Schuld – Siegfried Lenz „Der Überläufer“

„Wenn ein Böser zu schwach ist, sucht er sich andere Böse. Das beste Einverständnis der Welt herrscht unter Bösen, weil das Böse unmissverständlich ist.“

Romane erzählen Geschichten. „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz (1926 – 2014) ist selbst zu einer Story geworden und sorgte für eine der wohl interessantesten literarischen Begebenheiten der letzten Jahre. Große Schlagzeilen landauf landab inklusive. Das postum erschienene Werk ist nach „Es waren Habichte“ der zweite Roman von Lenz und war über Jahrzehnte im Nachlass „verschollen“, den der Autor dem Literaturarchiv Marbach vermacht hatte. Der Band war unter anderem nicht veröffentlicht worden, weil er das Thema Desertion aufgreift. „Schuld – Siegfried Lenz „Der Überläufer““ weiterlesen

Martin Lechner „Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen“

„Ich warf einen Stein in den See. Wie ein Mensch, der versinkt, nur leiser, vielleicht ein kleiner Mensch.“ 

Schon das Foto auf dem Einband lässt Fragen entstehen. Ein Junge mit blondem Haar schaut durch die Dachluke eines Hauses direkt in die Kamera. Im Hintergrund ist Wasser, viel Wasser, das Meer und ein Objekt, etwas unscharf gehalten. Ein großer Dampfer? Eine Ölbohrinsel? Ein Leuchtturm? Genau wie das Meer, mal ruhig und spiegelglatt, mal verwirbelt und verschwommen, mal zügellos und unberechenbar, ist auch der neue Erzählband „Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen“ von Martin Lechner.  „Martin Lechner „Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen““ weiterlesen

Abgründe – Smith Henderson „Montana“

„Nur noch Jäger und kaum Gejagte. Austeiler. Keine Kümmerer.“ 

Montana könnte mit Blick auf die geringe Bevölkerungsdichte als das Mecklenburg-Vorpommern der Vereinigten Staaten gelten. Auf einer Fläche nahezu so groß wie Deutschland leben nicht mehr als eine Million Menschen. In dem Bundesstaat, im Norden der USA und an der Grenze zu Kanada gelegen, gibt es also sehr viel Platz und sehr viel Ruhe. Womöglich allzu viel davon. Die Wege zwischen den Menschen sind weit, jeder kocht unbeobachtet vom Rest der Welt sein eigenes Süppchen. Sozialarbeiter Pete Snow hat alle Hände voll zu tun, Kinder aus Problemfamilien in Sicherheit zu bringen und aus der Spirale aus Drogen, Missbrauch und Gewalt zu holen.  „Abgründe – Smith Henderson „Montana““ weiterlesen

Bodenlos – Frank O. Rudkoffsky „Dezemberfieber“

„Manchmal habe ich das Gefühl, daß schon hinter kleinsten Rissen ein Abgrund klafft.“

Selbst Tausende Kilometer Entfernung und mehrere Zeitzonen zwischen Heimat und Urlaubsziel erleichtern Bastians Seele nicht. Das Gefühl, mit seiner Freundin Nina ein Traumland und eine Traumreise zu erleben, hält nicht lange vor. Ein Brieftagebuch seiner Eltern und seine eigenen dunklen Gedanken ziehen ihn hinunter. Stetig und unaufhörlich. Der frühe Tod seiner Mutter und das Zerbrechen der Familie infolge ihrer Depression sind Traumata, die Bastian noch längst nicht verarbeitet hat. „Bodenlos – Frank O. Rudkoffsky „Dezemberfieber““ weiterlesen

Eine Wiederbegegnung mit Ketil Bjørnstad

Neulich fiel sie mir wieder in die Hände: die CD mit dem kurzen wie prägnanten Titel „Grace“ und dem zarten und elfenbeinfarbenen Gesicht einer Frauen-Plastik auf dem Cover. Das Album von Ketil Bjørnstad enthält nicht nur eines meiner Lieblingslieder: „Lovers Infiniteness“.  Darüber hinaus begleitet mich der Norweger mit seinen Werken schon seit einigen Jahren – sowohl mit seinen Romanen als auch mit seiner Musik. Grund genug, ihm nun einen Beitrag zu widmen – zusammen mit der wunderbaren Nachricht als Anlass, dass Norwegen das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2019 sein wird. „Eine Wiederbegegnung mit Ketil Bjørnstad“ weiterlesen

Rückblende – Anthony Marra „Letztes Lied einer vergangenen Welt“

„Es gibt mehr Möglichkeiten, sich an einen Menschen zu erinnern, als es Menschen auf der Welt gibt.“

In einem meiner Lieblingsbuchläden fiel er mir auf: der Roman von Anthony Marra mit dem Titel „Die niedrigen Himmel“. Mit diesem meisterhaften Buch erlebte ich meine erste literarische Begegnung mit Tschetschenien – ein Land, das in den vergangenen Jahren vor allem durch die Berichte zweier Kriege regelmäßig in die Schlagzeilen gekommen war. Mit seinem neuesten Werk „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ kehrt der Amerikaner zurück in dieses traditionsreiche wie einst zerrüttete Land und spannt den Bogen indes zeitlich und geografisch weiter.   „Rückblende – Anthony Marra „Letztes Lied einer vergangenen Welt““ weiterlesen