Endlose Eiszeit – Dan Simmons "Terror"

„Die Temperatur beträgt minus fünfundvierzig Grad und fällt noch immer.“ 

An einem Maitag im Jahr 1845 beginnt für die mehr als 130 Besatzungsmitglieder der „Terror“ und „Erebus“ die Eiszeit. Die stolzen und modernsten Schiffe ihrer Zeit der Royal Navy stechen in See. Ihr Ziel unter dem Kommando von Sir John Franklin: die legendäre Nordwestpassage, die hoch im Norden Amerikas Atlantik und Pazifik verbindet. Doch was als erfolgversprechende Expedition mit erfahrenen Seeleuten an der Spitze beginnt, endet in einer Tragödie.  Endlose Eiszeit – Dan Simmons "Terror" weiterlesen

Das Ende vom Anfang – Paul Auster "Sunset Park"

„Man nimmt kein Geld dafür, dass man sich wie ein Mensch verhält.“ 

 Ein verlassenes, vergessenes Haus in Nachbarschaft des Green-Wood Friedhofes in Brooklyn wird ihr neues Domizil und Zuflucht zugleich. Bing, Alice, Ellen und Miles sind Hausbesetzer, immer in Furcht, eines Tages von der Polizei ertappt und rausgeworfen zu werden. Gut, das Haus ist eine reine Bruchbude, aber unterschiedliche Gründe treiben sie unter ein gemeinsames Dach, unterschiedlich wie ihre Lebensläufe und Schicksale sind. Bing hat einen Laden, in dem er kaputte Dinge repariert, von der Schreibmaschine bis zum Bilderrahmen. Alice schreibt an ihrer Doktorarbeit über den Film „Die besten Jahre ihres Lebens“, Ellen arbeitet in einem Maklerbüro und malt erotische Bilder. Miles, der Spross eines Verlegers und einer Schauspieler, ist nach New York geflohen, damit die Beziehung zu seiner noch minderjährigen Freundin Pilar nicht auffliegt.

Alle vier haben indes eines gemeinsam. Alle haben etwas zu verbergen, einen dunklen Fleck in der Vergangenheit. Und sie leben in schwierigen Zeiten. Die Wirtschaftskrise hat das Land erfasst. Nichts ist wirklich sicher. Ein positiver Blick gen Zukunft ist pure Blauäugigkeit. Paul Auster, einer der bekanntesten Autoren Amerikas, ist es in seinem neuen Roman „Sunset Park“ wieder einmal gelungen, besondere und vergessliche Figuren in eine besondere Zeit zu stellen. Sein Erzählen konzentriert sich ganz auf die Charaktere, die er in all ihren Facetten, ihren Zweifeln und Ängsten, ihren Hoffnungen und ihrem Glauben zeichnet. Allen voran Miles, den Verlegerssohn, der über sieben Jahre lang keinen Kontakt zu seinen Eltern hatte, die schon seit seiner frühesten Kindheit getrennt leben. Sein düsteres Geheimnis: Er glaubt, als Jugendlicher den Unfall seines älteren Stiefbruders Bobby herbeigeführt zu haben. Er brach das Studium ab, zog von Stadt zu Stadt, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über dem Wasser. Nun kommt er zurück nach New York und kann nicht ahnen, dass sein Highschool-Freund Bing, seine Eltern über all diese Jahre über sein Leben auf dem Laufenden gehalten hat. In New York kommt es zum Wiedersehen zwischen Miles seinem Vater Morris, dessen Verlag um seine Existenz ringt, und seiner Mutter Mary Lee, die am Broadway ein Zwischenhoch ihrer Karriere feiert.

Große Romane sind besondere Bücher, die existenzielle Fragen der Menschheit oder einer Generation mit dem Alltagsleben der Menschen verbinden. Auster ist bekannt dafür, große Themen in lebendigen Geschichten mit lebendigen Charakteren zu behandeln. So auch hier. Traumwandlerisch verknüpft er alle Schicksale zu einem Abbild der Gesellschaft wenige Jahre nach der Jahrtausendwende, als die Wirtschafts- und Finanzwelt aus dem Ruder läuft, in denen erfolgreiche Unternehmen den Bach hinuntergehen und jeder, egal welche Bildung oder welches Einkommensniveau er hat, betroffen ist. Auster lässt immer wieder teils beängstigende Szenen entstehen – so der Selbstmord einer jungen Frau und Künstlerin, Tochter eines Autors, dessen Werke Morris in seinem Verlag veröffentlichte, der rote Zahlen schreibt.

Die Verlierer sind in der Überzahl und irren orientierungslos wie Miles durch ihr eigentlich noch junges Leben. Er scheint mit seiner Rückkehr nach New York, der neuen Liebe und dem Wiedersehen mit seinem Eltern wieder in die richtige Bahn zurückgekehrt zu sein. Doch der Scheint trügt, das aufkeimende Glück ist nur von kurzer Dauer. Die Polizei rückt in das Haus im Sunset Park ein. Miles beantwortet Gewalt mit Gewalt. Seine mögliche Entscheidung – Auster lässt das Ende ein wenig offen – kippt die Geschichte zur Tragödie. Das Ende des Anfangs schmerzt und lässt den Leser konsterniert zurück. Wer sollte aus einer Krise nicht mit eigenem Willen sich herauskämpfen, wenn nicht die Jugend. Was bleibt ist ein recht  bedrückendes Gefühl.

Der Roman „Sunset Park“ von Paul Auster erschien im Rowohlt Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Werner Schmitz
320 Seiten, 19,95 Euro


Maler auf Abwegen – Carsten Jensen "Rasmussens letzte Reise"

„Man kann sich für neue Wege entscheiden. Aber man kann sich nicht entscheiden, sich inspirieren zu lassen.“ 

Noch einmal setzt er seinen Fuß auf ein Schiff gen Norden. Zwanzig Jahre nach seiner ersten Grönlandreise wagt Carl Rasmussen erneut die Tour ins ewige Eis. Diesmal auf der „Peru“, diesmal als erfahrener Marinemaler. Zurückbleiben seine Frau Anna Egidia und die acht Kinder, das kleinste: Klara mit vier Jahren. Man schreibt das Jahr 1893. Noch einmal will Rasmussen die Kraft des Eises und der weiten Landschaft spüren, noch einmal seinem Leben eine Wende geben, wie vor 20 Jahren. Damals kam er mit Werken zurück, die seinen Ruf als bedeutender Kunstmaler bekräftigt haben.Während Künstlerkollegen den Süden als Inspirationsquelle suchten, ging Rasmussen schon damals einen anderen Weg. Wie eigentlich sein ganzes Leben lang, dem sich der Däne Carsten Jensen in seinem Roman „Rasmussens letzte Reise“ widmet. Maler auf Abwegen – Carsten Jensen "Rasmussens letzte Reise" weiterlesen

Der Verlust – Ralf Rothmann "Hitze"

„Warum muss man ständig etwas tun und erreichen wollen? Kann man nicht einfach nur leben.“ 

Happy-Ends gibt es nur im Film. Das Leben ist anders und keineswegs eine Suche nach den besten Pralinen aus der Pralinenschachtel. Irgendwann ist auch diese leer. Der Glaube an ein gutes Ende ist trügerisch und verleitet einen, das Leben als Spaß zu empfinden, ganz nach dem Motto: Irgendwann wird alles gut. Traurige Erlebnisse und eine tragische Wende des Schicksals bringen uns schnell auf den Teppich der Realität, vielleicht auch viel weiter nach unten. Eine solche Geschichte des Niedergangs schildert Ralf Rothmann in seinem Roman „Hitze“.

Simon DeLoo beginnt eine Stelle in einer Großküche in Berlin Kreuzberg. Hier werden nicht nur die Mittagsmenüs von Ost und West, von Unternehmen, Großraumbüros und Verwaltungen mal mehr, mal weniger gut gekocht. Hier treffen – wenige Jahre nach dem Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung – auch die unterschiedlichsten Typen aufeinander. Der eine ist homosexuell, der andere steigt den Frauen hinterher, ein dritter Mitarbeiter versorgt Obdachlose mit Essen, die Putzfrau schleppt ständig ihren Hund mit zur Arbeit. DeLoo würde allerdings hier – zwischen riesigen Pfannen und Töpfen, zwischen Kilo schweren Säcken mit Gemüse und gefrorenen Schweinehälften – gar nicht schurwerken, wenn er nicht seinen früheren Job aufgegeben hätte. Er war ein erfolgreicher Kameramann. Bis seine Lebensgefährtin stirbt. Mit Klaputzsek – eben jenen Kollegen, der Obdachlose versorgt – trifft er während einer Tour auf eine polnische Stadtstreicherin mit einem verletzten Hund. Sie helfen ihr und wenig später kommt es zwischen DeLoo und jener jungen Frau namens Lucilla zu einer zweiten Begegnung. Beide finden allmählich zu einander, DeLoo bringt sie in die Wohnung seiner verstorbenen Frau, gibt ihr Sachen von ihr. Beide fahren schließlich nach Pommern, der Heimat der jungen Polin. Hier genießen beide die gemeinsame Zeit. Auch wenn ein weiterer Mann zwischen beiden steht. Wenige Tage später sind sie verschwunden, und Klaputzsek findet DeLoo in Berlin wieder. In einem erschreckenden Zustand.
In den fünf Kapitel steht DeLoo im Mittelpunkt. Seine Vergangenheit bleibt indes verborgen. Nichts wird berichtet, wie er seine Liebe verloren hat,  wie er seinen erfolgreichen Job an den Nagel hängt. Nur eins wird immer wieder deutlich: der Verlust hat ihn nahezu alles genommen.
Erst mit dem Fortschreiten der Handlung bemerkt man wie melancholisch, wie tieftraurige die Geschichte um diesen Mann doch eigentlich ist. Zwar beginnt Rothmann sein Buch mit recht ironischen Szenen, lässt die Protagonisten in ihren eigenen, manchmal recht einfachen Jargon plaudern, doch der Absturz am Ende nimmt einem nahezu den Atem, war doch zuvor mit der Begegnung zwischen DeLoo und der jungen Polin etwas Licht entstanden. Licht, nach manchmal auch grausamen Szenen wie der in einem Berliner Schlachthof oder jener, in der sich in einer Berliner Kneipe die Männer plötzlich gegenseitig verprügeln. Über all jene verschiedenen Orte und Berliner Milieus mit all ihrer Hektik und ihren vielen Menschen bleibt DeLoo jedoch irgendwie im kühlen Rampenlicht stehen, wird sein Gefühlsleben nach und nach entblättert. Zwar trifft der Leser auf das bunte Leben in einer Millionenstadt, vom Freudenhaus über einen Schrottplatz bis hin zu einer Villa, aber der wirkliche Held bleibt allein, im wahrsten Sinn des Wortes. Vor allem eine Szene (siehe Auszug) lässt einen den Verlust und die Einsamkeit DeLoos spüren. Er betritt das Schlafzimmer und sieht die Sachen seiner früheren Frau und ruft nach ihr. Sie ist auf eine spezielle Art und Weise noch immer bei ihm. DeLoos Vermieterin, eine alte, sicherlich auch schrullige Malerin, die weiter an ihren Werken arbeitet, weiß, wie es ist, den Menschen an seiner Seite zu verlieren.

Es ist jedoch nicht nur diese eigenartige, mal humorvolle, mal tieftraurige Geschichte, die einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Rothmann, Jahrgang 1953 und einer der erfolgreichsten deutschen Gegenwartsautoren, kann wunderbar erzählen und beschreiben. Selbst die kleinsten, für einige vielleicht unbedeutende Dinge: Alle Sinne spricht er an, wenn er so poetisch das Licht in zahlreichen Szenen beschreibt, so realitätsnah die Arbeit in der Großküche, erotisch die Liebesszene zwischen DeLoo und Lucilla in/an einem See und so wunderschön die Natur im ländlichen Polen, so hässlich-grau die unzähligen Fabrikgebäude und die Betonwüste einer Metropole.
Was er mit dem Titel des Buches, „Hitze“, meint, ist jedoch nicht so einfach zu deuten. Ist es die Hitze in einer Großküche, die Hitze einer neuen Liebe…? Ist die Hitze vielleicht nur das Pendant zur Kälte, der menschlichen Kälte? Überhaupt lässt Rothmann viele Fragen offen. Der Schluss trägt viele Deutungen in sich. Viele Zeitsprünge zwischen den Kapiteln bilden Lücken, vieles bleibt ungeklärt. Aber der Leser hat seine eigenen Gedanken und Gefühle. So erzählt der Roman nicht nur eine dunkle Geschichte, er ist auch Herausforderung an des Lesers Fantasie. Er wird jedoch mit einer ungemein faszinierenden Lektüre belohnt. Wer Bücher mit besonderen menschlichen Schicksalen mag, aber auch eine Faszination für die Sprache entwickelt hat, wird diesen Roman lieben, auch wenn er vom Ende nahezu erschlagen wird. Denn das Leben kennt keine Happy-Ends.

Der Roman „Hitze“ von Ralf Rothmann erschien 2003 im Suhrkamp-Verlag und ist bereits als Taschenbuch erhältlich.
289 Seiten, Preis: 9,95 Euro

Tragischer Schlussakkord – Ketil Bjørnstad "Der Fluß"

Aber es ist noch möglich, an das Leben zu glauben, denke ich, sein Selbst zu formen, weiterzugehen trotz all des Schmerzlichen, das geschehen ist.“

Wiederbegegnungen wecken oft zwiespältige Gefühle: Freude, Erwartung, Angst. Fragen entstehen: Was ist demjenigen mittlerweile geschehen, was hat er erlebt? Die Zeit kennt nur Veränderung. Viel ist geschehen, seit Aksel Vinding, Held des Romans „Vindings Spiel“, seine große Liebe Anja durch ihren Tod verloren hat. Beide waren ob ihres Talentes und Fleißes auserkoren, berühmte Pianisten zu werden, beide scheiterten indes. Im Band „Der Fluss“ schreibt Ketil Bjørnstad die Geschichte des jungen Musikers aus Oslo zu Beginn der 70er Jahre weiter. Der Leser begegnet Aksel Vinding und er die Mutter seiner großen Liebe.  Tragischer Schlussakkord – Ketil Bjørnstad "Der Fluß" weiterlesen

Die Tektonik der Platten – Gisela von Wysocki "Wir machen Musik"

„Durch eine ungeschickte Bewegung konnte der erste Satz einer Schumannsymphonie auf dem Teppich landen.“ 

Der Schatz ist schwarz und rund. Und wie von Zauberhand lässt er Töne und Stimmen erklingen, obwohl kein einziges Instrument, kein einziger Mensch in der Nähe sind. Es gibt nur das Ding und das Grammophon mit seiner spitzen Nadel. Die zauberhafte Welt des kleines Mädchens besteht aus Schellackplatten. Der Vater trägt jeden Abend eine neue Scheibe in seiner Tasche nach Hause. Mal Schlager und Chansons, mal Swing und Klassik. Des Mädchens Welt besteht aus Musik und großen Namen von großen Sänger und Sängerinnen, wenn auch schon in diesen Jahren die Sprache als bevorzugtes Medium die Oberhand gewinnen soll.

Gisela von Wysocki, 1940 in Berlin geboren, Essayistin und Autorin von Theaterstücken und Hörspielen, blickt auf ihre Kindheit zurück. Der Vater Georg ist Produktionsleiter der Schallplattenfirma Odeon, Mutter und Vater schreiben später eigene Lieder. Das Kind verpatzt dagegen so manche Aufnahme, wie die Autorin selbstkritisch erzählt.

Ihr Rückblick ist episodenhaft und essayistisch. Die Zeiten wechseln, die Handlungsorte auch. Mal befindet sich der Leser im ländlichen Havelland, mal im großstädtischen Berlin, wohin die Familie umgezogen ist. Es gibt Szenenbeschreibungen, Personenporträts, wie von Firmenmitarbeitern, namhaften Künstlern, deren Stern mit dem Siegeszug der Unterhaltungsbranche aufgegangen ist. Die Zeit des Krieges zeigt sich somit janusköpfig. Neben dem Grauen sollen Musik und Schauspiel die Menschen unterhalten, ablenken. Doch selbst das Kind bemerkt die düsteren Geschehnisse um sich herum, wenn Prominente jüdischer Abstammung verschwinden oder den Freitod wählen. Das Ergebnis nimmt sie wahr, der Grund bleibt ihr indes verborgen. Beängstigend: eine Episode, die während der Nachkriegszeit geschieht. Das Mädchen muss Polizisten der DDR den Besitz einer westlichen Schallplatte, eine Aufnahme von Arnold Schönbergs Monodram „Erwartung“, in einem verhörhaften Gespräch erklären. Das Kind war versehentlich über die deutsch-deutsche Grenze gefahren.
Kritisch wird zudem die rasante Entwicklung der Technik betrachtet, beispielsweise am Aufkommen des Tonbandes, mit der „nicht gut Kirschen essen ist, da sich „ganze Zauberreiche unter den Nagel“ reißt. Zwischendurch werden humorvolle Anekdoten hineingestreut.  

Von Wysockis Rückblenden sind vom Blick des Kindes geprägt, doch sprachgewaltig verfasst. Die kurzen autobiografischen Episoden, meist nur wenige Seiten lang, sind deshalb keine Lektüre, die mal schnell zwischendurch gelesen werden sollte. Sie braucht Zeit, die mit diesem rund 260 Seiten starken Buch jedoch auf wundervolle Weise Vergnügen, Wissen und Gedankenspiele beschert. Immer wieder finden sich in den Texten neben Beschreibungen und Reflexionen über die Zeit und Gesellschaft, Kunst und Kultur Sätze für die Ewigkeit. Der Band „Wir machen Musik – Geschichte einer Suggestion“ ist deshalb ebenfalls ein großer Schatz.

„Wir machen Musik – Geschichte einer Suggestion“ von Gisela von Wysocki erschien im Suhrkamp Verlag und ist bereits als Taschenbuch erhältlich.
258 Seiten, 9,99 Euro

Fünf Jahre Amerika – Paula Fox "Kalifornische Jahre"

„Nach einer Weile bin ich entkommen.“
 
Unruhige Jahre schaffen unruhige Menschen. Gerade wenn die Zeit im Umbruch ist, gibt es meist keine Sicherheit. Vielleicht nur jene, dass nur der es schafft, der sich treu bleibt. Im Roman „Kalifornische Jahre“ von Paula Fox begegnet der Leser einem jungen Mädchen, das trotz schwerer Jahre ihren Weg geht.  

Nichts hält sie mehr in New York. Ihr Vater, ein Künstler, kennt sie nur beim Namen, ihre Mutter ist vor vielen Jahren gestorben. 1940 begibt sich die 17-jährige Annie Gianfala auf den Weg in den Westen nach Kalifornien. Um ein neues Leben zu beginnen, einen Job zu finden, Geld zu verdienen – auch wenn die Weltwirtschaftskrise weiterhin ihre Schatten wirft. Während sie über den Kontinent als Mitfahrerin einer flüchtigen Bekannten oder als Tramperin reist, nimmt ihr um einige Jahre älterer Freund Walter Vogel das Schiff. Beide wollen sich in San Diego wieder treffen.
Doch auch Walter ist wie Annies Vater ein Flüchtender, immer unterwegs, nie an einem Ort. Zudem sympathisiert er mit den Kommunisten, will Annie ebenfalls für deren Ideen begeistern. Sie muss allerdings erst einmal auf die eigenen Beine kommen, hangelt sich von Job zu Job, von einer Wohnung zur nächsten, lernt Leute kennen, die ebenfalls an der kalifornischen Küste „gestrandet“ sind, ihr Glück, vor allem Geld und Ruhm im Westen suchen. Vielleicht als Schauspieler in Hollywood, als Musiker oder Drehbuchschreiber. Mal arbeitet Annie als Kellnerin beim Griechen oder im Drive-In eines Schnell-Imbisses, mal in großen Fabriken oder als Nacktmodell. Die spätere Ehe mit Walter ist schließlich nur von kurzer Dauer. Wieder steht die junge Frau allein da. Doch sie schafft es, sich ihr eigenes Leben aufzubauen. Auch dank einiger Freunde, vor allem Männer. Als im August 1945 mit der Kapitulation Japans für Amerika der Krieg beendet ist, fasst Annie einen Entschluss. Sie will nicht nur Kalifornien, sondern vielmehr Amerika ganz verlassen.

Fünf Jahre Amerika, fünf Jahre begleitet der Leser eine junge Frau, die ihren Weg sucht und auch findet. Trotz der ständigen Hindernisse. Blickt man auf die Erlebnisse und Etappen der Heldin erscheint Paula Fox’ Roman „Kalifornische Jahre“ zuerst einmal als Entwicklungsroman, nimmt man den Hintergrund der Geschichte näher unter die Lupe, wird deutlich: Es ist vor allem ein Roman über Amerika, über den Zustand eines Landes, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Kommunismus und Rassismus, zwischen Schein und Sein. Ein Land, das irgendwie zerklüftet ist, keine feste Spur geht. Ein Land, das grau erscheint, trotz der Glitzerwelt Hollywoods. Kaum einer der Protagonisten kann glücklich genannt werden. Jeder ist irgendwie in Kalifornien gestrandet, egal welcher Herkunft er entstammt, welche Hautfarbe er hat, welche weltanschaulich-politische Sicht er vertritt. Und sie hasten aneinander vorbei, bauen kaum feste Bindungen auf. Jeder ist auf der Suche nach seinem passenden Leben, nach Erfolg und Reichtum. So ist keiner der Personen wirklich greifbar, keinen kann der Leser in irgendeiner Weise Sympathie entgegenbringen.

Der Fokus liegt auf Annie, die an ihren Herausforderungen wächst, wenn auch oft unter  widrigen Umständen. Ob die Armut und das Leben aus dem Koffer, der üble Charakter ihres Mannes, die unerfüllte Liebe zu Max, Tragödien, wie der Selbstmord eines Freundes oder die ständigen rassistischen Attacken gegenüber Farbigen. Warum sie dennoch aus sich herauswächst, ist erklärbar: Annie „umschifft“ die großen Moden, mit denen sie mit Hilfe ihrer Freunde und Bekannten in Berührung kommt. Weder dem Kommunismus noch der Gier nach Ruhm und Geld kann sie etwas abgewinnen. Auf den Punkt gebracht: Sie bleibt sich selbst treu, auch wenn sie zu Beginn immer wieder aufgrund ihrer Jugend und Unerfahrenheit verspottet wird.

Viel rund um die Personen berichten muss der Erzähler des Buches nicht. Meist sind die Charaktere eingebunden in lange Dialoge, die sich den wichtigsten Themen widmen: dem eigenen Lebensweg, dem Geld, Politik und Krieg. Manches Gespräch erinnert an eine Szene eines Theaterstückes. Was wirklich berührt, ist die intensive Ausgestaltung des Innenlebens der Figuren und ihres Charakters, ihrer Gefühle und Gedanken, ihrer Befindlichkeit. Beschreibung von Orten findet man weniger und wenn, dann nur zur Gestaltung wichtiger Szenen, um Situationen kräftiger zu zeichnen.

„Kalifornische Jahre“ ist ein großer Roman; für all jene, die Entwicklungsromane mögen, die gern über den „Zustand“ eines Landes lesen. Wer unterhaltsame Spannung sucht, wird das Buch möglicherweise enttäuscht zur Seite legen. Eine Spannung findet sich in diesem Roman nur in der fabelhaften Zeichnung eines Landes und seiner Menschen.

„Kalifornische Jahre“  von Paula Fox erschien im Berliner Taschenbuch Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Röckel.
510 Seiten, 11,90 Euro

Living Stories – John Updike "Die Tränen meines Vaters"

„Das menschliche Bewusstsein hatte sonderbare Fähigkeiten. Wie groß auch immer Dinge waren, es konnte sie umfassen, als sei es selbst noch größer.“

Das Leben ist ungerecht, sagen wir, glauben wir.  Nie haben wir ein ganzes Leben Glück. Selbst die Suche danach führt in die Irre. Glück darf nicht gefunden werden, es findet uns. Mit dem Unglück ist es dasselbe. Leben ist Wandel. Und nicht immer gehen unsere Pläne auf.

Was heißt es zu leben, zu lieben, über Tragödien zu stolpern und doch wieder aufzustehen? Einer weiß es und erzählt darüber. Wer das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen, seinen Besonderheiten und seinen trivialen Alltag lesen will, sollte zu John Updikes Werken greifen. Zwei Jahre nach dem Tod des großen amerikanischen Erzählers veröffentlichte der Rowohlt-Verlag den Band „Die Tränen meines Vaters“ mit 18 Erzählungen aus dem Nachlass.

Es sind die großen Lebensthemen, denen sich Updike darin widmet: das Leben und die Liebe, Irrungen und Wirrungen innerhalb der Familie, die inneren und äußeren Brüche, vor allem aber das Vergehen der Zeit. Recht zahlreich sind deshalb die Rückblicke – auf die Kindheit, die Jugend, Menschen, persönliche Fehler. Die Spannung liegt nicht in den großen Katastrophen, sondern in den Veränderungen der Personen und deren Leben, die sich meist still und leise anbahnen und dann doch die anderen überraschen. Der Lebenskenner Updike schaut hinter die Kulissen, offenbart sowohl Stärken als auch Schwächen, die Hoffnungen wie auch die Ängste. Die Handlungsorte sind weit verstreut, reichen von der amerikanischen Provinz, über Indien, Spanien bis nach Marokko. Der Zeitbogen ist ebenfalls weit gezogen, umfasst eine Spanne, die von 30er Jahren des vergangenen Jahres bis in in das neue Jahrtausend reicht. Besonders eindrucksvoll: die Erzählung „Spielarten religiöser Erfahrung“, in denen Updike den 11. September literarisch verarbeitet, das Schicksal mehrere Personen in einer Geschichte bündelt.

Erzählungen haben es als Genre im Gegensatz zum Roman leider um vieles schwerer. Manch einer entdeckt die Lebensweisheit und Wucht von gut geschriebenen Erzählungen erst spät. Wer von ihrer Qualität überzeugt werden will, ohne Wenn und Aber, sollte zu diesem Band greifen. Über die Größe von John Updike, der 2009 verstarb und dem es leider nicht vergönnt war, den Literaturnobelpreis entgegenzunehmen, brauch an dieser Stelle nicht geschrieben werden. Und wenn, dann nur dieser Hinweis: Eine Erzählung just aus diesem 360-seitigen Werk sollte für ein respektvolles Staunen über den großen Erzähler schon genügen.

„Die Tränen meines Vaters“  von John Updike  erschien 2011 im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Maria Carlsson.
368 Seiten, 19,95 Euro

Leben zwischen Trümmern – Steven Galloway "Der Cellist von Sarajevo"

„Jeder hat mehr zu tragen, als er sagt.“

Sie wollten nur Brot kaufen – an einem Tag im Jahr eins des Krieges. Eine Granate der bosnisch-serbischen Einheiten, die die Stadt Sarajevo von den umliegenden Höhenzügen belagern, beendet ihr Leben in Bruchteilen von Sekunden. Mehr als 20 Männer und Frauen sterben, rund 70 weitere werden verletzt. Ein Mann ist Zeuge jenes grauenvollen Moments, ein Cellist des Philharmonischen Orchesters, der sich wenig später mit seinem Instrument und im Anzug gekleidet auf jenen Platz setzt und zu spielen anfängt. Inmitten des Blutes und Blumen, die nach und nach als Ausdruck der Trauer und des Gedenkens niedergelegt werden. 22 Tage lang spielt der Künstler, um an das Leid zu erinnern, die Toten zu ehren. Seiner wahren Geschichte widmet sich der Roman „Der Cellist von Sarajevo“ des kanadischen Autors Steven Galloway.

Das Stück des Cellisten: das Adagio des venezianischen Komponisten Tomaso Albinoni. Die Gefahr: von Heckenschützen erschossen zu werden. Strijela ist Heckenschützin der bosnisch-kroatischen Truppen, die die Stadt verteidigen, und eine der besten. Ihr Auftrag ist es, den Cellisten zu beschützen.
Währenddessen machen sich zwei Männer auf den Weg durch die zerstörte Stadt; der eine, Kenan, will Wasser für seine Familie und die Nachbarin holen, der andere, Dragan, Brot aus einer Bäckerei. Beide setzen sich dabei der Gefahr aus, von Heckenschützen erschossen oder von Granaten getötet zu werden. Zwischen Leben und Tod sind es nur wenige Sekunden, dass sehen beide gerade an jenen Menschen, die sterben – ob Männer, Frauen oder Kinder.

Es ist ein Leben zwischen Trümmern, das die Menschen aufreibt. Könnte doch der heutige Tag der letzte sein. Die Angst geht um. Der Alltag wird zum Versteckspiel zwischen Trümmerteilen, zum Wettlauf mit der Zeit und zu einem Kampf ums Überleben. Ein Heckenschütze könnte dich bereits ins Visier genommen haben, und der Weg zu Nahrungsmitteln ist lang und gefahrenreich. Man lebt auf einem untersten Level, selbst Strom gibt es nur ab und an. Die friedliche Vergangenheit existiert nur noch als zarte Erinnerung, die immer mal wieder auftaucht und die Menschen berührt, Mut macht, auch wenn der Krieg unerbittlich ist. Man träumt von einem Besuch in einem Restaurant, einen Ausflug in die Berge. Während die einen sich gegenseitig helfen, Medikamente verteilen, Verletzte aus der Schusslinie bringen und versorgen, bereichern sich andere an der Not der anderen, machen krumme Schwarzmarkt-Geschäfte. Erkennbar sind sie an ihrer gut genährten Figur, an den großen Autos. Es sind gerade jene Kontraste, diesen Roman rund um das Grauen des Bürgerkriegs und den besonderen Auftritt des Cellisten inmitten Tod und Leid so besonders werden lässt. So treffen die grauenvolle Gegenwart des Krieges auf die Sehnsüchte und Erinnerungen der Bewohner, die unterschiedliche Schicksale, die der jungen Heckenschützin und des Familienvaters, aufeinander. Erst die verschiedenen Blickwinkel schaffen ein plastisches Bild der damaligen Ereignisse.

Für das Buch hat Galloway aufwendig recherchiert, hat unter anderem mit Einwohnern der Stadt gesprochen und ein authentisches Beispiel als Vorlage genommen:  Vedran Smailovic hieß der Cellist, der mit seinen Auftritten nach dem Anschlag für Aufsehen sorgte. Im Buch zieht er sich wie ein roter Faden durch das Geschehen, mit seiner mutigen Tat, die den Menschen nahe geht. Es gibt kaum einen, der von der Musik nicht berührt wird. Selbst ein feindlicher Heckenschütze hört wie gebannt zu.
Zu Beginn des Romans zieht Galloway zudem eine Parallele zu Dresden, der am Ende des Zweiten Weltkriegs innerhalb von drei Tagen zerbombten sächsischen Landeshauptstadt. Nach den verheerenden Luftangriffen soll ein italienischer Musikwissenschaftler jenes Werk Albinonis in den Überresten der Dresdner Musikbibliothek gefunden haben.

Gerade in der Beschreibung der Personen, ihrer Gedanken wird die entsetzliche Atmosphäre des Krieges deutlich. Obwohl die Trümmerlandschaft und die Gewalt ebenfalls in erschütternden Bildern beschrieben werden – die Geschehnisse unmittelbar aus den Eindrücken der Personen erzählt, machen die Auswirkungen des Krieges ausdrucksvoller und ergreifender. Wer sich bisher noch nicht mit diesen jüngsten historischen Ereignissen auseinandergesetzt, wird vielleicht mit diesem ergreifenden Roman beginnen, der auf einer wahren Geschichte beruht.

Und es ist nicht nur dieser Krieg, der nachdenklich stimmt, es ist auch jener Gedanke, dass dieser Bürgerkrieg auf dem Balkan – es waren in den 90er Jahren mehrere Kriege an verschiedenen Orten – nur wenige Hunderte Kilometer von Deutschland entfernt stattgefunden hat. Und das über mehrere Jahre. Allein die Belagerung von Sarajevo von 1992 bis 1996 forderte das Leben von rund 10.000 Menschen. Über 80 Prozent der Gebäude in der Stadt wurden schwer beziehungsweise teilweise beschädigt.

 „Der Cellist von Sarajevo“ von Steven Galloway erschien im btb-Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Georg Schmidt. 
240 Seiten, 9,95 Euro

Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann"

„Einmal in diesem Wasser muss man schwimmen und schwimmen, bis man untergeht.“

Sein Leben war Flucht und Streben zugleich. Er flüchtete vor dem Schatten seines Vaters und vor einer gewalttätigen Diktatur. Er strebte, vielleicht auch unbewusst, den Namen Mann gerecht zu werden. Trotz jener Hassliebe zu seiner Familie, die ihn prägte, in der er jedoch wenig Liebe und Anerkennung erfuhr. Golo Mann ist nicht nur dem riesigen Namen gerecht geworden. Er hat als Historiker, Journalist und Literat Respekt und große Anerkennung erworben – vielleicht wie keins der sechs Kinder von Katia und Thomas Mann. Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann" weiterlesen

Bücher, das Verbrechen – Ray Bradbury "Fahrenheit 451"

„Wir sollten nicht verschont werden. Wir sollten von Zeit zu Zeit richtig aufgestört werden.“ 

Irgendwann nach unserer Zeit. Die Menschen leben in feuerfesten Häusern. Die Wohnzimmer bestehen aus riesigen Fernsehbildschirmen. Der Besitz eines Buches gilt als Verbrechen. Wer ein Buch besitzt, kommt ins Zuchthaus oder ins Irrenhaus, je nach Geisteszustand. Zuvor rückt die Feuerwehr an, die die Bücher samt des Hauses verbrennt. Meist erhält sie einen Hinweis aus  der Nachbarschaft. Denunziationen sind an der Tagesordnung. Denn Bücher in der Nähe will keiner um sich wissen. Guy Montag steht in den Diensten der Feuerwehr, die ihre einstige Aufgabe der Brandbekämpfung schon lange verloren hat. Seine Frau Mildred lebt dagegen in einer Scheinwelt und lässt sich von den Fernsehsendungen berieseln. Eines Tages lernt Montag die junge Clarisse kennen, ein Mädchen, das anders ist, die reale Welt hinterfragt, mit anderen Augen sieht. Als sie verschwindet und Montag einen entsetzlichen Einsatz erlebt, bei dem eine Frau mit ihren Büchern verbrennt, beginnt sein Umdenken. Die Menschheit steht währenddessen vor ihrem dritten Atomkrieg.

Ray Bradbury hat seinen Klassiker „Fahrenheit 451“ – Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier zu brennen beginnt – zwar in den 50er Jahren geschrieben, der jedoch so aktuell wie nie ist und zugleich schreckliche Erinnerungen an die Vergangenheit weckt. Gut, Bücher gibt es wie Sand am Meer, und eine Buchhandlung findet sich in jeder Stadt. Doch die großen Plasmabildschirme sind uns heute schon vertraut. Die Zahl der eifrigen Leser und Buchbesitzer sinkt. Und sicher können wir ebenfalls sein, dass uns nicht immer die Wahrheit gesagt wird und die bunte Werbung und die Nachrichten aus der Glitzerwelt Ablenkung beschert. Viele stellen keine Fragen mehr nach den Dingen, die die Welt zusammenhält. Individualismus gilt als unschick, als fragwürdig, für manche beängstigend.

Ähnlich ist die Zeit, die Bradbury, 1920 in Waukegan (Illinois) geboren, beschreibt. Und trotz dieser gerade zu düsteren, gar apokalyptischen Atmosphäre entwickelt sich die Geschichte zu einem hoffnungsvollen Schluss. Dem abtrünnigen Feuerwehrmann gelingt die Flucht, der zuvor den Hauptmann der Truppe und den mechanischen Spürhund ins Jenseits befördert hat. Die Jagd, an der die Öffentlichkeit mittels Live-Übertragung in jede gute Stube teilnimmt, endet mit dem Tod eines Unschuldigen. Die Stadt wird wenig später durch Bomben in Schutt und Asche gelegt. Guy gerät schließlich mit Hilfe des früheren Literaturwissenschaftlers Faber an eine Gruppe Outsider, meist Gelehrte, die früher an Hochschulen gelehrt hatten, nun abseits der normalen Gesellschaft leben und als lebendige Bücher durch das Land ziehen und den kostbarsten Besitz, die Erinnerungen an gelesene Bücher, in ihrem Geist bewahren.

Fünf Erzählungen hat Bradbury in seinem kurzen, aber unschätzbaren Roman verarbeitet, geschrieben in einer Bibliothek, in der man einen Raum mit einer Schreibmaschine mieten konnte. 2008 brachte der Diogenes-Verlag eine Neuauflage heraus, mit einem Vor- und Nachwort des Autors. Darin schreibt er: „Denn wenn sich die Welt mit Nichtlesern, Nichtlernern, Nichtwissern füllt, braucht man Bücher nicht mehr zu verbrennen. (…) Natürlich ist noch nicht alles verloren. Noch ist Zeit ….“ Bradbury bekanntestes Werk ist Klassiker und Warnung zugleich, ähnlich wie George Orwells Werk „1984“. Beide sollten in Bibliotheken stehen oder in den Buchregalen daheim, die viel eher die Wände schmücken sollten als eben jene Plasmafernseher gigantischen Ausmaßes. Auch wenn diese besonderen Werke bei dem einen oder anderen Angst schüren  vor einer trostlosen Zukunft, besser diese kommende Zeit nur aus Büchern zu kennen, als sie wirklich zu erleben. Die Zeit, eine hoffentlich buchfreundliche, gestalten wir selbst. Bücher zeigen „das Gesicht des Lebens mit allen Poren“.

„Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury erschien in einer Neuauflage 2008 im Diogenes-Verlag in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Fritz Güttinger.
220 Seiten, 9,90 Euro

Tod an der Mole – Johan Theorin "Nebelsturm"

Öland sollte ihr neues Zuhause werden. Joakim und Katrine, zwei Lehrer aus Stockholm, ziehen mit ihren kleinen Kindern Livia und Gabriel auf den einst prachtvollen Bauernhof Åludden. Sie wollen die Hektik der Großstadt hinter sich lassen und das Gut auf Vordermann bringen, Zimmer und Gebäude liebevoll restaurieren. Was sie allerdings nicht wissen: Um diesen abseits gelegenen Bauernhof ranken sich zahlreiche Mythen. Selbst dessen Entstehung ist sagenumwoben, sollen die Häuser doch aus dem Holz errichtet worden sein, das von einem Schiffswrack stammte. An der Wand einer Scheune finden sich zudem Namen von Toten, die einst auf Åludden gelebt hatten und auf meist schreckliche Weise ums Leben gekommen waren. Tod an der Mole – Johan Theorin "Nebelsturm" weiterlesen

Respekt vor dem Leben – Wallace Stegner "Vor der Stille der Sturm"

„Es  gibt keinen Plan, keine Kontinuität, keine Dauer.“ 

 Joe hat sich zurückgezogen. Aus der Hektik New Yorks, aus seinem Beruf als Literaturagent. Gemeinsam mit seiner Frau Ruth bewohnt er ein Haus in Kalifornien, abseits der großen Cities, mittendrin in der reinen Natur. Auf der Terasse genießen beide die Ruhe, ihren Garten pflegen sie hingebungsvoll, dann und wann muss ein  Schädling dran glauben wie der tückische Giftsumach oder ein fieses Nagetier, das sich an die Pracht in den Rabatten wagt.

In nur wenigen Tagen verändert sich das beschauliche Leben des Ehepaares. Mit Peck wagt sich ein Vertreter der Hippie-Kultur auf das Grundstück der Allstons. Er baut ein Baumhaus, lebt von Obst und Gemüse und plant, eine Universität des freien Geistes zu errichten. Mit der Zeit verwandelt sich allerdings das Gelände zum Lebensraum einer kleinen Kommune und Peck zum Guru – zum Ärger von Joe, der nicht an die Ideale der Hippies glaubt und sich verärgert zeigt, dass er sich von dem jungen loddrigen Mann übers Ohr hauen lässt; schließlich nutzt dieser still und heimlich seinen Strom und das Wasser. Zudem lässt der Aussteiger Joe an seinen Sohn Curtis erinnern, der mit seinen Eltern gebrochen hatte, kein Fuß ins Leben fand und mit 37 Jahren während eines Surfunfalls ums Leben gekommen war.

Doch es ist vor allem das Wesen von Marian, einer jungen Frau, die mit ihrem Mann John und der kleinen Tochter Debby in die Nachbarschaft gezogen ist, die den mürrischen Ruheständler schier gefangen nimmt. Und nicht nur ihn. Der Leser wird diese Heldin – dieser euphorische Ausdruck ist in diesem Fall wirklich verdient – aus dem Roman „Vor der Stille der Sturm“ des Amerikaners Wallace Stegner (1909 – 1993) so schnell nicht vergessen.

Marian ist eine Heldin des Lebens. Erst nach einiger Zeit erfahren Joe und Ruth, dass ihre lebensbejahende und herzliche Nachbarin an Krebs erkrankt ist. Die gemeinsamen Monate mit den Allstons, die nahezu die Rolle von Eltern angenommen haben, sind auch ihre letzten, obwohl vor allem Joe immer noch die Hoffnung auf eine Genesung hat. Marian wird ihm indes eine Lektion erteilen, in der Schmerz und Kummer zum Leben gehören, die Geburt und der Tod unabänderlich sind. Doch nie ist in ihren intensiven Gesprächen vom Schicksal die Rede, vielmehr sei es der Lauf der Natur, des Lebens an sich. Ihr Tod,  vor allem die letzten Tagen, in denen sich die junge Frau ihren Schmerzen bewusst gegenüber stellen will, hinterlassen in dem Ruheständler tiefe Spuren. Vor allem die Frage, warum sie sich für ihr noch ungeborenes Kind aufgeopfert und sich nicht für den Versuch einer Therapie entschieden hat.

Wie Stegner die Person der jungen Frau, ihre letzten Wochen und Tage, den Abschied und die Gespräche mit den Allstons in Form von Joes Erinnerungen beschreibt, lässt einen innerlich tief erschüttern und berührt ungemein. Das Buch piesackt nicht nur, es sticht in Wunden und wühlt auf, obwohl wunderbar ironisch erzählte Szenen in die ernste Handlung hineingeflochten werden. Gute, ehrliche und weise Literatur ist in ihrer Wirkung zwiespältig, sie erheitert und schmerzt – so auch hier. Denn in all der Trauer um einen besonderen Menschen hat Stegner nicht die Pracht des Lebens vergessen. Seine poetische Sprache findet Worte für sowohl große Stimmungen als auch kleine Details. Liest man die Naturbeschreibungen, enstehen im Kopf einzigartige Bilder, ja, man hört und riecht eine einzigartige Landschaft. Und selbst die Selbstopferung Marians und ihr Bekenntnis zum Tod, enthält die Kraft des Lebens und das Bewusstsein der eigenen, bescheidenen Rolle im Weltenlauf.
Wenn auch hier eine Reihe anderer Figuren nur am Rande erwähnt werden, wie die Welds, die kein Gespür für ihr kostbares Land haben und es Stück für Stück verscherbeln, oder die LoPrestis, deren Tochter in der Hippie-Kommune versumpft, hat es einen Grund. Marian und ihre eindrucksvolle Lebensphilosophie sind der Mittelpunkt, nicht mehr und nicht weniger.

Der Roman des Amerikaners, der mit seinem Buch „Zeit der Geborgenheit“ und der Erstausgabe im Deutschen Taschenbuch Verlag in Deutschland im Jahr 2008 aus der Vergessenheit geholt wurde, ist ein Wunder. Wenn jemand nur ein Buch in diesem Jahr lesen will, es sollte „Vor der Stille der Sturm“ sein. Kein Buch der letzten Zeit hat so viel Kraft und emotionale Momente zu bieten wie dieses.

„Vor der Stille der Sturm“  von Wallace Stegner erschien im Deutschen Taschenbuch Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Chris Hirte.
360 Seiten, 14,90 Euro

 

Zuflucht – Ian McEwan "Ein Kind zur Zeit"

„Doch die Zeit – nicht unbedingt wie sie ist, denn wer weiß das schon, sondern wie das Denken sie darstellt – gewährt in ihrer Monomanie keine zweite Chance.“ 

Kate ist weg. Von einer Sekunde auf die andere. Ihr Vater Stephen sucht nach seiner kleinen Tochter beharrlich, doch vergeblich. Ein unaufmerksamer Moment an der Kasse des Supermarktes trennt Tochter und Vater. Für immer. Der winzige Bruchteil der Zeit entscheidet über das weitere Leben. Stephen und seine Frau Julie sind tief erschüttert. Doch anstatt sich gegenseitig ob des selben Verlustes Halt zu geben, gehen sie getrennte Wege. Sie zieht aus der gemeinsamen Wohnung in ein Cottage auf dem Lande. Er sucht in der Arbeit in einem Ausschuss zum Thema Lesen und Schreiben sowie im Alkohol und obsessiven Fernsehkonsums Zuflucht. Die erfolgreiche Zeit als Kinderbuchautor scheint vergessen. Die Ausschusstreffen bilden den einzigen Halt im Allerlei des Alltags. Das Gremium soll der Regierungskommission zur Kindererziehung Zuarbeit leisten.

Doch Ian McEwan wäre nicht Ian McEwan wenn dieser aufregende und minutiös geschilderte Auftakt seines Romans „Ein Kind zur Zeit“ nur in einen nichtsagenden, wenn auch spannenden Roman führen würde. In dem 1999 erschienenen Werk des Engländers spielt dieser obwohl unglaublich erschütternde und die Handlung in Gang bringende Moment keine Schlüsselrolle. McEwans Bücher haben mehr zu bieten als nur schnöde Effekthascherei und vor allem mehr zu sagen. So auch hier.

McEwan strickt eine Geschichte,  in der das Vergehen der Zeit, das subjektive Empfinden und die Suche nach einer physikalisch eindeutigen Erklärung der Zeit und ihrer Rolle für das Leben auf Erden an vielen Stellen thematisiert wird. Die Szene rund um das Verschwinden der dreijährigen Kate thematisiert diese Frage erstmalig. Weitere folgen. So glaubt Stephen während eines Besuches in einem Pub seine Eltern in ihrer Jugend zu sehen. Mit Thelma, der Frau seines Freundes Charles und angesehene Physikerin, diskutiert er über die Zeit. Und Zeit hat in ihrem von Menschen erfassten Ablauf immer auch etwas mit der Kindheit zu tun, mit jener nur von der Gegenwart und dem fühlbaren Jetzt geprägten Lebensphase. Denn Charles, erfolgreich als Unternehmer und Politiker, erlebt einen Nervenzusammenbruch. Als Stephen ihn aufsucht, sieht er in dem einstigen Freund nur noch einen Schatten seiner selbst, der in einer selbst geschaffenen Kindheitsidylle eine Zuflucht sucht, aber das Ende findet.

Als nach mehr als drei Jahren Stephen seine verschwundene Tochter in einer Schülerin wiederzusehen glaubt, ändert sich sein Leben. Er beginnt wieder mit der Schriftststellerei, ein haarsträubendes und geheimes Dokument mit dem Titel „Autorisierter Leitfaden zur Kindererziehung“ wird ihm zugespielt und auch die Beziehung zu seiner Frau erfährt eine ungeahnte Wendung.
Auf den ersten Blick erscheint das Geschehen ein jetziges zu sein, das gut und gern in die heutige Zeit passen könnte. Doch McEwan entwirft ein Gesellschaftsbild, das eher einer erschreckenden Utopie gleicht: Bettler benötigen Lizenzen, die Regierung schreibt die Erziehung der Kinder vor, mit der das Land vor dem Abgrund bewahrt, es in eine erfolgreiche Zukunft geführt werden soll.

„Ein Kind zur Zeit“ ist ein spannender und vor allem anspruchsvoller Roman, der mit seinen surrealen Szenen und den weisen Gedanken über die Zeit und die Kindheit zum intensiven Nachdenken anregt.

Der Roman „Ein Kind zur Zeit“ von Ian McEwan erschien im Diogenes Verlag in der Übersetung aus dem Englischen von Otto Bayer
352 Seiten, 9,90 Euro

Ausgesetzt – J.M.G. Le Clézio "Ein Ort fernab der Welt"

„Hier herrscht tiefer Friede, eine sanfte Ruhe (…).“ 

Die alte Heimat Mauritius sollte das Ziel sein. Als der Arzt Jacques Archambau, dessen Frau Suzanne und dessen jüngerer Bruder Léon in Marseilles im Jahr 1891 die „Ava“ in Richtung Indischer Ozean besteigen, wissen sie nicht, dass vor ihnen eine Schreckensfahrt liegt. Nach einem Stopp in Aden, wo die beiden Brüder den sterbenskranken Dichter Rimbaud im Krankenhaus kennenlernen, brechen auf dem Schiff die Pocken aus. Die Passagiere werden auf die Insel Ile Plate nahe Mauritius in Quarantäne gebracht. Hier wohnen bereits eine Gruppe Inder, die sich auf dem Eiland eingerichtet haben, unter bescheidenen Verhältnissen leben. Sie bauen Gemüse an, bauen an dem Hafenkai. Beide Gruppen werden indes voneinander getrennt. Die Europäer werden in einer Quarantänestation auf der anderen Seite der Insel, also auch räumlich getrennt von den Indern, untergebracht.
Mit der Zeit fallen weitere ehemalige Passagiere der Krankheit zum Opfer, auf der Nachbarinsel Gabriel ausgesetzt finden sie fern der Landsleute meist qualvoll den Tod und werden verbrannt; darunter der Botaniker John Metcalfe, der den jungen Léon an die Geheimnisse der Pflanzenwelt heranführen will und die Flora der abgeschiedenen Insel auf Erkundungen studiert.

Literaturnobelpreisträger J.M.G. Le Clézio entwirft in seinem 1995 erschienenen Roman „Ein Ort fernab der Welt“ mehrere Gegensätze. Neben den unterschiedlichen, von einer imaginären Linie getrennten Menschen, auf der einen Seite die Europäer, auf der anderen Seite die Inder, erhalten auch die Verhältnisse auf der Insel konträre Konturen. Neben dem Leid der Kranken und der Nähe des Todes setzt Le Clézio ein Naturparadies. Für dessen Schönheit hat indes nur Léon Augen, der die Insel mit der Zeit als neue Heimat anerkennt, zumal er in der schönen Inderin Surya eine Liebe findet und von deren Seite er nicht weichen will. Der Jüngere der Brüder kann sich nicht vorstellen, nach Mauritius zu gehen. Zorn überkommt ihn bei dem Gedanken an die Patriarchen, die den auf der Insel gestrandeten Menschen nicht helfen wollen. Schon vor einigen Jahren sind auf diese Weise aus Indien stammende Emigranten gestorben. So entstehen zwischen den Brüdern, die beide früh ihre Eltern verloren haben, nahezu unüberwindbarer Differenzen.

Nach mehreren Monaten werden die Inselbewohner schließlich mit Schiffen von der Insel geholt und nach Mauritius gebracht. Beide Seiten haben zahlreiche Opfer zu beklagen. Auch Surya verlor ihre Mutter, deren Geschichte und damit unruhige Jahre der Kolonialepoche, als Indien von Unruhen erschüttert wurde, ebenfalls erzählt werden.  Beide Zeitebenen sind eingebettet in einer Rahmenhandlung, die in den 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt. Der Enkel von Suzanne und Jacques begibt sich auf die Suche nach seinem Großonkel Léon, der nach der Rettung als verschollen galt.

Obwohl der Roman mit seinen mehr als 570 Seiten recht handlungsarm erscheint, kann man sehr an ihm hängen. Vorausgesetzt man mag Naturbeschreibungen. Denn gerade mit diesem Werk kommt man angesichts wunderbar poetischer Landschaftsschilderungen, aus dem Blickwinkel des jungen Leon erzählt, voll auf seine Kosten. Die exotische Schönheit der Insel, die Flora und Fauna mit ihren seltenen Vertretern und der Kontrast zwischen Meer, Riffen sowie einer schroffen Vulkanlandschaft  eine gewichtige Rolle. Und immer wieder dazwischen: Eine Liebeserklärung an große Dichter und ihre Werke wie Rimbaud, Hugo, Longfellow.

So spaltet sicherlich Le Clézios Roman auch die Leserschaft: Die einen werden das Buch nach einigen wenigen Kapitel angesichts der fehlenden Spannung zur Seite legen, die anderen werden dank der Poesie und des einzigartigen Entwurfes eines „Ortes fernab der Welt“ die Einsamkeit mit der Lektüre genießen.

Der Roman „Ein Ort fernab der Welt“ von Jean Marie Gustave Le Clézio erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch in der Übersetzung aus dem Französischen von Uli Wittmann. 
576 Seiten, 24,95 Euro

Allein – David Vann "Im Schatten des Vaters"

„Die Dinge waren sie selbst, und sonst nichts.“

Die Insel soll Vater und Sohn wieder zusammenführen. Hier ruft die Wildnis, nur eine Hütte bietet Obdach, rundherum herbe Landschaft und Weite, hohe Berge, Meer und Bären. Doch die vermeintliche Idylle trügt. Für Jim und seinen dreizehnjährigen Sohn Roy bildet die Fahrt mit dem kleinen Flugzeug nach Sukkwan, einem Eiland vor Alaska, den Beginn einer Familientragödie. Schon die ersten Tage des Vater-Sohn-Gespannes werden zur Zerreißprobe. Das Funkgerät streikt, der Bau eines kleinen Depots, um Wild und gefangene Fische zu lagern, endet im Fiasko. Und Roy muss jede Nacht zuhören, wie sein Vater sich in den Schlaf weint. Denn Jim, vom Beruf Zahnarzt, plagen nicht nur Reuegefühle ob des Scheiterns der kleinen Familie, er leidet zudem unter extremen Kopfschmerzen. Beides sind jedoch keine Gründe so unvorbereitet in eine der entlegensten Gebiete zu reisen und dann ein Jahr gemeinsam mit dem Sohn leben zu wollen.

Erste Anzeichen für die kommende Tragödie setzt David Vann in seinem Roman „Im Schatten des Vaters“ immer wieder, sehr dezent, aber merklich. Der Junge spürt, dass sie mit falschen Vorstellungen, fehlender Ausrüstung und mangelnden Fähigkeiten in den hohen Norden gereist sind, in jene Region, die von ihren Bewohnern alles abverlangt. Dies ist nicht nur Blauäugigkeit, sondern vielmehr eine erschreckende Fähigkeit, der Realität nicht ins Auge sehen zu können und im Verlauf des Geschehens nicht aus Fehlern zu lernen. Vorräte helfen nicht, wenn ein Bär sie erbarmungslos plündert. Eine magere Fangausbeute mit der Angel sorgt nicht für regelmäßige Nahrung. Und die Einsamkeit erdrückt vor allem den Sohn, der nach der Scheidung kaum noch eine Verbindung zum Vater hat und nun allein mit ihm Mutter und die kleinere Schwester vermisst. Der einzige Funke Zuneigung zum Vater zeigt sich in der Hoffnung, ihm in seiner psychisch labilen Verfassung zur Seite zu stehen, ihn nicht allein zu lassen. Der dramatische Moment, der schließlich die erzwungene Idylle zu einem Ort des Grauens verwandelt, lässt einen erschüttert zurück, denn es trifft den Falschen, der andere muss mit einer Schuld leben und schließlich um das Überleben kämpfen.

Vann, 1966 auf Adak Island geboren, stammt selbst aus Alaska, kann so von der herben Schönheit der dortigen Landschaft aus eigenen Erfahrungen berichten. Tief dringt er zudem in die Psychologie seiner Figuren ein. Der Vater, von Verzweiflung und Gewissensbissen gekennzeichnet steht im Gegensatz zum Sohn, der seinem Vater helfen will, aber schließlich selbst in den Abgrund gerissen wird. Mit klarer Sprache wird das Geschehen erzählt. Der amerikanische Autor braucht keine stilistische Effekte, um den Leser an sein Werk zu binden. Er schreibt, was passiert. Allein die dramatisch inszenierte Geschichte fesselt ungemein. Dass auch dünnere Romane durchaus von Wert sind, beweist dieses Buch, das einen tief berührt zurücklässt.

Der Roman „Im Schatten des Vaters“ von David Vann erschien bei Suhrkamp in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow
184 Seiten, 8,99 Euro

Ich-Suche – Lars Gustafsson "Frau Sorgedahls schöne weiße Arme"

„Zerbrechlich zu sein, kann tatsächlich eine Voraussetzung dafür sein, dass man stark ist.“ 

Zwischen dem Geschmack der Zimtbirnen, den ersten Gläsern mit Obstbranntwein, den unbeschwerten Diskussionen über Mädchen und Poesie im Heizungskeller und dem Jetzt liegen 50 Jahre. Er schaut zurück, der ergraute Professor für Philosophie, der zwischen seiner alten Heimat Schweden und seiner Wirkungsstätte in Oxford Landesgrenzen und ein Meer gelegt hat. Und da ist natürlich Frau Sorgedahl, deren Namen und ihre schönen weißen Armen den Titel für den Roman von Lars Gustafsson geben.  Ich-Suche – Lars Gustafsson "Frau Sorgedahls schöne weiße Arme" weiterlesen

Magier in Ausbildung – Patrick Rothfuss "Der Name des Windes"

„(…), dass eine gute Geschichte nur selten den direkten Weg nimmt.“ 

Der große Magier lebt zurückgezogen. Als Wirt des Gasthauses „Wegstein“. Nur sein treuer Helfer Bast kennt die wahre Identität von Kvothe, dem begabten Sohn fahrender Spielleute aus dem Volk der Ruh. Doch eines Tages beginnt Kvothe zu erzählen. Ein Chronist findet ob zufällig oder nicht den Weg in das Gasthaus. Er schreibt die Geschichte von Kvothe nieder, eine abenteuerliche voller Magie. Und der erste Teil von Patrick Rothfuss Königsmörder-Chronologie „Der Name des Windes“ nimmt seinen abenteuerlichen Lauf.

Kvothe wächst in einer reisenden Schauspielertruppe auf. Er lernt die Gepflogenheiten der ewigen Wanderschaft und die Vorbereitung und Inszenierung der Stücke genauso kennen wie den Zauber der Musik. Sein Vater ist ein berühmter Lautenspieler. Kvothe lernt von ihm und das schneller als geahnt. Schon als Kind beherrscht er das Lautenspiel und eine Vielzahl bekannter, episch langer Stücke. Zur Truppe stößt eines Tages der Arkanist Ben. Er bringt den Jungen die ersten Schritte bei auf seinem Weg, ein berühmter Magier zu werden. Neben dem Wissen der Naturheilkunde sind es die ersten Kenntnisse der sogenannten Sympathie, die Ben ihm vermittelt. Der Arkanist ahnt schon früh Kvothes Ziel: die Universität. Doch das Schicksal schlägt erbarmungslos zu, nachdem Ben eines Tages die Truppe verlässt. Die Mitglieder der Gruppe, darunter Kvothes Eltern, werden ermordet. Nur der Junge überlebt den Angriff der sogenannten Chandrian, mysteriöse und grausame Gestalten.

Allein schlägt sich Kvothe durchs Leben: Er bettelt in der riesigen Stadt Tarbean, erlebt Gewalt, Hunger und Armut. Doch breiten Raum des mit 860 Seiten „dicken“ Buches nimmt schließlich die nächste Etappe auf der Reise ein: die Universität nahe der Kleinstadt Imre. Kvothe besteht die Aufnahmeprüfung und überrascht die großen Meister in den verschiedenen Fächern mit seinem Wissen. Doch das Leben wäre langweilig, würde Kvothe nicht auch an der Alma mater vor Herausforderungen stehen. Meist auch selbst verursacht. Denn der amerikanische Autor Rothfuss, Jahrgang 1973, hat nicht nur eine fantastische Welt erschaffen. Mit Kvothe entwarf er einen sehr zwiespältigen Helden, der nicht nur tugenhaft erscheint. Kvothe lügt, ist ungeduldig, hintergeht auch seine Meister, alles nur, um an sein Ziel zu gelangen – trotz seiner Armut an der Universität zu bleiben, um zu lernen und die Mörder seiner Eltern zu finden. Und die Liebe zu einem Mädchen, das unerreicht erscheint, darf ebenfalls nicht fehlen.

„Der Name des Windes“ ist ein wahrer Pageturner. Schnell liest man sich in die geschaffene Welt ein, die an eine Mischung aus Mittelalter und Märchenwelt erinnert. Es gibt Dämonen und Drachen, Magie, Alchemie und eine ganze Reihe merkwürdiger Charaktere, darunter die Meister, Kvothes Freunde oder Auri, die sich als ehemalige Studentin auf dem Gelände der Universität versteckt hält und die Begegnung mit den Menschen scheut. Obwohl Rothfuss zu Redundanz neigt, er sich in dem Backstein von Buch häufig wiederholt, bleibt man an seinem Roman kleben und vergisst die reale Welt um sich herum. Seine bildhafte Sprache, die sowohl witzige Szenen ironisch als auch die Wucht tragischer Erlebnisse beschreiben kann, macht diese Schwäche des Buches durchaus wett.

Der Roman, für den Rothfuss mit dem Publishers Weekly Award als bestes Fantasybuch des Jahres ausgezeichnet wurde, wurde mit Tolkiens Jahrhundertwerk „Herr der Ringe“ verglichen. Manchen Vergleichen sollte man ob ihrer verkaufsträchtigen Hintergründe eher wenig Vertrauen entgegenbringen. Tolkien bleibt (auch weiterhin) unerreichbar. Dafür scheue ich mich nicht, den Amerikaner ein paar Stufen über Joanne K. Rowling und ihren Zauberlehrling Harry Potter zu setzen. Auch wenn dem ersten Band „Der Name des Windes“ nur zwei weitere folgen: „Die Furcht der Weisen“ Teil 1 und 2. 

„Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss erschien im Verlag Klett-Cotta, in der Übersetzung aus dem Englischen von Jochen Schwarzer.
863 Seiten, 24,95 Euro