Eiszeit – Lydia Tschukowskaja „Untertauchen“

„Poesie – das ist jenes geheimnisvolle Etwas, das bei der sorgfältigsten, der musikalischsten Übersetzung unübersetzbar bleibt. Wort und Rhythmus – das lässt sich übersetzen, aber wie übersetzt man die Spur im Schnee, die beseligende Wunde der Erinnerung?“

Wenn das Land zu einem Gefängnis, zu einem Ort der Gefahren wird, wohin flieht ein vom politischen System Verfolgter? Für die Autorin und Übersetzerin Nina Sergejewna bieten die Stille und die Sprache die Möglichkeit, schreckliche Geschehnisse für eine kurze Zeit zu vergessen und innerlich unterzutauchen. In einem Sanatorium nahe Moskau sucht sie in den Wintermonaten Ruhe und Einsamkeit. Nach und nach findet sie heraus, was mit ihrem Mann geschehen ist. Er soll nach seiner Verhaftung im Jahr 1937 in einem Lager gestorben sein. Vor mehr als zehn Jahren. Nähere Informationen zu seinem Verbleib hat sie nie erhalten. Eiszeit – Lydia Tschukowskaja „Untertauchen“ weiterlesen

Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“

„Erst wollen wir nur gesehen werden, aber sobald wir gesehen werden, reicht uns das nicht mehr. Danach wollen wir, dass man sich an uns erinnert.“ 

Es braucht nur wenige Tage, bis die Erde nahezu entvölkert ist. Die Georgische Grippe rafft einen Großteil der Menschheit hinweg. Zurückbleiben nur wenige Überlebende, die durch das Land streifen. Wie die Gruppe „Die fahrende Symphonie“, Schauspieler und Musiker, die Shakespeare und klassische Werke aufführen. Zu ihnen zählt Kirsten, die als Kind bei einer Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ an der Seite des bekannten Mimen Arthur Leander auf der Bühne gestanden hatte. Sein Tod während einer Aufführung ereignete sich am Beginn der Epidemie. Noch Jahre danach erinnert sich die junge Frau an das faszinierende wie furchtbare Erlebnis, als Leander im Scheinwerferlicht zusammenbricht. In all dieser Zeit zählt ein Comic zu ihrem wertvollsten Besitz; eine Geschichte eines Wissenschaftlers, der mit einer erdähnlichen Raumstation durch das All fliegt. Den Comic hatte ihr Leander einst geschenkt.  Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ weiterlesen

Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen“

„Ich stelle mir vor, wenn nach uns jemand die Welt wieder aufbaut, wird es eine schweigsame Welt.“

Am Anfang ist die Kälte: Fünf Männer stehen im Kreis dicht aneinander. Sie frieren und wärmen sich. Am Anfang gibt es auch eine unkontrollierte Gewalt: Fünf Männer vergehen sich nacheinander an einer wehrlosen Frau, die im Gebüsch liegt. Man schreibt den Monat April. Eine Katastrophe ist geschehen. Die bekannte Welt existiert nicht mehr. Dörfer sind verwüstet, die Menschen tot. Am Anfang einer neuen Zeit nach dem Ende streifen fünf Männer durch das Land. Ziellos, hungrig, frierend.  Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen“ weiterlesen

Duell – Jennifer Dubois „Das Leben ist groß“

„Ich sah die Schönheit, das verrückte, eigenartige Glück, das darin lag, allein und unbeachtet und barfuß irgendwo draußen in der weiten Welt  zu sein. Vielleicht war es ein Segen, irgendwie. Es war wie der freie Fall von jemandem, dessen Fallschirm nicht funktioniert.“

Ihr bleibt nicht viel Zeit. Das Leben sagt „Schach“. Irina Ellison wird vermutlich an dem heimtückischen Hirn-Leiden Chorea Huntington erkranken. Wie ihr Vater, der nach dem Verlust der motorischen Fähigkeiten auch die geistigen verliert und nach einigen Jahren stirbt. Ein Gen-Test ergibt, dass ihre Chance, ebenfalls eines Tages davon betroffen zu sein, 50:50 steht. Irina, die Philosophie und Literaturwissenschaft studiert, über Vladimir Nabokov promoviert hat, entscheidet sich für einen kompletten Lebenswandel. Sie zieht sich zuerst in eine selbst gewählte Einsamkeit zurück, um schließlich ihren Partner, Freunde und Familie zu verlassen und von Amerika nach Russland zu fliegen. Dort will sie den einstigen Schachweltmeister Alexander Besetow treffen, von dem ihr Vater, ein Pianist und College-Lehrer, einst geschwärmt und an den er damals einen Brief geschrieben hatte. Eine besondere Geschichte nimmt ihren Lauf, die in ein scheindemokratisches Land  führt. Duell – Jennifer Dubois „Das Leben ist groß“ weiterlesen

Gemeinschaft am See – Jocelyne Saucier „Ein Leben mehr“

„Ob die Sonne scheint oder es schneit, es ist ein schöner Moment, denn es gibt immer etwas zu beobachten, den Schnee, die Sonne, den Wind, eine Hasenspur, eine vorbeifliegende Krähe, das erwachende Leben, nichts, was sie nicht kennen.“

Eines Tages ist sie einfach da. Gertrude oder besser gesagt Marie-Desneige. Die betagte, aber rüstige Tante von Bruno bekommt einen neuen Namen, nachdem ihr Neffe sie vor der Rückkehr in die Psychiatrie bewahrt hat. Eine kleine Gemeinschaft am See wird zu ihrer neuen Heimat. Abgeschieden von der modernen Zivilisation haben sich Charlie und Tom, Freunde von Bruno und wie der weibliche Neuzugang ebenfalls über 80, in die Wildnis der nordkanadischen Wälder zurückgezogen. Sie leben in bescheidenen Holzhütten, jeweils mit einem treuen Hund an der Seite. Marie-Desneige wirbelt ihr bisher beschauliches Leben, mit dem der Roman „Ein Leben mehr“ der Kanadierin Jocelyne Saucier beginnt, gehörig durcheinander. Nicht nur durch rosa Gardinen in ihrem neu errichteten Holzhaus. Gemeinschaft am See – Jocelyne Saucier „Ein Leben mehr“ weiterlesen

Tod im Park – Friedrich Ani „Der namenlose Tag“

„Manche Menschen wollen nicht erkannt werden; wir sitzen ihnen gegenüber und glauben, sie zu kennen, aber wir sehen nur das, was sie anhaben, und hören nur das, was sie sagen, wir haben keine Ahnung, wie sie nackt aussehen oder ob sie weinen, wenn sie allein sind. Wir lassen uns nur allzu gern täuschen; vielleicht, weil wir sonst nicht weiterleben könnten vor lauter Hilflosigkeit.“

Die Vergangenheit holt Jakob Franck ein. Zwei Monate, nachdem der Kommissar in den Ruhestand gegangen ist, erhält er einen Anruf von Ludwig Winther. Seine Tochter wurde vor 20 Jahren an einem 14. Februar erhängt an einem Baum im Park gefunden. Damals hatte Franck die Todesbotschaft der Mutter überbracht. Die Polizei ging in ihren Ermittlungen von Suizid aus. Der Vater glaubt an Mord. Franck beginnt, den Fall neu aufzurollen und stößt in die Abgründe der menschlichen Seele vor.  Tod im Park – Friedrich Ani „Der namenlose Tag“ weiterlesen

Into the wild – David Guterson „Der Andere“

„Du tust, was du tun musst, aber mich kriegen sie nicht. Das Leben ist kurz. Die Ewigkeit ist lang. Ich schmuggle mich an Gott vorbei – auch er kriegt mich nicht.“

Der Gedanke, dem modernen Leben den Rücken zuzudrehen, sich in die wilde Natur zurückziehen und alle Brücken hinter sich abzubrechen, hat etwas faszinierendes wie beängstigendes. Einige sind dem Ruf der Wildnis gefolgt, manche waren erfolgreich, mit sich im Einklang und der schwierigen Herausforderung gewachsen, andere sind gescheitert. Die reale Historie des amerikanischen Studenten Christopher McCandless, unter dem Titel „Into the Wild“ von Jon Krakauer niedergeschrieben und verfilmt von Sean Penn, ist womöglich die bekannteste der tragischen Geschichten, in denen ein Mensch selbst gewählt das moderne und bequeme Leben verlässt. Als ich „Der Andere“ von David Guterson nun las, erinnerte mich an jenen beeindruckenden Film.  Und der Roman des Amerikaners, der mit seinem Buch „Schnee, der auf Zedern fällt“ berühmt wurde, ist nicht minder ergreifend.  Into the wild – David Guterson „Der Andere“ weiterlesen

Töten in Trance – John Williams „Butcher’s Crossing“

„Was er suchte, war das, was seine Welt nährte und sie erhielt, eine Welt, die sich stets ängstlich von ihrer Quelle abzuwenden schien, statt danach zu suchen, so wie das Präriegras um ihn herum faserige Wurzeln in die satte, dunkle Feuchte schickte, in die Wildnis, und sich so erneuerte.“

Einst streiften sie in schier unermesslichen Herden über die weite Landschaft Nordamerikas. Doch der Mensch machte dem Bison, auch Indianer-Büffel genannt, nahezu den Garaus. Ende des 19. Jahrhunderts lebten nur noch rund 800 Tiere auf dem Kontinent. Wie es dazu kommen konnte, erzählt auf beeindruckende Weise John Williams, der in den vergangenen Jahren mit seinem wiederentdeckten Roman „Stoner“  Berühmtheit erlang. Der mit dem National Book Award geehrte Amerikaner erlebte diesen späten Ruhm nicht mehr. Er starb 1994, neun Jahre nachdem er als Hochschullehrer für englische Sprache emeritiert worden war.   Töten in Trance – John Williams „Butcher’s Crossing“ weiterlesen

Einer bleibt zurück – Ralf Rothmann „Im Frühling sterben“

„Das ist der Krieg von Zynikern, die an gar nichts glauben, außer an das Recht des Stärkeren. Dabei sind’s  nur Kleingeister und Schwächlinge, ich hab’s im Feld erlebt.“

Es sind nur noch wenige Wochen bis Kriegsende. Walter und sein Freund Friedrich „Fiete“ ahnen es. Die Nachrichten über das Vorrücken der Alliierten und der Russen sprechen eine deutliche Sprache – trotz der immer lauteren Propaganda, die sich schier zu überschlagen scheint. Beide hoffen in ihrem norddeutschen Dorf, wo sie als Melker-Lehrling arbeiten, die letzten Züge des Krieges heil zu überstehen Doch dann werden sie mit gerade mal 17 Jahren für eine Versorgungseinheit der Waffen-SS zwangsrekrutiert. Ralf Rothmann erzählt in seinem neuen Roman „Im Frühling sterben“ keine ausgedachte Geschichte. Der Berliner Autor hat die Erlebnisse seines Vaters in einem autobiografischen Roman verarbeitet, der schmerzt.  Einer bleibt zurück – Ralf Rothmann „Im Frühling sterben“ weiterlesen

Wendezeiten – Angelika Klüssendorf „Amateure“

Es kommt nie so, wie man denkt. Es kommt so, wie man nie gedacht hat. Das Netz ist voll von weisen Sprüchen von klugen Leuten. Auch diesen findet man dort. Und zigandere über den Lauf der Welt und des Lebens. Doch meist helfen große Worte nicht im Moment, der letztlich entscheidend sein kann und alles über den Haufen wirft. Jeder erlebt seine eigenen Wendezeiten: ob glückliche oder tragische. Im Erzählband „Amateure“ von Angelika Klüssendorf geht es darum: um das Leben und seinen oft undurchschaubaren Lauf.  Wendezeiten – Angelika Klüssendorf „Amateure“ weiterlesen

Die Macht der Bücher – Almudena Grandes „Der Feind meines Vaters“

„Die Wahrheit ist das, was passiert ist und uns gefällt, aber auch das, was passiert ist und uns so abscheulich vorkommt, dass wir alles darum geben würden, es ungeschehen zu machen.“

Nichts ist, wie es scheint. Das merkt Antonio Perez, von allen nur Nino oder wegen seiner Körpergröße auch Knirps genannt, schnell. Er ist zehn und lebt mit seinen Eltern und den beiden Schwestern Dulce und Pepe in der Kaserne des kleinen andalusischen Dorfes Fuensante de Martos. Ninos Vater ist Beamter in der Guardia Civil, der paramilitärischen Polizei, deren Aufgabe es ist, gegen politisch Andersdenkende vorzugehen. Denn man schreibt das Jahr 1947 und Diktator Franco ist an der Macht. Die Macht der Bücher – Almudena Grandes „Der Feind meines Vaters“ weiterlesen

Biografie eines Autors – Lars Saabye Christensen „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“

„Mein Herz war eine Schreibmaschine! Ich bemerkte meine blassen Knie und die Scharten in meinem Kopf, die diese Stille, die nur vom Tastenschlag des Herzens unterbrochen wurde, in die Schlucht hinausschrie. Ich wollte nicht auf mich selbst aufmerksam werden. Ich wollte in die andere Richtung, weg, so weit wie möglich weg von mir selbst.“

Fängt alles mit einem Spruch in einem Poesiealbum an? Oder mit einem Liebesgedicht? Womöglich sind es auch die ersten eigenen Zeilen eines etwas ungewöhnlichen Aufsatzes. Wo ist der Beginn eines Schriftstellerlebens? Christian fühlt diese Berufung bereits mit 15 Jahren, als die norwegische Frauenzeitschrift „Kvinner og klær“ (Frauen und Mode) eines seiner Gedichte veröffentlichen will. Für den Jungen soll dieser Sommer im Jahr 1969 ein außergewöhnlicher werden. Nicht nur erfährt Christian, dass sein Schreiben erfolgversprechend scheint. Während der Ferien auf der Insel Nesodden verliebt er sich zum ersten Mal, sein Vater bricht sich ein Bein. Und die Welt schaut gen Himmel. Denn die Menschen betreten zum ersten Mal den Mond.  Biografie eines Autors – Lars Saabye Christensen „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“ weiterlesen

Projekt „Fluß ohne Ufer“ – Annäherung an Hans Henny Jahnn Teil 1

„Und so werden wir gleich zu lesen beginnen, diese Sätze, Ausfahrt, Erster Akt, Erster Band, und so wird es sein. Und ich denke an den Maler William Turner. Und ich sehe die Bilder. Und das verwirrende Licht des Impressionismus, und denke an den Sturm des Expressionismus.“ Clemens Meyer

Lieber möchte ich ein Buch empfehlen, als vor ihm zu warnen. Doch in diesem Fall werde ich eine Ausnahme machen. Denn dieses Werk soll und muss gelesen werden, aber weder zur falschen Zeit noch am falschen Ort. „Fluß ohne Ufer“ ist keine leichte und unterhaltsame Lektüre für den Strand oder für eine kurze Fahrt mit der Bahn oder dem Bus. Um das Mammut-Werk von Hans Henny Jahnn (1894 – 1959) zu lesen, braucht es Zeit und einen Ort der Versenkung. Weil es mit mehr als 2 000 Seiten nicht nur die Maße herkömmlicher Lektüre sprengt und weil es mehr Herausforderung denn reines Vergnügen ist – durch seine Sprache und einen Stil der seinesgleichen sucht.   Projekt „Fluß ohne Ufer“ – Annäherung an Hans Henny Jahnn Teil 1 weiterlesen

Vergiftet – Rolf Bauerdick „Pakete an Frau Blech“

„Je mehr ich blendete, desto heller erstrahlte ich. Nur verschwamm mir die Grenze von Sein und Schein. Dabei wollte ich niemanden täuschen. Ich wollte doch nur heraus aus dem Schatten. Ich wollte siegen über das Grau.“

Mit 13 Jahren sitzt er mit freigekauften DDR-Häftlingen in einem Bus auf dem Weg in den Westen. Anfang 40 will er seine Vergangenheit hinter sich lassen und sich eine neue Existenz in den USA aufbauen. Zuvor soll es für Maik Kleine jedoch noch nach Berlin gehen. Ein trauriger Anlass. Sein Mentor und Ersatzvater, der charismatische Zirkusdirektor Alberto Bellmonti, alias Albert Bellmann, soll beigesetzt werden. Natürlich mit dem ihm entsprechenden Tamtam – wie es sich für ein international bekanntes Oberhaupt der Manege gehört. Ein Elefant führt den mehrstündigen Trauerzug zum Friedrichsfelder Zentralfriedhof an, wo berühmte Kommunisten und DDR-Bonzen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Doch das Wiedersehen mit den anderen Zirkus-Mitstreitern, wie dem Polen Szymbo und der Russin Albina, führt Maik zurück in seine eigene Vergangenheit, als nach der Beisetzung Bellmonti unter Verdacht steht, ein Spitzel für die Stasi gewesen zu sein.
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Nach dem Abgrund – Ralf Bönt „Das kurze Leben des Ray Müller“

„Laut einer meiner Schülerinnen gibt es ein mathematisches Gesetz, nach dem jeder, an den man denkt, mindestens halb so oft auch an einen schon gedacht hat.“

Was hebt die eigene Welt aus den vertrauten Angeln, wie kann einem der Teppich unter den Füßen weggezogen werden? Wann wird aus Unschuld Schuld? Marko Kindler weiß darüber eine Geschichte zu erzählen, es ist seine eigene. Er blickt zurück auf die vergangenen Jahre, als er in einer Gefängniszelle auf den Psychologen wartet, nachdem er seinen nur wenige Wochen alten Sohn entführt hat. Dabei lief es für den Juristen, Übersetzer und Krimi-Autor doch alles wie am Schnürchen, nachdem er aus einem Tief wieder nach oben gekommen war. Nach einer gescheiterten Beziehung trifft er auf die Journalistin Lycile, das Paar bekommt mit dem kleinen Ray nach zahlreichen Fehlgeburten endlich das ersehnte Kind. Doch der Schein einer perfekten Familie trügt. Denn allzu viel ist passiert in jenen Jahren.  Nach dem Abgrund – Ralf Bönt „Das kurze Leben des Ray Müller“ weiterlesen

Entdeckung der Einsamkeit – Thomas Glavinic „Das größere Wunder“

„Liebe ist: den leuchtenden Punkt der Seele des anderen zu erkennen und anzunehmen und in die Arme zu schließen, vielleicht gar über sich selbst hinaus.“

Suchende sind nicht immer Findende. Nur wenigen ist es vergönnt, etwas Großes für sich zu entdecken wie die wirkliche Liebe für das ganze Leben. Für sie ist Jonas um die ganze Welt gereist. Hundert Länder hat er besucht, auf nahezu allen Kontinenten ist er gewesen, selbst in Australien und in der Antarktis. Doch dann geht Marie weg, und Jonas auf den höchsten Berg der Welt. In mehreren Tausend Metern Höhe zieht sein Leben vorbei, das der Erzähler in dem Roman „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic beschreibt.  Entdeckung der Einsamkeit – Thomas Glavinic „Das größere Wunder“ weiterlesen

Der Lehrling des Soldaten – Alexis Jenni "Die französische Kunst des Krieges"

„Im Krieg fällt man völlig unvermutet. Und wenn dann mit lyrischen Worten darüber gesprochen wird, ist das eine fromme Lüge, um die Sache auszuschmücken; man erfindet eine Geschichte, walzt das Ganze aus und inszeniert etwas. In Wirklichkeit stirbt man sang- und klanglos, blitzschnell, in völliger Stille; und auch hinterher herrscht Stille.“

Zwei Männer: Einer kennt den Krieg nur aus der Geschichtsschreibung und dank der aktuellen Fernsehbilder des Golfkriegs, die über seine Mattscheibe flimmern. Der andere war leibhaftig dabei – im Zweiten Weltkrieg, in Südostasien, in Algerien. Beide lernen sich eines Tages in einem Bistro kennen. Der Erzähler, ohne Name und Alter, will das Malen von Victor Salagnon erlernen. Und der bringt dem anderen nicht nur die kunstvolle Tusche-Malerei bei. Er erzählt auch von seinem Leben, das vor allem ein Leben als Soldat ist. Krieg ist das große, alles umfassende Thema des Romans von Alexis Jenni, das sich auch direkt im Titel widerspiegelt. Der Lehrling des Soldaten – Alexis Jenni "Die französische Kunst des Krieges" weiterlesen

Alle Wege führen zu "Spirit-in-the-Woods" – Meg Wolitzer "Die Interessanten"

„Man konnte von seiner Besessenheit ablassen, interessant sein zu wollen. Die Definition, auch das wusste sie, änderte sich sowieso und hatte es auch für sie getan.“

Es ist der Sommer ihres Lebens, der sie zusammenbringt – für die folgenden Jahre und Jahrzehnte. Die sechs Jugendlichen Ethan, Ash, Jules, Cathy, Goodman und Jonah lernen sich in dem Feriencamp „Spirit in the Woods“ in Massachusetts kennen. Es ist ein Camp voller Kunst und Kultur, in dem die Jugendlichen ihre besonderen Talente aufspüren und sich ausprobieren können – im Tanz und Theater, in Musik und dem Zeichnen. Das Sextett, das sich den Namen „Die Interessanten“ gegeben hat, wird schließlich trotz ihrer verschiedenen Mitglieder zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, die Freundschaft und Liebe erlebt und in dieser Zeit die Basis für den späteren Zusammenhalt legt, obwohl nicht jeder vom Glück des Lebens verfolgt wird, jeder seine eigenen Bahnen zieht. Nie bleibt ein Teil der Gruppe im Strudel des Lebens zurück. Immer hat einer der sechs Kontakt zu einem anderen. Selbst wenn sie schon in die Mittfünfziger angekommen sind. Alle Wege führen zu "Spirit-in-the-Woods" – Meg Wolitzer "Die Interessanten" weiterlesen