Kampf der Kulturen – Kim Leine "Ewigkeitsfjord"

„In diesem Land verstreicht die Zeit nur langsam, und die Jahre vergehen schnell. Dies ist ein Land, das viel nimmt, stimmt er zu. Mehr, als es gibt, erwidert sie.“

Sein Ziel ist das Land des Eises, auch wenn der legendäre Wikinger Erik der Rote der großen Insel hoch oben im Norden den Namen „grünes Land“ gegeben hat. Auf Grönland herrschen nicht nur die Kälte und die Dunkelheit in der langen Winterzeit. Die Sitten sind andere als in seiner Heimat Dänemark. Das wird dem angehenden Pfarrer und Sohn eines norwegischen Schulleiters Morten Falck schnell bewusst, als er nach einer mehrwöchigen strapaziösen Schifffahrt den Westen der Insel erreicht. Doch es sind nicht die rauen Sitten der Ureinwohner Grönlands, die den jungen Missionar bei seiner Ankunft erschüttern. Vielmehr wird in den kommenden Jahren der Geistliche, der eigentlich den Beruf eines Mediziners erlernen wollte, mit den unmenschlichen Verhalten der dänischen Kolonialherren gegenüber den Ureinwohnern konfrontiert. Kampf der Kulturen – Kim Leine "Ewigkeitsfjord" weiterlesen

Der Eroberer – Hans Fallada "Ein Mann will nach oben"

„Es ist nur, Rieke“, sagte der Junge, „es ist alles so viel, alle diese Häuser, und alles Stein, und keiner weiß von uns …“

Er ist wieder zurück. Gut, er war nie wirklich weg, nur scheinbar abgetaucht. Jetzt füllt er wieder die Regale in den Buchläden und jene der Literaturfreunde. Mit dem Erfolg seines letzten Romans „Jeder stirbt für sich allein“, vor allem auch außerhalb seiner deutschen Heimat, ist Hans Fallada wieder im Gespräch. Der Aufbau-Verlag brachte 2011 jenen letzten Band des im Jahr 1893 als Rudolf Dietzel in Greifswald geborenen Autors in einer ungekürzten Neuerscheinung heraus. Weitere folgten, so auch der Roman „Ein Mann will nach oben“. Der Eroberer – Hans Fallada "Ein Mann will nach oben" weiterlesen

Vier Jahre Grauen – Peter Englund "Schönheit und Schrecken"

„Dies ist der Krieg. Nicht die Gefahr zu sterben, nicht das rote Feuerwerk der Granaten, die blind machen, wenn sie mit einem Heulen herunterkommen und einschlagen, sondern das Gefühl, eine Marionette in den Händen eines unbekannten Puppenspielers zu sein (…).“

Der Jubel ist größer als die Skepsis und die Furcht zusammen. Europa taumelt mit unbändiger Freude in einen Krieg, der Städte und Staaten, ganze Kontinente mit sich reißen wird. 100 Jahre sind vergangen seit Beginn des Ersten Weltkrieges. Und unter den zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema leuchtet ein besonderes Buch heraus. Es lässt sich schwer in normale literarische Kategorien einordnen, ist nicht nur Chronik und Sachbuch, sondern Tagebuch und Roman zugleich. In seinem Band „Schönheit und Schrecken“ nimmt der Schwede Peter Englund den Leser mit in jene Zeit und macht ihn vertraut mit 19 unterschiedlichen Menschen, die es wirklich gegeben hat. Vier Jahre Grauen – Peter Englund "Schönheit und Schrecken" weiterlesen

Das Jahrhundert der Wölfe – Robert Littell "Das Stalin-Epigramm"

„Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr, 
Wir reden, dass uns auf zehn Schritte keiner hört, (…).“

Die Jahre des Erfolgs und des Ruhms gehören der Vergangenheit an. Sein Name wird nur noch geflüstert, das Wissen um seine Dichtkunst negiert. Einst war er ein gefeierter Poet, nun ist er ein Verfolgter. Seine systemkritischen Werke bringen Ossip Mandelstam an den Rand der Gesellschaft und in das Visier der Geheimpolizei. Stalins Schatten hat das Land überzogen. Es herrschen Angst und Hunger. Die Verhaftungen und Zwangsdeportationen sowie die Nöte der Bauern angesichts der Zwangskollektivierungen treibt den Dichter um. Mit seiner Waffe, dem Wort, will er ein Zeichen setzen. Und scheitert – wie viele, ob Kritiker oder Mitläufer des Systems. Das Jahrhundert der Wölfe – Robert Littell "Das Stalin-Epigramm" weiterlesen

Napoleons Niedergang – Stekovics-Verlag mit Prachtband

Was sie sich wohl sagen würden, sich zu erzählen hätten, wenn sie aufeinandertreffen würden? Im zeitlichen Raum trennen  Wallenstein, Gustav II. Adolf und Napoleon 170 Jahre. Von der räumlichen Dimension jedoch gesehen, haben sie nahezu auf gleichem Boden gekämpft. Im Jahr 1634 stirbt während der Schlacht bei Lützen Wallensteins Widersacher,  Schwedenkönig Gustav II. Adolf,  der „kleine“ Franzose erringt  bei Großgörschen einen Sieg, bevor seine Truppen    bei Leipzig die entscheidende Niederlage hinnehmen müssen.  In der Gegenwart kommen  die drei großen Heerführer  nun doch auf besondere Weise zusammen – im Buchregal. Napoleons Niedergang – Stekovics-Verlag mit Prachtband weiterlesen

Drei Freunde – Ljudmila Ulitzkaja "Das grüne Zelt"

Ilja, Sanja und Micha leben in gefährlichen Zeiten, an einem gefährlichen Ort. Man schreibt die Mitte des 20 Jahrhunderts. Der große vaterländische Krieg wurde gewonnen, doch auch nach Stalins Tod haben die russische Diktatur und ihr Netz aus Geheimdienst und Partei nicht an Schrecken verloren. Die Menschen leben in Angst vor Verrat, vor einer Verbannung, den Lagern in Sibirien. Nur die Literatur und  die Werke der großen Namen wie Puschkin und Pasternak helfen den drei Jugendlichen über die schwierigen Jahren. Drei Freunde – Ljudmila Ulitzkaja "Das grüne Zelt" weiterlesen

Leben in Farben – Margriet de Moor "Der Maler und das Mädchen"

„Jeder Mensch trägt die künftigen Fakten seines Lebens vom ersten Atemzug an in sich.“ 

Die beste Zeit des Malers liegt hinter ihm. Zwar wird er noch immer respektiert, aber nach dem wirtschaftlichen Ruin und dem Tod seiner geliebten zweiten Frau lebt er zurückgezogen und sinnt der vergangenen Zeit hinterher, den Erfolgen und den Niederlagen, den Erlebnissen voller Glück und den Verlusten. Jahrhunderte später wird er als einer der bedeutendsten Maler, nicht nur seiner Epoche, gelten. Leben in Farben – Margriet de Moor "Der Maler und das Mädchen" weiterlesen

Das Jahr am Südhang der Geschichte – Florian Illies "1913"

Mit einem Schuss aus dem Revolver begrüßt der zwölfjährige Louis Armstrong das neue Jahr 1913. Die Polizei befördert ihn daraufhin in die Besserungsanstalt. Schlimm möchte man meinen. Doch der kleine Louis bekommt dort eine Trompete in die Hand gedrückt. What a wonderful world. A star is born. Arthur Schnitzler ist es in jenem Jahr schon, seine erotischen Werke machen von sich reden. Am Nachmittag des Silvestertages liest er Ricarda Huchs „Der große Krieg in Deutschland“. Ein Prophezeiung! Das Jahr am Südhang der Geschichte – Florian Illies "1913" weiterlesen

Es war einmal Krieg – Denis Johnson "Ein gerader Rauch"

„Unmöglich, sich einen Reim auf die Welt zu machen, indem man alles hinterfragt und noch im Traum Zweifel hegt.“ 

 Sie sind gestrandet in der Hölle: der Gefreite James Houston und der CIA-Agent Skip Sands. Gemeinsam kämpfen sie in Vietnam, jeder an unterschiedlichen Fronten. Der eine direkt im Dschungel als „Tunnelratte“, der andere in den Abgründen des Geheimdienstes. Während sich der eine durch Drogen und Sex betäubt, lebt der andere zurückgezogen in einem Landhaus abseits der Kämpfe, um die geheime Kartei seines Onkels zu pflegen, einem hochrangigen und gefürchteten Colonel. Der plant großes: eine geheime Übung in psychologischer Kriegsführung mit dem Titel „Ein gerader Rauch“.
Es war einmal Krieg – Denis Johnson "Ein gerader Rauch" weiterlesen

Endlose Eiszeit – Dan Simmons "Terror"

„Die Temperatur beträgt minus fünfundvierzig Grad und fällt noch immer.“ 

An einem Maitag im Jahr 1845 beginnt für die mehr als 130 Besatzungsmitglieder der „Terror“ und „Erebus“ die Eiszeit. Die stolzen und modernsten Schiffe ihrer Zeit der Royal Navy stechen in See. Ihr Ziel unter dem Kommando von Sir John Franklin: die legendäre Nordwestpassage, die hoch im Norden Amerikas Atlantik und Pazifik verbindet. Doch was als erfolgversprechende Expedition mit erfahrenen Seeleuten an der Spitze beginnt, endet in einer Tragödie.  Endlose Eiszeit – Dan Simmons "Terror" weiterlesen

Maler auf Abwegen – Carsten Jensen "Rasmussens letzte Reise"

„Man kann sich für neue Wege entscheiden. Aber man kann sich nicht entscheiden, sich inspirieren zu lassen.“ 

Noch einmal setzt er seinen Fuß auf ein Schiff gen Norden. Zwanzig Jahre nach seiner ersten Grönlandreise wagt Carl Rasmussen erneut die Tour ins ewige Eis. Diesmal auf der „Peru“, diesmal als erfahrener Marinemaler. Zurückbleiben seine Frau Anna Egidia und die acht Kinder, das kleinste: Klara mit vier Jahren. Man schreibt das Jahr 1893. Noch einmal will Rasmussen die Kraft des Eises und der weiten Landschaft spüren, noch einmal seinem Leben eine Wende geben, wie vor 20 Jahren. Damals kam er mit Werken zurück, die seinen Ruf als bedeutender Kunstmaler bekräftigt haben.Während Künstlerkollegen den Süden als Inspirationsquelle suchten, ging Rasmussen schon damals einen anderen Weg. Wie eigentlich sein ganzes Leben lang, dem sich der Däne Carsten Jensen in seinem Roman „Rasmussens letzte Reise“ widmet. Maler auf Abwegen – Carsten Jensen "Rasmussens letzte Reise" weiterlesen

Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann"

„Einmal in diesem Wasser muss man schwimmen und schwimmen, bis man untergeht.“

Sein Leben war Flucht und Streben zugleich. Er flüchtete vor dem Schatten seines Vaters und vor einer gewalttätigen Diktatur. Er strebte, vielleicht auch unbewusst, den Namen Mann gerecht zu werden. Trotz jener Hassliebe zu seiner Familie, die ihn prägte, in der er jedoch wenig Liebe und Anerkennung erfuhr. Golo Mann ist nicht nur dem riesigen Namen gerecht geworden. Er hat als Historiker, Journalist und Literat Respekt und große Anerkennung erworben – vielleicht wie keins der sechs Kinder von Katia und Thomas Mann. Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann" weiterlesen

Mammutwerk über großen Feldherrn

Für Alfred Döblin ist Lützen eine Marginalie. In seinem historischen Roman „Wallenstein“ nimmt die große Schlacht im Jahr 1632 nur wenige Zeilen ein. „Vom nebligen Herbstmorgen bis zum Abend acht Stunden zerhieben sich die Heere zwischen dem dünnen Mühlgraben und Floßgraben bei Markranstädt und Lützen (….). Am Abend und in der Nacht standen die beiden Heere noch auf dem Feld und rissen aneinander. Tot war Gustav Adolf und Tausende aus allen Regimentern der Schweden und der Kaiserlichen“, schreibt Döblin in seinem 1920 erschienenen Werk. Doch Literatur nimmt sich bekanntlich die Freiheit zu verknappen, Kontraste anders zu setzen. Mammutwerk über großen Feldherrn weiterlesen

Der tragische Tod eines Sportlers – Josef Haslinger "Jáchymov"

„Das Erinnern gehört zu uns lebenden Menschen. Das, was wir mit Erinnerung meinen, gibt es nur hier auf dieser Welt.“

Das Leben hält Begegnungen bereit, die nur das Schicksal knüpfen kann. Manchmal ist das so. Rein faktische Erklärungsversuche gibt es nicht. In der Literatur finden wir solche Aufeinandertreffen zuhauf. Klar, Literatur ist Fiktion, das riesige Feld für Denkspiele nach dem Motto „was wäre wenn“, ein kunstvolles Vermischen von Orten, Zeiten und Personen. Aber vielleicht hätte es diese Begegnung zwischen einem Verleger und der Tochter eines tschechischen Eishockeystars wirklich gegeben, die Josef Haslinger in seinem neuesten Roman „Jáchymov“ Raum gibt. Der tragische Tod eines Sportlers – Josef Haslinger "Jáchymov" weiterlesen