Verloren – Joan Sales „Flüchtiger Glanz“

„Wir brauchen die Phantasie und das Mysterium, um diese Welt zu verwandeln, in die es uns verschlagen hat, ohne das wir wüssten, warum und auf welche Weise!“

Die Welt taumelt in Richtung Abgrund. Es sind nur noch wenige Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. In Spanien wird für das kommende Gemetzel geprobt. Nicht Länder prallen aufeinander. Im Bürgerkrieg (1936 – 1939) stehen sich politische Systeme und Weltanschauungen gegenüber. Viele Bücher gibt es über jene Jahre. Mit dem Roman „Flüchtiger Glanz“ des Katalanen Joan Sales (1912 – 1983) ist nun ein Meisterwerk wiederentdeckt und erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Verloren – Joan Sales „Flüchtiger Glanz“ weiterlesen

Freiheit – Gunnar Cynybulk „Das halbe Haus“

„Vater hat immer gesagt, alles hier bei uns ist eine einzige große Lüge, ein Scheißhaufen, der mit Häkeldeckchen aus Worten zugedeckt ist. Aber das stimmt nur halb. Es ist ein großer Mist, und zugleich ist es schön.“

Die einen preisen dieses Land, die anderen verfluchen es. Jeder hat seinen ganz eigenen Blick auf das Land DDR. Die Debatten über die „Zone“, wie der Osten vom Westen einst genannt wurde, sind noch längst nicht erschöpft; nicht zwischen den Generationen, nicht in Kunst und Kultur. Weiterhin werden Fotografien und Filme gezeigt, Bücher geschrieben. Im selben Jahr wie Lutz Seilers „Kruso“ erschien der Roman „Das halbe Haus“ von Gunnar Cynybulk. Der Autor des einen Buchs erhielt den Deutschen Buchpreis, der des anderen leider „nur“ wohlwollende Kritiken.  Doch beide Romane weisen Parallelen auf.  Freiheit – Gunnar Cynybulk „Das halbe Haus“ weiterlesen

Warum? – Noah Hawley „Der Vater des Attentäters“

„Wenn wir leiden, Schmerzen oder Angst haben, wenden wir uns nach innen. Mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert, interessieren wir uns nicht mehr für die täglichen Dramen dieser Welt.“ 

Es ist eine Geschichte, die überall auf der Welt geschehen könnte und aktueller denn je ist. Die Medien berichten in aller Regelmäßigkeit über entsetzliche Amok-Läufe, Attentate und Gewaltausbrüche, in denen junge Menschen plötzlich zu Tätern werden und eine große Schuld auf sich nehmen. „Der Vater des Attentäters“ von Noah Hawley erzählt nicht nur eindrucksvoll von einer aus den Fugen geratenen Vater-Sohn-Beziehung. Der Roman geht der Frage nach, wie ein junger Mensch zu einem Mörder werden konnte. Warum? – Noah Hawley „Der Vater des Attentäters“ weiterlesen

Spuren – Christoph Poschenrieder „Das Sandkorn“

„Viele werden zum Treibgut; indem sie mittreiben, spüren sie am wenigsten Widerstand.“

Es gibt Bücher, die verlangen nach dem richtigen Moment. Wenn der noch nicht gekommen oder bereits vergangen ist, kann es geschehen, dass das Buch in Vergessenheit gerät. „Das Sandkorn“ von Christoph Poschenrieder ist so ein Buch. Ich kaufte es im vergangenen Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse, las es an und legte es wieder weg.  Spuren – Christoph Poschenrieder „Das Sandkorn“ weiterlesen

Verurteilt – Hannah Kent „Das Seelenhaus“

„Zu wissen, was eine Person getan hat, und zu wissen, wer ein Mensch ist, sind zwei ganz verschiedene Dinge.“

Das Wort Urteil hat zwei verschiedene Bedeutungen. Es beschreibt sowohl die Entscheidung eines Gerichts als auch die Meinung, die ein Mensch von einem anderen hat. Mit beiden Varianten beschäftigt sich der Roman „Das Seelenhaus“ der australischen Autorin Hannah Kent. Ihr Debüt führt in das Island des 19. Jahrhunderts und in das Leben einer besonderen Frau. Verurteilt – Hannah Kent „Das Seelenhaus“ weiterlesen

Kunst und Krempel – Artur Klinau „Schalom“

„Der Künstler streunt ziellos umher, wie ein herrenloser Hund, streift durch die Hinterhöfe der Zivilisation, sieht mit traurigen Augen der Menschheitskolonne nach und wartet darauf, dass einer ihn mitnimmt oder ihm einen Knochen hinwirft.“

Aufmerksamkeit ist wohl die höchste Währung in der Öffentlichkeit. Was mancher da auf sich nimmt, um gesehen und beachtet zu werden, ein besonderes Zeichen zu setzen, erscheint oft grotesk. Der eine macht’s mit seiner Kleidung, der andere mit Statussymbolen oder einer Tätowierung. André Nikolajewitsch Sperling, seines Zeichens Künstler aus Belarus, setzt sich einen speziellen Flohmarkt-Fund auf den Kopf und gerät nicht nur in so manche skurrile Szene. Er erfährt am eigenen Leib, wie es ist, gegen den Strom zu schwimmen.   Kunst und Krempel – Artur Klinau „Schalom“ weiterlesen

Weltenbrand – Katja Kettu „Wildauge“

„Wir sind dazu bestimmt, diese Welt mit zwei Augen zu betrachten, nur wir gemeinsam, denn ohne unsere Liebe ist diese Welt ein gähnender Lautsprecher, in dem der grausame und faulige Sturm des Todes brüllt.“

In Zeiten des Krieges verlieren selbst Orte der Idylle ihre Schönheit. Auch vor ihnen machen der Kampf und das Töten nicht halt. Deutsche Truppen, sowohl die SS-Elitegarde als auch die Wehrmacht, eroberten Europas Norden. Selbst das Gebiet oberhalb des Polarzirkels wurde besetzt. Eine besondere Geschichte aus dieser Zeit und aus jener Region hat die finnische Autorin Katja Kettu in ihrem Roman „Wildauge“ verarbeitet. Weltenbrand – Katja Kettu „Wildauge“ weiterlesen

Gewalten – D.W. Wilson „Als alles begann“

„Und es gab kein Bedürfnis, keine Sorge mehr – nicht in jenem Augenblick. Alles würde neu werden. Alle müden Wanderer würden ihr Ziel der Ruhe und Versöhnung erreichen. Das war immer die einzige Art, in der es enden würde.“

Es ist der letzte Wunsch seines Großvaters, der Alans Rückkehr in seine Heimatstadt Invermere bewirkt. Der Philosophie-Student lässt seine Doktorarbeit und seine Freundin Darby in der gemeinsamen Beziehungskrise zurück. Sein Großvater Cecil glaubt, nach einem Herzanfall vor dem baldigen Lebensende zu stehen.  Seine Bitte: Alan soll seinen Vater Jack, Cecils Sohn, ausfindig machen. Doch dies ist alles andere als eine leichte Aufgabe. Nicht nur machen schwere Waldbrände in den Rocky Mountains die Fahrt in den Westen zu einem mehr als beschwerlichen Trip. Zwischen Jack und Cecil herrscht seit knapp 28 Jahren Funkstille – genauer gesagt: seit Alan auf der Welt ist. Gewalten – D.W. Wilson „Als alles begann“ weiterlesen

Alte neue Zeit – Hansjörg Schertenleib „Jawaka“

„Schafft der Zufall Bedeutung, oder hängt alles zusammen, geordnet nach einem Plan, den wir Menschen nicht verstehen können?“

Katastrophenmeldungen beherrschen die Nachrichten. Städte stehen durch den ansteigenden Meeresspiegel unter Wasser. Woanders ist Dürre. Tierarten sterben aus. Terroranschläge fordern unzählige Tote. Es gibt Aufstände und Unruhen in Europa. Nur etwas mehr als 30 Jahre später soll die Erde nicht mehr so sein, wie wir sie kennen. Nach einer globalen Katastrophe leben die Menschen wie im Mittelalter; in kleinen Siedlungen, von Ritualen und Bräuchen geprägt. Die moderne Technik gibt es nicht mehr. Das Geld wurde abgeschafft. Alte neue Zeit – Hansjörg Schertenleib „Jawaka“ weiterlesen

Nebel des Vergessens – Kazuo Ishiguro „Der begrabene Riese“

„Ein freundliches grünes Tal. Ein hübsches Gehölz im Frühling. Aber  fang an zu graben, und gleich unter den Margeriten und Butterblumen kommen die Toten zum Vorschein.“

In der Literatur scheint nicht nur das Thema Endzeit die Autoren derzeit viel zu beschäftigen. Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“, Cormac McCarthys „Die Straße“, Emily St. John Mandels „Das Licht der letzten Tage“ oder Valerie Fritzschs „Winters Garten“ seien an dieser Stelle genannt. Mehr und mehr finden sich Leser auch bei der Lektüre von ernster Literatur in Märchen und fantastischen Geschichten wieder. David Mitchell und ja auch Haruki Murakami sind da beispielgebend. Mit „Der begrabene Riese“ legt der japanisch-englische Autor  und Gewinner des renommierten Booker-Prizes Kazuo Ishiguro nun seinen lang erwarteten neuen Roman vor, der  ein großes Thema in Form eines Märchens erzählt.  Nebel des Vergessens – Kazuo Ishiguro „Der begrabene Riese“ weiterlesen

Zwei Schwestern – Frances Greenslade „Der Duft des Regens“

„Der Schmerz war wie ein Fluss, auf dem ich paddelte; wenn ich versuchte, einen Fuß hineinzusetzen, würde er mich umreißen.“

Erwachsen zu werden bringt es mit sich, auf Familiengeheimnisse zu stoßen.  Ein Kind soll davon verschont bleiben, meine viele. Dabei kann ein Geständnis, eine Erklärung, eine Geschichte aus vergangener Zeit in späteren Jahren  Verwirrung stiften. Maggie, die Protagonistin und Erzählerin in dem Debüt-Roman „Der Duft des Regens“ der Kanadierin Frances Greenslade, soll diese Erfahrung machen. Zwei Schwestern – Frances Greenslade „Der Duft des Regens“ weiterlesen

Druck – Per Petterson „Ist schon in Ordnung“

„Mein Körper ist auf eine andere Weise erschöpft als früher, es ist die Zeit, ich weiß.“

Es gibt Bücher, die erzählen nahezu flüsternd und unaufgeregt ihre Geschichte. Dann findet man Bücher, die tragische Schicksale und Geschehnisse fast schreiend in die Welt bringen. Per Pettersons Roman „Ist schon in Ordnung“ gelingt es, beides zu vereinen. Bekannt geworden ist der Norweger hierzulande mit seinem Roman „Pferde stehlen“. Nach und nach hat er auch in Deutschland eine wachsende Fan-Gemeinde erhalten, ist von Kritikern mit Lob bedacht worden. Druck – Per Petterson „Ist schon in Ordnung“ weiterlesen

Entdeckt – Irmgard Keun „Das kunstseidene Mädchen“

„Ich bin so oft doch mal unglücklich gewesen, aber es geht immer vorüber. Geht es denn bestimmt immer vorüber?“

Es gibt Autoren und Werke, die ähneln Sternschnuppen. Sie glänzen für eine kurze Zeit, lenken die Blicke vieler Menschen auf sich, um wenig später schnell zu verglühen und nahezu in Vergessenheit zu geraten. Einst galt Irmgard Keun (1905-1982) als großes literarisches Talent, war die meistgelesene Autorin der 30er Jahre, wurde zuvor von Alfred Döblin entdeckt, von Kurt Tucholsky gepuscht. Während des Dritten Reiches verschmäht, geriet sie nach dem Krieg jedoch in Vergessenheit.  Entdeckt – Irmgard Keun „Das kunstseidene Mädchen“ weiterlesen

Abstieg – Tim Winton „Schwindel“

„Engel ziehen weg, Kumpel. Sie sterben. Sie werden alt. Sie lassen dich allein.“

Er ist ganz unten, allerdings zugleich auch oben. Der einst berühmte Umweltaktivist Tom Keely steht nach der Scheidung und dem Jobverlust vor den Scherben seines Lebens. Er wohnt im zehnten Stock eines Hochhauses in Fremantle, nicht weit von der westaustralischen Metropole Perth entfernt. In seinem unaufgeräumten Appartement lebt er zurückgezogen in einer selbst gewählten Isolation. Trübsinn und Selbstmitleid bestimmen seine Gedanken, Untätigkeit, Alkohol und Tabletten seinen von Geldnöten beherrschenden Alltag. Dann tritt mit Gemma und ihrem sechsjährigen Enkel Kai die Vergangenheit in sein Leben und verändert es schlagartig.  Abstieg – Tim Winton „Schwindel“ weiterlesen

Von Fallada bis Herrndorf – Ausblick auf das Kinojahr 2016

Literatur und Film pflegen eine enge Beziehung. Das Kino kommt nicht ohne große Geschichten aus, die meistens die Literatur liefert. Im Gegenzug machen Verlage gute Geschäfte, wenn Titel auf die große Leinwand kommen – durch den Verkauf der Filmrechte und höhere Verkaufszahlen. Aktuell erweist sich die Verfilmung des Science-Fiction-Romans „Der Marsianer“ von Andy Weir als Kassenschlager. Zudem wird die Diskussion über eine mögliche Besiedlung des Planeten neu entfacht; siehe aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Geo“. Ich habe mal in die Glaskugel, besser gesagt in das weltweite Netz geschaut, auf der Suche nach Literaturverfilmungen, die im kommenden Jahr in die Kinos kommen. Von Fallada bis Herrndorf – Ausblick auf das Kinojahr 2016 weiterlesen

Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“

„Erst wollen wir nur gesehen werden, aber sobald wir gesehen werden, reicht uns das nicht mehr. Danach wollen wir, dass man sich an uns erinnert.“ 

Es braucht nur wenige Tage, bis die Erde nahezu entvölkert ist. Die Georgische Grippe rafft einen Großteil der Menschheit hinweg. Zurückbleiben nur wenige Überlebende, die durch das Land streifen. Wie die Gruppe „Die fahrende Symphonie“, Schauspieler und Musiker, die Shakespeare und klassische Werke aufführen. Zu ihnen zählt Kirsten, die als Kind bei einer Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ an der Seite des bekannten Mimen Arthur Leander auf der Bühne gestanden hatte. Sein Tod während einer Aufführung ereignete sich am Beginn der Epidemie. Noch Jahre danach erinnert sich die junge Frau an das faszinierende wie furchtbare Erlebnis, als Leander im Scheinwerferlicht zusammenbricht. In all dieser Zeit zählt ein Comic zu ihrem wertvollsten Besitz; eine Geschichte eines Wissenschaftlers, der mit einer erdähnlichen Raumstation durch das All fliegt. Den Comic hatte ihr Leander einst geschenkt.  Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“ weiterlesen

Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen“

„Ich stelle mir vor, wenn nach uns jemand die Welt wieder aufbaut, wird es eine schweigsame Welt.“

Am Anfang ist die Kälte: Fünf Männer stehen im Kreis dicht aneinander. Sie frieren und wärmen sich. Am Anfang gibt es auch eine unkontrollierte Gewalt: Fünf Männer vergehen sich nacheinander an einer wehrlosen Frau, die im Gebüsch liegt. Man schreibt den Monat April. Eine Katastrophe ist geschehen. Die bekannte Welt existiert nicht mehr. Dörfer sind verwüstet, die Menschen tot. Am Anfang einer neuen Zeit nach dem Ende streifen fünf Männer durch das Land. Ziellos, hungrig, frierend.  Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen“ weiterlesen

Trotzkopf – Jacqueline Kelly „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“

„Wie flüchtig sind die Wünsche und Anstrengungen der Menschen! Wie kurz ist seine Zeit! Wie dürftig werden mithin seine Erzeugnisse denen gegenüber sein, die die Natur anhäuft!“ Charles Darwin „Über die Entstehung der Arten“

Für manche Leseerfahrungen braucht es etwas Glück. Das Glück oder auch der Zufall, ein besonderes Buch zu entdecken. Dieses hat sich vor mir zwischen anderen Jugendbüchern in einem Regal einer meiner Lieblingsbuchhandlungen regelrecht versteckt. Hellgrün ist bekanntlich keine Farbe, die einem ins Auge springt. Und auf dem Cover sind auch keine Drachen, Zauberer oder Vampire zu sehen. Vielmehr zeigt es ein Gewimmel aus Pflanzen und Tieren, wie Schmetterlinge und Vögel. Doch „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ von Jacqueline Kelly hat es trotzdem auf den Stapel gekaufter Bücher geschafft. Welch ein Glück! Trotzkopf – Jacqueline Kelly „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ weiterlesen