Stadtleben – Nellja Veremej „Berlin liegt im Osten“

„Wie fühlt es sich an, wenn die Welt, in die du geboren wurdest, wie eine Nussschale mit dir zusammen wächst, kränkelt, reift, altert?

Zwischen ihrer Heimat am Kaukasus und Berlin liegen Tausende von Kilometern, einige Jahre sowie unerfüllte Hoffnungen und Wünsche.  Lena hat Sprachwissenschaft studiert und arbeitet in Deutschland für einen Pflegedienst. Ihre Kollegen – eine Art proletarische Internationale – stammen aus aller Herren Länder und verschiedenen anderen Professionen. Ihre große Liebe zu ihrem Mann Schura, mit dem sie in der Zeit des politischen Umbruches nach Deutschland gekommen war, ist mittlerweile erloschen. Sie und die gemeinsame Tochter Marina sind Überreste einer kleinen Familie, die nahe dem Alexanderplatz wohnen. Ihre täglichen Wege führen Lena in die Tiefen der Großstadt und die Wohnungen der Klienten, die interessante Lebensgeschichten erzählen können. „Stadtleben – Nellja Veremej „Berlin liegt im Osten““ weiterlesen →

Traummann – Roald Dahl „Sophiechen und der Riese“

„Die Träume sind voller Geheimnisse und Zauberwundernisse.“

Selbst ein Riese kann unter Giganten ein Winzling sein. Wenn er gerade mal acht Meter groß ist und die anderen mehr als 13 Meter in die Höhe ragen. GuRie ist ein Außenseiter im Reich der Riesen. Nicht nur, dass er mit scheußlich schmeckenden Kotzgurken vorlieb nimmt, während seine weit größeren und unkultivierten Zeitgenossen weltweit auf Menschenjagd gehen und genüsslich „Leberwesen“ verspeisen. Er sammelt zudem Träume, um sie im Schutz der Dunkelheit den Menschen zu bringen. In einer Nacht entdeckt er schließlich Sophiechen, ein Waisenkind, und kidnappt sie. Das Abenteuer kann beginnen – das sowohl kleine als auch große Leser begeistern wird.  „Traummann – Roald Dahl „Sophiechen und der Riese““ weiterlesen →

Vater und Sohn – Gerbrand Bakker „Oben ist es still“

„Wenn man etwas nicht anders kennt, weiß man nicht, was einem fehlt.“

Helmer van Wonderen ist kein Freund von Veränderungen. Doch von einen Tag auf den nächsten  krempelt der Bauer das Haus um. Vor allem sein kranker und bettlägriger Vater trifft es schwer. Denn er findet sich in einem Zimmer im Obergeschoss unter dem Dach wieder – samt all jener Erinnerungen an das bescheidene Familienleben. Helmer zieht hingegen nach unten und verändert die dortigen Räume von Grund auf. Die Wände werden gestrichen, neue Möbel gekauft. Für Krimskrams und schmückendes Beiwerk ist kein Platz mehr. Doch die Veränderungen im Hause sind nicht die einzigen, die das Leben von Vater und Sohn beeinflussen werden. Eines Tages meldet sich eine Frau aus der Vergangenheit und sorgt im Leben der Männer, die im Debütroman „Oben ist es still“ des Niederländers Gerbrand Bakker im Mittelpunkt stehen, für weitere Turbulenzen. „Vater und Sohn – Gerbrand Bakker „Oben ist es still““ weiterlesen →

Die junge Frau und das Meer – Amy Sackville „Reise nach Orkney“

„Wenn sie früher erzählte, sie habe vom Meer geträumt, dachte ich an paradiesische Unterbewusstseinswelten; hat erst die räumliche Nähe zum Meer die schlafenden Monster geweckt?“

Sie erscheinen per se nicht als das klassische Urlaubsziel, geschweige denn als Paradies für einzigartige Flitterwochen. Dafür sind die Orkney-Inseln mit ihren rund 70 größeren und kleineren Eilanden und gerade mal 20.000 Einwohnern, nordöstlich der schottischen Küste gelegen,  zu weit nördlich, zu karg, zu zerklüftet. Hier bläst meist ein rauer Wind und keine warme Südsee-Brise. Trotzdem reisen Richard und seine jüngere Frau kurz nach der Hochzeit auf das Archipel und zu einer kälteren Jahreszeit, wo das Licht reduziert ist, die Tage kürzer sind. Doch ihre Flitterwochen bringen sie jedoch nicht näher zusammen. Vielmehr wird sich der alternde Literaturprofessor der Unterschiede bewusst. Er ist ihr Mentor, sie die nahezu 40 Jahre jüngere Lieblingsstudentin – und damit sind schon die wichtigsten Protagonisten im neuen Roman „Reise nach Orkney“ der englischen Autorin Amy Sackville benannt.

Reise nach Orkney von Amy SackvilleWährend er an seinem neuen Band über Märchen des 19. Jahrhunderts schreibt, vertreibt sie sich die Zeit am Meer; mit langen Spaziergängen oder auch nur die Weite aus Wellen, Himmel und Horizont versunken. Egal ob es regnet oder stürmt. Das Meer scheint sie zu fesseln, eine unvergleichliche Anziehungskraft auf sie auszuüben. In der Nacht wird sie von Albträumen heimgesucht. Aus der anfänglichen Idylle, der Vorfreude auf die gemeinsame Zeit füllen sich vor allem für Richard die Stunden und Tage mit Sorgen und Zweifeln. Er fühlt sein Alter mehr denn je, im Gegensatz zur frischen Jugend seiner Frau, und sinnt über die Vergänglichkeit nach. Eifersucht entsteht, wenn sie, die auch schon mal für die Tochter Richards gehalten wird, anderen Männern  begegnet. Außerdem verschwindet sie ab und an aus dem Blickfeld ihres Mannes, der sie aus dem Fenster des kleinen Stein-Hauses ganz genau beobachtet, regelrecht observiert. Gedanklich beginnt er, die Beziehung auf ihre Beständigkeit abzutasten, obwohl die Einsamkeit und die Abgeschiedenheit der kargen Insel sie als Paar eigentlich weiter zusammenführen könnte und sie sich in der kleinen Inselkirche erneut das Ja-Wort gegeben haben. Eine psychologische Spannung entsteht, die im tragischen Ende ihren Höhepunkt erfährt und diesen großartigen Roman auszeichnet.

Es braucht nur wenige Tage, in denen Richard das Gefühl hat, seine Frau entgleitet ihm, sie wird zu einem Phantom. Aus Nähe wird Distanz, eine gereizte Stimmung entsteht, leise Erschütterungen erfassen die noch junge Beziehung; sie nennt ihn spöttisch „Professor“ und „Sigmund“, er sie viel liebevoller „Undine“ oder „Lamia“ – nach dem jungfräulichen Wassergeist beziehungsweise der Tochter des griechischen Meeresgottes Poseidon. Die griechische Mythologie, Märchen und bekannte Naturgestalten wie die Meerjungfrau bilden den mystischen Hintergrund des Romans, während poetische Naturbeschreibungen eine eindrucksvolle Kulisse schaffen. In einzigartiger Weise erfasst die Autorin die Elemente, ob Luft, Licht und Wasser, und beschreibt die Kargheit des Landes in immer neuen Variationen und feinen Farbabstufungen. Das auf wenige Tage begrenzte Geschehen und die extreme nördliche Landschaft wird durch Richard als intensiver Beobachter und Erzähler erfasst, der auch  in die Vergangenheit zurückblickt, von der ersten Begegnung mit seiner späteren Frau – sie taucht klatschnass im Literatur-Seminar auf – über die späteren Annäherungsversuche und erotischen Erlebnisse. Die Körperlichkeit, Berührungen sowie die physischen Unterschiede zwischen den Partnern spielen in vielen Szenen dieses faszinierenden Kammerspiels eine bedeutende Rolle. Auch die Geschichte der jungen Frau und der Grund für das besondere Reiseziel wird durch Richard erzählt: dass sie auf Orkney geboren wurde, ihr Vater eines Tages die Familie verlassen hat. Der Verlust und die Schmerzen haben sich tief in die Frau eingegraben, dessen ist sich Richard bewusst, der nichts tun kann, so dass sie sich immer weiter von ihm entfernt.

„Sie spreizt die Hände und hebt das Gesicht, damit das Wasser auf und um sie strömt, und ich frage mich, ob sie sich auflösen wird und ob, falls es so weit käme, ich oder sonst irgendwer glauben würde, dass sie je gelebt hat.“

Sackville, Jahrgang 1981 und bereits mehrfach preisgekrönt, zählt in Großbritannien zu den großen literarischen Stimmen einer jüngeren Generation. Für ihren Debüt-Roman „Ruhepol“ , in dem im Übrigen der Norden ebenfalls eine Hauptrolle erhält, wurde sie mit dem John Llewellyn Rhys Prize ausgezeichnet, dem Literaturpreis für den besten Roman des Jahres von jungen Autoren unter 35. Ihr neuestes bilderreiches und ungemein poetisches Werk nimmt den Leser nicht nur mit auf ein nördliches Eiland. Es lässt ihn zu einem Zeugen einer ungewöhnlichen Liebe und der Beziehung eines ungleichen Paares werden. Dass das Geschehen nur aus der Sicht des Mannes beschrieben wird, wird sicherlich auch für Leserinnen faszinierend sein. Wem das tiefsinnige Porträt jener Partnerschaft weniger interessiert, wird allein schon an der feinen Sprachkunst der Autorin und den grandiosen Naturbeschreibungen seine große Freude haben. Weiße Flecken innerhalb des Geschehens, in denen nicht alles aufgeklärt und beschrieben wird, fordern heraus, sich mit der Geschichte von Richard und seiner Frau zu widmen. Zusammen ergeben diese Vorzüge einen Roman der Meisterklasse, der die Vorfreude auf kommende Werke der Engländerin  weckt.

Der Roman „Reise nach Orkney“ von Amy Sackville erschien bei Luchterhand, in der Übersetzung aus dem Englischen von Eva Bonné; 256 Seiten, 19,99 Euro

 

Scheinwelt – Oliver Hilmes „Berlin 1936“

„Das sind also die Männer, die sich anmaßen, die Existenzen zahlloser Menschen zu zerstören?“

Der Monat August beginnt. Die Menschen sind in Vorfreude. Die ganze Welt blickt auf die Stadt. Es könnten unbeschwerte und lebendige Olympische Spiele werden, bei denen sich Sportler aus aller Herren Länder im fairen Wettstreit messen können. Doch man schreibt das Jahr 1936, die Stadt trägt den Namen Berlin, die Nationalsozialisten haben seit mehr als drei Jahren das Dritte Reich im festen und unerbittlichen Griff. Der Führer Adolf Hitler und seine oberste Riege wissen, die Spiele für ihre Zwecke zu missbrauchen, eine glanzvolle Scheinwelt zu inszenieren.

Berlin 1936 von Oliver Hilmes
Berlin 1936 von Oliver Hilmes

In seinem Band „Berlin 1936. 16 Tage im August“ entwirft Autor Oliver Hilmes ein lebendiges und facettenreiches Bild dieses sportlichen Großereignisses und der pulsierenden Hauptstadt. Er führt an verschiedene Orte, erzählt von verschiedenen Personen – von sowohl „Normalsterblichen“ als auch prominenten Köpfen. Die meisten der realen Protagonisten verfolgt Hilmes wie an einem roten Faden über längere Zeit: da sind unter anderem der amerikanische Autor Thomas Wolfe und sein deutscher Verleger Ernst Rowohlt, da ist die jüdische Dichterin Mascha Kaléko und Leon Henri Dajou, der Besitzer der Kult-Bar „Quartier Latin“. Manche tauchen indes nur kurz, nahezu schlaglichtartig auf. Viele dieser Schicksale ergreifen und zeigen das wahre Gesicht des Regimes, das unter der inszenierten Scheinwelt nahezu verborgen bleibt. Da werden Sinti und Roma verschleppt und in ein Lager im Stadtteil Marzahn inhaftiert, Homosexuelle, Juden und Andersdenkende verfolgt, die Gesetze systematisch verschärft, die Denunzierung erlebt Hochkonjunktur. Viele dieser grausamen Ereignisse finden im Hintergrund statt, nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die von diesem sportlichen wie medialen Ereignis ge- und verblendet wird. Nur wenige schauen hinter die Maske der heuchlerischen Fratze der Nationalsozialisten. Die Medien sind gleichgeschaltet, die Reichspressekonferenz gibt konkrete Anweisungen an die Medien heraus. Das junge Medium Fernsehen erlebt seine Bewährungsprobe. Die Welt staunt ob des Ausmaßes und der schier gigantischen Organisationsmaschinerie. Es sind Massen, die in das Olympia-Stadion strömen, an Aufmärschen teilnehmen.  Doch da gibt es noch eine andere Welt abseits des gleichgeschalteten Reiches: die Bars und Kneipen, in denen sich nicht nur Intellektuelle und Promis aller couleur treffen, sondern in denen auch das normale Volk begrüßt wird. Im Club „Nobel“, in der Sherbini-Bar und im Quartier Latin findet sich allabendlich eine illustre  Gästeschar ein – zu einem Glas Wein oder Whisky, zur verpönten Swing-Musik bekannter Kapellen.

„Tom realisiert, dass die Nationalsozialisten alle hassen, die anders sind als sie. Ihm wird klar, dass sie dieses Land, das Tom so sehr liebt, schleichend mit ihrem Gift durchsetzen, dass sie es zerstören wollen: ‚Es war eine Seuche des Geistes – unsichtbar, aber unverkennbar, wie der Tod.'“

Hilmes gelingt es, mit zahlreichen Fakten aus seiner sehr intensiven Quellen-Recherche zu informieren und zu überraschen sowie unterhaltsam zu erzählen – oft mit einem herrlich augenzwinkernden Humor. Als einen herben, ja düsteren Kontrast lässt er beim Leser ein Gefühl der Beklemmung entstehen angesichts jener Vielzahl an Schicksalen und Menschen, die unter der braunen Diktatur leiden, deren Leben nicht nur auf den Kopf gestellt wird, sondern schlichtweg in großer Gefahr ist. Kleine kurze Andeutungen weisen in die Zukunft der jeweiligen Personen voraus, von denen letztlich in einem abschließenden Abschnitt mit dem Titel „Was wurde aus…“ erzählt wird. Mit oft traurigen Erkenntnissen, wie zum Beispiel zum Schicksal des deutschen Weitspringers Carl Ludwig „Luz“ Long,  der mit seinem Konkurrenten, dem mehrfachen Olympiasieger und amerikanischen Leichtathletik-Star Jesse Owens, Freundschaft schließt. Unter dem leuchtenden Spektakel taucht der dunkle Abgrund auf; das beweist nicht nur die hohe Selbstmordrate in jenen Wochen, sondern auch jene „geheimnisvolle Reisegesellschaft“, die sich von Deutschland aus auf den Weg nach Spanien macht. Es sollen nur noch drei Jahre vergehen, bis der große Krieg ausbricht. Der Bürgerkrieg im Süden Europas ist dessen Prolog.

In Hilmes‘ unvergleichlich lebendigem Porträt jener 16 Tage im August finden sich nahe sämtliche gesellschaftlichen Bereiche wieder: Sport und Kultur, die Bühne der Diplomatie genauso wie die große Politik. Der Autor, der sich in früheren Werken unter anderem mit den Biografien von Cosima Wagner, Franz Liszt und Bayern-König Ludwig II. beschäftigt hat, stellt sowohl die Nazi-Größen mit ihrem fanatischen Machtstreben und Rassen-Wahn als auch jene Diplomaten westlicher Nationen sowie Vertreter des olympischen Komitees bloß, die anstatt kritisch Stellung zum Rassismus und Antisemitismus im Dritten Reich zu beziehen, vielmehr wegschauen und kuschen. „Berlin 1936“ ist ein bemerkenswerter Band, der, angereichert mit kleinen und großen Geschichten und mit Original-Zeitdokumenten, den Leser über die Lektüre hinaus weiter beschäftigt und kräftig nachhallt.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „54books“ und „Seitenauslinie“.

Der Band „Berlin 1936. 16 Tage im August“ von Oliver Hilmes erschien im Siedler-Verlag; 304 Seiten, 19,99 Euro

 

Von Kreuzberg bis Prenzlauer Berg – Literarische Tour durch Berlin

Am Morgen fällt mein Blick auf die Wand meines Hotelzimmers. In großen geschwungenen Lettern steht ein Zitat aus dem Märchen „Hans im Glück“ geschrieben: „Hans ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine Augen leuchteten vor Freude, ich muss in einer Glückshaut geboren sein, rief er aus.“ In der Lounge grüßen mich am Frühstücksbüfett schließlich Worte aus „Tischlein deck ich“. Rundum literarisch gestaltete sich mein Wochenende in Berlin, nicht nur mit der Auswahl meiner Herberge für zwei Nächte, dem Grimms Hotel in der Alten Jakobsstraße. Die Agentur Kirchner Kommunikation hatte zum Bloggertag „Spreepartie“ geladen.  Und alles begann in den Räumen der Agentur in der Gneisenaustraße im Stadtteil Kreuzberg.  Tatjana Kirchner, Stephanie Haerdle, Judith Polte, Judith Tings und Katrin Ritte begrüßten mit Jochen Kienbaum („lustauflesen.de“), Marina Büttner („literaturleuchtet“), Gérard Otremba („Sounds & Books“), Mareike Dietzel („Herzpotenzial“), Jacqueline Masuck („masuko13“) und Elina Penner („Schnitzel & Schminke“) sechs weitere Blogger.

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Vier Stationen, vier Neuerscheinungen aus vier Verlagen standen auf dem abwechslungsreichen Programm. Den Anfang machte die Leipziger Illustratorin Christina Röckl. Die Absolventin der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale im Fach Illustration hatte nicht nur ihr Notebook und Fotos mitgebracht, um über ihr aktuelles Projekt, die Gestaltung des Buches „Liegender Akt“ von Nathalie Chaix (Kunstanstifter Verlag, Oktober 2016), zu sprechen. In Papier umhüllt war eines ihrer Arbeiten, die sie, wie sie erzählte, mit Farbe auf Holzplatten bringt. Die Auseinandersetzung mit der Lebens- und Liebesgeschichte des Künstlers Nicolas de Staël (1914-1955)  sei sehr intensiv, wie Christina Röckl erzählte. So besuchte sie die Lebensstationen des französischen Malers, sprach mit der Autorin und mit Übersetzerin Lydia Dimitrow. „Für jedes Kapitel führe ich ein Heft. Ich erstelle Skizzen und Listen, versuche, die Struktur zu erfassen“, sagte die Leipzigerin, die mit der Gestaltung des Bandes „Und dann platzt der Kopf“ – er wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis gewürdigt – ihr Studium abschloss und gleichzeitig ihr Debüt beging. Christina Röckl zeichnet nicht nur verantwortlich für die Illustrationen des kommenden Bandes, sie übernimmt vielmehr die komplette Gestaltung des Werkes – von der Auswahl der Typografie über Format und Papier. „Es ist mir wichtig, alles zu konzipieren“, bemerkte sie.

Mit U- und S-Bahn ging es schließlich in die Kantstraße 76 im Stadtteil Charlottenburg; in eine besondere Buchhandlung. „Hedayat“ ist die größte persische Buchhandlung in Europa. Die Tische sind übersät mit Büchern, hoch ragen hier die Regale auf. Zwischendrin ein Stuhl, ein Sessel, um gemütlich Platz zu nehmen. Abbas Maroufi und seine Tochter begrüßten ihre Gäste. Der Iraner lebt seit nunmehr 1996 in Deutschland. Er war mit Hilfe des Deutschen PEN-Verbandes aus seinem Heimatland geflohen, nachdem er wegen „Beleidigung der islamischen Grundwerte“ verurteilt wurde. Maroufi berichtete von der aktuellen Lage in seinem Heimatland, seiner Arbeit, die weit über das Schaffen als Autor, Buchhändler und Verleger reicht: Der 59-Jährige unterrichtet in Online-Kursen zu verschiedenen literarischen Themen. „In Deutschland habe ich viel gelernt, die deutsche Literatur hat mich sehr geprägt“, sagte er. Gemeinsam mit Lisa Schöttler, Lektorin der Edition Büchergilde, sprach er zudem über seinen künftigen Roman: „Fereydun hatte drei Söhne“ (Edition Büchergilde, Oktober 2016).  Am Beispiel von vier Brüdern erzählt Maroufi darin von unterschiedlichsten politischen Wegen, die bis nach Deutschland und bis in den Tod führen.

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Der Berenberg Verlag in der Sophienstraße in Berlin-Mitte bildete die dritte Station. Im Mittelpunkt stand diesmal ein literarisches Sachbuch, das von Lektorin Beatrice Faßbender und Autorin Bettina Baltschev vorgestellt wurde. Mit „Hölle und Paradies“ erscheint im September ein Band, der sich der Geschichte des renommierten Amsterdamer Querido-Verlages beschäftigt. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933, der Bücherverbrennung sowie des Verbotes namhafter Autoren wie Irmgard Keun, Arnold Zweig, Joseph Roth, Anna Seghers und Klaus Mann bekamen die Werke der ins Exil gegangenen Schriftsteller in diesem Verlag ein neues Zuhause. Die Autorin und MDR-Redakteurin ist schon seit Jahren in Amsterdam heimisch. Für ihre intensive Recherche suchte sie  nicht nur Schauplätze auf. Sie studierte zudem Quellen und führte Gespräche. Besonders die Biografie des Verlegers Emanuel Querido (1871–1943) habe sie fasziniert, wie Bettina Baltschev erzählte: „Je mehr ich über ihn erfahren habe, desto wichtiger wurde mir die Geschichte.“ Für deutsche Leser werde es so manche Überraschung geben, versprach die Autorin. Lektorin Beatrice Faßbender stellte zudem in Aussicht: „Das Buch überzeugt durch seine Lebhaftigkeit.“

Den besonderen Abschluss bildete am frühen Abend das Verlagshaus Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg. Ein Trio – die beiden Verleger Andrea Schmidt und Dominik Zille sowie Lyrikerin, Übersetzerin und Sinologin Lea Schneider – begrüßte die Gruppe. Im Oktober wird mit dem Band „Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik“ die erste Anthologie chinesischer Lyrik in Deutschland seit rund 20 Jahren erscheinen. Sie habe mehrere Ziele verfolgt, berichtete Herausgeberin Lea Schneider. Zum einen sollen in diesem Werk Gedichte von zeitgenössischen Autoren erscheinen, die noch nicht im deutschen Sprachraum präsent sind. Zum anderen wollte sie den Prozess des Übersetzens abbilden. Die Autoren habe sie auf Lesungen kennengelernt. Manche habe sie während ihrer Eigenrecherche gefunden, andere seien ihr durch Empfehlungen zugetragen worden.  „Der Band hat allerdings nicht den Anspruch, ein vollständiges Abbild der zeitgenössischen Lyrik in China zu vermitteln“, betonte Lea Schneider, die für „Invasion rückwärts“ 2014 mit dem Lyrikpreis der Stadt Dresden geehrt wurde.  Bei der Übersetzung verfolgte sie eine besondere Strategie: „Ich wollte stets den richtigen Sound des Textes finden.“

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Doch auch außerhalb des reichhaltigen wie erlebnisreichen Bloggertages begegnete ich Literatur und Kultur auf Schritt und Tritt: So auch während eines Besuches der Buchhandlung in Thaer im Stadtteil Schöneberg-Friedenau – Buchhändlerin Elvira Zellner-Hanemann, die das Geschäft gemeinsam mit ihrem Mann Walter Hanemann führt – kenne ich seit einigen Jahren. Bei Begegnungen, ob in Berlin oder zuletzt auch auf der Buchmesse Leipzig, sprechen wir natürlich vor allem über Bücher.  Zudem besuchte ich die aktuelle Ausstellung im Martin-Gropius-Bau mit Fotografien der legendären amerikanischen Fotografin Berenice Abbott (1898 – 1991). Für Freunde der Fotografie ist diese Schau ein Muss! Und dann trifft man in einer Großstadt wie Berlin auf unzählige Zitate an Wänden, dem Boden oder eben auch an der Wand des Hotelzimmers.

Weitere Berichte zum  Bloggertag gibt es auf „Literatur leuchtet“, „Sounds & Books“, „masuko13“, „Herzpotenzial“, und „lustauflesen.de“.