Vom Schmerz – Stefan Hertmans „Krieg und Terpentin“

„Orte sind nicht nur Raum, sondern auch Zeit.“

Es ist Krieg, der erste der Welt, der erste, der mit Maschinen ausgetragen wurde und zu unfassbar hohen Opferzahlen und Leid geführt hat. Mittendrin in diesem Gemetzel: Urbain Martien. Er dient als Soldat in der belgischen Armee. In den kommenden vier Jahren wird er mehrmals verwundet. Für seine Aufopferungsbereitschaft und seinen Mut wird er mit zahlreichen Orden geehrt, die ihn nur wenig interessieren. Als Erinnerung bleiben Szenen der Gewalt und Zerstörung sowie der Schmerz, den er in seinem Notizbuch in Worte zu fassen versuchte. Sein Enkel Stefan Hertmans hat die Erinnerungen seines Großvaters in seinem berührenden wie erschütternden Buch „Krieg und Terpentin“ verarbeitet.  „Vom Schmerz – Stefan Hertmans „Krieg und Terpentin““ weiterlesen

Abhängig – Katrine Engberg „Krokodilwächter“

„Monster verstecken sich im Schatten, nicht in der Sonne.“

Mit Blick auf seine Gestalt ist dieser Vogel ein Winzling, gerade mal rund 20 Zentimeter groß. Doch furchtlos wagt er sich auf den mächtigen Leib der Krokodile, um dort nach Nahrung zu suchen. Für das gefährliche Reptil ist diese Form der Körperpflege willkommen.  Eine tierische „Freundschaft“ der besonderen Art, wie es sie viele unter der Bezeichung „Symbiose“ in der Natur gibt. Doch seinen Namen hat der in Afrika heimische Krokodilwächter aus einem ganz anderen Grund: Er warnt mit seinem Ruf vor Gefahren. Die Dänin Katrine Engberg hat ihr Krimidebüt nach dem Vogel benannt. Und das nicht ohne Grund. Denn diese speziellen Beziehung zwischen dem vermeintlichen David und Goliath gibt es auch in der Welt der Menschen.  „Abhängig – Katrine Engberg „Krokodilwächter““ weiterlesen

Kunst des Lebens – Anne Reinecke „Leinsee“

„Es dauerte noch zweieinhalb Jahre, bis sie sich zum ersten Mal küssten.“

Das Erwachsensein ist schon ein recht merkwürdiger Zustand, er schwebt gefühlt zwischen den Zeiten, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Während wir für die Zukunft hoffen, bangen, träumen, was kommen wird, gilt die Rückschau der Kindheit und Jugend, den Erinnerungen – an witzige und fiese Schulstreiche, untrennbare Freundschaften, den ersten Kuss und doofen wie tollen Lehrern. Und eben auch den Eltern, die uns prägen – über Kindheit und Jugend hinaus, auch ganz unbewusst, ob wir es wollen oder nicht. Über die Verbindung von Eltern und Kind und über noch viel mehr erzählt die Berlinerin Anne Reinecke in ihrem Debüt „Leinsee“.  „Kunst des Lebens – Anne Reinecke „Leinsee““ weiterlesen

Macht der Täuschung – Chris Kraus „Das kalte Blut“

„Täuschung ist meine Währung. Es gibt keine härtere. Wer aber damit zahlt, das sage ich, ist noch lange nicht durch und durch falsch.“

1945, nach mehr als fünf Jahren Krieg, lagen Deutschland sowie weite Teile Europas und der Welt in Schutt und Asche. Bis zu 80 Millionen Menschen verloren ihr Leben, darunter allein sechs Millionen Juden, die während des Holocaust umgebracht wurden. Nur eine recht überschaubare Zahl ihrer Mörder wurde für ihre bestialischen Verbrechen belangt. Nicht wenige indes knüpften an ihre Karriere bei der SS oder der Wehrmacht an. In seinem neuen Roman „Das kalte Blut“ erzählt Chris Kraus eine jener bis heute unvorstellbaren, aber realen Geschichten.

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Geheimnisse – Lukas Hartmann „Auf beiden Seiten“

„Alles bleibt Fragment, erschwindelt, ein Seiltanz von Bild zu Bild.“

Als die DDR 1989/1990 mit dem Mauerfall und der friedlichen politischen Wende ihrem Ende zuging, konnte wohl noch keiner erahnen, welches Ausmaß und welche Bedeutung das Ministerium für Staatssicherheit, im Volksmund Stasi genannt, besaß. Womöglich wussten dies nur jene, die direkt oder indirekt mit der „Krake“ zu tun hatten. Doch nicht nur die DDR verfügte über eine spezielle Struktur zum Schutze des Staates. In der Schweiz gab es seit dem Ende der 70er Jahre mit der P 26 eine, nur wenigen Menschen bekannte Organisation, die, aus der Schweizer Armee heraus entstanden, andere beschattete und wenn nötig politisch wie militärisch aktiv werden konnte. Von ihr erzählt der 2015 erschienene Roman „Auf beiden Seiten“ des Schweizers Lukas Hartmann.  „Geheimnisse – Lukas Hartmann „Auf beiden Seiten““ weiterlesen

Ungeboren – Ian McEwan „Nussschale“

„Identität wird zu meinem kostbaren, einzig wahren Besitz.“ 

Im Jahr 1998 veröffentlichte die britische Band „Massive Attack“ ihren Song „Teardrop“. In dem dazugehörigen Video ist ein ungeborenes Kind zu sehen, das seine Lippen bewegt, als ob es mitsinge.  Ein Fötus als Sänger, als Erzähler? Warum nicht, sagte sich wohl auch der britische Schriftsteller Ian McEwan. In seinem neuesten Werk lässt er ein ungeborenes Kind die besondere Geschichte seiner Eltern und seines Onkels schildern – und die ist nicht mehr nicht weniger als eine Reminiszenz auf William Shakespeares wohl berühmtestes Meisterwerk „Hamlet“. „Ungeboren – Ian McEwan „Nussschale““ weiterlesen