Ein innerer Strom – Edith Wharton "Das alte Haus am Hudson River"

„Es gab Zeiten, da war seine Seele wie ein Wald, voller Schatten und Gemurmel, geheim und fern, ein Ort, wo man sich verirren konnte, fast furchterregend, um dort allein zu sein.“ 

Es ist eine innere Stimme, ein Strom, ein inneres Regen, das seinen Weg nach draußen sucht. Vance Weston spürt früh seine besondere Begabung. Er schreibt. Obwohl als Sohn eines erfolgreichen Immobilienmaklers aus gutem Haus stammend, im mittleren Westen der USA aufgewachsen, scheint sein Leben eine andere Richtung zu bekommen. Biografisch und geografisch. Nach einer schweren Erkrankung soll der 19-Jährige sich bei der Cousine seiner Mutter im ruhigen Städtchen Paul’s Landing, nicht weit von der Millionenstadt New York gelegen, auskurieren.
Und dies ist der Beginn des Schriftstellers Vance Weston und des Romans „Ein altes Haus am Hudson River“ der amerikanischen Autorin Edith Wharton, an die der btb-Verlag mit einer Neuauflage ihres 1929 erschienenen Werkes erinnert. „Ein innerer Strom – Edith Wharton "Das alte Haus am Hudson River"“ weiterlesen

Wenn der Bruder der Vater ist – David Gilbert "Was aus uns wird"

„Doch manchmal ertappe ich mich selbst dabei, grundlos und unerwartet glücklich zu sein, durch ein besonderes Licht am Spätnachmittag zum Beispiel oder ein Lied, das ich im Vorübergehen höre. Einen schönen Spaziergang um den Bootsweiher. Dichtes Schneetreiben. Kurze Momente, in denen Zeit und Raum zusammenspielen, um mir eine Freude zu bereiten.“

Das Leben hält oft so manche Überraschung bereit. Daran ist jedoch nicht das Leben schuld. Es sind vielmehr wir Menschen, die Geheimnisse verbergen, die dann aber mit der Zeit sich klammheimlich ans Tageslicht kommt. Oder wir erzählen unserer Familie oder Freunde nicht von den großen Ereignissen unseres Lebens, weil wir inmitten des Lebens voneinander getrennt werden. Andy ist solch eine Überraschung. Von seinen Stiefbrüdern Richard und Jamie als Bruder kaum anerkannt und gemocht, ist der 17-Jährige hingegen ein ganz anderer – ohne dass er es selbst weiß. Der Junge ist der Klon seines Vaters, Andrew oder A.N. Dyer, ein bekannter Schriftsteller, der vor allem mit seinem Roman „Ampersand“ noch immer die Regale in Buchläden und heimischen Wohnstuben füllt, als Klassiker im Unterricht gelesen wird. „Wenn der Bruder der Vater ist – David Gilbert "Was aus uns wird"“ weiterlesen

Kreuzende Lebenswege – Nicolas Dickner "Nikolski"

„Jede Sekunde, jeder Augenblick vollzog sich zum ersten und zum letzten Mal. Es war unmöglich, diesen Prozess zu unterbrechen, umzukehren oder eine Sicherheitskopie davon zu erstellen.“

Die Welt ist voller Bücher und voller Überraschungen. Manchmal kommt auch beides zusammen, überrascht ein Buch oder es gibt eine Überraschung mit einem besonderen Buch. Als ich in einer Bücherkiste in einem Freibad nach dem Roman „Nikolski“ von Nicolas Dickner griff und ihn wenig später auch las, erlebte ich nicht nur schöne Lesestunden, sondern auch eine wunderbare Überraschung. Der Name des Autors sagte mir bis dato nichts. Der Klappentext verhieß, dass es sich um einen Bestseller aus Kanada handelte. Nun gut, ab und an sollte man den Versprechungen der Verlage nicht unbedingt vertrauen. Aber in diesem Fall schon. „Kreuzende Lebenswege – Nicolas Dickner "Nikolski"“ weiterlesen

Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink"

„Aber ist es nicht immer das Unpassende, das, was nicht so recht funktioniert, was uns komischerweise am liebsten ist?“

Wenn die Welt um einen zusammenbricht, hält man sich am Unbekannten fest, weil das Bekannte nicht mehr existiert. Theo macht diese schmerzliche Erfahrung. Gemeinsam mit seiner Mutter besucht der 13-Jährige das New Yorker Metropolitan Museum of Art mit berühmten Kunstwerken der Malerei. Vor allem ein Bild hat es Theos Mutter angetan: die kleine Miniatur „Der Distelfink“ des holländischen Malers Carel Fabritius (1622-1654), eines der wenigen Gemälde, die von dem Künstler geblieben sind. Bei einer Explosion der Delfter Pulvermühle 1654 starb nicht nur Fabritius. Ein Großteil seiner Werke wurde bei dem Unglück vernichtet. Auch Theo erlebt eine Explosion – mehr als drei Jahrhunderte später: Eine Bombe geht im Museum in die Luft. Seine Mutter stirbt, mit dem Ölgemälde unter der Jacke flieht Theo aus dem Museum. „Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink"“ weiterlesen

Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen"

„Begeisterung und Panik wogten wie parallele Welten durch die Hitze der Nacht, in einem Fieber von Karneval und Katastrophe.“

Das Chaos zerreißt sein bisheriges Leben. Ignacio Abel, ein anerkannter Architekt und Bauhaus-Schüler, sieht sich 1936 an einem Abgrund stehen. Der Krieg hat Spanien erfasst. Die Hauptstadt Madrid wird Schauplatz des Klassenkampfes, die Gewaltspirale dreht sich und fordert unzählige Opfer. Männer, Frauen und Kinder, die durch Bomben, Straßenkämpfe und Hinrichtungen getötet werden. Mittendrin Ignacio auf der Suche nach seiner Geliebten Judith, die er ein Jahr zuvor kennengelernt hatte. Die Amerikanerin ist spurlos verschwunden, nachdem Ignacios Frau Adela dessen heimliche Beziehung entdeckte hatte und nachfolgend einen Selbstmord verübte, den sie indes überlebte. Mit den zwei Kindern zieht sich Adela in das Wochenend-Haus in den Bergen zurück. Nicht nur die erkaltete Beziehung des Paares auch Adelas Freitod-Versuch und das kritische Verhältnis zwischen ihren Eltern und ihrem Bruder Victor zu Ignacio belastet diese Ehe. „Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen"“ weiterlesen

Spatz auf Abwegen – Reif Larsen "Die Karte meiner Träume"

„Ist es möglich, den gesamten Inhalt der Welt zu sammeln? Und wenn man die ganze Welt in seiner Sammlung hat, ist es dann noch eine Sammlung?

Eine Buchbesprechung sollte immer dem Objekt angemessen sein. Über einen Klassiker in der schönsten Jugendsprache voller Anglizismen und Abkürzungen zu schreiben, würde dem Sprachgefühl des Autors wohl nicht gerecht werden. Ein Manga-Comic in Form eines Sonetts zu besprechen, ist auch der falsche Weg. Aber im Falle dieses Buches, um das an dieser Stelle geht, müsste ich Karten zeichnen, an den Seiten mit krakeliger Handschrift Kommentare versehen und lange Pfeile ziehen. Damit stoße ich jedoch an die Grenzen meiner Möglichkeiten. Deshalb versuche ich trotz allem, „Die Karte meiner Träume“ von Reif Larsen in der bekannten Art und Weise vorzustellen. Und zwar (leider) nur mit Worten. „Spatz auf Abwegen – Reif Larsen "Die Karte meiner Träume"“ weiterlesen