Elsa Morante – „La Storia“

„Du hast jetzt traurigere Augen.“ 

Vielleicht mag die kommende Frankfurter Buchmesse im Oktober Anlass sein, dass man „La Storia“ von Elsa Morante (1912-1985), einer der großen italienischen Romane des 20. Jahrhunderts, in einer Neuübersetzung wieder- und neuentdecken kann und sollte. Schließlich steht die Literatur vom „Stiefel“ im Mittelpunkt, Italien ist Gastland. Aber der Wälzer mit seinen mehr als 700 Seiten ist und bleibt eines: aktueller denn je. An vielen Stellen der Welt herrscht Krieg, der je nach Schauplatz mehr oder weniger Schlagzeilen erzeugt. Vom gewaltvollen Aufeinanderprallen von Mächten, dem keiner entfliehen kann, handelt Morantes Meisterwerk, das mich tief berührt hat wie zuletzt kein Buch. „Elsa Morante – „La Storia““ weiterlesen

Rosa Liksom – „Über den Strom“

„Er sagte, der Krieg überrascht ein Volk immer, auch wenn die hohen Herren schon seit Jahren zündeln.“

Sie sind auf der Flucht. Das Mädchen und seine Kühe. Gemeinsam mit weiteren Dorfbewohnern verlässt die junge Ich-Erzählerin das Land, um über den Fluss nach Schweden zu kommen. Wo bereits die Mutter und der Onkel in Sicherheit sein sollen. Die Stiefbrüder sind im Krieg gefallen, der Vater ist noch an der Front. Er hatte der Familie während seines Evakuierungsurlaubs zum Weggang geraten. Das Mädchen ohne Namen ist gerade mal 13 Jahre alt – und auf sich allein gestellt.  „Rosa Liksom – „Über den Strom““ weiterlesen

Lars Mytting – „Astrids Vermächtnis“

„Ja, Endzeit.“

Am Ende kehrt er noch einmal zum Anbeginn zurück. Der Kreis schließt sich. Wie bei einem Ring oder einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt und die einst in das Holz vieler norwegischen Stabkirchen hineingeformt wurde. Und wenn die Midgardschlange, das furchteinflößende Wesen aus der nordischen Mythologie, ihren Schwanz loslässt, beginnt der Weltenbrand, wie es in den uralten Mythen heißt. Skråpånatta wird das Ende aller Tage im letzten Band der Schwesterglocken-Trilogie genannt, das auch den kleinen Ort Butangen im Gudbrandsdalen nicht verschont.

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Edith Anderson – „A Man’s Job“

„Wenn sie uns eins aufs Kinn geben, holen wir aus und schlagen zurück.“

Als nach dem Überfall auf Pearl Harbor die USA im Dezember 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintritt, werden Millionen amerikanischer Männer für den Dienst in der Armee einberufen und rekrutiert. Fortan fehlen sie in entscheidenden Bereichen. Ihre Stellen nehmen fortan Frauen ein. Nicht nur in der Rüstungsindustrie, sondern beispielsweise auch bei der Eisenbahn. Über dieses besondere Kapitel amerikanischer Geschichte hat die in New York geborene Journalistin und Autorin Edith Anderson (1915-1999) einen Roman geschrieben, der 1956 erstaunlicherweise in Übersetzung erstmals in der DDR erschien und nun in einer Neuausgabe und -übersetzung wiederentdeckt werden kann.

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Patrick van Odijk – „Der falsche Vermeer“

„Zeige ihnen, was sie suchen! Dann schauen sie nicht mehr richtig hin.“ 

Für 24,26 Millionen Euro wechselte 2004 das Gemälde „Junge Frau am Virginal“ nach einer Versteigerung des Londoner Auktionshauses Sotheby’s den Besitzer. Es war eine Sensation – nicht nur des Geldes wegen, den ein Telefonanbieter mal so eben aus dem Hut zauberte. Spekuliert wurde damals, ob das auf etwa 1670 datierte Werk des niederländischen Malers Johannes Vermeer (1632-1675) überhaupt echt ist. Nur wenige Gemälde existieren von ihm, die meisten sind bekannt. Und: In der Vergangenheit sorgte ein Landsmann des Alten Meisters für Entsetzen in der Szene.

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Simone Kucher – „Die lichten Sommer“

„Das wahre Leben waren diese Nächte und die Tage, tja, zäh und leer.“ 

Vertreibung ist eine Form der Gewaltmigration und meint die räumliche Mobilisierung durch Gewalt ohne Maßnahmen zur Wiederansiedlung. So ist es in dem Band „Globale Migration. Geschichte und Gegenwart“ von Jochen Oltmer zu lesen. Diese Wendung ist auf den Punkt gebracht, allerdings auch sachlich und nüchtern, wenngleich sich dahinter Millionen Schicksale verbergen. Allein aus den Regionen, die heute als sudetendeutsche Heimatlandschaften bekannt sind, werden in den Jahren 1945 und 1946 während und nach dem Zweiten Weltkrieg rund drei Millionen Menschen vertrieben. Frauen, Männer, Kinder. Simone Kucher erzählt in ihrem stillen wie ergreifenden Debüt ihre Geschichte.

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