Mein Blogbuster-Kandidat: Helmut Pöll „Die Krimfahrt“

Im Gegensatz zu den Kreuzfahrt-Giganten, die als Kleinstädte über die großen Meere schippern, oder die Billig-Flieger, die in Richtung All-Inclusive-Paradies abheben, wirken Reisen mit der Eisenbahn wie aus der Zeit gefallen. Wer diese Form der Fortbewegung wählt, muss mit einer Strecke vorlieb nehmen, die durch die Schiene vorgeschrieben ist, und lebt aufgrund der überschaubaren Anzahl an Waggons auf engstem Raum. Was nicht unbedingt für die Harmonie beförderlich sein kann. Helmut Pöll schickt in seinem Roman „Die Krimfahrt“ seine Protagonisten, das Ehepaar Seidlitz, auf eine Reise mit der Bahn in Richtung Osten. Das Ziel: die Halbinsel im Schwarzen Meer, die dem Buch auch den Namen gibt. Der Roman ist mein Blogbuster-Longlist-Kandidat. „Mein Blogbuster-Kandidat: Helmut Pöll „Die Krimfahrt““ weiterlesen

On the road – Don DeLillo „Americana“

„So groß ist das Prestige der Kamera, ihre beinahe religiöse Autorität, ihre hypnotische Macht (…).“ 

Blättert man in den aktuellen  Programmen verschiedener Verlage, erhält man angesichts neuer Titel nahezu den Eindruck, die amerikanische Literatur, ohne jetzt einen markigen Spruch eines aktuellen, nicht unumstrittenen Staatsoberhauptes zu nennen, sei obenauf. Sicherlich in gewisser Hinsicht nicht ganz zu unrecht, obwohl dadurch, wie mir scheint, Bücher anderer Länder etwas ins Hintertreffen geraten. Doch ich muss gestehen: Ich lese die Literatur aus Übersee sehr gern und will mit diesem Beitrag allerdings Mut machen, auch ältere Titel zu lesen. So hat ein kurzer Beitrag in einer der vergangenen Wochenend-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung über die Neuausgabe des Romans „Americana“ mein Interesse geweckt.  „On the road – Don DeLillo „Americana““ weiterlesen

Treff mit Troll – Øyvind Torseter „Der siebente Bruder“

„Zeit für den Schlafanzug. Bis du nicht auch müde, mein lieber Troll?“

Als Benjamin der Familie hat man es wahrlich nicht leicht. Sind die Geschwister einmal erwachsen, verstreuen sie sich in Windeseile schwuppdiwupp in alle Himmelsrichtungen: nach Norden, Nordwesten, Nordosten, Süden, Südwesten, Südosten. Der Jüngste bleibt zurück. Beim Vater, der seine sechs Söhne nur schwer ziehen lässt. So ergeht es auch Hans, dem Helden in der Geschichte des Norwegers Øyvind Torseter. Was dieser Band von anderen  Märchenbüchern unterscheidet: Torseter hat nicht nur Farbe und Pinsel in die Hand genommen, um sein Werk recht eigenwillig zu illustrieren, er erzählt die Geschichte als Graphic Novel auf eine herzerfrischende Weise.  „Treff mit Troll – Øyvind Torseter „Der siebente Bruder““ weiterlesen

Von Liebe & Verrat – Katja Kettu „Feuerherz“

„Das Leben war ein Spiel. Ein Zufall, ein Würfelwurf, das Ziehen von Steinen auf dem Spielbrett.“

Das Land ist unermeßlich, spannt sich über zwei Kontinente.  Russland vereint in seiner schieren Weite Kontraste wie wohl kein anderes Land der Welt. In ihrem neuen Roman „Feuerherz“ macht die finnische Autorin Katja Kettu das Riesenreich zum Schauplatz ihrer Geschichte. Im Mittelpunkt steht ein bekanntes und zugleich trauriges Thema: der Gulag, das riesige Netz aus Arbeitslagern, das sich über das gesamte Land ausgedehnt hat. Besonders interessant an dem Werk:  Kettu lässt mit ihrer Heldin Irga eine Frau aus Finnland über die entsetzlichen und unmenschlichen Zustände berichten.     „Von Liebe & Verrat – Katja Kettu „Feuerherz““ weiterlesen

Mensch vs. Kollektiv – Andrej Platonow „Die Baugrube“

„Wir spüren jetzt nichts, in uns ist nur noch Staub geblieben.“

Romane über totalitäre Regime haben immer wieder etwas Beängstigendes an sich. Im Gegensatz zu Dystopien, die bisher glücklicherweise nur auf der Einbildungskraft des jeweiligen Autoren basieren, können Bücher über Menschen und Geschehnisse in jenem politischen Herrschaftssystem auf die vergangene und leider auch jetzige Realität zurückgreifen. Der Roman „Die Baugrube“ des russischen Schriftstellers Andrej Platonow (1899 – 1951) erzählt eine nahezu kafkaeske Geschichte, die 1929 und 1930 entstanden ist, acht Jahre nachdem Josef Stalin (1878 – 1953) die Macht ergriffen hatte.   „Mensch vs. Kollektiv – Andrej Platonow „Die Baugrube““ weiterlesen

Zwillinge – Pat Barker „Tobys Zimmer“

„Aber Trauer ist etwas Seltsames, Unbändiges.“

Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 kostete rund 900.000 englischen Soldaten der British Army das Leben. Sowohl jene, die einen Sohn, einen Enkel, einen Bruder verloren haben, waren von dem Verlust gezeichnet, als auch jene zwei Millionen Verletzte, die verstümmelt oder mit körperlichen wie seelischen Wunden in die Heimat zurückgekehrt waren. Von beiden Seiten erzählt die englische Schriftstellerin Pat Barker in ihrem Roman „Tobys Zimmer“, der auf der Grundlage realer Geschehnisse zudem von der Beziehung zwischen Kunst und Krieg zu berichten weiß. „Zwillinge – Pat Barker „Tobys Zimmer““ weiterlesen