Dunkles Kapitel der NVA – Gespräch mit Krimi-Autorin Claudia Rikl

Obwohl seit der politischen Wende und folgend der Wiedervereinigung Deutschlands bereits 28 Jahre vergangen sind, gibt es noch immer Themen aus der DDR-Geschichte, die in der Öffentlichkeit nicht so sehr präsent und kaum bekannt sind. In ihrem Romandebüt „Das Ende des Schweigens“ erzählt die Leipzigerin Claudia Rikl von einem dunklen Kapitel der Nationalen Volksarmee (NVA) und dem Mord an einem einstigen Offizier Jahre nach der Wende. Mit der Leipziger Autorin sprach Zeichen & Zeiten.

Wie hat alles mit dem Schreiben angefangen?

RiklClaudia Rikl: Bereits während meines Studiums fiel mir ein Buch zum Thema kreatives Schreiben in die Hände, das mich fasziniert hat. Als ich nach dem Studium meinem Professor meine Ideen für eine Dissertation darlegte, sagte er: Prima, damit können Sie sich die nächsten Jahre gut beschäftigen. Da wurde mir klar: Wenn ich so viel Lebenszeit in eine Sache investieren muss, dann geht das nur mit Herzblut. Wenige Wochen später begann ich den vorliegenden Roman und merkte gleich: Das ist es, was ich tun will. Ich schrieb, schrieb um, korrigierte, schrieb neu. Während eines Seminars in Köln lernte ich schließlich die Schriftstellerin Gisa Klönne kennen, sie glaubte an das Projekt, wurde meine Mentorin und schaute mir bei der Endfassung über die Schulter. Damit bewarb ich mich bei Agenturen und wurde angenommen. Ein paar Wochen später konnte ich den Vertrag mit Rowohlt unterschreiben.

Wie ist die Idee zur Geschichte entstanden?

Wir haben selbst eine Datsche als Wochenendhaus. Eine solche bildet im Roman ja den Tatort, an dem die Leiche gefunden wurde. Es war mir schnell klar, dass sich das Buch um eine privilegierte Person drehen musste, die in der DDR eine solche besessen hatte.

Es geht in Ihrem Roman um die NVA, um Schikanen, Selbstmorde und die Stasi. Haben Sie dafür intensiv recherchiert?

Die Militärgeschichte der DDR ist bereits sehr gut erforscht. Der Ch. Links Verlag hat dazu einiges veröffentlicht, so auch den Band „Tausend Tage bei der Asche“. Im Archiv des „Spiegels“ fanden sich zudem Beiträge rund um die illegalen Waffenverkäufe. Über Schicksale und Zahlen von Opfern hat auch die Zeitschrift „Horch und Guck“ berichtet. In jeder Kaserne hat es Abwehroffiziere gegeben, auch die Stasi hat also viel dokumentiert. Ich erinnerte mich auch an Berichte einer Lehrerin über Schikanen in der NVA.

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Der heutige Blick auf die DDR ist sehr verschieden, je nachdem, was man auch selbst erfahren hat. Was war Ihnen wichtig zu erzählen?

Ich wollte einen Roman schreiben, in dem ich niemanden verurteile, auch nicht jene, die damals privilegiert waren. Kommissar Herzberg stellt jedoch einen starken Kontrast zu jenem NVA-Offizier dar, der getötet wird. Herzberg ist ja, einst im Stasi-Gefängnis in Bautzen inhaftiert, ein Opfer des Regimes. Der Fall, an dem er arbeitet, löst vieles wieder in ihm aus, was auch seine Ehe beeinflusst. Dass sich Figuren an Herausforderungen und Extremsituationen bewähren müssen, ist wichtig für die Handlung eines Buches, denke ich.

Der Klappentext des Buches kündigt bereits den zweiten Fall von Herzberg an.

Ja, ich arbeite gerade sehr intensiv daran. Es soll im Frühjahr kommenden Jahres erscheinen.

Wie muss man sich den Schreibprozess bei Ihnen vorstellen?

Eigentlich ist es wie ein Bürojob. Ich schreibe täglich von 9 bis 12 Uhr und nach einer Mittagspause einige weitere Stunden am Nachmittag; und das oft auch am Wochenende. Stephen King hat einmal erzählt, dass er täglich schreibt und liest. Diese Disziplin ist wichtig. Beim Schreiben entstehen ja erst die Ideen.

Haben Sie Vorbilder?

Ich liebe die Bücher von Fred Vargas, aber auch Åsa Larsson und Håkan Nesser schätze ich sehr.

Schaut man da auch schon einmal von den Kollegen ab?

Nein, es ist wichtig, den eigenen Stil zu finden. Man kann auch nicht abschreiben, das funktioniert einfach nicht. Ich will immer den Roman schreiben, den ich auch selbst gern lesen würde. Und das sind immer Romane, die eine Geschichte auf unverwechselbare, individuelle Weise erzählen und mir damit eine Facette der Welt zeigen, die ich so noch nicht kannte. Und das wiederum ist nur möglich, wenn ein Autor für sein Thema und seine Figuren brennt.

Sie sind in Naumburg/Saale geboren und aufgewachsen. Sind Sie noch verbunden mit der Stadt?

Als ich 1991 zum Studium ging, ist mir der Abschied schwer gefallen. Ich komme nach wie vor sehr gern her, Naumburg hat eine so schöne Umgebung, da kann Leipzig nicht mithalten. Mein Vater lebt ja auch hier, er ist sehr engagiert in seiner Stadt.

Wie hat sich Ihr Leben durch den Roman verändert?

Bisher nicht. Aber vielleicht verändert es sich jetzt gerade. Zur Buchmesse stehen einige Termine für Lesungen auch an prominenten Orten an. Autorin zu sein, gefällt mir schon.

Und welches Gefühl ist es, nun sein erstes Buch mit seinem Namen auf dem Cover zu sehen?

(schmunzelt) Das fertige Buch in den Händen zu halten und zu signieren, ist einfach großartig.

Claudia Rikl studierte Jura in Leipzig, später Literaturwissenschaft und Geschichte an der Fernuniversität Hagen. Die Autorin lebt ihrer Familie heute in Leipzig lebt. Ihr Romandebüt „Das Ende des Schweigens“ erschien bei Kindler im Rowohlt Verlag.

Die Premiere des Buches findet am 27. März ab 19 Uhr in der Stadtbibliothek Leipzig statt.

 

 

Jesmyn Ward „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“

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