Ragnar Jónasson – „Dunkel“

„Der Vorteil von Dunkelheit ist, dass es keine Schatten gibt.“

Dass Bücher aus Skandinavien mit Verspätung auf den deutschen Buchmarkt landen, ist bekannt. Keine Seltenheit ist dies bei der Belletristik. Dass allerdings auch nordische Kriminalromane betroffen sind, die vor allem hierzulande ein großes Fan-Publikum haben und schon im Voraus in anderen Ländern erfolgreich waren, ist wohl weniger der Fall. Bereits 2015 erschien in Island „Dimma“, der Beginn der sogenannten Hulda-Trilogie von Ragnar Jónasson.  Die britische Tageszeitung „The Times“ kürte den Roman als einer der 100 besten Krimis und Thriller seit 1945. Mit fünf Jahren Zeitverzug ist er endlich in Deutschland erschienen – welch ein großes Glück. „Ragnar Jónasson – „Dunkel““ weiterlesen →

Lutz Seiler – „Stern 111“

„Es ging darum, dass wir es sind, die entscheiden.“

Unbegreiflich, unfassbar: Die Wende, von manchen auch friedliche Revolution genannt, wird im Rückblick mit verschiedenen Wörtern beschrieben, die alle allerdings eine Gemeinsamkeit vereint: Sie tragen ein Staunen in sich. Ich war 12 als die Mauer fiel, sich die Grenzen zwischen West und Ost öffneten, an den Grenzübergängen Tausende Hände auf die Motorhauben von Trabi, Wartburg und Lada schlugen. Ich erinnere mich an jenen Abend im November 1989, als meine Eltern auf der Couch saßen und die Nachrichten schauten, die so unglaublich erschienen. Wir lebten in einem Dorf im damaligen Bezirk Dresden, das für sein Rohrwerk und als NVA-Standort bekannt war. Geflissentlich wurde die Region im heutigen Landkreis Meißen als Tal der Ahnungslosen bezeichnet, weil der Westrundfunk schlecht zu empfangen war. Ich wuchs also ohne „Pumuckl“ oder „Sesamstraße“ auf. „Lutz Seiler – „Stern 111““ weiterlesen →

Backlist #15 – Niccolò Ammaniti „Anna“

„Alles Kalte war mit den Großen verschwunden.“ 

Unweigerlich entsteht ein beklemmendes Gefühl. Jene Jahreszahl, jene Ereignisse nach dem Ausbreiten eines Virus. Ein Erreger, der zu einer Atemwegserkrankung, aber auch zu Hautflecken führt. Im Jahr 2020 leben auf Sizilien nur noch Kinder. Die Erwachsenen hat die Seuche, „Die Rote“ genannt, hinweggerafft. Auch die Eltern von Anna und ihrem kleinen Bruder Astor sind bereits tot. Den Weg der beiden Waisenkinder durch eine zerstörte wie grausame Welt begleitet der Leser in dem meisterhaften, allerdings auch düsteren Roman des preisgekrönten Italieners Niccolò Ammaniti. „Backlist #15 – Niccolò Ammaniti „Anna““ weiterlesen →

Jean-Paul Dubois – „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“

„Es geschah oft, dass ich diese Abwesenheit spürte, stets war es dasselbe Unbehagen.“

Er sitzt hinter Gittern, in einem maroden Gefängnis in Montreal. Es sind nur wenige Quadratmeter Lebensraum, die er sich auch noch mit einem Mann teilen muss. Einem Hünen, der einer Rocker-Gang angehört und an einem Mord in der Szene beteiligt gewesen sein soll. Paul Hansen lässt in seinem monotonen und fremdbestimmten Knast-Alltag sein Leben Revue passieren; die guten wie die schlechten Tage eines einfachen wie wechselvollen Lebens, begleitet von den Toten aus seinem Leben – Vater, Frau und Hund. Mit „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ hat der Franzose Jean-Paul Dubois einen melancholischen, lebensklugen und überaus menschlichen Roman geschrieben, für den er im vergangenen Jahr mit dem renommierten Prix Goncourt geehrt wurde. „Jean-Paul Dubois – „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise““ weiterlesen →

Lars Mytting – „Die Glocke im See“

„(…) dass die Zeit nicht nur Verfall brachte, sondern die Dinge auch ehrte.“

Wer Norwegen bereist, kommt an ihnen nicht vorbei. Obwohl es nicht mehr viele im Land gibt. Von einst rund 750 Stabkirchen existieren heute nicht einmal mehr 30 der markanten eindrucksvollen Gotteshäuser aus Holz. Lars Myttings historischer Roman „Die Glocke im See“ erzählt von einer Stabkirche, von einer besonderen grenzüberschreitenden Liebe und dem ambivalenten Verhältnis zwischen Fortschritt und Tradition. „Lars Mytting – „Die Glocke im See““ weiterlesen →

Agnete Friis – „Der Sommer mit Ellen“

„Neue Schichten über den alten. Jetzt war alles weiß gestrichen.“ 

Wer hat nicht die besonders prägenden Erinnerungen an eine besondere Zeit. Tage, Wochen, Monaten, an die man in Gedanken oft zurückkehrt. Eine Zeit, nach der alles anders war – und ist. Für Jakob ist es der Sommer mit Ellen im Jahr 1978. Eine junge Frau wird für den 15-Jährigen zur ersten großen Liebe, die eines Tages verschwindet, während in seinem Heimatort eine tragische Begebenheit für Entsetzen sorgt und den Einsatz der Polizei erfordert. Die Dänin Agnete Friis hat mit „Der Sommer mit Ellen“ einen sehr bildhaften und beklemmenden Roman geschrieben, der dem Leser zusetzen wird.

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