Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 kostete rund 900.000 englischen Soldaten der British Army das Leben. Sowohl jene, die einen Sohn, einen Enkel, einen Bruder verloren haben, waren von dem Verlust gezeichnet, als auch jene zwei Millionen Verletzte, die verstümmelt oder mit körperlichen wie seelischen Wunden in die Heimat zurückgekehrt waren. Von beiden Seiten erzählt die englische Schriftstellerin Pat Barker in ihrem Roman „Tobys Zimmer“, der auf der Grundlage realer Geschehnisse zudem von der Beziehung zwischen Kunst und Krieg zu berichten weiß. „Zwillinge – Pat Barker „Tobys Zimmer““ weiterlesen →
„Der Kern unseres Wesens ist nicht anderes als die Anstrengung, die wir unternehmen, um Mensch zu bleiben, nicht zu sterben.“
Belgien ist kein Land, sondern ein Zustand, sagt der Vater von Louis, der jugendliche Held im Roman „Der Kummer von Belgien“. Das Werk von Hugo Claus (1929 – 2008) scheint vieles zugleich zu sein: Entwicklungs-, Familien- wie auch Kriegsroman. Denn obwohl das Land, eingerahmt von Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg, für viele mit Blick auf seine Geschichte wohl recht unscheinbar wirkt, hat es auf dem Boden des Königreichs verheerende Schlachten gegeben. Man denke an Waterloo, man denke an Ypern. Im Mai 1940 besetzt die Deutsche Wehrmacht das kleine Land. Und einige deutschfreundliche Belgier machen mit dem Feind gemeinsame Sache. „Wenn Krieg ist – Hugo Claus „Der Kummer von Belgien““ weiterlesen →
„Wird sich derjenige, der später vielleicht diese endlosen Aufzeichnungen liest, klar werden über die endlosen Tage, Monate, Jahre, die wir in einer seelischen Wüste gelebt haben (…).“
Im und um das Jahr 2014 stand ein Jahrestag im Mittelpunkt der literarischen Öffentlichkeit, dem zahlreiche Erscheinungen gewidmet waren: 100 Jahre waren seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, vergangen. In diesem Umfeld veröffentlichte der Verlag C.H.Beck einen besonderen Band, der sowohl jenes geschichtliche Geschehen als auch ein weiteres Jubiläum zusammenführte: 1866, am 29. Januar und damit vor 150 Jahren, kam der französische Schriftsteller Romain Rolland zur Welt. Der Band „Über den Gräben“ gibt Einblicke in die Gedanken und Gefühle Rollands und ist ein Auszug seiner mehr als 2.000 Seiten umfassenden Tagebuchaufzeichnungen, die er in den Jahren 1914 bis 1919 niedergeschrieben hat. „Abgrund – Romain Rolland „Über den Gräben““ weiterlesen →
„Es klingt fast, als lasse man sich auch im Exil die gute Laune nicht verderben, doch wie viel davon ist Fassade?“
Die Reihe der Romane im Anhang des Buches erinnert an eine Lektüre-Liste aus dem Germanistik-Studium, vielleicht aus einem Seminar zur deutschen Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Große Namen werden aufgezählt: Joseph Roth, Klaus Mann, Irmgard Keun, Lion Feuchtwanger, Jakob Wassermann, Arnold Zweig, Alfred Döblin. Sie alle haben nach Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 Deutschland verlassen. Überall auf der Welt verstreut, haben ihre Bücher indes ein gemeinsames Zuhause gefunden: den in Amsterdam ansässigen Querido Verlag, dessen Geschichte und Verdienste Bettina Baltschev in ihrem Band „Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur“ erzählt. „Zuflucht und Zuhause – Bettina Baltschev „Hölle und Paradies““ weiterlesen →
„Das sind also die Männer, die sich anmaßen, die Existenzen zahlloser Menschen zu zerstören?“
Der Monat August beginnt. Die Menschen sind in Vorfreude. Die ganze Welt blickt auf die Stadt. Es könnten unbeschwerte und lebendige Olympische Spiele werden, bei denen sich Sportler aus aller Herren Länder im fairen Wettstreit messen können. Doch man schreibt das Jahr 1936, die Stadt trägt den Namen Berlin, die Nationalsozialisten haben seit mehr als drei Jahren das Dritte Reich im festen und unerbittlichen Griff. Der Führer Adolf Hitler und seine oberste Riege wissen, die Spiele für ihre Zwecke zu missbrauchen, eine glanzvolle Scheinwelt zu inszenieren.
Berlin 1936 von Oliver Hilmes
In seinem Band „Berlin 1936. 16 Tage im August“ entwirft Autor Oliver Hilmes ein lebendiges und facettenreiches Bild dieses sportlichen Großereignisses und der pulsierenden Hauptstadt. Er führt an verschiedene Orte, erzählt von verschiedenen Personen – von sowohl „Normalsterblichen“ als auch prominenten Köpfen. Die meisten der realen Protagonisten verfolgt Hilmes wie an einem roten Faden über längere Zeit: da sind unter anderem der amerikanische Autor Thomas Wolfe und sein deutscher Verleger Ernst Rowohlt, da ist die jüdische Dichterin Mascha Kaléko und Leon Henri Dajou, der Besitzer der Kult-Bar „Quartier Latin“. Manche tauchen indes nur kurz, nahezu schlaglichtartig auf. Viele dieser Schicksale ergreifen und zeigen das wahre Gesicht des Regimes, das unter der inszenierten Scheinwelt nahezu verborgen bleibt. Da werden Sinti und Roma verschleppt und in ein Lager im Stadtteil Marzahn inhaftiert, Homosexuelle, Juden und Andersdenkende verfolgt, die Gesetze systematisch verschärft, die Denunzierung erlebt Hochkonjunktur. Viele dieser grausamen Ereignisse finden im Hintergrund statt, nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die von diesem sportlichen wie medialen Ereignis ge- und verblendet wird. Nur wenige schauen hinter die Maske der heuchlerischen Fratze der Nationalsozialisten. Die Medien sind gleichgeschaltet, die Reichspressekonferenz gibt konkrete Anweisungen an die Medien heraus. Das junge Medium Fernsehen erlebt seine Bewährungsprobe. Die Welt staunt ob des Ausmaßes und der schier gigantischen Organisationsmaschinerie. Es sind Massen, die in das Olympia-Stadion strömen, an Aufmärschen teilnehmen. Doch da gibt es noch eine andere Welt abseits des gleichgeschalteten Reiches: die Bars und Kneipen, in denen sich nicht nur Intellektuelle und Promis aller couleur treffen, sondern in denen auch das normale Volk begrüßt wird. Im Club „Nobel“, in der Sherbini-Bar und im Quartier Latin findet sich allabendlich eine illustre Gästeschar ein – zu einem Glas Wein oder Whisky, zur verpönten Swing-Musik bekannter Kapellen.
„Tom realisiert, dass die Nationalsozialisten alle hassen, die anders sind als sie. Ihm wird klar, dass sie dieses Land, das Tom so sehr liebt, schleichend mit ihrem Gift durchsetzen, dass sie es zerstören wollen: ‚Es war eine Seuche des Geistes – unsichtbar, aber unverkennbar, wie der Tod.'“
Hilmes gelingt es, mit zahlreichen Fakten aus seiner sehr intensiven Quellen-Recherche zu informieren und zu überraschen sowie unterhaltsam zu erzählen – oft mit einem herrlich augenzwinkernden Humor. Als einen herben, ja düsteren Kontrast lässt er beim Leser ein Gefühl der Beklemmung entstehen angesichts jener Vielzahl an Schicksalen und Menschen, die unter der braunen Diktatur leiden, deren Leben nicht nur auf den Kopf gestellt wird, sondern schlichtweg in großer Gefahr ist. Kleine kurze Andeutungen weisen in die Zukunft der jeweiligen Personen voraus, von denen letztlich in einem abschließenden Abschnitt mit dem Titel „Was wurde aus…“ erzählt wird. Mit oft traurigen Erkenntnissen, wie zum Beispiel zum Schicksal des deutschen Weitspringers Carl Ludwig „Luz“ Long, der mit seinem Konkurrenten, dem mehrfachen Olympiasieger und amerikanischen Leichtathletik-Star Jesse Owens, Freundschaft schließt. Unter dem leuchtenden Spektakel taucht der dunkle Abgrund auf; das beweist nicht nur die hohe Selbstmordrate in jenen Wochen, sondern auch jene „geheimnisvolle Reisegesellschaft“, die sich von Deutschland aus auf den Weg nach Spanien macht. Es sollen nur noch drei Jahre vergehen, bis der große Krieg ausbricht. Der Bürgerkrieg im Süden Europas ist dessen Prolog.
In Hilmes‘ unvergleichlich lebendigem Porträt jener 16 Tage im August finden sich nahe sämtliche gesellschaftlichen Bereiche wieder: Sport und Kultur, die Bühne der Diplomatie genauso wie die große Politik. Der Autor, der sich in früheren Werken unter anderem mit den Biografien von Cosima Wagner, Franz Liszt und Bayern-König Ludwig II. beschäftigt hat, stellt sowohl die Nazi-Größen mit ihrem fanatischen Machtstreben und Rassen-Wahn als auch jene Diplomaten westlicher Nationen sowie Vertreter des olympischen Komitees bloß, die anstatt kritisch Stellung zum Rassismus und Antisemitismus im Dritten Reich zu beziehen, vielmehr wegschauen und kuschen. „Berlin 1936“ ist ein bemerkenswerter Band, der, angereichert mit kleinen und großen Geschichten und mit Original-Zeitdokumenten, den Leser über die Lektüre hinaus weiter beschäftigt und kräftig nachhallt.