Dürre Zeiten – Claire Vaye Watkins „Gold Ruhm Zitrus“

„Zurückzublicken bedeutete, Geistern die Hand zu geben und sich ein Haus aus den Schwächen und Fehlern der Vergangenheit zu bauen (…).“ 

Lebensbedrohliche Katastrophen und Geschehnisse bringen Menschen dazu, sich in Bewegung zu setzen, lange Wege zurückzulegen; auf der Suche nach einem sicheren Ort, um zu überleben. Das beweisen Ereignisse in der Vergangenheit und jüngsten Gegenwart, das zeigt auch die Literatur. Bestes Beispiel: dystopische Romane wie beispielsweise das Kultbuch „Die Straße“ von Cormac McCarthy oder auch das sehr empfehlenswerte Werk „Das Licht der letzten Tage“ der gebürtigen Kanadierin Emily St. John Mandel. Auch in dem Roman „Gold Ruhm Zitrus“ der jungen Amerikanerin Claire Vaye Watkins bildet Amerika den Schauplatz einer Katastrophe. „Dürre Zeiten – Claire Vaye Watkins „Gold Ruhm Zitrus““ weiterlesen

Kälte – Tor Even Svanes „Ins Westeis“

„Und Entfernung ist auch nicht das Wort, das sie gesucht hat. Dieses Wort ist Kälte.“

Als im Dezember 2014 das norwegische Parlament beschloss, die staatlichen Subventionen für die kommerzielle Robbenjagd in Höhe von jährlich 12 Millionen Kronen (etwa 1,3 Millionen Euro) komplett zu streichen, atmeten Tierschützer erleichtert auf, bildete die Förderung doch einen beträchtlichen Hauptteil der Einnahmen der Jäger. Wenige Jahre zuvor hatte die EU ein generelles Einfuhr-Verbot für Robben-Produkte aus Norwegen und Kanada verhängt. Wie blutig die Jagd im europäischen Nordmeer ist, beschreibt der Norweger Tor Even Svanes in seinem herausragenden, spannenden wie eindringlichen Roman „Ins Westeis“. Doch nicht nur das Verhältnis zwischen Mensch und Tier steht in dem schmalen Band im Mittelpunkt, jenes zwischen den Menschen, konkret zwischen der männlichen Besatzung eines Robbenjagd-Schiffes und einer jungen Tierärztin spielt eine nicht unwesentliche Rolle. „Kälte – Tor Even Svanes „Ins Westeis““ weiterlesen

Zwei Welten – Cixin Liu „Die drei Sonnen“

„Die Suche nach außerirdischer Intelligenz ist eine ganz spezielle Disziplin. Wer sie erforscht, entwickelt eine andere Weltsicht.

Haben sie nun vier Augen, sechs Beine oder ein dichtes braunes Fell? Kommen sie in Frieden oder mit kriegerischen Absichten? Viele Fragen, Unsicherheiten und sicherlich eine große Furcht sind mit jenen Gedanken verbunden, wie außerirdisches Leben, eine intelligente Zivilisation in den Weiten des Alles, wohl aussehen mag und welche Ziele sie verfolgt. Welche Auswirkungen dieses Aufeinandertreffen für die Menschheit hat, fern ab der Frage nach Krieg oder Frieden, wird indes bisher nur wenig diskutiert. Der chinesische Schriftsteller Cixin Liu meint, dass diese Begegnung die größte Herausforderung wäre, wohl noch bedeutenderer als der aktuelle Klimawandel. Jenen zwei Welten widmet er sich in seiner Trisolaris-Trilogie, deren erster Teil mit dem Titel „Die drei Sonnen“ nun in deutscher Übersetzung erschienen ist. „Zwei Welten – Cixin Liu „Die drei Sonnen““ weiterlesen

Über Leidenschaft – Stefan Zweig „Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung“

„Jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.“ 

Dieser Besprechung und Vorstellung des Buches schicke ich eine Warnung voraus: Dieser Band verlangt viel Zeit und Aufmerksamkeit. Allerdings nicht weil er so umfangreich ist, der Inhalt schwer verständlich erscheint. Vielmehr weil er es schlichtweg verdient und jeder Bücherfreund seine große Freude daran haben wird. Der Band enthält zwei Novellen von Stefan Zweig (1881 – 1942): „Die unsichtbare Sammlung“ aus dem Jahr 1927 sowie „Buchmendel“ von 1929. Was das Buch indes zu einem wahren Schatz über die Sprache Zweigs und der beiden teils wundersamen, berührenden Geschichten hinaus werden lässt, sind die Illustrationen von Florian L. Arnold und Joachim Brandenberg sowie die künstlerische und liebevolle Gestaltung des Werkes. „Über Leidenschaft – Stefan Zweig „Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung““ weiterlesen

Ich und der Philosoph – Gisela von Wysocki „Wiesengrund“

„Ich habe für mich nur diesen einen ausfindig gemacht, einen weder weit entfernten noch still vor sich hin funkelnden Stern.“

Theodor W. Adorno (1903 – 1969) zählt zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit seinem Kollegen wie Freund Max Horkheimer (1895 – 1973) begründete er die sogenannte Frankfurter Schule. Adornos Familienname ist wohl vielen bekannt, die Bedeutung des W. indes nicht allen geläufig. „Wiesengrund“ heißt auch der Titel des neuen Romans von Gisela von Wysocki, die sich nach ihrem wunderbaren Debüt „Wir machen Musik“ nun der Astronomie und der Philosophie widmet und daraus eine ganz wundersame Mischung entstehen lässt, in der die Musik indes auch nicht fehlen darf.  „Ich und der Philosoph – Gisela von Wysocki „Wiesengrund““ weiterlesen

Ungeboren – Ian McEwan „Nussschale“

„Identität wird zu meinem kostbaren, einzig wahren Besitz.“ 

Im Jahr 1998 veröffentlichte die britische Band „Massive Attack“ ihren Song „Teardrop“. In dem dazugehörigen Video ist ein ungeborenes Kind zu sehen, das seine Lippen bewegt, als ob es mitsinge.  Ein Fötus als Sänger, als Erzähler? Warum nicht, sagte sich wohl auch der britische Schriftsteller Ian McEwan. In seinem neuesten Werk lässt er ein ungeborenes Kind die besondere Geschichte seiner Eltern und seines Onkels schildern – und die ist nicht mehr nicht weniger als eine Reminiszenz auf William Shakespeares wohl berühmtestes Meisterwerk „Hamlet“. „Ungeboren – Ian McEwan „Nussschale““ weiterlesen