Matthias Jügler – „Die Verlassenen“

„Das letzte Mal habe ich meinen Vater im Juni 1994 gesehen.“

111 Kilometer – das ist in etwa die Entfernung von Leipzig nach Erfurt oder von Leipzig nach Dresden. Diesen Umfang erreichen die Akten, die im Stasi-Unterlagen-Archiv zur Recherche lagern. Weitere 60 Kilometer waren nach der Wende unsortiert gefunden worden und sind noch immer nicht vollständig erschlossen. Mehr als 7,3 Millionen Menschen haben bisher Anträge auf Akten-Einsicht gestellt; zahlenmäßig ist das nahezu die Hälfte der damaligen Bevölkerung in der DDR. Der Geheimdienst war tief in der Gesellschaft verankert und hat das Leben von unzähligen Familien zerstört oder für immer verändert. Welche Folgen die Repressalien der Stasi und ihre Spitzel-Tätigkeiten auf die nächsten Generationen und sogar bis in die Gegenwart haben, erzählt der berührende Roman „Die Verlassenen“ von Matthias Jügler. „Matthias Jügler – „Die Verlassenen““ weiterlesen

Im Duett #3: Mirko Bonné – „Der eiskalte Himmel“ & „Seeland Schneeland“

„Fahr ins weiße Land.“

Unendlich weiße menschenleere Weiten fern der Zivilisation: So präsentieren sich die Regionen rund um die beiden Pole unserer Erde. Sehnsuchtsziel der Forscher und Entdecker, das für einige angesichts der unwirtlichen Bedingungen jedoch zur letzten Ruhestätte wurde. Wenige Jahre nachdem der Norweger Roald Amundsen im Dezember 1911 den Wettlauf zum Südpol gewinnt, sein Kontrahent, der Engländer Robert Scott, mit mehreren Männern stirbt, bricht sein Landsmann Ernest Shackleton wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Richung Antarktis auf, um den weißen Kontinent zu durchqueren. An Bord der „Endurance“ ist mit Perce Blackborow ein blinder Passagier, der als Merce Blackboro zum Helden in den beiden Romanen von Mirko Bonné „Der eiskalte Himmel“ und „Seeland Schneeland“ wird. „Im Duett #3: Mirko Bonné – „Der eiskalte Himmel“ & „Seeland Schneeland““ weiterlesen

Michael Crummey – „Die Unschuldigen“

„Der Mensch muss ertragen, was er nicht ändern kann.“

„In jenem Winter waren sie noch Kinder“. Mit diesem Satz beginnt der jüngste Roman des kanadischen Autors Michael Crummey. „Die Unschuldigen“ führt auf die Insel Neufundland an der Nordostküste Amerikas gelegen und in die Zeit, als das 19. Jahrhundert erst begonnen hat. Man ahnt, dass dieser erste Satz zugleich den Beginn einer drastischen Veränderung signalisiert, dass bald nichts mehr so sein wird wie bisher. Für den elfjährigen Evered und seine jüngere Schwester Ada beginnt unfreiwillig ein neues Leben und der Kampf um jenes. 

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Karin Smirnoff – „Mein Bruder“

„Ich bin zunehmend dankbar für die wenigen Sachen an die ich mich nicht erinnere.“

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Diese Worte Franz Kafkas sind vielen bekannt und werden oft, manchmal allzu oft in Verbindung mit der besonderen Wirkung eines Buches zitiert. Mir ging die Passage immer wieder durch den Kopf, als ich das meisterhafte Debüt der Schwedin Karin Smirnoff mit dem Titel „Mein Bruder“ las. Ein erschütternder, wie zutiefst menschlicher Roman, der die Abgründe der menschlichen Seele, Schmerz und Leid schildert.

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Jan Seghers – „Der Solist“

„Ein Haus, eine Straße, ein Platz aber logen nicht. Sie erzählten Geschichten.“

Der islamistische Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz nahe der Gedächtniskirche am 19. Dezember 2016 hat für Entsetzen und Fassungslosigkeit, Wut und Trauer gesorgt. Elf Menschen starben, 55 wurden damals verletzt, als ein Lkw in die Besuchermenge auf dem Weihnachtsmarkt fuhr. Der tunesische Attentäter Anis Amri hatte zuvor den polnischen Fahrer des Lasters ermordet. Ein Jahr später, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, muss die Sondereinheit „Terrorabwehr“ einen Mord an dem Juden David Schuster aufklären. Bei der Leiche wurde ein Bekennerschreiben mit Verweis auf den damaligen Attentäter gefunden. Jan Seghers hat mit seinem neuen Roman „Der Solist“ ein hochpolitisches Buch über einen charismatischen Ermittler geschrieben, das nicht mit Kritik geizt und zur richtigen Zeit kommt.
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Colum McCann – „Apeirogon“

„Wir fliehen vor unserem Schmerz in unseren Schmerz.“

Apeirogon bezeichnet eine Figur mit einer zählbar unendlichen Menge an Seiten. Der Name geht auf das griechische Wort „apeiron“ zurück, das „das Unbegrenzte“, „das Unbestimmte“ bedeutet. Nach diesem Begriff aus der Geometrie ist der neue Roman des irischen Schriftstellers Colum McCann benannt. Von zahlreichen Seiten schaut er dabei auf den langjährigen und gewalttätigen Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei reale Personen, die einen schmerzlichen Verlust erleben mussten und schließlich trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft einen gemeinsamen Weg verfolgen.

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