Anna Seghers – „Der Kopflohn“

„Man sieht nicht an, wer wen frißt.“

Es sind häufig gestellte Fragen: Wie konnte das damals alles geschehen? Wie kam es zum Aufstieg des Nationalsozialismus, zur Machtübernahme Adolf Hitlers am 30. Januar 1933, dieser Begeisterung der Massen, zu diesem menschenverachtenden Fanatismus? Bereits wenige Monate nach diesem folgenreichen Tag, nach dem zwölf Jahre später Deutschland und Europa sowie Teile der Welt in Schutt und Asche lagen und Millionen Menschen ihr Leben verloren haben, erschien der Roman „Der Kopflohn“. Darin schildert Anna Seghers (1900 – 1983) die Ereignisse um die Reichstagswahl im Sommer 1932. Schauplatz ist ein fiktives Dorf in ihrer rheinhessischen Heimat.

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Olivia Laing – „Zum Fluss“

„Auf seinem Weg durch eine Landschaft fängt ein Fluss die Welt ein und gibt sie gedoppelt zurück; eine glitzernde veränderliche Welt (…).“

Von ihrer Quelle in einem Wald bei Haywards Heath bis zu ihrer Mündung in den Ärmelkanal nahe Newhaven schlängelt sich die Ouse 42 Meilen durch die Landschaft Südenglands. Der Fluss hat als tragischer Ort Berühmtheit erlangt und Einzug in die Literaturgeschichte gehalten: Am 28. März 1941 ertränkte sich die Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf im Alter von 59 Jahren in der Ouse. In ihrem Buch „Zum Fluss“ begibt sich die englische Journalistin und Autorin Olivia Laing auf eine Reise zu Fuß entlang des Gewässers und erzählt nicht nur die tragische Geschichte ihrer berühmten Landsmännin, die vor allem mit ihren Romanen zu den bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts gehört.

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Álvaro Enrigue – „Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles“

„Die Apachen besaßen nichts, und sie selbst nannten sich ndee, Menschen, Volk, Stamm.“ 

Selbst ohne viel Wissen über die Geschichte Nordamerikas und dessen Ureinwohner gibt es Namen, die wohl jeder kennt. Geronimo (1829 – 1909), eigentlich Gokhlayeh oder Goyathlay, gilt als eine der angesehensten historischen Persönlichkeiten. Als Kriegshäuptling und Schamane der Apachen leistete er gegen die Besetzung seines Stammeslandes sowohl gegen mexikanische als auch US-amerikanische Truppen erbittert Widerstand, um sich allerdings nach jahrelangen Kämpfen 1886 mit seinen nur noch wenigen Stammesangehörigen zu ergeben und bis an sein Lebensende in verschiedenen Forts gefangen gehalten zu werden. Bei seiner Festnahme soll er gesagt haben: „Einst war ich frei wie der Wind, jetzt ergebe ich mich … und das ist alles.“ Nach diesem berühmten Zitat hat der mexikanische Schriftsteller Álvaro Enrigue seinen Roman genannt, der nicht nur über die leidvolle Geschichte der Apachen berichtet. Er verbindet auf einzigartige Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart der USA.

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Antonio Muñoz Molina – „Schwindende Schatten“

„Die Zukunft hat Zeit, und Geschichten aus der Wirklichkeit enden abrupt.“

Die halbe Welt kennt James Earl Ray, als er mit einem Flugzeug aus London im Mai 1968 in Lissabon landet. Tausende Polizisten sind hinter dem Attentäter her, der am 4. April Martin Luther King, die Ikone der Bürgerrechtsbewegung, in Memphis erschossen hat. Ray, nun in Europa auf der Flucht, taucht unter. Er ist ein Schauspieler, er wechselt die Identitäten wie manche ihre Kleidung. Das Gefühl, als einer der meist gesuchten Verbrecher zu gelten, schmeichelt ihm. 2012 begibt sich der spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina in Lissabon auf die Spuren des Amerikaners, seine Erinnerungen an seinen ersten Besuch in der portugiesischen Hauptstadt in den 80er-Jahren begleiten ihn dabei. In seinem autobiografisch gefärbten Roman „Schwindende Schatten“ lässt Molina seine eigene Biografie mit der des Martin-Luther-King-Attentäters verschmelzen.

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Lukas Rietzschel – „Raumfahrer“

„Nachkriegszeit und Nachwendezeit. Trümmer beseitigen, nicht nur die Brocken und Steine eingestürzter Häuser.“

Kamenz – Kleinstadt in Sachsen. Die Kohlegrube Lausitz vor der Haustür, das barocke und edle Dresden ein Katzensprung entfernt. Hier ist Lessing zur Welt gekommen, der Ortsteil Deutschbaselitz gab dem Maler Hans-Georg Kern, besser bekannt als Georg Baselitz, einen Teil seines Künstlernamens. In diese geschichtsträchtige Gegend in Ostdeutschland führt Lukas Rietzschel in seinem zweiten Roman „Raumfahrer“, der darin auf wundersame Weise die Geschichte zweier Familien und das Leben eines jungen Mannes mit dem eines berühmten Künstlers verknüpft. Eine spezielle Erwartung kann das eindrückliche Buch allerdings dennoch nicht erfüllen.

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Edgar Rai – „Ascona“

„Mensch bleiben. In Zeiten wie diesen war das schon eine politische Aussage.“

Nur mit einem Koffer, dem Manuskript seines aktuellen Romans und einer tragbaren Remington Modell 5 verlässt Erich Maria Remarque (1898 – 1970) in seinem Lancia Berlin. Erst auf Bitten seiner Geliebten Ruth ergreift er die Flucht. Eine eisige Nacht herrscht. Einen Tag später wird Adolf Hitler zum Reichskanzler gewählt. Wenige Monate später werden auf dem Berliner Opernplatz die Bücher des Schriftstellers und Verfassers des bis heute weltbekannten und einflussreichen Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“ (1929) verbrannt. Mehrere Jahre lebt Remarque fortan im Exil in der Schweiz, in seiner Villa im beschaulichen Ascona, am Lago Maggiore gelegen, ehe er schließlich 1938 die Queen Mary gen Übersee besteigen wird. Über diese Zeit, jene fünf Jahre, hat Edgar Rai einen Roman geschrieben, der eindrücklich die bedrohliche Lage der Exilanten beschreibt und einen Einblick in das Seelenleben des Schriftstellers gibt. „Edgar Rai – „Ascona““ weiterlesen