Ein Mythos wird enthüllt – Bill Niven „Das Buchenwaldkind“

NivenEr war nur ein Schicksal unter Millionen. In einer Zeit, die bis heute für Entsetzen und Trauer sorgt, die den Rahmen des Begreiflichen sprengt. Der polnische Jude Stefan Jerzy Zweig erlebte im Alter von vier Jahren die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald im April 1945 durch amerikanische Streitkräfte. Er und sein Vater Zacharias überstanden die Verfolgung und die Schrecknisse in mehreren Lagern und im Ghetto von Krakau. Die Geschichte von Stefan wurde in den folgenden Jahren und Jahrzehnten nicht nur deutschlandweit bekannt. Sie entwickelte sich in der DDR zu einem Mythos, missbraucht für die Propaganda. Denn Stefan ist das Buchenwaldkind und in dem Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz, eines der erfolgreichsten Bücher der DDR und zugleich verordnete Schullektüre, die Hauptgestalt. „Ein Mythos wird enthüllt – Bill Niven „Das Buchenwaldkind““ weiterlesen

Die Kunst und die Gewalt – Rachel Kushner „Flammenwerfer“

U1_978-3-498-03419-1.indd„…was Valera nie vergessen würde, die jugendliche Erkenntnis, dass das Wesen des Lebens in Veränderung und Schnelligkeit bestand und sich nur durch heftige Erschütterung offenbarte.“

Sie liebt die Geschwindigkeit – als Skiläuferin und als Motorradfahrerin. Mit Anfang 20 kommt Reno, wie sie später von Freunden aufgrund ihres Heimatortes genannt wird, nach ihrem Kunststudium aus der Provinz des Mittelwestens in die Metropole nach New York. Sie ist allein und auf sich gestellt. Ihr Ziel ist es, in der Kunstszene New Yorks Fuß zu fassen, mit ihrer Kreativität erfolgreich zu sein. Doch der Dschungel der Großstadt kennt meist nur die Anonymität. Die Stadt ist groß und schläft nie, die Menschen bilden eine einzige große Masse. Doch Reno findet Anschluss – in der Person von Sandro, einem erfolgreichen Konzeptkünstler und aus der legendären italienischen Motorrad-Dynastie Valera stammend. „Die Kunst und die Gewalt – Rachel Kushner „Flammenwerfer““ weiterlesen

Jasper, Lada und die Schleie – Max Scharnigg "Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau"

„Irgendwo bei Lada musste es so etwas auch geben, ein Rohr, aus dem klein gestückelt all das schoss, was sie vorn aus den Büchern in sich hineinfraß.“

Hoch hinaus reckt sie sich in den Himmel. Und jedes Jahr kommt ein Stückchen hinzu. Die hölzerne Hofstange ist das Wahrzeichen von Pildau. Ein verträumtes Gehöft, das etwas abseits liegt und für den sechsjährigen Jasper Honigbrod das Zuhause ist. Hier wohnt er gemeinsam mit Vater Max und dem Großvater. Während der eine tagtäglich dem Sohn eine Guten-Morgen-Geschichte über den Großwesir und den Reiseritter Robert erzählt und sich anschließend in seine riesige Stallbibliothek verdrückt, kümmert sich der Ältere der drei Generationen um den Garten und die Schleie, die im Weiher unsichtbar ihre Runden zieht. Pildau ist jedoch nicht nur ein Ort merkwürdiger Begebenheiten und Bräuche. Besondere Geschichten ranken sich um die Bewohner, die eines Tages plötzlich Zuwachs bekommen. Denn Autor Max Scharnigg lässt seine drei männlichen Schützlinge im Roman „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“ nicht allein.   „Jasper, Lada und die Schleie – Max Scharnigg "Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau"“ weiterlesen

Patenkind und Preisträger – Ein Rückblick auf die Buchmesse 2015

Uwe Tellkamp und Preisträger Mircea Cărtărescu

Wo anfangen, wenn die Leipziger Buchmesse nahezu undurchdringlich erscheint, einen in ihrem Übermaß an Büchern und Besuchern überwältigt? Am besten mit einem Zitat. Das sind bekanntlich Worte, an denen man sich festhalten kann. „Ich lebe mit und in der Literatur, ohne sie wäre ich nichts“, sagte Mircea Cărtărescu. Der rumänische Autor, der in diesem Jahr mit dem Preis zur europäischen Verständigung der Leipziger Buchmesse geehrt wurde, hatte im Café Europa Platz genommen, einem Leseort des Auswärtigen Amtes in Halle 4. An seiner Seite: „Turm“-Autor Uwe Tellkamp. Beide verbindet nicht nur ihr gemeinsamer Beruf. Beide kennen die Werke des anderen, seien zu Freunden geworden, bemerkte Tellkamp während des Gesprächs. Obwohl beide aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten stammen. Dem Deutschen Buchpreisträger oblag es, einen Tag zuvor während des Festaktes im Leipziger Gewandhaus die Laudatio auf den Rumänen und seine „Orbitor“-Trilogie zu halten. Tellkamp nannte Cărtărescu den „Weltenschöpfer von Bukarest“. „Patenkind und Preisträger – Ein Rückblick auf die Buchmesse 2015“ weiterlesen

Der Lehrling des Soldaten – Alexis Jenni "Die französische Kunst des Krieges"

„Im Krieg fällt man völlig unvermutet. Und wenn dann mit lyrischen Worten darüber gesprochen wird, ist das eine fromme Lüge, um die Sache auszuschmücken; man erfindet eine Geschichte, walzt das Ganze aus und inszeniert etwas. In Wirklichkeit stirbt man sang- und klanglos, blitzschnell, in völliger Stille; und auch hinterher herrscht Stille.“

Zwei Männer: Einer kennt den Krieg nur aus der Geschichtsschreibung und dank der aktuellen Fernsehbilder des Golfkriegs, die über seine Mattscheibe flimmern. Der andere war leibhaftig dabei – im Zweiten Weltkrieg, in Südostasien, in Algerien. Beide lernen sich eines Tages in einem Bistro kennen. Der Erzähler, ohne Name und Alter, will das Malen von Victor Salagnon erlernen. Und der bringt dem anderen nicht nur die kunstvolle Tusche-Malerei bei. Er erzählt auch von seinem Leben, das vor allem ein Leben als Soldat ist. Krieg ist das große, alles umfassende Thema des Romans von Alexis Jenni, das sich auch direkt im Titel widerspiegelt. „Der Lehrling des Soldaten – Alexis Jenni "Die französische Kunst des Krieges"“ weiterlesen

Tickets, Laufschuhe und ein Nacht-Wunsch – Vorfreude auf die Leipziger Buchmesse

Die Leipziger Buchmesse 2015 wirft ihre Schatten voraus und Post in meinen Briefkasten. Nach dem ersten Schreiben nebst meinem „Patenkind“, dem dritten Band der herausragenden Kafka-Biografie von Reiner Stach, gab es nun für alle Blogger-Paten die Tickets für die feierliche Eröffnung im Gewandhaus sowie für die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse. Und langsam macht sich neben der Vorfreude ein gewisses Kribbeln breit. Solche besonderen Ereignisse ähneln Traum-Reisen, die man sich seit Jahren wünscht und unvergesslich bleiben werden. Natürlich werde ich keinen Koffer packen und keinen Sonderzug nehmen, um in einen Flieger zu steigen. Leipzig ist für mich nicht weit und nur etwas mehr als eine Autostunde entfernt. „Tickets, Laufschuhe und ein Nacht-Wunsch – Vorfreude auf die Leipziger Buchmesse“ weiterlesen