Die Musik macht Helden – Sarah Quigley "Der Dirigent"

Die einst schöne Stadt hat sich zu einem Vorhof der Hölle verwandelt. Leningrad ist eingekesselt. Die Wehrmacht steht vor den Toren. Bomben fallen, Häuser sind zerstört, in den Straßen liegen Leichen. Wer (über)lebt, muss Hunger erleiden. Menschen sterben an Unterernährung und Krankheit. Manch einer wird zusammengeschlagen, weil er einen Laib Brot nach stundenlangem Warten ergattert hat. Andere verspeisen Katzen oder Ratten, um zu überleben. Mittendrin in diesem Ort der Zerstörung und des Todes die kulturelle Elite des Landes. Allen voran der Komponist Dimitri Schostakowitsch, der sich weigert, mit dem Gros der Künstler aus der Stadt gebracht zu werden. Zum Leidwesen seiner Frau und den beiden Kindern. Doch Schostakowitsch will Leningrad nicht verlassen, all zu viel hat er der Stadt zu verdanken, all zu viele Erinnerungen und enge Freundschaften verbindet er mit ihr. Während er am Tag seinen Dienst als Brandwache ableistet, schreibt er des Nachts an seinem besonderen Werk. Die siebente Sinfonie soll den Leningradern Kraft geben.  „Die Musik macht Helden – Sarah Quigley "Der Dirigent"“ weiterlesen

Das Meer im Mann – Daniel Galera "Flut"

„Darauf lief es immer hinaus, auf die Ungerechtigkeit im Blick zurück. Sich eine andere Vergangenheit vorzustellen als die, die uns an den Punkt gebracht hat, an dem wir uns jetzt befinden.

Die Waffe liegt griffbereit neben seinem Vater. Die ihm treu ergebene Hündin Beta hat vor dessen Füßen Platz genommen. Es ist der Moment, in dem er vom zweifachen Sterben erzählt bekommt. Der Vater nimmt sich kurz nach der Ankündigung seines Selbstmordes das Leben, zuvor berichtet er seinem erwachsenen Sohn von der angeblichen Ermordung des Großvaters. Er – das ist der namenlose Held im Roman „Flut“ des Brasilianers Daniel Galera. Der Held des Buches ist Trainer, hat als Extremsportler unter anderem am legendären Ironman auf Hawaii teilgenommen. Seine Freundin hat ihn verlassen, um an der Seite seines Bruders zu leben. Nach dem Tod des Vaters zieht es den 33-Jährigen in das idyllisch gelegene Küstenstädtchen Garopaba, wo es einst eine Walfangstation gegeben hat. An seiner Seite: die Hündin Beta, die er eigentlich nach dem Wunsch des Vaters einschläfern sollte.  „Das Meer im Mann – Daniel Galera "Flut"“ weiterlesen

Meteoriteneinschlag – Karen Köhler "Wir haben Raketen geangelt"

„Unfassbar: Wieviele Menschen nötig waren, um mich hervorzubringen. Hoffentlich ist keiner von den Toten enttäuscht. Mir reichen schon die Lebenden.“

Das Leben ist keine beschauliche Segelfahrt. Es ist vielmehr eine Segelfahrt mit einem leck geschlagenen Schiff bei Sturm, wo der Kompass recht frühzeitig von Bord gegangen ist. Das Leben kennt kein Erbarmen, beschert uns die kleinen und großen Katastrophen, die kleinen und großen Schicksalsmomente. „Meteoriteneinschlag – Karen Köhler "Wir haben Raketen geangelt"“ weiterlesen

Zwischen zwei Kontinenten – Jhumpa Lahiri "Das Tiefland"

„Die meisten Menschen vertrauten auf die Zukunft und nahmen an, dass sich die Version davon entfalten würde, die ihnen am liebsten war. Sie planten blind dafür und stellten sich die Dinge vor, die nicht der Fall waren. Das war das Wirken  des Willens. Das gab der Welt Richtung und Ziel. Nicht das, was da war, sondern das, was nicht da war.“

In ihrer Kindheit sind sie grundverschieden, doch unzertrennlich. Der eine ist schüchtern, zurückhaltend, der andere prescht vor, kennt keine Scheu oder Grenzen. Die Brüder Udayan und Subhash wachsen in Kalkutta auf. Indien hat gerade die ersten Jahre als unabhängiges Land erlebt. Beide haben sich den Naturwissenschaften verschrieben, beginnen ein Studium an unterschiedlichen Universitäten. Doch die Aufstände der kommunistischen Naxaliten treiben einen Keil in die enge Verbindung. Denn Udayan sympathisiert mit der Gruppe, die, orientiert an der Politik Maos in China, einen gesellschaftlichen Umbruch herbeiführen will. Während sich die Unruhen verschärfen, verlässt Subhash das Land in Richtung Amerika. er will sein Studium der Ozeanografie in den USA in Rhode Island fortführen. Wenige Jahre vergehen, bis eine Nachricht Subhash zu einer Rückkehr zwingt. Sein Bruder ist von der Polizei festgenommen und wenig später erschossen worden, da er einer Gruppe Attentäter angehört.
In ihrem Roman „Das Tiefland“ erzählt die indischstämmige und in den USA aufgewachsene Autorin Jhumpa Lahiri von einem Leben zwischen zwei Kontinenten. Denn Subhash kann nach der Rückkehr in seine neue Heimat die Bande zu seiner Familie nicht lösen. Ein Grund ist auch Gauri, Udayans schwangere Freundin, die er mit nach Amerika genommen hat. Zusammen leben sie mit der später geborenen Tochter Bela als kleine Familie – jedoch nicht durch Liebe, sondern durch einen Kompromiss verbunden. Während sich Subhash liebevoll um das kleine Mädchen kümmert, verliert Gauri trotz ihrer Mutterrolle jegliche emotionale Bindung an das Kind und geht auf Distanz. Als Subhash erneut nach Indien gerufen wird, da seine Mutter schwer erkrankt ist, ihn zudem Bela begleitet, nutzt Gauri, die ihr Philosophie-Studium wieder aufgenommen und erfolgreich beendet hat, diese Gelegenheit und verlässt die Familie.

Mit jedem Kapitel sieht man die Zeit vorbeifließen, folgen Jahre auf Jahre, Jahrzehnte auf Jahrzehnte. Subhash Gedanken werden durch die Erinnerungen an seinen Bruder, die Eltern und die Kindheit in Indien geprägt. Während Subhash ein beständiges Leben in Rhode Island führt, entwickelt sich Bela zu einer Einzelgängerin, die durch das Land tourt, in den verschiedenen Orten ökologische Landwirtschaft betreibt. So entwirft die Autorin nicht nur verschiedene Charakter, sondern auch unterschiedliche Lebenswege. Die Zeit fließt, Menschen und Orte verändern sich. So auch Kalkutta und das nahe des Elternhauses gelegene Tiefland, das dem Roman seinen Namen gegeben hat. Mit den Jahren verliert es seine besondere Schönheit und macht schließlich Platz für ein Wohngebiet. Trotz dieser Entwicklung gibt es Beständigkeit: das nie abreißende Band zwischen Bela und Subhash, die Traditionen seines Heimatlandes, ein Leben, das neben der Gegenwart von der Geschichte gezeichnet wird.

Dieser großartige Familienroman entwickelt mit den ersten Seiten einen besonderen Sog. An die Charaktere gebunden, verfolgt der Leser ein Menschenleben, gezeichnet durch Entscheidungen, Fehler, Konflikte und Erinnerungen. Auch der Tod begleitet dann und wann das Geschehen. Gegen das drohende Lebensende, gegen Kälte und schmerzliche Verluste setzt die Geschichte mit ihrer schönen Prosa Warmherzigkeit, Vergebung, Liebe und die Kraft der Familienbande. Wie Lahiri all diese großen Themen in diese besondere, weil berührende Geschichte hineinwebt, inmitten des kraftvollen Erzählflusses auch ruhige Momente wie kleine Inseln hineinsetzt, verdient großen Respekt und vor allem ganz viele begeisterte Leser. Vor Vergleichen mit großen Namen der amerikanischen Gegenwartsliteratur und ihren Werken braucht sich die Autorin und Pulitzerpreisträgerin keinesfalls zu scheuen.

Der Roman „Das Tiefland“ von Jhumpa Lahiri erschien im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Gertraude Krueger.
528 Seiten, 22,95 Euro

Unter Lämmern ein Wolf – Cecilia Ekbäck "Schwarzer Winter"

„Die Menschen konnten es sich kaum vorstellen, aber Grau war manchmal die brutalste Farbe von allen. Unter einem grauen Deckmantel konnten Dinge viel zu gut unbemerkt heranwachsen.“

Lappland ist ein weites Land. Es gibt wenige Menschen, die die Natur vertreiben können. Maija kommt mit ihrem Mann Paavo und den beiden Töchtern Frederika und Dorotea nach Lappland. Die finnische Heimat und das Meer haben sie zurückgelassen. Auf einem ihnen überlassenen Hof soll der Neubeginn in der Fremde geschehen. In der Nähe leben nur wenige Menschen, darunter auch Vertreter des Volkes der Lappen. Eine einzigartige Landschaft mit dem Berg Blackåsen, Wälder, Seen und dem Moor umgibt die Siedlung. Doch diese Idylle trügt. „Unter Lämmern ein Wolf – Cecilia Ekbäck "Schwarzer Winter"“ weiterlesen

Ein innerer Strom – Edith Wharton "Das alte Haus am Hudson River"

„Es gab Zeiten, da war seine Seele wie ein Wald, voller Schatten und Gemurmel, geheim und fern, ein Ort, wo man sich verirren konnte, fast furchterregend, um dort allein zu sein.“ 

Es ist eine innere Stimme, ein Strom, ein inneres Regen, das seinen Weg nach draußen sucht. Vance Weston spürt früh seine besondere Begabung. Er schreibt. Obwohl als Sohn eines erfolgreichen Immobilienmaklers aus gutem Haus stammend, im mittleren Westen der USA aufgewachsen, scheint sein Leben eine andere Richtung zu bekommen. Biografisch und geografisch. Nach einer schweren Erkrankung soll der 19-Jährige sich bei der Cousine seiner Mutter im ruhigen Städtchen Paul’s Landing, nicht weit von der Millionenstadt New York gelegen, auskurieren.
Und dies ist der Beginn des Schriftstellers Vance Weston und des Romans „Ein altes Haus am Hudson River“ der amerikanischen Autorin Edith Wharton, an die der btb-Verlag mit einer Neuauflage ihres 1929 erschienenen Werkes erinnert. „Ein innerer Strom – Edith Wharton "Das alte Haus am Hudson River"“ weiterlesen