Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt“

Es ist ein kleiner leichter Band. Anthrazitfarbene Leinenoptik. Ein Briefumschlag ziert das Cover. Eine Gestaltung, die schlicht, aber wiederum markant erscheint. Gerade mal 67 Seiten umfasst „Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor. Doch der Roman ist ein Werk mit extremer Wirkung, das von einer besonderen Geschichte erzählt und selbst Geschichte geschrieben hat und viel länger wirkt als der Leser darin versunken ist. Die Neuausgabe des Verlags Hoffmann und Campe als Sammleredition des erstmals 1938 veröffentlichten Werkes könnte wohl zu keinem geeigneteren Zeitpunkt erscheinen.   „Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt““ weiterlesen

Schein und Sein – Richard Russo „Diese gottverdammten Träume“

„Die Menschen waren nun mal, wie sie waren, mochten sie sich auch noch so bemühen, anders zu sein.“

In einer Kleinstadt lebt bekanntlich eine überschaubare Anzahl an Menschen. Man kennt sich und das Leben der anderen, ihre Familien, ihr Glück und ihr Leid. Ob gute oder schlechte Nachrichten, sie machen schnell die Runde. Und meist liegt das Wohl und das Wehe der Stadt in den Händen nur weniger. Empire Falls, im amerikanischen Bundesstaat Maine gelegen, macht da sicher keine Ausnahme. Nur sollte an dieser Stelle schon einmal erwähnt werden, dass die Stadt und ihre Einwohner fiktiv und Schöpfung des amerikanischen Schriftstellers Richard Russo sind, der für sein literarisches Porträt von Empire Falls 2002 den renommierten Pulitzerpreis erhalten hat.  „Schein und Sein – Richard Russo „Diese gottverdammten Träume““ weiterlesen

Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe“

„Vermutlich schlingern die meisten so durch ihr Leben, halb wissend und halb blind, bedrängt von Erinnerungen, die unmöglich wahr sein können.“

Rückblicke haben oft einen ambivalenten Charakter. Und immer bleibt dabei die Frage, welchen Ereignissen der Vergangenheit stellt man sich in seinen eigenen Erinnerungen, welche werden eher unterdrückt, gemieden, ausgeblendet. Meist sind es vor allem überraschende, teils auch tragische Geschehnisse, die Erinnerungen hervorholen. Wegen einer Infektion nach einer Blinddarm-OP liegt Lucy Barton für mehrere Wochen im Krankenhaus. Eines Tages sitzt ihre Mutter am Bett, völlig überraschend. Denn Mutter und Tochter haben sich gemieden und einige Jahre lang nicht gesehen, aber nun vieles zu berichten. „Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe““ weiterlesen

Im Blutrausch – Wajdi Mouawad „Anima“

„Die Welt ist groß und weit, doch die Menschen gehen immer ausgerechnet dorthin, wo es ihnen die Seele zerreißt“

Sie wissen ganz genau, was wir tun. Selbst wenn wir uns unbeobachtet fühlen. Sie riechen unseren Schmerz, unsere Furcht. Obwohl wir womöglich weit entfernt von ihnen sind. Tier und Mensch vereint zwar der gleiche Ursprung in grauer Urzeit, doch mit den Jahrmillionen der Evolution haben wir uns voneinander getrennt: Wir sind zu Herrschern und zur Bestie geworden. Weil gewalttätig gegen die Natur und gegen uns selbst. Der kanadische Autor mit libanesischen Wurzeln, Wajdi Mouawad, erzählt darüber in seinem erschütternden und einzigartigen Roman „Anima“.

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Erschütterungen – Callan Wink „Der letzte beste Ort“

„Aber man darf dabei nicht vergessen, dass es direkt unter der äußeren Schale immer noch die Strömung gibt.“

Das Land ist weit, von entrückender Schönheit, doch manch einer scheint, verloren, entwurzelt zu sein. Überraschende, meist tragische Ereignisse werfen das Leben für einen kurzen Moment aus der Bahn. Dann geht es weiter – das Leben; in seiner alltäglichen Konsequenz. Der Amerikaner Callan Wink schreibt davon. Für seinen in diesem Jahr veröffentlichten Debüt-Band mit Stories – jüngst bei Suhrkamp mit dem Titel „Der letzte beste Ort“ erschienen – hat der 32-Jährige in seinem Heimatland bereits viel Lob erhalten. Vergleiche werden gezogen – mit großen und bekannten Namen wie Richard Ford oder Philipp Meyer. Sicher ist, dem jungen Autor ist so einiges zuzutrauen.  „Erschütterungen – Callan Wink „Der letzte beste Ort““ weiterlesen

Abstieg – Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

„Er war kein Kind mehr. Er hatte seine eigenen Gespenster, denen er nicht davonlaufen konnte, egal, wie weit er flüchtete.“ 

Mit seinem Roman „Der große Gatsby“ hat sich Francis Scott Key Fitzgerald unsterblich gemacht. Der Verlag Modern Library listet das 1925 erschienene Werk auf Platz 2 der besten 100 englischsprachigen Bücher ein – Platz eins belegt „Ulysses“ von James Joyce. Dabei gab es eine Zeit, in der der amerikanische Schriftsteller vergessen, sein Ruhm verblasst war. Von jenen Jahren, die die letzten im Leben des großen Autors waren, erzählt Stewart O’Nan in seinem neuen Roman „Westlich des Sunset“.  „Abstieg – Stewart O’Nan „Westlich des Sunset““ weiterlesen