Zuflucht und Zuhause – Bettina Baltschev „Hölle und Paradies“

„Es klingt fast, als lasse man sich auch im Exil die gute Laune nicht verderben, doch wie viel davon ist Fassade?“ 

Die Reihe der Romane im Anhang des Buches erinnert an eine Lektüre-Liste aus dem Germanistik-Studium, vielleicht aus einem Seminar zur deutschen Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Große Namen werden aufgezählt: Joseph Roth, Klaus Mann, Irmgard Keun, Lion Feuchtwanger, Jakob Wassermann, Arnold Zweig, Alfred Döblin. Sie alle haben nach Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 Deutschland verlassen. Überall auf der Welt verstreut, haben ihre Bücher indes ein gemeinsames Zuhause gefunden: den in Amsterdam ansässigen Querido Verlag, dessen Geschichte und Verdienste Bettina Baltschev in ihrem Band „Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur“ erzählt. „Zuflucht und Zuhause – Bettina Baltschev „Hölle und Paradies““ weiterlesen

Scheinwelt – Oliver Hilmes „Berlin 1936“

„Das sind also die Männer, die sich anmaßen, die Existenzen zahlloser Menschen zu zerstören?“

Der Monat August beginnt. Die Menschen sind in Vorfreude. Die ganze Welt blickt auf die Stadt. Es könnten unbeschwerte und lebendige Olympische Spiele werden, bei denen sich Sportler aus aller Herren Länder im fairen Wettstreit messen können. Doch man schreibt das Jahr 1936, die Stadt trägt den Namen Berlin, die Nationalsozialisten haben seit mehr als drei Jahren das Dritte Reich im festen und unerbittlichen Griff. Der Führer Adolf Hitler und seine oberste Riege wissen, die Spiele für ihre Zwecke zu missbrauchen, eine glanzvolle Scheinwelt zu inszenieren.

Berlin 1936 von Oliver Hilmes
Berlin 1936 von Oliver Hilmes

In seinem Band „Berlin 1936. 16 Tage im August“ entwirft Autor Oliver Hilmes ein lebendiges und facettenreiches Bild dieses sportlichen Großereignisses und der pulsierenden Hauptstadt. Er führt an verschiedene Orte, erzählt von verschiedenen Personen – von sowohl „Normalsterblichen“ als auch prominenten Köpfen. Die meisten der realen Protagonisten verfolgt Hilmes wie an einem roten Faden über längere Zeit: da sind unter anderem der amerikanische Autor Thomas Wolfe und sein deutscher Verleger Ernst Rowohlt, da ist die jüdische Dichterin Mascha Kaléko und Leon Henri Dajou, der Besitzer der Kult-Bar „Quartier Latin“. Manche tauchen indes nur kurz, nahezu schlaglichtartig auf. Viele dieser Schicksale ergreifen und zeigen das wahre Gesicht des Regimes, das unter der inszenierten Scheinwelt nahezu verborgen bleibt. Da werden Sinti und Roma verschleppt und in ein Lager im Stadtteil Marzahn inhaftiert, Homosexuelle, Juden und Andersdenkende verfolgt, die Gesetze systematisch verschärft, die Denunzierung erlebt Hochkonjunktur. Viele dieser grausamen Ereignisse finden im Hintergrund statt, nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die von diesem sportlichen wie medialen Ereignis ge- und verblendet wird. Nur wenige schauen hinter die Maske der heuchlerischen Fratze der Nationalsozialisten. Die Medien sind gleichgeschaltet, die Reichspressekonferenz gibt konkrete Anweisungen an die Medien heraus. Das junge Medium Fernsehen erlebt seine Bewährungsprobe. Die Welt staunt ob des Ausmaßes und der schier gigantischen Organisationsmaschinerie. Es sind Massen, die in das Olympia-Stadion strömen, an Aufmärschen teilnehmen.  Doch da gibt es noch eine andere Welt abseits des gleichgeschalteten Reiches: die Bars und Kneipen, in denen sich nicht nur Intellektuelle und Promis aller couleur treffen, sondern in denen auch das normale Volk begrüßt wird. Im Club „Nobel“, in der Sherbini-Bar und im Quartier Latin findet sich allabendlich eine illustre  Gästeschar ein – zu einem Glas Wein oder Whisky, zur verpönten Swing-Musik bekannter Kapellen.

„Tom realisiert, dass die Nationalsozialisten alle hassen, die anders sind als sie. Ihm wird klar, dass sie dieses Land, das Tom so sehr liebt, schleichend mit ihrem Gift durchsetzen, dass sie es zerstören wollen: ‚Es war eine Seuche des Geistes – unsichtbar, aber unverkennbar, wie der Tod.'“

Hilmes gelingt es, mit zahlreichen Fakten aus seiner sehr intensiven Quellen-Recherche zu informieren und zu überraschen sowie unterhaltsam zu erzählen – oft mit einem herrlich augenzwinkernden Humor. Als einen herben, ja düsteren Kontrast lässt er beim Leser ein Gefühl der Beklemmung entstehen angesichts jener Vielzahl an Schicksalen und Menschen, die unter der braunen Diktatur leiden, deren Leben nicht nur auf den Kopf gestellt wird, sondern schlichtweg in großer Gefahr ist. Kleine kurze Andeutungen weisen in die Zukunft der jeweiligen Personen voraus, von denen letztlich in einem abschließenden Abschnitt mit dem Titel „Was wurde aus…“ erzählt wird. Mit oft traurigen Erkenntnissen, wie zum Beispiel zum Schicksal des deutschen Weitspringers Carl Ludwig „Luz“ Long,  der mit seinem Konkurrenten, dem mehrfachen Olympiasieger und amerikanischen Leichtathletik-Star Jesse Owens, Freundschaft schließt. Unter dem leuchtenden Spektakel taucht der dunkle Abgrund auf; das beweist nicht nur die hohe Selbstmordrate in jenen Wochen, sondern auch jene „geheimnisvolle Reisegesellschaft“, die sich von Deutschland aus auf den Weg nach Spanien macht. Es sollen nur noch drei Jahre vergehen, bis der große Krieg ausbricht. Der Bürgerkrieg im Süden Europas ist dessen Prolog.

In Hilmes‘ unvergleichlich lebendigem Porträt jener 16 Tage im August finden sich nahe sämtliche gesellschaftlichen Bereiche wieder: Sport und Kultur, die Bühne der Diplomatie genauso wie die große Politik. Der Autor, der sich in früheren Werken unter anderem mit den Biografien von Cosima Wagner, Franz Liszt und Bayern-König Ludwig II. beschäftigt hat, stellt sowohl die Nazi-Größen mit ihrem fanatischen Machtstreben und Rassen-Wahn als auch jene Diplomaten westlicher Nationen sowie Vertreter des olympischen Komitees bloß, die anstatt kritisch Stellung zum Rassismus und Antisemitismus im Dritten Reich zu beziehen, vielmehr wegschauen und kuschen. „Berlin 1936“ ist ein bemerkenswerter Band, der, angereichert mit kleinen und großen Geschichten und mit Original-Zeitdokumenten, den Leser über die Lektüre hinaus weiter beschäftigt und kräftig nachhallt.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „54books“ und „Seitenauslinie“.

Der Band „Berlin 1936. 16 Tage im August“ von Oliver Hilmes erschien im Siedler-Verlag; 304 Seiten, 19,99 Euro

 

Von Kreuzberg bis Prenzlauer Berg – Literarische Tour durch Berlin

Am Morgen fällt mein Blick auf die Wand meines Hotelzimmers. In großen geschwungenen Lettern steht ein Zitat aus dem Märchen „Hans im Glück“ geschrieben: „Hans ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine Augen leuchteten vor Freude, ich muss in einer Glückshaut geboren sein, rief er aus.“ In der Lounge grüßen mich am Frühstücksbüfett schließlich Worte aus „Tischlein deck ich“. Rundum literarisch gestaltete sich mein Wochenende in Berlin, nicht nur mit der Auswahl meiner Herberge für zwei Nächte, dem Grimms Hotel in der Alten Jakobsstraße. Die Agentur Kirchner Kommunikation hatte zum Bloggertag „Spreepartie“ geladen.  Und alles begann in den Räumen der Agentur in der Gneisenaustraße im Stadtteil Kreuzberg.  Tatjana Kirchner, Stephanie Haerdle, Judith Polte, Judith Tings und Katrin Ritte begrüßten mit Jochen Kienbaum („lustauflesen.de“), Marina Büttner („literaturleuchtet“), Gérard Otremba („Sounds & Books“), Mareike Dietzel („Herzpotenzial“), Jacqueline Masuck („masuko13“) und Elina Penner („Schnitzel & Schminke“) sechs weitere Blogger.

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Vier Stationen, vier Neuerscheinungen aus vier Verlagen standen auf dem abwechslungsreichen Programm. Den Anfang machte die Leipziger Illustratorin Christina Röckl. Die Absolventin der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale im Fach Illustration hatte nicht nur ihr Notebook und Fotos mitgebracht, um über ihr aktuelles Projekt, die Gestaltung des Buches „Liegender Akt“ von Nathalie Chaix (Kunstanstifter Verlag, Oktober 2016), zu sprechen. In Papier umhüllt war eines ihrer Arbeiten, die sie, wie sie erzählte, mit Farbe auf Holzplatten bringt. Die Auseinandersetzung mit der Lebens- und Liebesgeschichte des Künstlers Nicolas de Staël (1914-1955)  sei sehr intensiv, wie Christina Röckl erzählte. So besuchte sie die Lebensstationen des französischen Malers, sprach mit der Autorin und mit Übersetzerin Lydia Dimitrow. „Für jedes Kapitel führe ich ein Heft. Ich erstelle Skizzen und Listen, versuche, die Struktur zu erfassen“, sagte die Leipzigerin, die mit der Gestaltung des Bandes „Und dann platzt der Kopf“ – er wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis gewürdigt – ihr Studium abschloss und gleichzeitig ihr Debüt beging. Christina Röckl zeichnet nicht nur verantwortlich für die Illustrationen des kommenden Bandes, sie übernimmt vielmehr die komplette Gestaltung des Werkes – von der Auswahl der Typografie über Format und Papier. „Es ist mir wichtig, alles zu konzipieren“, bemerkte sie.

Mit U- und S-Bahn ging es schließlich in die Kantstraße 76 im Stadtteil Charlottenburg; in eine besondere Buchhandlung. „Hedayat“ ist die größte persische Buchhandlung in Europa. Die Tische sind übersät mit Büchern, hoch ragen hier die Regale auf. Zwischendrin ein Stuhl, ein Sessel, um gemütlich Platz zu nehmen. Abbas Maroufi und seine Tochter begrüßten ihre Gäste. Der Iraner lebt seit nunmehr 1996 in Deutschland. Er war mit Hilfe des Deutschen PEN-Verbandes aus seinem Heimatland geflohen, nachdem er wegen „Beleidigung der islamischen Grundwerte“ verurteilt wurde. Maroufi berichtete von der aktuellen Lage in seinem Heimatland, seiner Arbeit, die weit über das Schaffen als Autor, Buchhändler und Verleger reicht: Der 59-Jährige unterrichtet in Online-Kursen zu verschiedenen literarischen Themen. „In Deutschland habe ich viel gelernt, die deutsche Literatur hat mich sehr geprägt“, sagte er. Gemeinsam mit Lisa Schöttler, Lektorin der Edition Büchergilde, sprach er zudem über seinen künftigen Roman: „Fereydun hatte drei Söhne“ (Edition Büchergilde, Oktober 2016).  Am Beispiel von vier Brüdern erzählt Maroufi darin von unterschiedlichsten politischen Wegen, die bis nach Deutschland und bis in den Tod führen.

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Der Berenberg Verlag in der Sophienstraße in Berlin-Mitte bildete die dritte Station. Im Mittelpunkt stand diesmal ein literarisches Sachbuch, das von Lektorin Beatrice Faßbender und Autorin Bettina Baltschev vorgestellt wurde. Mit „Hölle und Paradies“ erscheint im September ein Band, der sich der Geschichte des renommierten Amsterdamer Querido-Verlages beschäftigt. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933, der Bücherverbrennung sowie des Verbotes namhafter Autoren wie Irmgard Keun, Arnold Zweig, Joseph Roth, Anna Seghers und Klaus Mann bekamen die Werke der ins Exil gegangenen Schriftsteller in diesem Verlag ein neues Zuhause. Die Autorin und MDR-Redakteurin ist schon seit Jahren in Amsterdam heimisch. Für ihre intensive Recherche suchte sie  nicht nur Schauplätze auf. Sie studierte zudem Quellen und führte Gespräche. Besonders die Biografie des Verlegers Emanuel Querido (1871–1943) habe sie fasziniert, wie Bettina Baltschev erzählte: „Je mehr ich über ihn erfahren habe, desto wichtiger wurde mir die Geschichte.“ Für deutsche Leser werde es so manche Überraschung geben, versprach die Autorin. Lektorin Beatrice Faßbender stellte zudem in Aussicht: „Das Buch überzeugt durch seine Lebhaftigkeit.“

Den besonderen Abschluss bildete am frühen Abend das Verlagshaus Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg. Ein Trio – die beiden Verleger Andrea Schmidt und Dominik Zille sowie Lyrikerin, Übersetzerin und Sinologin Lea Schneider – begrüßte die Gruppe. Im Oktober wird mit dem Band „Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik“ die erste Anthologie chinesischer Lyrik in Deutschland seit rund 20 Jahren erscheinen. Sie habe mehrere Ziele verfolgt, berichtete Herausgeberin Lea Schneider. Zum einen sollen in diesem Werk Gedichte von zeitgenössischen Autoren erscheinen, die noch nicht im deutschen Sprachraum präsent sind. Zum anderen wollte sie den Prozess des Übersetzens abbilden. Die Autoren habe sie auf Lesungen kennengelernt. Manche habe sie während ihrer Eigenrecherche gefunden, andere seien ihr durch Empfehlungen zugetragen worden.  „Der Band hat allerdings nicht den Anspruch, ein vollständiges Abbild der zeitgenössischen Lyrik in China zu vermitteln“, betonte Lea Schneider, die für „Invasion rückwärts“ 2014 mit dem Lyrikpreis der Stadt Dresden geehrt wurde.  Bei der Übersetzung verfolgte sie eine besondere Strategie: „Ich wollte stets den richtigen Sound des Textes finden.“

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Doch auch außerhalb des reichhaltigen wie erlebnisreichen Bloggertages begegnete ich Literatur und Kultur auf Schritt und Tritt: So auch während eines Besuches der Buchhandlung in Thaer im Stadtteil Schöneberg-Friedenau – Buchhändlerin Elvira Zellner-Hanemann, die das Geschäft gemeinsam mit ihrem Mann Walter Hanemann führt – kenne ich seit einigen Jahren. Bei Begegnungen, ob in Berlin oder zuletzt auch auf der Buchmesse Leipzig, sprechen wir natürlich vor allem über Bücher.  Zudem besuchte ich die aktuelle Ausstellung im Martin-Gropius-Bau mit Fotografien der legendären amerikanischen Fotografin Berenice Abbott (1898 – 1991). Für Freunde der Fotografie ist diese Schau ein Muss! Und dann trifft man in einer Großstadt wie Berlin auf unzählige Zitate an Wänden, dem Boden oder eben auch an der Wand des Hotelzimmers.

Weitere Berichte zum  Bloggertag gibt es auf „Literatur leuchtet“„Sounds & Books“, „masuko13“, „Herzpotenzial“, und „lustauflesen.de“.

Rückkehr – Alexander Ilitschewski „Der Perser“

„Es gibt keinen besseren Nährboden für die Phantasie als eine karge Realität.“

Für die geografische Suche nach einigen Ländern braucht es einen Atlas oder den Globus. Die Welt hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, Grenzen verlaufen anders, Staaten sind unabhängig geworden. Vor allem im Osten. Die Literatur spielt eine wichtige Rolle, Länder und ihre Historie darzustellen, bekannt zu machen. Der Amerikaner Anthony Marra und seine Bücher „Die niedrigen Himmel“ und „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ erzählen von Tschetschenien. Der mächtige Roman „Der Perser“ des Autors Alexander Ilitschewski rückt Aserbaidshan in den Mittelpunkt.

42499Das Buch erzählt viele Geschichten, allen voran jene von Ilja und Hasem. Sie wachsen auf in der Nähe von Baku auf der Insel Artjom. Damals zählte die Region am Kaspischen Meer zum großen Reich der Sowjetunion. Die beiden Jungen verbindet eine enge Freundschaft, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein können. Ilja ist Russe, Hasem stammt aus dem angrenzenden Iran, gemeinsam mit der Mutter war er nach dem Mord an seinem Vater während eines Pogroms über die Grenze geflohen. Ein Kinderbuch über einen Tulpenkönig gibt den beiden Jungen die Möglichkeit, in ihren Spielen auf Fantasie-Reisen zu gehen – in Zeit und Raum.  Während Ilja sich für die Naturwissenschaft, speziell die Geologie begeistert, widmet sich Hasem der Poesie und dem Theater. Ihre Wegen trennen sich indes, als Iljas‘ Familie die Sowjetunion in Richtung USA verlässt.  Nach 17 Jahren kehrt Ilja in die Heimat zurück, die nun den Namen Aserbaidshan trägt – als ruheloser Weltenbummler, Geologe und Erdölexperte, der auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens ist und seine deutschstämmige Ex-Frau Therese verfolgt und beschattet, die mit ihrem aktuellen Partner nach Baku gegangen ist und mit der er einen gemeinsamen Sohn hat. Auch seinen amerikanischen Freund Kerry, ein Abenteurer und Programmierer in den Diensten der Armee, hat es nach Aserbaidshan geschlagen. Denn dort wird das schwarze Gold in großen Mengen geborgen, was natürlich westliche Unternehmen anlockt, die sich vom Reichtum ein großes Stück versprechen.

„Der Perser“ erzählt deshalb auch die Geschichte der Ölindustrie des Landes. Bekannte Namen tauchen da sehr überraschend auf, die der Leser wohl kaum in einer Historie Aserbaidshans vermutet hättet. Alfred Nobel, schwedischer Chemiker und Erfinder des Dynamits, hat hier genauso gewirkt wie die bis heute legendäre jüdische Familie Rothschild. Sie zog es in die Region rund um Baku, jener Stadt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Paris des Ostens galt, zur selben Zeit wie San Francisco den Aufstieg erlebte. 1848 wurde die Stadt im Westen der USA durch Gold, Baku durch die erste Öl-Bohrung bekannt. Iljas Vater hat als Ingenieur auf den Bohrtürmen gearbeitet.

Im Laufe der Zeit ist das Land von Fremden besiedelt worden; ob wegen des schwarzen Goldes und wirtschaftlichen Interessen oder wegen Krieg und Vertreibung. Auch davon berichtet dieses Buch, das zahlreiche bedeutende Kapitel aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts in sich vereint und mit seiner unvergleichlichen Dichte an Informationen und erhellenden Zusammenhängen ungemein beeindruckt. Ein wichtiges Thema verbindet indes das 20. Jahrhundert mit der jüngsten Vergangenheit und aktuellen Entwicklungen: Durch die Nähe zum Iran trifft in Aserbaidshan Europa auf Asien, das Christentum auf den Islam, die Region ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Ethnien.

„Das Bedürfnis, das jeder irgendwann einmal den Flüssen seiner Heimat zur Mündung folgen und so ans Ende der Welt, den Eingang zur Ewigkeit gelangen will, wie eine gängige Hypothese lautete, war ihm, der Ockhams ‚Rasiermesser‘-Prinzip verfocht, als Begründung zu elaboriert. Plausibler schien ihm, dass diese Metaphysik sich aus dem bloßen Wunsch fortzugehen herleiten ließ. Sich dem Zugriff des Staates und seiner Gesetze entziehen  – in ein freies, sattes Leben.“

Die Rückkehr in die Heimat weckt in Ilja, der die Gabe hat, in die Tiefe hören zu können, nicht nur die Erinnerungen an die Kindheit, vor allem an die beiden charismatischen Mentoren Stoljarow und Stein. Er erlebt Hasem als Hüter des Naturparks Sirvan und als religiösen Führer einer Kommune, die sich nach dem russischen Dichter Chlebnikov, den Hasem sehr verehrt, benannt hat. Ilja, jedes Detail fotografierend, wird nicht nur Teil dieser Gruppe der sogenannten Heger, gemeinsam mit seinem Jugendfreund, der sich in die eindrucksvolle Steppen- und Berglandschaft zurückgezogen hat, Falken trainiert und verkauft sowie eine besondere Trappen-Art beschützt, führt er lange Gespräche: über Religion, Gott und das Paradies sowie Poesie, die Endlichkeit und den Sinn des Lebens. Auf das eingangs erwähnte Zitat und seine Varianten stößt man im Laufe der Lektüre im Übrigen mehrfach. So wie der Roman reich an Lebensläufen, Episoden und geschichtlichen Zusammenhängen ist, so vermittelt er zudem einen Schatz an Gedanken und Ideen. Hasem, der Biologie studiert hatte und sich damit wie Ilja der Wissenschaft verbunden fühlt, ist dabei keineswegs ein religöser Fanatiker, obwohl er als Derwisch Praktiken des Islams ausübt und pflegt. Vielmehr kritisiert er Glaubensregeln und -grundsätze verschiedener Religionen, was mit Argwohn betrachtet und bestraft wird, so wird auf Hasem ein Bannfluch gelegt, die Kommune als Sekte betrachtet. Mit der Ankunft saudisch-arabischer Scheichs, die im Naturpark rücksichtslos auf Falkenjagd gehen, nimmt das Ende des Naturparks und der Kommune ihren Lauf. Hasem erinnert sich dabei an eine frühere Begegnung mit Osama bin Laden, der nur der „Prinz“ genannt wird.

Der Roman berichtet von dramatischen Geschehnissen recht unvermittelt und beiläufig, so dass die Tragödien am Schluss den Leser wohl sehr schockieren und ergreifen. Der Hoffnung und der Utopie auf ein selbstbestimmtes Leben in der Natur, im Einklang mit eigenen Lebens- und Glaubensvorstellungen, wird ein gewalttätiges Ende gesetzt. Dieses vom sowohl Umfang als auch vom Inhalt mächtige Werk klappt man mit sehr viel Melancholie zu. Nicht nur des tragischen Schlusses wegen. Vielmehr geht eine bereichernde Lese-Erfahrung zu Ende, auf die man sehr selten trifft. „Der Perser“ ist ein monumentales Buch für all jene, die sowohl Herausforderungen, Entdeckungen und Überraschungen als auch Sprachkunst in ihrer höchsten Form lieben. Ohne Frage – die Lektüre benötigt Zeit, und dieses Werk hat es vor allem verdient, mehrmals gelesen zu werden. Zumal alle Verweise und Zusammenhänge wohl nicht sogleich verarbeitet werden können. Auch wird das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven, sehr detail-, personen und bildreich, gezeichnet von Ort- und Zeitwechsel, erzählt. Weitere Textformen wie Gedichte, Märchen und Bühnenstück werden in den Roman eingebettet. Es erinnert an einen großen prächtigen Teppich, in dem verschiedenen Formen und Farben zusammenwirken. Ein großer Respekt gilt neben dem Autor, der, aus Aserbaidshan stammend, nach Auslandsaufenthalten in Israel und den USA heute in Tel Aviv lebt, vor allem auch Übersetzer Andreas Tretner für seine herausragende Arbeit an diesem einzigartigen Mammut-Werk.

Weitere Blog-Besprechungen auf „Leseschatz“, „Muromez“ und „Bücherrezension“. Einen Eindruck der facettenreichen Welten des Romans vermittelt auch die Seite „Der Perser.Bilder eines Romans – Aus dem Arbeitsjournal des Übersetzers Andreas Tretner“.

 

Der Roman „Der Perser“ von Alexander Ilitschewski erschien im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Russischen Andreas Tretner; 750 Seiten, 36 Euro

 

 

Irrenhaus Europa – Pierre Drieu La Rochelle „Die Komödie von Charleroi“

„Und ich war mittendrin, verloren, mich verlierend, trunken vor Verlorenheit. Meine bürgerliche Person – vergessen.“

Wenn die Zeitzeugen nach und nach von uns gehen, fallen authentischen Zeugnissen und der Literatur eine größere Bedeutung zu. Sie erinnern, wenn es die Mahner nicht mehr gibt. Dies trifft wohl besonders auf die Zeit der beiden Weltkriege zu. Gerade in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Publikationen zugenommen, so scheint es; wohl auch mit Blick auf die Jahrestage in 2014 und 2015. Der Band „Die Komödie von Charleroi“ mit sechs Erzählungen des Franzosen Pierre Drieu La Rochelle reiht sich ein und ist zugleich herausragend.

„Irrenhaus Europa – Pierre Drieu La Rochelle „Die Komödie von Charleroi““ weiterlesen

Stunde Null – Hans Fallada „Der Alpdruck“

„Das Leben geht weiter – sie werden diese Zeit überleben, sie, die durch Gnade Übriggebliebenen, die Hinterbliebenen. Das Leben geht immer weiter, auch unter Ruinen.“ 

Ohne übertreiben und andere Autoren vergessen zu wollen, kann er zu den größten Chronisten der 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gezählt werden:  Hans Fallada (1893 – 1947). Mit der Neuausgabe und Urfassung seines letzten und 1947 erschienenen Romans „Jeder stirbt für sich allein“ und auch internationalen Erfolgen Jahrzehnte nach seinem Tod ist der Schriftsteller wieder verstärkt in das literarische Bewusstsein gekommen. Sein im selben Jahr veröffentlichtes Buch „Der Alpdruck“ erzählt von den Monaten nach Kriegsende und seine eigene persönliche Geschichte. „Stunde Null – Hans Fallada „Der Alpdruck““ weiterlesen