Schmerzvolle Erinnerungen – Elliot Perlman „Tonspuren“

„Sie wissen nie, welche Verbindungen zwischen Dingen, Menschen, Orten und Ideen bestehen. Aber es gibt  Verbindungen. Sie wissen nur nicht wo. Die meisten wissen nicht mal, wo sie suchen sollten, oder was daran überhaupt interessant sein könnte. Wer schaut auch nur hin? Wer hat Zeit, zu schauen? Wessen Angelegenheit ist das eigentlich, hinzuschauen? Unsere.“

Der eine ist ein Erzähler, der andere sein geduldiger Zuhörer. Henry Mandelbrot ist Patient einer New Yorker Krebsklinik. Lamont Williams arbeitet für den Gebäudedienst des Krankenhauses. Der eine ist polnischer Jude und Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, der andere ein Afroamerikaner, der nach einer mehrjährigen Haftstrafe mit dem Klinik-Job eine zweite Chance erhalten hat. Henry erzählt Lamont vom Grauen in Auschwitz, der so zum Bewahrer der Geschichte wird. Erinnerungen sind das große Thema in Elliot Perlmans Roman „Tonspuren“, in dem Menschen erleben, wie Geschichte ihre Gegenwart und Zukunft beeinflusst. „Schmerzvolle Erinnerungen – Elliot Perlman „Tonspuren““ weiterlesen

Die Kraft in mir – Kenneth Bonert „Der Löwensucher“

„Ist das die Natur blinder Zeit? Natürlich: Alles ist blind, jenseits von Vergleichen, für die Zukunft nutzlos. Jedes Leben ist wie eine Messerspitze, die die leere Zeit ansticht, und heraus bluten immer neue Überraschungen.“

Die Heimat ist Vergangenheit und Tausende Kilometer entfernt. Was bleibt sind Erinnerungen, Gedanken an den Großteil der Familie und ein Fotoalbum, in dem Gitelle und ihr Sohn Isaac immer wieder blättern. „Nenne mir ihre Namen!“, fordert sie ihn auf. Als ob damit die Entfernung von Kontinent zu Kontinent, zwischen Litauen und Johannesburg wie durch Zauberhand schrumpfen könnte. Hier hat es die junge Frau im Jahr 1924 mit ihren beiden Kindern Isaac und Rively verschlagen. Der Vater, Abel, hat bereits zuvor die baltische Heimat in Richtung Südafrika verlassen. Die jüdische Familie ist geflohen vor dem Hass, den sie leibhaftig erleben musste. „Die Kraft in mir – Kenneth Bonert „Der Löwensucher““ weiterlesen

Ein Mythos wird enthüllt – Bill Niven „Das Buchenwaldkind“

NivenEr war nur ein Schicksal unter Millionen. In einer Zeit, die bis heute für Entsetzen und Trauer sorgt, die den Rahmen des Begreiflichen sprengt. Der polnische Jude Stefan Jerzy Zweig erlebte im Alter von vier Jahren die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald im April 1945 durch amerikanische Streitkräfte. Er und sein Vater Zacharias überstanden die Verfolgung und die Schrecknisse in mehreren Lagern und im Ghetto von Krakau. Die Geschichte von Stefan wurde in den folgenden Jahren und Jahrzehnten nicht nur deutschlandweit bekannt. Sie entwickelte sich in der DDR zu einem Mythos, missbraucht für die Propaganda. Denn Stefan ist das Buchenwaldkind und in dem Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz, eines der erfolgreichsten Bücher der DDR und zugleich verordnete Schullektüre, die Hauptgestalt. „Ein Mythos wird enthüllt – Bill Niven „Das Buchenwaldkind““ weiterlesen

Familiengeschichte(n) – Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"

„(…) ich wollte so sehr erhört werden, erprobte meine Zunge, meine Sprache, ich versuchte, die Geschichten zu erzählen, sie in mein fremdes Deutsch zu übertragen, ich erzählte die Geschichten, eine nach der anderen, aber ich hörte selbst nicht, was ich sagte.“

Unser Leben ist nichts ohne die Geschichte der eigenen Familie. Wir sind, was wir waren. Uns formen frühere Ereignisse früherer Generationen genauso wie eigene Erfahrungen. Und wenn wir in jungen Jahren nur Zuhörer sind, werden wir später selbst zu Erzählern. Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, nach ihrem Studium in Tartu (Estland) und Moskau als Journalistin in Berlin tätig, hat diese Rolle sehr früh übernommen. Es ist eine Rolle, die man nicht leichtfertig überstreift wie einen Lieblingspullover, der einem passt und der sich bequem anfühlt. Sie ist vielmehr eine Schlangenhaut, die mit uns wächst und die man nach einiger Zeit abstreift, weil eine neue entstanden ist. „Familiengeschichte(n) – Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"“ weiterlesen