Vor und nach der Stunde Null – Melvin J. Lasky "Und alles war still. Deutsches Tagebuch 1945"

„Ein Waldstück war weggesprengt worden, und die kahle Stelle war über Kilometer hin sichtbar, ein Beweis am Himmel, dass nichts gegen menschliche Teufelei immun ist.“

Er sieht Trümmerberge, Leichen, Städte mit ausgebombten Straßenzügen, Dörfer ohne jegliches Leben. Als der Amerikaner Melvin J. Lasky im Februar 1945 nach Europa kommt, erlebt die Welt ihren Krieg. Den zweiten seiner Art, der Millionen von Menschen den Tod bringt und Länder an den Abgrund drängt. In der Uniform des amerikanischen Militärs ist Lasky, Nachkomme einer polnisch-jüdischen Familie und 1920 in New York geboren, als Militärhistoriker tätig. Seine Aufgabe ist es, den Verlauf von Kämpfen und anderer Kriegsgeschehnisse aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Von Frankreich aus kommt er schließlich nach Deutschland. Seine Wege führen ihn unter anderem auch in die Schweiz und Nordeuropa.  „Vor und nach der Stunde Null – Melvin J. Lasky "Und alles war still. Deutsches Tagebuch 1945"“ weiterlesen

Wenn Töne Farben sind – Svenja Leiber "Das letzte Land"

„In dem Moment, wo du anfängst, tritt … der Ton vor dich … hin, und du hörst deine eigene … Musik. Du hörst das, was an dir … Musik ist. Es kann … einen um den Verstand … bringen, weil man plötzlich … ahnt, was wir sind – ja, ich glaube … nämlich, wir sind zum … größten Teil einfach … Musik!“

Mit der Geige des Joseph findet Ruven den Weg in die bunte Welt der Musik. Da ist er noch ein Kind. Er spielt begnadet und wechselt mit der Zeit die Lehrer, weil diese mit der Entwicklung des Kindes nicht mithalten können. Die Begabung des Sohnes des Stellmachers stellt die Erwachsenen vor ein Rätsel. Auch sein innerstes Geheimnis gibt er kaum preis: dass er Töne als Farben sieht, die Noten in seinem Kopf sind. „Wenn Töne Farben sind – Svenja Leiber "Das letzte Land"“ weiterlesen

Wenn der Bruder der Vater ist – David Gilbert "Was aus uns wird"

„Doch manchmal ertappe ich mich selbst dabei, grundlos und unerwartet glücklich zu sein, durch ein besonderes Licht am Spätnachmittag zum Beispiel oder ein Lied, das ich im Vorübergehen höre. Einen schönen Spaziergang um den Bootsweiher. Dichtes Schneetreiben. Kurze Momente, in denen Zeit und Raum zusammenspielen, um mir eine Freude zu bereiten.“

Das Leben hält oft so manche Überraschung bereit. Daran ist jedoch nicht das Leben schuld. Es sind vielmehr wir Menschen, die Geheimnisse verbergen, die dann aber mit der Zeit sich klammheimlich ans Tageslicht kommt. Oder wir erzählen unserer Familie oder Freunde nicht von den großen Ereignissen unseres Lebens, weil wir inmitten des Lebens voneinander getrennt werden. Andy ist solch eine Überraschung. Von seinen Stiefbrüdern Richard und Jamie als Bruder kaum anerkannt und gemocht, ist der 17-Jährige hingegen ein ganz anderer – ohne dass er es selbst weiß. Der Junge ist der Klon seines Vaters, Andrew oder A.N. Dyer, ein bekannter Schriftsteller, der vor allem mit seinem Roman „Ampersand“ noch immer die Regale in Buchläden und heimischen Wohnstuben füllt, als Klassiker im Unterricht gelesen wird. „Wenn der Bruder der Vater ist – David Gilbert "Was aus uns wird"“ weiterlesen

Auf den Spuren der Geschichte – Geert Mak "In Europa"

Reisen bildet. Wer eine Reise macht, hat viel zu erzählen. Viele Redewendungen ranken sich um das Reisen. Die beiden oben genannten treffen dabei voll und ganz auf ein besonderes Werk zu: auf das Werk „In Europa“ von Geert Mak. Der Titel ist dabei treffender Verweis auf das spezielle Projekt des holländischen Publizisten. Im Jahr 1999 reiste er durch Europa, unzählige Orte  in vielen Ländern besuchte er, mit zahlreichen Zeitzeugen kam er ins Gespräch. Sein Ziel: die Spuren der Geschichte des 20. Jahrhunderts finden. Mak, unterwegs mit der Bahn, mit einem Wohnmobil oder Flugzeug, verknüpft dabei seine Erlebnisse mit den wichtigsten historischen Ereignissen sowie politischen und gesellschaftlichen Strömungen auf dem Kontinent. Das Wien als Hauptstadt der Doppelmonarchie Österreich und Ungarn ist ebenso Ziel wie das Berlin zu Beginn des Dritten Reiches. „Auf den Spuren der Geschichte – Geert Mak "In Europa"“ weiterlesen

Familienmensch?! – Karl Ove Knausgård "Lieben"

„Nichts anderes war gut genug, nichts anderes ging. Nur dorthin, zum Wesentlichen, zum innersten Kern menschlicher Existenz würde ich mich bewegen.“ 

Das Leben zieht seine Bahn, füllt den Alltag mit Menschen und Dingen, Begegnungen und Erlebnissen. Nach dem ersten Kind folgt das zweite. Die Stadt wird verlassen, um in eine andere zu ziehen. Freundschaften verstärken sich oder werden gebrochen. Auch wenn dieser Lauf für viele bekannt erscheint, nichts Spannenderes zum Erzählen gibt es. Einer beweist es: der Norweger Karl Ove Knausgård. Sein auf sechs Bände angelegtes Romanprojekt „Min kamp“ feiert Erfolge – nicht nur in seinem nordischen Heimatland. Mittlerweile soll das Virus auch den Rest Europas und Teile Amerikas befallen haben. Nach dem ersten Band „Sterben“, wo der Autor vor allem den Tod seines alkoholabhängigen Vaters in den Mittelpunkt stellt, ist vor einiger Zeit der zweite Band „Lieben“ als Taschenbuch erschienen. „Familienmensch?! – Karl Ove Knausgård "Lieben"“ weiterlesen

(Zu)Flucht – Lutz Seiler "Kruso"

„Niemand kann dir das Sehen verbieten, niemand kann dir die Sehnsucht verbieten, schon gar nicht bei Sonnenuntergang.“

Ed macht sich aus dem Staub. Er verschwindet aus dem eigenen Alltag, verlässt nach dem Unfalltod seiner Freundin in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ die Stadt, sein Studium, das bekannte Umfeld und landet mit auf der Insel Hiddensee. Ein mythischer Glanz umgibt das kleine Eiland nahe Rügen – als schönste Perle in der Ostsee und umschwärmt von Touristen, als Ort der Inspiration für große Denker wie Gerhard Hauptmann, als letzte Bastion vor dem Westen. Die Insel ist Grenzgebiet und wird streng überwacht. „(Zu)Flucht – Lutz Seiler "Kruso"“ weiterlesen