Bergsveinn Birgisson „Die Landschaft hat immer Recht“

„Obwohl die Winde über das Firmament rasten, berührten unsere Zehen nie den Himmel.“

An einem der zahlreichen Enden der Welt zu leben, ist sicherlich nicht einfach. Und wenn dieses Ende auch noch im hohen Norden liegt, kann man wohl nicht gleich von einem Paradies sprechen. Wind und Wetter regieren mit aller Macht und bestimmen das Leben. Im Winter sind die Nächte besonders lang, die Kälte beißend. Frauen scheinen rar in dieser kargen Gegend. Als junger Mann und Fischer, der in einem Wohnheim an einem der Fjorde im Westen Islands gemeinsam mit raubeinigen Kollegen lebt, kann man da schon leise leiden und verzweifeln. Halldór, Held des Romans „Die Landschaft hat immer Recht“ des Isländer Bergsveinn Birgisson, ist dieser Fischer, der in seinem Tagebuch sowohl vom Alltag und der harten Arbeit als auch vom Leben und der Liebe schreibt – und das mit viel Humor und Melancholie, so unvergleichlich und wundersam.  „Bergsveinn Birgisson „Die Landschaft hat immer Recht““ weiterlesen

Vermisst – Jon McGregor „Speicher 13“

„Nichts, was sagen könnte, schien das Richtige zu sein.“

Es könnte so ein beschaulicher Ort sein. Landschaftlich reizvoll, umgeben von Bergen, einem Moor und mehreren Speicherseen, laufen die Uhren in dem mittelenglischen Dorf im eher ruhigen Takt – gezeichnet vom Alltag und dem eher unauffälligen Leben seiner Einwohner, nur durchbrochen vom Erscheinen einiger Touristen, die dann und wann in der Landschaft des Nationalparks Erholung suchen. Wie die Shaws, deren 13-jährige Tochter Rebecca jedoch eines Tages spurlos verschwindet. Ihre Eltern stehen unter Schock, das Ereignis macht schnell die Runde, die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Wie das Leben in dem Ort weitergeht und noch viel mehr, erzählt Jon McGregor in seinem aktuellen Werk „Speicher 13“, das nur auf den ersten Blick als ein Kriminalroman erscheint und das im vergangenen Jahr für den renommierten Booker Prize nominiert war.  „Vermisst – Jon McGregor „Speicher 13““ weiterlesen

Abstieg – Lionel Shriver „Eine amerikanische Familie“

„Alles hat mit allem zu tun.“

Es kann schon erschreckend sein, wenn in Deutschland innerhalb eines Jahres zwei Romane erscheinen, die in die Zukunft der USA blicken und eine unheilvolle, ja düstere Zeit beschreiben. Erzählt Omar El Akkad in seinem Roman „American War“ von Krieg und Zerstörung, Hass und Terrorismus, wendet sich die amerikanische Autorin Lionel Shriver einem ganz anderen Thema zu: dem Verfall des Dollars, Inflation und damit dem Abstieg weiter Teile der amerikanischen Bevölkerung.  „Abstieg – Lionel Shriver „Eine amerikanische Familie““ weiterlesen

Backlist #1 – Carmen Laforet „Nada“

„So sehr man sich auch drehte und wendete, man bewegte sich doch immer nur im Kreis derselben Menschen.“

Die Entscheidung, in sehr jungen Jahren das vertraute Zuhause zu verlassen und in eine fremde Stadt zu kommen, in der das Leben pulsiert, ist oftmals verbunden mit Hoffnungen, Wünschen, Träumen. Die neue Umgebung soll Veränderungen bringen. Nicht anders ergeht es der 18-jährigen Andrea, die ihre Eltern verloren hat und es wenige Jahre nach dem spanischen Bürgerkrieg nach Barcelona verschlägt. Sie will studieren, das Leben genießen, vielleicht die große Liebe entdecken. Die spanische Autorin Carmen Laforet (1921 – 2004) erzählt in ihrem Erstling „Nada“ von den Hoffnungen ihrer jungen Heldin und den Herausforderungen, denen sie sich stellen muss.  „Backlist #1 – Carmen Laforet „Nada““ weiterlesen

Familie – Ljudmila Ulitzkaja „Jakobsleiter“

„Das Leben jedes Menschen ist ein Text.“

Was bleibt nach dem Leben eines Menschen? Das, was er geschaffen hat, die Erinnerungen jener, die ihn kannten und liebten. Sicherlich auch Fotos und womöglich auch Geschriebenes. Nach dem Tod ihrer Großmutter Marussja erhält Nora Ossetzkaja eine Weidentruhe mit Briefen und Tagebuch-Notizen ihres Großvaters Jakow, den sie in ihrem Leben nur einmal als Kind gesehen hat. Dieses Erbe auf Papier, abgestellt auf dem Balkon, gerät für einige Jahre in Vergessenheit, ehe Nora sich an die Truhe erinnert und nach der Lektüre vieles über ihren Großvater und dessen Leben, Gedanken und Gefühle erfährt. Sechs Generationen und mehr als ein Jahrhundert umfasst der neue Roman der russischen Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja „Jakobsleiter“, der eindrucksvoll davon erzählt, was Familie bedeutet und wie politische Umstände, die später Geschichte werden, auch immer wieder das Dasein der Menschen beeinflusst.      „Familie – Ljudmila Ulitzkaja „Jakobsleiter““ weiterlesen

Heilung – Amy Liptrot „Nachtlichter“

„Es dauert seine Zeit, eine starke Mauer zu bauen.“

Sie sind nicht so sehr bekannt wie die in der Nachbarschaft liegenden Shetlands, berühmt für die gleichnamige robuste Pony-Rasse. Und sicherlich stehen die Orkney-Inseln, nordöstlich von Schottland und auf dem Längengrad wie Südgrönland gelegen, nicht unbedingt auf der Liste der beliebtesten Reiseziele. Denn allzu rau ist das Klima, sind einige der rund 70 Eilande der Inselgruppe nur spärlich oder gar nicht besiedelt. Wer hier wohnt oder dorthin reist, muss mit dem Norden verwurzelt sein. Die Journalistin und Autorin Amy Liptrot ist hier aufgewachsen. In ihrem Buch „Nachtlichter“ erzählt sie von ihrer Heimat und ihrer Rückkehr nach zehn Jahren in London – vor allem aber von einer besonderen Heilung.  „Heilung – Amy Liptrot „Nachtlichter““ weiterlesen