Im Fadenkreuz von Politik und Religion – Amy Waldman "Der amerikanische Architekt"

„Die Trauer war ein Land, das sie sich nicht ausgesucht hatte, aber sie konnte entscheiden, wann sie es wieder verlassen wollte, obwohl sich das ein bisschen  nach Verrat anfühlte.“

Das Bild hat sich in das Gedächtnis der Menschheit eingebrannt: Zwei Flugzeuge fliegen über New York und schließlich in die beiden Türme des World Trade Centers hinein. Flammen schießen in die Höhe. Menschen springen aus den Fenstern. Die beiden hohen Gebäude stürzen zusammen. Eine Wolke aus Schutt und Asche legt sich über die Stadt. Rund 2.900 Menschen kommen am 11. September 2001 ums Leben, Männer und Frauen, die in den Häusern gearbeitet haben, die Insassen der beiden Flugzeuge sowie eine große Anzahl an Rettungskräften. Von vielen Opfern bleibt nur noch Asche und Staub zurück. „Im Fadenkreuz von Politik und Religion – Amy Waldman "Der amerikanische Architekt"“ weiterlesen

Ein Märchendichter auf Reisen – Beate Hagen „Auf den Spuren von Hans Christian Andersen“

Er hat der kleinen Meerjungfrau Unsterblichkeit verliehen, unzählige Leser mit dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ zum Lachen gebracht. Hans Christian Andersen hat einen literarischen Schatz hinterlassen. Sein Werk füllt nahezu jedes heimische Buchregal. Während seine Märchen Weltruhm erlangten, ist das Leben des dänischen Nationaldichters nur wenigen bekannt.

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Fjord als Seelenlandschaft – Jan Kjærstad "Der Entdecker"

„Was ist die wichtigste Triebkraft in meinem Leben? Ich glaube, ich weiß es. In die Tiefe zu wirken. Etwas Einfaches finden, das große Folgen hat.

Nach den Jahren im Gefängnis kehrt er zurück. Jonas Wergeland, die berühmteste Fernsehgestalt Norwegens. Mit seiner Serie „Groß denken“, in denen er die bekanntesten Personen seines Heimatlandes – von Amundsen bis Ibsen – porträtiert hat, bannte er mit jeder Sendung eine ganze Nation an den Fernsehschirm. Nun ist er in Vergessenheit geraten. Unschuldig hat er im Gefängnis ausgeharrt, für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Er nahm die Schuld für den Tod seiner Frau Margrete auf sich, die sich mit der Pistole das Leben nahm. Unerkannt reist er nun mit seiner Tochter auf einem Schiff den Sognefjord entlang.

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Kampf der Kulturen – Kim Leine "Ewigkeitsfjord"

„In diesem Land verstreicht die Zeit nur langsam, und die Jahre vergehen schnell. Dies ist ein Land, das viel nimmt, stimmt er zu. Mehr, als es gibt, erwidert sie.“

Sein Ziel ist das Land des Eises, auch wenn der legendäre Wikinger Erik der Rote der großen Insel hoch oben im Norden den Namen „grünes Land“ gegeben hat. Auf Grönland herrschen nicht nur die Kälte und die Dunkelheit in der langen Winterzeit. Die Sitten sind andere als in seiner Heimat Dänemark. Das wird dem angehenden Pfarrer und Sohn eines norwegischen Schulleiters Morten Falck schnell bewusst, als er nach einer mehrwöchigen strapaziösen Schifffahrt den Westen der Insel erreicht. Doch es sind nicht die rauen Sitten der Ureinwohner Grönlands, die den jungen Missionar bei seiner Ankunft erschüttern. Vielmehr wird in den kommenden Jahren der Geistliche, der eigentlich den Beruf eines Mediziners erlernen wollte, mit den unmenschlichen Verhalten der dänischen Kolonialherren gegenüber den Ureinwohnern konfrontiert. „Kampf der Kulturen – Kim Leine "Ewigkeitsfjord"“ weiterlesen

Der Eroberer – Hans Fallada "Ein Mann will nach oben"

„Es ist nur, Rieke“, sagte der Junge, „es ist alles so viel, alle diese Häuser, und alles Stein, und keiner weiß von uns …“

Er ist wieder zurück. Gut, er war nie wirklich weg, nur scheinbar abgetaucht. Jetzt füllt er wieder die Regale in den Buchläden und jene der Literaturfreunde. Mit dem Erfolg seines letzten Romans „Jeder stirbt für sich allein“, vor allem auch außerhalb seiner deutschen Heimat, ist Hans Fallada wieder im Gespräch. Der Aufbau-Verlag brachte 2011 jenen letzten Band des im Jahr 1893 als Rudolf Dietzel in Greifswald geborenen Autors in einer ungekürzten Neuerscheinung heraus. Weitere folgten, so auch der Roman „Ein Mann will nach oben“. „Der Eroberer – Hans Fallada "Ein Mann will nach oben"“ weiterlesen

Lektionen des Lebens – Michael Ondaatje "Katzentisch"

Drei Wochen auf hoher See, drei Wochen unterwegs zwischen den Kontinenten, drei Wochen, um die Kindheit hinter sich lassen. Allein und im Alter von elf Jahren geht Michael im Jahr 1954 auf große Reise. Mit dem Luxus-Dampfer „Oronsay“ soll er seine Heimat Sri Lanka verlassen, um seine Mutter, die bereits seit einigen Jahren in England lebt, wiederzu sehen und gemeinsam mit ihr ein neues Leben zu beginnen. An Bord schließt Michael nicht nur mit den Gleichaltrigen Ramadhin und Cassius Freundschaft. Das Trio erkundet das riesige Schiff und stiehlt in der ersten Klasse gutes Essen und aus den Rettungsbooten Schokoladenriegel. Den Turbinenraum haben sie zu ihrem Hauptquartier erkoren. Doch bei all den irrwitzigen Streichen und Erkundungen lernen die drei Jungs vor allem die Welt der Erwachsenen kennen – denn dafür gibt es keine bessere Gelegenheit als eine lange Fahrt auf engstem Raum umgeben von den Weiten des Meeres.

Doch in Michael  Ondaatje, Autor des weltbekannten Romans „Der englische Patient“, neuestem Werk „Katzentisch“ tauchen noch eine ganze Reihe weiterer schrulliger Protagonisten auf:  ein Pianist, der plötzlich von Bord verschwindet, eine Frau, die missliebige Krimi-Romane kurzerhand über die Reling wirft und Tauben in ihrem Mantel versteckt, ein Botaniker, der im Bauch des Schiffes seinen kleinen Garten pflegt, ein an Tollwut erkrankter Millionär, für den eine Prophezeiung schreckliche Wirklichkeit wird. Sie alle und weitere recht merkwürdige Personen – allen voran ein Gefangener, der nur ab und an während seiner Rundgänge auf dem Deck für die weiteren Passagiere sichtbar wird – sind Teil dieses bunten Kammerspiels, das seine Helden wie das Leben auch in normale und wichtige Gestalten einteilt. Die einen sitzen eben am Katzentisch, am weitesten entfernt von der renommierten Tafel des Kapitäns, die anderen genießen die Sonderbehandlung als Gäste der ersten Klasse. Was sie jedoch vereint, sind Geheimnisse, die sich um ihre Person ranken. Michael, Ramadhin und Cassius erfahren im Beisein dieser illustren Gesellschaft die ersten Lektionen mit den unbeschriebenen Gesetzen des Lebens. Sie lernen die Klassentrennung genauso kennen wie den Tod, erfahren auf der Reise vor allem aber auch verschiedene Sitten der Völker kennen.

 „Was interessant und wichtig ist, ereignet sich in der Regel im Verborgenen, an machtfernen Orten. Nichts von bleibenden Wert ereignet sich je am Tisch der Mächtigen, wo altvertraute Phrasen Kontinuität garantieren. Diejenigen die Macht besitzen, bleiben in der vertrauten Fahrrinne, die sie sich ausgebaggert haben.“

Die thematische Tiefe und seinen Anspruch erfährt dieser bezaubernde und weise Roman mit seinen wunderbaren Episoden und kleinen Geschichten indes durch die Verbindung und die Verschränkung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Michael erzählt von den damaligen Erlebnissen und aus der Sicht eines Jungen, um im zweiten Teil des Buches zudem von den Auswirkungen der einstigen Geschehnisse zu berichten. Da ist die kurze, indes intensive Beziehung zu Massi, der Schwester von Ramadhin, der als junger Mann seinem langjährigen Herzleiden erliegt, da ist das besondere Verhältnis Michaels zu seiner Cousine Emily, die er schließlich auf einer kleinen Insel an der kanadischen Westküste wiederfindet. Zudem wird ein prägendes Erlebnis jener „Taubenfrau“ erzählt, die als junge Frau dem Bann eines herrschsüchtigen Mannes verfällt. Und immer wieder schimmert als Thema jene immense Herausforderung, die Heimat zu verlassen und in einem anderen Land einen Neubeginn zu wagen, durch.

Am Ende bleibt ein Leser zurück, der als Erwachsener durch die wunderbar, mit sehr viel Liebe für die Protagonisten erzählte Geschichte berührt wird, aber mit dem Kind im Herzen zugleich eine unbändige Freude an den Abenteuern und Entdeckungen von Michael und seinen beiden Freunden verspürt. So begleiten die widersprüchlichen Gefühle die Lektüre dieses Romans, mit dem Ondaatje wieder einmal ein Meisterwerk geschaffen hat, das einen so schnell nicht loslässt.

Der Roman „Der Katzentisch“ von Michael Ondaatje erschien gerade als Taschenbuch im dtv-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Melanie Walz.
304 Seiten, 9,99 Euro