Tove Ditlevsen – „Gesichter“

„Man darf nur ein Gesicht auf einmal haben.“

Die Wiederentdeckung der dänischen Autorin Tove Ditlevsen (1917 – 1976) mit ihrer autobiografischen Kopenhagen-Trilogie aus den Bänden „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“ bestehend und in den Jahren 1967 bis 1971 wenige Jahre vor ihrem Freitod erschienen, kam einer literarischen Sensation gleich. Nun kann auch ihr Roman „Gesichter“ entdeckt werden. Ein eindrückliches, aber auch herausforderndes Werk mit einem ebenfalls kurzen, prägnanten Titel, das auch in Zusammenhang mit ihrer Trilogie gelesen werden kann, vielleicht auch sollte. Denn auch darin gibt es, wenngleich fiktiv,  autobiografische Anklänge und Bezüge, wenn die Skandinavierin darin über das Thema Psyche und die Psychose einer Autorin schreibt.

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Thomas Savage – „Die Gewalt der Hunde“

„Verdammt, es ist ja auch der wilde Westen.“ 

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Schriftsteller in den vergangenen Jahren aus den Tiefen des Vergessens gehoben und wiederentdeckt worden sind; sowohl europäische als auch amerikanische. Man denke an die Dänin Tove Ditlevsen oder die US-Amerikaner John Williams und James Baldwin. Ein Autor, der da unbedingt eingereiht werden kann und sollte, ist Thomas Savage (1915 – 2003). Mit der Verfilmung seines Romans „Die Gewalt der Hunde“ aus dem Jahr 1967 unter dem Titel „The Power Of The Dog“ und mit der deutschen Erstausgabe wird an ein Meisterwerk erinnert, dessen Lektüre unbedingt lohnt – nicht nur für Western-Fans.

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Kent Haruf – „Ein Sohn der Stadt“

„Jeder in Holt County weiß, was er getan hat.“

Er ist zurück, sitzt, etwas massiger geworden über die Jahre, in einem protzigen roten Cadillac in der Hauptstraße von Holt. Ralph Bird, Besitzer eines Bekleidungsgeschäfts, sieht und erkennt ihn zuerst: Jack Burdette, früher eine Sportskanone und ein Mann mit gutem Ruf und Ansehen, der mittlerweile gewaltig Dreck am Stecken hat. Denn vor acht Jahren war er von einem Tag auf den anderen verschwunden und mit ihm eine stolze Summe der Farmer-Kooperative, deren Chef er war. Jacks überraschende Rückkehr bringt erneut Unruhe in die sonst verschlafene Kleinstadt, in der nichts mehr ist, wie es einst war. In seinem zweiten, 1990 erschienenen Roman „Ein Sohn der Stadt“ erzählt Kent Haruf allerdings nicht nur die Geschichte des Betrügers. „Kent Haruf – „Ein Sohn der Stadt““ weiterlesen

Frühlingserwachen – Ein Blick in die Vorschauen

Die letzten Tage des Jahres brechen an. Statt eines Rückblicks gibt es an dieser Stelle mal wieder einen Ausblick auf die kommenden Bücher in der ersten Hälfte des Jahres 2022. In den vergangenen Wochen und Tagen habe ich in den Frühjahrsvorschauen – ob digital oder gedruckt – großer und kleiner Verlage geblättert und gelesen. Dabei habe ich mich in diesem Jahr etwas mehr auf die Literatur des Nordens konzentriert. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird mit jeder weiteren Entdeckung – ich bin dankbar für jeden Tipp – ergänzt. 

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Walter Tevis – „Das Damengambit“

„Schach verstieß nicht gegen das Christentum, genauso wenig, wie es gegen den Marxismus verstieß. Schach war ideologiefrei.“ 

Wer als Laie Schach-Berichte liest, wird das Gefühl nicht los, in eine fremde Welt gelangt zu sein. Da gibt es nicht nur spezielle Fachbegriffe, sondern auch kryptische Formulierungen.  Da ist von isolierten Freibauern, offener Königslinie oder einem Turmendspiel die Rede. Wer den wieder entdeckten Roman „Das Damengambit“ des amerikanischen Schriftstellers Walter Tevis (1928 – 1984) liest, wird vielleicht nicht alles in den teils seitenlangen Partiebeschreibungen verstehen, aber das Gefühl haben, von der spannenden Geschichte nicht loslassen zu können. „Walter Tevis – „Das Damengambit““ weiterlesen

Anatoli Pristawkin – „Schlief ein goldnes Wölkchen“

„Die Kinder, das war was anderes, sie waren wie Kollerdisteln, die der Wind trieb, wohin er wollte.“ 

Sie heißen Kolka und Saschka. Die meisten kennen sie als Kusmin-Zwillinge. Keiner kann sie ob ihrer verblüffenden Ähnlichkeit auseinanderhalten. Sie sind unzertrennlich und klammern sich an sich in einer Zeit des Krieges, des Leids, des stetigen Hungers. Sie leben in einem Waisenhaus, wissen nicht, was Familie und elterliche Liebe bedeuten. Mit 500 weiteren Kindern werden sie eines Tages in den fernen Osten, in den Kaukasus, geschickt. Doch hier geraten sie zwischen die Fronten. Mit seinem Roman „Schlief ein goldnes Wölkchen“ hat der russische Schriftsteller Anatoli Pristawkin (1931 – 2008) ein erschütterndes literarisches autobiografisches Zeitdokument verfasst, das nun in einer neuen Ausgabe wiederentdeckt werden kann – und sollte. „Anatoli Pristawkin – „Schlief ein goldnes Wölkchen““ weiterlesen