Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe“

„Vermutlich schlingern die meisten so durch ihr Leben, halb wissend und halb blind, bedrängt von Erinnerungen, die unmöglich wahr sein können.“

Rückblicke haben oft einen ambivalenten Charakter. Und immer bleibt dabei die Frage, welchen Ereignissen der Vergangenheit stellt man sich in seinen eigenen Erinnerungen, welche werden eher unterdrückt, gemieden, ausgeblendet. Meist sind es vor allem überraschende, teils auch tragische Geschehnisse, die Erinnerungen hervorholen. Wegen einer Infektion nach einer Blinddarm-OP liegt Lucy Barton für mehrere Wochen im Krankenhaus. Eines Tages sitzt ihre Mutter am Bett, völlig überraschend. Denn Mutter und Tochter haben sich gemieden und einige Jahre lang nicht gesehen, aber nun vieles zu berichten. „Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe““ weiterlesen

Zwei-Mann-Krieg – Nicholas Shakespeare „Broken Hill“

Literatur mit Wert vereint das Besondere mit dem Allgemeinen. Sie erzählt eine erstaunliche Geschichte, die über sich hinausweist – in ihrer Allgemeingültigkeit. Selbst wenn im Roman „Broken Hill“ des englischen Autors Nicholas Shakespeare die Jahre 1914 und 1915 beschrieben werden, hätte das Geschehen auch in unseren Tagen handeln können, in denen Fremden- und Islamfeindlichkeit mehr denn je spürbar sind und die Frage entsteht, ob Demütigungen und Erniedrigungen nicht zu fürchterlichen Ereignissen führen können.  „Zwei-Mann-Krieg – Nicholas Shakespeare „Broken Hill““ weiterlesen

Im Blutrausch – Wajdi Mouawad „Anima“

„Die Welt ist groß und weit, doch die Menschen gehen immer ausgerechnet dorthin, wo es ihnen die Seele zerreißt“

Sie wissen ganz genau, was wir tun. Selbst wenn wir uns unbeobachtet fühlen. Sie riechen unseren Schmerz, unsere Furcht. Obwohl wir womöglich weit entfernt von ihnen sind. Tier und Mensch vereint zwar der gleiche Ursprung in grauer Urzeit, doch mit den Jahrmillionen der Evolution haben wir uns voneinander getrennt: Wir sind zu Herrschern und zur Bestie geworden. Weil gewalttätig gegen die Natur und gegen uns selbst. Der kanadische Autor mit libanesischen Wurzeln, Wajdi Mouawad, erzählt darüber in seinem erschütternden und einzigartigen Roman „Anima“.

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Paradies in Gefahr – Morten A. Strøksnes „Das Buch vom Meer“

„Das Meer, das uns fast unendlich vorkommt, ist im Universum nicht mehr als ein Tropfen.“

Mit einer dünnen Angel am Ufer zu stehen, im Rücken hoch aufragende Berge, voraus die Weite des Meeres, füllt einen mit Demut und dem Gefühl einer gewissen Verlorenheit. Geschehen vor einigen Jahren in Nordnorwegen auf der Insel Senja. Ich hatte damals wenig Anglerglück. Die Fische zogen einen weiten Bogen um mich. Zugegeben: Meine Reaktion auf einen Fisch, wie er den Köder schluckt, wäre wohl eine eher unbedarfte, ungeschickte gewesen. Mein Vater war da der Angler und Experte in der Familie. Wie muss man sich wohl fühlen, wenn man mit einem kleinen Schlauchboot aufs Nordmeer fährt, um einen riesigen Fisch zu fangen, dem Schauergeschichten vorauseilen? Der Norweger Morten A. Strøksnes hat in „Das Buch vom Meer“ darüber geschrieben, und das erzählt nicht nur von jenem speziellen Abenteuer, das in dem langen Nebensatz „oder Wie zwei Freunde Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen“ bereits angedeutet wird. „Paradies in Gefahr – Morten A. Strøksnes „Das Buch vom Meer““ weiterlesen

Verloren – Leon de Winter „Geronimo“

„Deine Geschichte ist wahnwitzig, aber nichts ist wahnwitziger als die Wirklichkeit.“

Am 11. September 2001 starben in New York rund 3.000 Menschen. Die Bilder der brennenden Türme des World Trade Centers, der Männer und Frauen, die aus hoch gelegenen Stockwerken sprangen, und der von Staub überzogenen Passanten und Rettungskräfte haben die Welt schockiert. Zu dem verheerenden Selbstmordattentat bekannte sich wenig später Al-Qaida, ein Anschlag auf das Pentagon und ein Flugzeugabsturz in Pennsylvania folgten. Zum meist gesuchten Mann der Welt wurde wenig später Usama bin Laden ernannt, der Kopf des islamistischen Terror-Netzwerkes.  25 Millionen Dollar waren auf ihn ausgesetzt. „Verloren – Leon de Winter „Geronimo““ weiterlesen

Ränkespiele – Louise de Vilmorin „Der Brief im Taxi“

„Oh, wenn der Zufall die Hand im Spiel hat, muss man mit allem rechnen.“

In der heutigen digitalen Zeit wohl selten, aber möglich: Ein Brief geht verloren. Nicht auf der Straße oder bei der Post, sondern in einem Taxi. Der Vorfall bildet den Auftakt für ein Kammerspiel der besonderen Art – um Liebe und Eifersucht und die vermeintliche Suche nach einem Neuanfang. Nach dem wunderschönen Band „Dame mit Fuchs“ des Engländers David Garnett hat der Dörlemann-Verlag mit „Der Brief im Taxi“ der Französin Louise de Vilmorin (1902 – 1969) einen weiteren Buchschatz zurück in die literarische Erinnerung geholt. „Ränkespiele – Louise de Vilmorin „Der Brief im Taxi““ weiterlesen