Verlaufen – Willem Frederik Hermans „Nie mehr schlafen“

„Man würde gern umkehren, denkt aber sofort daran, daß Umkehren genauso gefährlich ist wie Weitergehen, und geht weiter.“

Eine Buchmesse ist nicht nur wegen ihrer Menge an Ausstellern, Gästen und ihres einzigartigen Flairs beeindruckend wie faszinierend. Sie begleitet uns eine gewisse Zeit, vor allem mit der besonderen Auswahl eines Gastlandes. In Frankfurt rückte die Literatur der Niederlande und Flanderns in den Fokus der Aufmerksamkeit, und nicht nur aktuelle Autoren und Werke. In einem Online-Beitrag des schweizerischen Rundfunksenders SRF Kultur stieß ich auf den Namen Willem Frederik Hermans (1921 – 1995). Er war mir bekannt durch zwei Neuausgaben seiner Romane „Unter Professoren“ und „Die Dunkelkammer des Damokles“, die ich im Herbstprogramm des Aufbau-Verlages gesehen hatte. Doch es war Hermans Buch „Nie mehr schlafen“, 1966 erstmals erschienen, das in eben jenem Beitrag erwähnt und empfohlen wurde. Es führt mit seiner Handlung nach Nordnorwegen. Eng mit dem nordischen Land verbunden, war mein Interesse sofort geweckt. „Verlaufen – Willem Frederik Hermans „Nie mehr schlafen““ weiterlesen

Schmerz – Nicolas Clément „Nichts als Blüten und Wörter“

„Die Schmerzen sind reglose Weberschiffchen zwischen zwei Stoffbahnen mit zerfetzten Motiven.“

Wie soll man ein Buch beschreiben, das einen sprachlos macht? Der große Kontrast zwischen der Schönheit der Poesie und der dunklen, tieftraurigen Geschichte im Debüt des Franzosen Nicolas Clément „Nichts als Blüten und Wörter“ lässt um letztere ringen. Es ist nicht leicht, über dieses für einen Roman recht schmale Werk zu schreiben, weil der Band in einer sehr kunstvollen Sprache geschrieben ist, aber auch die Abgründe des Menschseins offenbart.  „Schmerz – Nicolas Clément „Nichts als Blüten und Wörter““ weiterlesen

Parallelwelten – Florian Scheibe „Kollisionen“

„Denn die eigentlichen Missverständnisse im Leben fingen bei dem Versuch, einem anderen ein Gefühl zu beschreiben, überhaupt erst an.“

Was geschieht, wenn im normalen Lebenspfad ein Abschnitt fehlt, wie die nötige Brücke über den Fluss, weil eine der größten Hoffnungen nur eine Hoffnung bleibt? Sucht man sich eine andere Möglichkeit des Übersetzens wie ein Boot oder läuft man den Strom entlang, bis man eine nächste Brücke erreicht? Für Tom und Carina, er Redakteur für ein Stadtmagazin, sie Architektin, könnte es nicht besser laufen. Sie lieben sich, sie haben eine wunderschöne Wohnung in Berlin-Kreuzberg mit Dachterrasse und sensationellem Blick auf die Stadt, sie sind im Beruf erfolgreich, verdienen gutes Geld. Doch etwas fehlt für das große Glück: ein gemeinsames Kind. Nach einer Zeit der Versuche, auf natürlichem Wege ein Kind zu zeugen, legen sie all ihre Hoffnungen in die Möglichkeiten der modernen Medizin. Währenddessen macht Carina die zufällige Begegnung mit einem jungen Mädchen: Mona ist gerade mal 16, Junkie und schwanger.  „Parallelwelten – Florian Scheibe „Kollisionen““ weiterlesen

Schein und Sein – Richard Russo „Diese gottverdammten Träume“

„Die Menschen waren nun mal, wie sie waren, mochten sie sich auch noch so bemühen, anders zu sein.“

In einer Kleinstadt lebt bekanntlich eine überschaubare Anzahl an Menschen. Man kennt sich und das Leben der anderen, ihre Familien, ihr Glück und ihr Leid. Ob gute oder schlechte Nachrichten, sie machen schnell die Runde. Und meist liegt das Wohl und das Wehe der Stadt in den Händen nur weniger. Empire Falls, im amerikanischen Bundesstaat Maine gelegen, macht da sicher keine Ausnahme. Nur sollte an dieser Stelle schon einmal erwähnt werden, dass die Stadt und ihre Einwohner fiktiv und Schöpfung des amerikanischen Schriftstellers Richard Russo sind, der für sein literarisches Porträt von Empire Falls 2002 den renommierten Pulitzerpreis erhalten hat.  „Schein und Sein – Richard Russo „Diese gottverdammten Träume““ weiterlesen

Schatten – Connie Palmen „Du sagst es“

„Alles, was man nicht wahrhaben will und verdrängt, jeder Konflikt, der geleugnet und nicht offen ausgesprochen wird – in einer Kultur genauso wie im Leben jedes Einzelnen -, sucht sich ein Ventil und kehrt sich schließlich in teuflischer Verkleidung gegen das Leben, gewaltsam und vernichtend.“

Die Literaturszene hat bekannte Paare zusammengeführt. Doch nicht immer ist eine Beziehung zwischen kreativen, begabten und sensiblen Menschen von Glück und einem langen gemeinsamen Leben gesegnet. Die Liebe und spätere Ehe zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes zählt zu den tragischen Beziehungen. Die amerikanische Autorin schied am 11. Februar 1963 freiwillig aus dem Leben. Nach ihrem Freitod war Hughes Schmähungen und Anfeindungen, gleich eines heutigen Shitstorms, ausgesetzt. Connie Palmen gibt in ihrem neuen Roman „Du sagst es“ Hughes nun eine Stimme.  „Schatten – Connie Palmen „Du sagst es““ weiterlesen

Schweigen – Sylvie Schenk „Schnell, dein Leben“

„Eltern stecken in ihren Kindern und können sie schwer und traurig machen.“

Um das Leben literarisch zu erfassen, braucht es keine großen Worte, keine bekannten Personen als Protagonisten. „Stoner“ von John Williams, Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ – zwei Romane, die daran erinnern, dass große Literatur vor allem die Geschichte der kleinen, nicht berühmten Leute in ihrem Alltag im Lauf der Zeit erzählt. Dieser Reihe kann ein neuer Roman hinzugefügt werden: „Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk. Dabei wird den wenigsten wohl der Name der deutsch-französischen Schriftstellerin bekannt sein, die in der Vergangenheit vor allem Lyrik und einige wenige Romane (Picus Verlag Wien) veröffentlicht hat. Doch mit ihrem neuen Werk gilt es, sie zu entdecken. Denn es ist ein großartiges Buch. „Schweigen – Sylvie Schenk „Schnell, dein Leben““ weiterlesen