Richard Powers – „Erstaunen“

„Wir sitzen auf einem Felsbrocken im Weltall, und es gibt Hunderte von Milliarden anderer Felsen genau wie unseren.“

Wann haben wir das andächtige Staunen über das Leben verlernt oder verloren wie einen Schlüssel oder eine Münze? Wann war dieses unbändige Gefühl, diese Freude über das Dasein, über die kleinen oder großen Wesen, die Weite des Himmels, Tor zum Universum, verschwunden? Wohl nur noch Kinder tragen es in sich.  Oder Erwachsene, die wissen, wie fragil dieses Leben doch ist. „Erstaunen“ heißt der neue großartige Roman des amerikanischen Schriftstellers Richard Powers, der es vermag, dieses Staunen zurückzugeben. Und wenn es wenigstens für die Zeit der Lektüre ist.

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Elizabeth Wetmore – „Wir sind dieser Staub“

„Und wie sterben die Frauen? Normalerweise, wenn Männer sie umbringen.“ 

Den einen gelingt die Flucht. Selbst wenn sie dafür Mann und Kind Hals über Kopf zurücklassen. Die anderen verstecken sich in ihrem Haus, wollen von all den schrecklichen Geschehnissen, die sich tagtäglich ereignen, nichts wissen. Von dieser erbärmlichen Verachtung, dieser aus Frust und Dominanz geborenen brutalen Gewalt. Mary Rose steht jedoch eines Tages mit der Flinte auf der Veranda ihres Hauses. Nicht nur um sich selbst und ihre Tochter zu verteidigen. Gloria hat zuvor verletzt, barfuß und unter Schock stehend das Grundstück inmitten der Wüste erreicht. Die 14-jährige Mexikanerin flieht vor ihrem Peiniger und bittet um Hilfe. Dabei erzählt die Amerikanerin Elizabeth Wetmore in ihrem großartigen Debüt „Wir sind dieser Staub“ nicht nur die Geschichte dieser beiden ungleichen Frauen und ihrer folgenreichen Begegnung. „Elizabeth Wetmore – „Wir sind dieser Staub““ weiterlesen

Roy Jacobsen – „Die Kinder von Barrøy“

„(…) sie sieht, wie alles in Auflösung übergeht, die Zerbrechlichkeit des Lebens.“ 

Øy – ein kleines Wort, aus nur zwei Buchstaben bestehend, bezeichnet doch eine ganze Welt. „Øy“ heißt aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt „Insel“. Auf das fiktive Eiland Barrøy, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist, allerdings symbolisch für viele norwegische Inseln stehen könnte, entführt Roy Jacobsen mit seiner meisterhaften Insel-Saga, die nun mit dem Roman „Die Kinder von Barrøy“ („Bare en mor“) ihre Fortsetzung findet und von der Zeit nach dem Krieg erzählt. „Roy Jacobsen – „Die Kinder von Barrøy““ weiterlesen

Una Mannion – „Licht zwischen den Bäumen“

„Alles Schöne ging vorüber.“

Der Roman beginnt mit einer Szene, die schon auf den ersten Seiten eine böse Vorahnung wecken und vermutlich vor allem Eltern erschauern lässt. Faye Gallagher ist im Auto mit ihren fünf Kindern auf dem Weg nach Hause. Es ist der letzte Schultag vor den Sommerferien. Es kommt im dicht besetzten Wagen zum Streit. Die Mutter lässt daraufhin in ihrem unerbittlichen Zorn ihre Tochter Ellen aussteigen. Es sind noch mehrere Kilometer nach Valley Forge Mountain zu fahren, die Dämmerung setzt allmählich ein. Die Straße ist umgeben von Wald. Es kommt, wie es kommen muss. Ellen geschieht etwas Schreckliches – und das ist erst der Beginn des eindrücklichen Romandebüts der in Irland lebenden amerikanischen Schriftstellerin Una Mannion.    „Una Mannion – „Licht zwischen den Bäumen““ weiterlesen

Anne Holt – „Ein Grab für zwei“

„Inoffizielle Macht ist lebensgefährlich.“ 

In jedem Sprichwort liegt ein Fünkchen Wahrheit. Auch in jenem, das besagt, dass Norweger mit Ski an den Füßen geboren werden. Wer sich die Medaillenlisten von Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen zu Gemüte führt – man denke an die großen Erfolge von Bjørn Erlend Dæhlie oder Ole Einar Bjørndalen -, wird es sehen, wer das Land im Norden kennt, weiß es sowieso. Es gibt wohl keine Familie, in der es nicht für jeden Ski gibt. Schon Kleinkinder erhalten sie als Geschenk. Skifahren ist für die Norweger sowohl Alltag als auch Identitätssport, ein Stolz, den sich die „Krimi-dronningen“ des Landes, Anne Holt, in ihrem neuesten, ins Deutsche übertragenen Roman „Ein Grab für zwei“ annimmt – durchaus auf sehr kritische Art und Weise. 

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Alex Schulman – „Die Überlebenden“

„Nebeneinander stehen sie da, sie, die übriggeblieben sind, (…).“ 

Der Anfang ist das Ende. Um die Asche ihrer verstorbenen Mutter im See zu verstreuen und damit ihren letzten Wunsch zu erfüllen, kommen drei Brüder zusammen. Benjamin, Pierre und Nils haben sich mehrere Jahre nicht gesehen, sind mittlerweile erwachsen. Keiner weiß, was der andere macht, wie er sein Leben gestaltet. Ist die Wiederbegegnung zu Beginn angesichts einer gewissen Wiedersehensfreude noch harmonisch, kommt es zum blutigen Streit. Trauer und Traumata verbinden sich zu einer verhängnisvollen Mischung, die viele Gefühle aus dem Verborgenen heraufbeschwören lässt. Denn die Vergangenheit ist eben nicht vergangen. Wie ein Krake umklammert sie die Gegenwart. In seinem großartigen Romandebüt „Die Überlebenden“ erzählt der schwedische Autor Alex Schulman vom Gestern und Heute einer Familie, die zerbrochen und verwundet ist.

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