Fremde Heimat – Ernst Lothar „Die Rückkehr“

„Die Wahrheit zu sagen ist immer eine Aufgabe.“

Im Vergleich zu Romanen über die Zeit des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs ist die Zahl all jener Bücher über die Nachkriegsjahre spürbar geringer. In den letzten Monaten erschienen mit „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (Klett & Cotta) und „Berlin, April 1993“ von Felix Jackson (Weidle Verlag) zwei Titel, die sich nicht nur mit den Anfängen der Nazidiktatur beschäftigen, sondern nunmehr in einer Neuauflage erschienen sind. Eine eindrückliche Wiederentdeckung ist auch der Roman „Die Rückkehr“ des österreichischen Schriftstellers und Juristen Ernst Lothar (1890 – 1974), der darüber erzählt, welche verheerenden und furchtbaren Folgen zwölf Jahre Schreckensherrschaft und sechs Jahre Krieg für Europa und Millionen von Menschen mit sich brachte.     „Fremde Heimat – Ernst Lothar „Die Rückkehr““ weiterlesen

Edith Wharton „Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart“

„Warum nennen wir denn unsere großartigen Ideen Illusionen und die banalen Wahrheit?“

Unzählige Sprüche und Redenwendungen drehen sich ums liebe Geld. Der Reichtum wird in vielen Liedern besungen – ich habe dabei gerade Abbas Klassiker „Money, Money, Money“ im Ohr -, und in vielen Büchern beschrieben. Es ist Statussymbol und zugleich Lebensziel; vermutlich für zahlreiche Menschen. Über das oftmals verhängnisvolle Streben nach Geld, Luxus und Reichtum hat die große amerikanische Autorin Edith Wharton (1862 – 1937) mit ihrem Roman „Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart“ ein Buch geschrieben, das auch heute viel zu erzählen hat und zeitlos ist. „Edith Wharton „Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart““ weiterlesen

Frau im Krieg – Laird Hunt „Die Zweige der Esche“

„Weiter weg von der Welt als an die Schwelle zum Jenseits kann man kaum gelangen.“

Die Wahl Abraham Lincolns zum amerikanischen Präsidenten 1860 und die Sklaverei-Frage spalten das Land. Mehrere Südstaaten verlassen die Union und schließen sich zu einer Konföderation zusammen. Als am 12. April 1861 Fort Sumter (South Carolina) durch Soldaten aus dem Süden beschossen wird, verwandelt sich der Konflikt in einen Krieg. 3,8 Millionen Soldaten nehmen in den kommenden vier Jahren daran teil, rund 560.000 von ihnen lassen ihr Leben. Obwohl bereits viel über diese Zeit geschrieben wurde, ist ein Kapitel nur wenig bekannt: Dass sich auch Frauen den beiden Armeen einst angeschlossen haben. Der amerikanische Autor Laird Hunt erzählt davon in seinem Roman „Die Zweige der Esche“.  „Frau im Krieg – Laird Hunt „Die Zweige der Esche““ weiterlesen

On the road – Don DeLillo „Americana“

„So groß ist das Prestige der Kamera, ihre beinahe religiöse Autorität, ihre hypnotische Macht (…).“ 

Blättert man in den aktuellen  Programmen verschiedener Verlage, erhält man angesichts neuer Titel nahezu den Eindruck, die amerikanische Literatur, ohne jetzt einen markigen Spruch eines aktuellen, nicht unumstrittenen Staatsoberhauptes zu nennen, sei obenauf. Sicherlich in gewisser Hinsicht nicht ganz zu unrecht, obwohl dadurch, wie mir scheint, Bücher anderer Länder etwas ins Hintertreffen geraten. Doch ich muss gestehen: Ich lese die Literatur aus Übersee sehr gern und will mit diesem Beitrag allerdings Mut machen, auch ältere Titel zu lesen. So hat ein kurzer Beitrag in einer der vergangenen Wochenend-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung über die Neuausgabe des Romans „Americana“ mein Interesse geweckt.  „On the road – Don DeLillo „Americana““ weiterlesen

Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“

„Siehe nun zu, daß du in der Komödie deines eigenen Lebens eine Rolle zu spielen anfängst. Gut, antworte ich mir. Und dann nahm ich hier Platz.“ Knut Hamsun „Mysterien“

Mit einem ersten Blick in ihre Lebensgeschichten unterscheiden sie sich mehr, als dass sie sich ähneln. Der eine stammt aus Irland, der andere aus Norwegen. Der eine mag die Romantik, der andere den Naturalismus. Doch Oscar Wilde (1854-1900) und Knut Hamsun  (1859-1952) verbinden zwei besondere Erfahrungen: Beide sind als junge Männer nahezu zur selben Zeit nach Amerika gereist, beide standen später vor Gericht. Der homosexuelle Wilde wegen Unzuchts, Hamsun wegen Landesverrats. Er hatte im hohen Alter deutliche Sympathien gegenüber dem Dritten Reich gezeigt, seine Nobelpreismedaille sogar Reichspropagandaminister Joseph Goebbels geschenkt. Danach ist ihr Leben nicht mehr das, was es einmal war. Matthias Engels bringt beide großen Autoren in einem wunderbaren Roman zusammen.  „Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun““ weiterlesen

Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“

„Erst wollen wir nur gesehen werden, aber sobald wir gesehen werden, reicht uns das nicht mehr. Danach wollen wir, dass man sich an uns erinnert.“ 

Es braucht nur wenige Tage, bis die Erde nahezu entvölkert ist. Die Georgische Grippe rafft einen Großteil der Menschheit hinweg. Zurückbleiben nur wenige Überlebende, die durch das Land streifen. Wie die Gruppe „Die fahrende Symphonie“, Schauspieler und Musiker, die Shakespeare und klassische Werke aufführen. Zu ihnen zählt Kirsten, die als Kind bei einer Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ an der Seite des bekannten Mimen Arthur Leander auf der Bühne gestanden hatte. Sein Tod während einer Aufführung ereignete sich am Beginn der Epidemie. Noch Jahre danach erinnert sich die junge Frau an das faszinierende wie furchtbare Erlebnis, als Leander im Scheinwerferlicht zusammenbricht. In all dieser Zeit zählt ein Comic zu ihrem wertvollsten Besitz; eine Geschichte eines Wissenschaftlers, der mit einer erdähnlichen Raumstation durch das All fliegt. Den Comic hatte ihr Leander einst geschenkt.  „Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage““ weiterlesen

Trotzkopf – Jacqueline Kelly „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“

„Wie flüchtig sind die Wünsche und Anstrengungen der Menschen! Wie kurz ist seine Zeit! Wie dürftig werden mithin seine Erzeugnisse denen gegenüber sein, die die Natur anhäuft!“ Charles Darwin „Über die Entstehung der Arten“

Für manche Leseerfahrungen braucht es etwas Glück. Das Glück oder auch der Zufall, ein besonderes Buch zu entdecken. Dieses hat sich vor mir zwischen anderen Jugendbüchern in einem Regal einer meiner Lieblingsbuchhandlungen regelrecht versteckt. Hellgrün ist bekanntlich keine Farbe, die einem ins Auge springt. Und auf dem Cover sind auch keine Drachen, Zauberer oder Vampire zu sehen. Vielmehr zeigt es ein Gewimmel aus Pflanzen und Tieren, wie Schmetterlinge und Vögel. Doch „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ von Jacqueline Kelly hat es trotzdem auf den Stapel gekaufter Bücher geschafft. Welch ein Glück! „Trotzkopf – Jacqueline Kelly „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen““ weiterlesen

Schmerzvolle Erinnerungen – Elliot Perlman „Tonspuren“

„Sie wissen nie, welche Verbindungen zwischen Dingen, Menschen, Orten und Ideen bestehen. Aber es gibt  Verbindungen. Sie wissen nur nicht wo. Die meisten wissen nicht mal, wo sie suchen sollten, oder was daran überhaupt interessant sein könnte. Wer schaut auch nur hin? Wer hat Zeit, zu schauen? Wessen Angelegenheit ist das eigentlich, hinzuschauen? Unsere.“

Der eine ist ein Erzähler, der andere sein geduldiger Zuhörer. Henry Mandelbrot ist Patient einer New Yorker Krebsklinik. Lamont Williams arbeitet für den Gebäudedienst des Krankenhauses. Der eine ist polnischer Jude und Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, der andere ein Afroamerikaner, der nach einer mehrjährigen Haftstrafe mit dem Klinik-Job eine zweite Chance erhalten hat. Henry erzählt Lamont vom Grauen in Auschwitz, der so zum Bewahrer der Geschichte wird. Erinnerungen sind das große Thema in Elliot Perlmans Roman „Tonspuren“, in dem Menschen erleben, wie Geschichte ihre Gegenwart und Zukunft beeinflusst. „Schmerzvolle Erinnerungen – Elliot Perlman „Tonspuren““ weiterlesen

Zurückgezogen – David Shields und Shane Salerno „Salinger. Ein Leben“

„Ich glaube, irgendwann musst du herausfinden müssen, wo du hin willst. Und dann musst du auch da hingehen. Aber sofort. Du kannst es dir nicht leisten, auch nur einen Augenblick zu verlieren. Du nicht.“ („Der Fänger im Roggen“)

Salinger. Da war doch was. Englischunterricht bei Herrn Polke und dann diese Lektüre. „Der Fänger im Roggen“, besser gesagt. „The Catcher in the rye“. Und ist es nicht so, dass neben den guten und den schlechten Lehrern vor allem die Bücher, die man lesen musste, sich in das Gedächtnis eingeprägt haben? Der 1951 erschienene Roman „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger (1919 – 2010) zählt da ganz gewiss dazu. Millionen von Jugendlichen haben ihn gelesen und geliebt. Seine Popularität besteht bis heute. Damit hat er einen Kultstatus erreicht, der nahezu ungebrochen ist und seinesgleichen sucht. Doch was wissen wir über den Autor selbst und die Entstehung des Romans? Sicherlich wenig. Wenn nicht in der derzeitigen Salinger-Begeisterung und unter den aktuellen Publikationen – so den beiden Romanen „Oona und Salinger“ von Frederic Beigbeder und „Lieber Mr. Salinger“ von Joanna Rakoff – auch eine bemerkenswerte Biografie heraussticht, die sich zum Ziel gesetzt hat, mit den Mythen und falschen Überlieferungen rund um die Person des Kultautors aufzuräumen. „Zurückgezogen – David Shields und Shane Salerno „Salinger. Ein Leben““ weiterlesen

Amerika – Philipp Meyer „Der erste Sohn“

„Die Menschen verwandeln Erde zu Sand, Obst zu Dornen. Etwas anderes kriegen wir nicht zustande.“ 

Das Land ist weit und unermesslich reich. Es könnte für viele Menschen Heimat bieten, wo sie in Frieden und Eintracht leben. Doch die Gewalt kennt keine Grenzen. Als Eli im Jahr 1836 geboren und der Staat Texas aus der Taufe gehoben wird, liegen im Grenzgebiet die Siedler mit den Mexikanern und den Indianern im Clinch. Blut fließt auf allen Seiten. Er selbst und sein Bruder werden in jungen Jahren von den Comanchen entführt, während Mutter und Schwester während des Überfalls mehrfach vergewaltigt und schließlich getötet werden. Es ist der Beginn eines Lebens voller Erfolge und Verluste, der Beginn einer Familiendynastie, die in den folgenden Jahrzehnten einen unvergleichlichen Aufstieg erleben wird, und die entscheidende Szene zum Auftakt des Romans „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer. „Amerika – Philipp Meyer „Der erste Sohn““ weiterlesen