Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis“

„Er musste schweigen, musste verschweigen, was keiner wissen durfte.“

So innerlich eingegraben, verkantet, nahezu festgesaugt haben sich bei mir in der letzten Zeit nur wenige Bücher. Christoph Heins neuer Roman „Verwirrnis“ hat dies geschafft. Dass so eine besondere, besonders auch traurige Geschichte zugleich so viel Begeisterung entfachen kann, lässt mich indes auch etwas ratlos zurück. Woran liegt es, dass wir die tragischen Romane oftmals mehr schätzen, als die unaufgeregteren mit dem Happy End? Ohne den Ausgang vorwegnehmen, ihn nur anzudeuten:  Etwas Hoffnung bleibt,  von der der Held der Geschichte nur eine, aber dafür umso bedeutende Entscheidung entfernt ist.  „Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis““ weiterlesen

Goran Vojnović „Unter dem Feigenbaum“

„Und am meisten enttäuschen uns Menschen, von denen wir am meisten erwarten.“

Zugegeben: In meiner Lesebiografie gibt es einige weiße Flecken. Wenn man leidenschaftlich für Autoren und die Literatur einiger Länder brennt, werden andere schlichtweg vergessen oder überhaupt nicht wahrgenommen. Seitdem ich diesen Blog schreibe und damit auch vermehrt Mitteilungen der verschiedensten kleinen oder großen Verlage erhalte, lerne ich vor allem eins: zu entdecken – und stoße dabei auf literarische Perlen, die mir beim Stöbern in Buchhandlungen wohl nicht aufgefallen wären. Der neue Roman des slowenischen Autors Goran Vojnović „Unter dem Feigenbaum“ hätte ich ignoriert, weil Osteuropa, speziell der Balkan eben noch immer zu jenen weißen Flecken zählt und weil sicherlich nicht jede Buchhandlung diesen Titel führt. Doch wie im Fall des grandiosen Romans „Belladonna“ der Kroatin Daša Drndić wäre es ein großer Fehler, hätte ich nun dieses Buch nicht gelesen.

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Das Kind – Svenja Leiber „Staub“

„Sich zu verlieren ist doch wirklicher einfacher, als sich wiederzufinden.“

Erinnerungen aus der Kindheit prägen, sie folgen einem, haften wie ein Magnet, wollen nicht weichen. Sie sind unsichtbares Gepäck, das wohl jeder von uns mit sich trägt. Manchmal packen wir es aus, manchmal lassen wir es am besten geschlossen. Denn das Gute und Helle kann nicht ohne das Schlechte, das Dunkle sein.  Jonas Blaum, einem deutschen Arzt, holen die Erinnerungen an einen Aufenthalt in Saudi-Arabien ein, wo er als Kind mit seinen Eltern und den beiden Geschwistern David und Semjon lebte. Schon sein Vater praktizierte als Mediziner, der 1984 in den Nahen Osten gerufen wurde. Nach einem fehlgeschlagenen Krankenhaus-Projekt strandete er in Riad und wurde zu einem Untertanen des Scheichs. Die Familie konnte das Land nicht verlassen und lebte in einem goldenen Käfig. 20 Jahre später zieht es Blaum, nun selbst erwachsen, nach Jordanien, wo seine Gedanken ihn stets und ständig in die Vergangenheit führen.  „Das Kind – Svenja Leiber „Staub““ weiterlesen

Backlist #4 – Agota Kristof „Das große Heft“

„Alle Welt ist in Schwierigkeiten.“

Manche Bücher begleiten einen, obwohl sie noch nicht gelesen worden sind, aber weil man sie unbedingt kennenlernen möchte. Egal aus welchem Grund. Der Roman „Das große Heft“ der ungarischen Schriftstellerin Agota Kristof ist solch ein Buch. Mich faszinierte das besondere Foto auf dem Cover, mich machten auch der Klappentext sowie die Aussagen zur Biografie der Autorin neugierig. Doch irgendwie fanden wir nicht zusammen. Eines Tages drückte mir jedoch die Leiterin einer Sekundarschule den schmalen Band in die Hand, als sie mir ein Buch zurückgab, das ich ihr zuvor ausgeliehen hatte. Tage, Wochen, ja Monate vergingen. Kristofs Roman blieb ungelesen im Regal liegen. Bis sie mich eines Tages daraufhin ansprach, mich auch ein schlechtes Gewissen quälte. Nun las ich es, und ich frage mich, warum dies nicht eher geschehen ist. Aber oft brauchen die gerade guten Dinge ihre Zeit.  „Backlist #4 – Agota Kristof „Das große Heft““ weiterlesen

Allein – Emily Fridlund „Eine Geschichte der Wölfe“

„Was ist der Unterschied zwischen dem, woran man glauben will, und dem, was man tut?“

Ein Wald in Minnesota. Eine Hütte, eine Familie. Die nächste Stadt ist einige Kilometer entfernt, die nächste Familie wohnt am anderen Ufer des Sees. Linda sieht sie, die Zugezogenen, die Neuen im Wald. Frau und Kind, später kommt der Vater noch hinzu. Schnell findet die 14-Jährige Kontakt zu dem kleinen Paul und seinen Eltern, gewinnt ihr Vertrauen, wird die Babysitterin des kleinen Jungen. Doch genauso schnell bemerkt sie, dass mit der Familie etwas nichts stimmt, obwohl sie selbst nicht unbedingt „normal“ ist, in der Schule auch Freak genannt wird. Die Amerikanerin Emily Fridlund breitet in ihrem eindrucksvollen Debüt „Eine Geschichte der Wölfe“ eine Story aus, deren Inhalt noch immer brisant ist und psychologisch beklemmend erzählt wird.  „Allein – Emily Fridlund „Eine Geschichte der Wölfe““ weiterlesen

Geschichte (n) – Bernd Wagner „Die Sintflut in Sachsen“

„Gerade der Rhythmus der Worte erzeugte in mir eine unbekannte Art von Rausch (…).“

Wurzen – die Stadt an der Mulde. Bekannt für Joachim Ringelnatz, Kekse und Kurzkoch-Reis; der Milchreis ist im Übrigen sehr empfehlenswert. Wurzen ist die Große Kreisstadt des Landkreises Leipzig, die Messestadt mit ihrem Trubel ist also sehr nah, sowie die Geburtsstadt des Schriftstellers Bernd Wagner. Hier kommt er 1948, drei Jahre nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, zur Welt, hier wächst er auf und verbringt Kindheit und Jugend. Sowohl dieser sächsischen Stadt in der Provinz als auch der Geschichte seiner Familie widmet er sich auf sehr persönliche Weise in seinem aktuellen und autobiografischen Roman „Die Sintflut in Sachsen“. „Geschichte (n) – Bernd Wagner „Die Sintflut in Sachsen““ weiterlesen