Schuld – Siegfried Lenz „Der Überläufer“

„Wenn ein Böser zu schwach ist, sucht er sich andere Böse. Das beste Einverständnis der Welt herrscht unter Bösen, weil das Böse unmissverständlich ist.“

Romane erzählen Geschichten. „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz (1926 – 2014) ist selbst zu einer Story geworden und sorgte für eine der wohl interessantesten literarischen Begebenheiten der letzten Jahre. Große Schlagzeilen landauf landab inklusive. Das postum erschienene Werk ist nach „Es waren Habichte“ der zweite Roman von Lenz und war über Jahrzehnte im Nachlass „verschollen“, den der Autor dem Literaturarchiv Marbach vermacht hatte. Der Band war unter anderem nicht veröffentlicht worden, weil er das Thema Desertion aufgreift. „Schuld – Siegfried Lenz „Der Überläufer““ weiterlesen

Rückblende – Anthony Marra „Letztes Lied einer vergangenen Welt“

„Es gibt mehr Möglichkeiten, sich an einen Menschen zu erinnern, als es Menschen auf der Welt gibt.“

In einem meiner Lieblingsbuchläden fiel er mir auf: der Roman von Anthony Marra mit dem Titel „Die niedrigen Himmel“. Mit diesem meisterhaften Buch erlebte ich meine erste literarische Begegnung mit Tschetschenien – ein Land, das in den vergangenen Jahren vor allem durch die Berichte zweier Kriege regelmäßig in die Schlagzeilen gekommen war. Mit seinem neuesten Werk „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ kehrt der Amerikaner zurück in dieses traditionsreiche wie einst zerrüttete Land und spannt den Bogen indes zeitlich und geografisch weiter.   „Rückblende – Anthony Marra „Letztes Lied einer vergangenen Welt““ weiterlesen

Machtsystem – Robert Darnton „Die Zensoren“

„Das Genehmigungsverfahren, die staatliche Aufsicht, kürzer und nicht wenig klar gesagt: die Zensur der Verlage und Bücher, der Verleger und Autoren, ist überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar.“ (Christoph Hein, 1987)

Schmähungen, Verfolgung und Haft, Druckverweigerung, Bücherverbrennung: Die Möglichkeiten, wie frühere Herrscher in den Literaturbetrieb eingegriffen haben, sind komplex und reichen weit über den berühmt-berüchtigten Rotstift hinaus. Das Ziel bleibt hingegen gleich: die Macht und das System zu bewahren. Und da spielt es keine Rolle, in welche Kapitel der Weltgeschichte man blickt. Der renommierte amerikanische Wissenschaftler Robert Darnton berichtet in seinem jüngsten Werk „Die Zensoren“ über drei verschiedene Länder und drei verschiedene Jahrhunderte. „Machtsystem – Robert Darnton „Die Zensoren““ weiterlesen

Dunkler als schwarz – Jona Oberski „Kinderjahre“

„Ich merkte zwar, dass ich Fieber hatte. Aber das mit den fünf Tagen glaubte ich nicht. Es war ein dunkles Loch in der Zeit.“

Das Ziel der Reise war das Grauen. Koffer wurden gepackt, ein Zug bestiegen. Für Millionen Menschen war jene Fahrt eine ohne Wiederkehr. Die historischen Bilder der Gleise, Güterwaggons und Bahnhöfe an den Konzentrationslagern sind bis heute genauso ein Symbol für den Holocaust wie die Aufnahmen der Lager selbst. „Aber bald fahren wir wieder nach Hause“, tröstet die Mutter den kleinen Jona. Er wird als einziger den Krieg überleben, als Erwachsener in „Kinderjahre“ rund 30 Jahre später darüber erzählen und damit ein herausragendes literarisches Dokument schaffen, das nun als eine Neuerscheinung im Diogenes-Verlag auf seine Wiederentdeckung wartet.  „Dunkler als schwarz – Jona Oberski „Kinderjahre““ weiterlesen

Entwurzelt – Lars Mytting „Die Birken wissen’s noch“

„Antwortlose Fragen. Zeugenlose Verwandlungen. So war es mit unserer Geschichte, immer wieder und wieder.“

Unsere Herkunft ist Teil unserer Identität und Selbstwahrnehmung. In der Familiengeschichte von Edvard klaffen indes Lücken. Als Waise wächst er bei seinem Großvater auf dem Hof in Gudbrandsdalen auf. Beide gelten im Dorf als Sonderlinge. Weil der Großvater im Krieg auf der Seite der Deutschen gekämpft hat, weil die Eltern von Edvard durch einen tragischen Unfall in Frankreich ums Leben gekommen sind, als der Junge gerade mal drei Jahre alt war.

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Mann mit den Masken – Pierre Lemaitre „Wir sehen uns dort oben“

„Das Geschäft des Jahrhunderts. Der Wirtschaft brachte ein Krieg viele Vorteile ein, sogar noch hinterher.“

Zwei Männer ziehen in den Krieg – und überleben. Der eine ist Bankmitarbeiter, der andere stammt aus gutem Hause und ist künstlerisch begabt. Bei einem Angriff in den letzten Kriegstagen im November 1918 wird Albert verschüttet. Sein Kamerad Edouard rettet ihn und wird bei einem Granaten-Einschlag jedoch schwer am Kopf verletzt. Nach ihrem Fronteinsatz sind beide miteinander verschweißt, wie Pech und Schwefel, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein können.   „Mann mit den Masken – Pierre Lemaitre „Wir sehen uns dort oben““ weiterlesen