jazz, verehrt. Er spielt an der Seite namhafter Musikerkollegen. Doch sein Talent ist nicht wirklich Teil seines Lebens, eher wirkt es als ein Fremdkörper, das manchmal genutzt, ein andermal vergeudet wird. In den 70er Jahren, beliebt als Musiklehrer einer Schule aber als prominenter Künstler gescheitert, zerstört von Alkohol und Depressionen, nimmt er sich das Leben. Sein Sohn Sebastian wandelt hingegen auf literarischen Pfaden und geht auch ein Stück des Weges seines Vaters, vor allem geografisch gesehen. Auch ihn verschlägt es nach Amerika, wo er sich mit seinem Talent zum Schriftsteller entwickelt: Hier entsteht sein erstes großes Werk; gezeichnet vom musikalischen Erbe seines Vaters. In einem Band setzt Sebastian Lukasser bekannte und berühmte Komponisten unterschiedlicher Zeiten und Genres in der Form von Doppelporträts gegenüber.

„Und wenn ich plötzlich verstummt war, dann weil mir klargeworden war, was für eine Last das Reden ist.“

Auch Köhlmeiers Roman ist ein solches, wenn auch weit umfänglicher Natur. Doch dieses vielschichtige wie  thematisch weit umfassende Werk braucht einige Seiten mehr. Der Österreicher verknüpft Fiktion und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und wer seinen jüngsten Roman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ bereits gelesen hat, wird an „Abendland“ ebenfalls eine unbändige Lesefreude verspüren. Zeitebenen schieben sich ineinander, der spezielle Duktus des Erzählens sowie des Erinnerns wird mehrfach spürbar: meist in jenen Szenen, wo Candoris Lukasser von seinem Leben berichtet, manche Beichte macht. In beiden Biografien finden sich viele kleine Geschichten, die so ein mosaikartiges Panorama des vergangenen Jahrhunderts schaffen. Dabei machen nicht nur die großen Jahreszahlen, die besonderen politischen und weltgeschichtlichen Ereignisse, die sich in beider Leben widerspiegeln,  den Reiz dieses weisen Meisterwerks aus. Es sind auch die privaten Erfolge und Niederschläge, die Tragödien, die im Privaten liegen. Candoris verliert beide Eltern durch die großen Kriege, den Tod seiner Frau Margarida überwindet er kaum. Sebastians Vater begeht Suizid, seine Ehe mit Dagmar zerbricht, sein Sohn David wächst ohne ihn auf, seine zweite große Liebe, die Afroamerikanerin Marybell, mit der er in den USA eine Beziehung führt, stirbt bei einem Autounfall. Er selbst hat Krebs.

So findet sich in diesen beiden erlebnisreichen Leben immer wieder der Tod ein: im Verlust von geliebten Menschen, im eigenen Abschied, den Carl letztlich entgegensieht und Sebastian fürchtet. Der Reichtum dieses prallgefüllten Buches liegt deshalb auch in den stillen Momenten, wie jenem, als der Jüngere sich vom Älteren verabschiedet – mit dem gemeinsamen Wissen sich nie mehr wiederzusehen. Eine sanfte Szene, die magisch wirkt und einen besonders gefühlvollen Schlusspunkt noch vor dem eigentlichen Ende setzt.

„Abendland“ von Michael Köhlmeier erschien im dtv-Verlag.
784 Seiten, 9,90 Euro 

Spätes Geständnis – Arturo Pérez-Reverte "Dreimal im Leben"

„Ich denke nie an diese Frauen. An keine von ihnen. Aber ich denke an dich. Glaubst du mir das?“

Max sieht Mecha, der mittellose Eintänzer trifft auf die vermögende Frau des bekannten Tango-Komponisten Armando de Troeye. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, genießen die Zeit auf dem Ozeandampfer Cap Polonia, der auf dem Weg nach Argentinien ist. Der Musiker hat indes ganz andere Wünsche an den gutaussehenden und charmanten Max: Er soll ihn in die dunkelsten Kaschemmen von Buenos Aires führen, wo der ursprüngliche Tango noch zu Hause ist. Hier ist Max aufgewachsen, hier beginnt auch die hocherotische Liaison mit Mecha. Dass es Liebe ist, die sie aneinderbindet, werden sie erst rund 40 Jahre später fühlen und sich gegenseitig gestehen. Wenn sie in die Jahre gekommen, sich in Sorrent wiedersehen – das dritte Mal in ihrem Leben.

„Dreimal im Leben“ heißt das aktuelle Werk des bekannten spanischen Autors Arturo Pérez-Reverte, der mit seinem Roman „Der Club Dumas“ bekannt wurde. In seinem neuesten Buch verfolgt der Leser die drei Begegnungen von Max und Mecha – auf dem Dampfer 1928 gen Südamerika, in Nizza im Jahr 1937 sowie 1966 in Sorrent. Der Zufall treibt sie jeweils in die Arme des anderen, alle Begegnungen sind dabei nicht nur von viel Leidenschaft und Erotik geprägt: Erzählt wird über die Besonderheit des Tango, das Aufkommen des Faschismus in Europa und die Regeln des internationalen Schach-Sports. Denn Max stolpert in unfreiwillige Abenteuer: Als bekannter Meisterdieb, der reiche Frauen um ihren Schmuck bringt, soll er für zwei italienische Spione Briefe aus einer Villa entwenden, die in Verbindung zum Staatsstreich Francos stehen. Schon etwas ergraut und als Chaffeur in den Diensten eines Schweizer Arztes, wird er schließlich während der letzten Begegnung von Mecha gebeten, die Notizbücher des russischen Schach-Weltmeisters Sokolow zu stehlen. Diese sollen ihrem Sohn Jorge helfen, gegen den Großmeister zu gewinnen.      

Ja, die Geschichte – die vor allem das Leben von Max berichtet – ist schon verrückt. Aber auch meisterhaft erzählt:  Pérez-Reverte gelingt es, die einzelnen Handlungsstränge so zu verknüpfen, dass ein besonderer Spannungsbogen vor allem im letzten Drittel des Romans entsteht. Und da wünscht man sich gern einmal, dass er seine detailreichen Beschreibungen der Kleidung, der Orte und sogar des Lichts sowie die langen Dialoge zwischen Max und Mecha  straffer gestaltet, die allerdings wiederum in ruhigeren Phasen die Bilder einer glanzvollen wie unruhigen politischen Zeit heraufbeschwören und von der besonderen Beziehung und Anziehungskraft zwischen diesen doch so verschiedenen Menschen Zeugnis geben. Gerade die unterschiedliche Herkunft ist immer wieder Thema der beiden. Bei Max weiß der Leser nie, ob er immer die Wahrheit erzählt. Denn der gebürtige Argentinier, den es in jungen Jahren in die spanische Fremdenlegion verschlagen hatte, hat viele Identitäten, die er nach Belieben austauschen kann, und viele Namen: Er ist ein Schuft und Schwindler, ein Filou und Charmeur, der trotz seiner einfachen Herkunft weiß, wie man sich in gutsituierten Kreisen verhalten muss, um nicht aufzufallen. Trotz dieses zwiespältigen Charakters ist es gerade Max, der wohl eher die Sympathie des Lesers erhalten wird als die stolze Mecha, die immer wieder schwankt zwischen Zuneigung und Abneigung, ihn zum Gehen nötigt, um ihn wenig später doch bittet zu bleiben. Am Ende werden sie wehmütig und melancholisch einsehen, dass sie ein besonderes Paar gewesen wären.

Sprachlich ist der Roman vor allem dann voller Poesie und ein herrliches Leseerlebnis, wenn die kleinste Mimik, das zarteste Licht, die erotischen Stimmungen und die jeweilige Zeit mit ihrer Mode beschrieben werden. Tiefere Weisheit wird man indes leider vermissen, obwohl die Geschichte die große Themen des Lebens vereint. Trotz alledem ist dem Spanier ein spannendes wie herzergreifendes Werk gelungen, das man so schnell nicht aus den Händen legt.   

„Dreimal im Leben“ von Arturo Pérez-Reverte erschien im Insel-Verlag, in der Übersetzung aus dem Spanischen von Petra Zickmann.
525 Seiten, 22,95 Euro