Saša Stanišić – „Herkunft“

„Jedes Zuhause ist ein Zufälliges.“

Wo, mit wem oder was beginnen, wenn diese Geschichte aus einem breiten Strom vieler Erinnerungen gespeist wird und sie viele Protagonisten kennt? Vielleicht mit etwas Mächtigem, das die Zeiten überdauert hat, das so bedeutsam ist, dass es in einem Brief an die Einwanderungsbehörde unbedingt erwähnt werden sollte. Das können nur Drachen sein, die das Leben des in Jugoslawien geborenen Jungen genauso geprägt haben wie das des späteren deutschsprachigen Schriftstellers, dessen Heimatland es auf der Landkarte nicht mehr gibt. Das mystische Wesen findet sich denn auch auf dem sonst sehr schlichten Umschlag des autobiografischen Romans aus der Feder jenes Autors:  Saša Stanišić hat „Herkunft“ geschrieben – ein auf den ersten Blick simpler Titel, der allerdings eine komplexe Bedeutung besitzt. Das Werk ist für den Deutschen Buchpreis nominiert und mein „Patenbuch“ als eine von insgesamt 20 Buchpreis-Bloggerinnen und -Bloggern. „Saša Stanišić – „Herkunft““ weiterlesen →

Norbert Scheuer – „Winterbienen“

„Ich habe Angst vor dem, was uns erwartet.“

Bienen sind gefühlt zu einem beliebten Thema in der Literatur geworden. Meist jedoch in Verbindung mit Ökologie und Umweltschutz, allgemein mit Fragen der Natur. Der Zweite Weltkrieg mit all seinen verheerenden Zerstörungen und Grausamkeiten bildet hingegen die bedrohliche Kulisse des besonderen Helden im neuen Roman Norbert Scheuers. „Winterbienen“ erzählt neben dem dunklen Kapitel deutscher Geschichte von einer realen Figur, dem Lehrer und Imker Egidius Arimond, der in dem Eifel-Städtchen Kall im Urftland nahe der belgischen Grenze gelebt hat.

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Ian McEwan – „Maschinen wie ich“

„Werkseinstellungen – ein modernes Synonym für Schicksal.“

Übermannsgroß ist er, sein Gesicht recht kantig. Seine Haare erscheinen wie mit dem Küchenmesser gestutzt. Aus seinem Hals ragen zwei stählerne Bolzen.  Das künstliche Geschöpf des Schweizer Wissenschaftlers Victor Frankenstein ist wenig ansehnlich und eher ein erschreckendes Wesen. Monster wird die furchteinflößende Gestalt in dem Klassiker von Mary Shelley „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ bezeichnet. Die Engländerin hat jene fantastische Geschichte geschaffen, die das Denken über den Menschen als Schöpfer einer Kreatur maßgeblich geprägt hat. Sie und ihr 1818 zuerst anonym erschienenes Meisterwerk bleiben in dem neuen Roman ihres Landsmanns Ian McEwan nicht unerwähnt. Und „Maschinen wie ich“ weist noch weitere Parallelen auf – obwohl der moderne „Frankenstein“ recht hübsch anzusehen ist. „Ian McEwan – „Maschinen wie ich““ weiterlesen →

Jan Němec – „Die Geschichte des Lichts“

„Werden Sie gute Hirten des Lichts.“

Wie in anderen Kunstbereichen geraten mittlerweile auch in der Fotografie große Künstler in Vergessenheit. Einst, meist zu Lebzeiten bekannt, sind ihre Namen kaum mehr einer breiten Öffentlichkeit bewusst. František Drtikol (1883 – 1961) zählt zu den bedeutendsten tschechischen Fotografen. Seine Werke wurden in namhaften Ausstellungen weltweit präsentiert. In seinem Prager Atelier gaben sich die Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Klinke in die Hand. Heute kennen  wohl nur die wenigsten ihn und seine Aufnahmen. Doch mit dem wundervollen Roman des tschechischen Autors Jan Němec lernt man Drtikol, sein Wesen und die Zeit, in der er lebte, kennen.

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Johanna Holmström – „Die Frauen von Själö“

„Erzähl mir … von der Welt da draußen.“ 

In einer kalten dunklen Oktobernacht rudert Kristina Andersson von der schweren Arbeit auf einem Gehöft nach Hause. Im Boot: ihre Tochter und ihr Sohn. Wie in Trance wirft die Mutter ihre beiden Kinder in das Wasser. Wenig später werden die kleinen Körper tot geborgen. Nach einem schweren Fieber und ihrer Genesung wird die junge Frau in die Nervenheilanstalt auf der Insel Själö inmitten eines Schärengartens an der finnischen Küste gebracht. Man schreibt das Jahr 1891, und diese Anstalt hat es wirklich gegeben. In ihrem Roman „Die Frauen von Själö“ erzählt die finnlandschwedische Autorin Johanna Holmström vom Leiden der Frauen auf dem von der Außenwelt nahezu abgeschnittenen Eiland – aber auch von Momenten der Freude und Menschlichkeit. „Johanna Holmström – „Die Frauen von Själö““ weiterlesen →

Backlist #11 – James Hanley „Ozean“

„Wie erbärmlich unzulänglich wir doch sind.“ 

Es sind nur wenige Minuten, die zwischen einer vermeintlich sicheren Schiffsfahrt und ihrem tragischen Ende, zwischen Leben und Tod entscheiden. Mit einem Torpedoschuss versenkt  ein deutsches U-Boot das Passagierschiff „Aurora“, das unterwegs nach Amerika ist. Eine Handvoll Männer findet sich schließlich auf einem Rettungsboot wieder. Über sich den Himmel, um sich die unermessliche Weite des Meeres. Mit seinem 1941 erschienenen Roman „Ozean“ hat der Engländer James Hanley eine eindrückliche und psychologisch spannende Parabel über die Nichtigkeit des Menschen und über dessen Stärken wie Schwächen geschrieben. 

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