Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink"

„Aber ist es nicht immer das Unpassende, das, was nicht so recht funktioniert, was uns komischerweise am liebsten ist?“

Wenn die Welt um einen zusammenbricht, hält man sich am Unbekannten fest, weil das Bekannte nicht mehr existiert. Theo macht diese schmerzliche Erfahrung. Gemeinsam mit seiner Mutter besucht der 13-Jährige das New Yorker Metropolitan Museum of Art mit berühmten Kunstwerken der Malerei. Vor allem ein Bild hat es Theos Mutter angetan: die kleine Miniatur „Der Distelfink“ des holländischen Malers Carel Fabritius (1622-1654), eines der wenigen Gemälde, die von dem Künstler geblieben sind. Bei einer Explosion der Delfter Pulvermühle 1654 starb nicht nur Fabritius. Ein Großteil seiner Werke wurde bei dem Unglück vernichtet. Auch Theo erlebt eine Explosion – mehr als drei Jahrhunderte später: Eine Bombe geht im Museum in die Luft. Seine Mutter stirbt, mit dem Ölgemälde unter der Jacke flieht Theo aus dem Museum. Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink" weiterlesen

Was bleibt vom Leben? – Rohinton Mistry "Das Gleichgewicht der Welt"

„Damals schien mir, dass man vom Leben nicht mehr erwarten konnte. Eine harte Straße, die mit spitzen Steinen übersät war und, wenn man Glück hatte, etwas Getreide. Später entdeckte ich, dass es verschiedene Arten von Straßen gab.“

Es herrschen Ausbeutung und Aberglauben, Unterdrückung und Willkür der Macht. Indien, das Land der Farben, bietet wenig Lebensfreude. Man schreibt das Jahr 1975. Dina, die Tochter eines Arztes, schlägt sich durch das Leben. Allein, ohne Mann, mit einem herrschsüchtigen Bruder in der Familie. Ihr Mann, mit dem sie eine glückliche Beziehung führte, starb kurz nach der Hochzeit bei einem Verkehrsunfall. Um halbwegs über die Runden zu kommen, eröffnet sie in der Wohnung eine kleine Schneiderwerkstatt und sucht Mitarbeiter. Eines Tages stehen Ishvar und sein Neffe Omprakash vor ihrer Tür. Das besondere Quartett soll wenig später Maneck, der Sohn einer Schulfreundin, vervollständigen, der in Bombay ein Studium beginnt und eine Bleibe benötigt. Was bleibt vom Leben? – Rohinton Mistry "Das Gleichgewicht der Welt" weiterlesen

Dem Erzähler auf der Spur – Vladimir Nabokov "Das wahre Leben des Sebastian Knight"

„Nicht auf die Einzelteile kommt es mehr an, sondern auf ihre Verbindung.“

Klassiker und Werke honoriger Autoren haben es oft schwer. Meist sind sie abseits der obligatorischen Schullektüre verdammt, in verstaubten Regalen ebenfalls verstaubt zu sein. Von eigentlich treuen Lesern vergessen oder auch mit dem Makel behaftet, für Langeweile und allzu viel Anspruch zu sorgen. Schwere Kost heißt es da – in Erinnerung an jenen Werbespot mit zwei wohl bekannten Box-Brüdern, die sich mit einem dicken Band Puschkin „herumschlagen“. Mir fiel kürzlich der Roman „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ von Vladimir Nabokov in die Hände. Eine spontane Entscheidung, die am Ende nicht bereut wurde. Im Gegenteil. Dem Erzähler auf der Spur – Vladimir Nabokov "Das wahre Leben des Sebastian Knight" weiterlesen

Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen"

„Begeisterung und Panik wogten wie parallele Welten durch die Hitze der Nacht, in einem Fieber von Karneval und Katastrophe.“

Das Chaos zerreißt sein bisheriges Leben. Ignacio Abel, ein anerkannter Architekt und Bauhaus-Schüler, sieht sich 1936 an einem Abgrund stehen. Der Krieg hat Spanien erfasst. Die Hauptstadt Madrid wird Schauplatz des Klassenkampfes, die Gewaltspirale dreht sich und fordert unzählige Opfer. Männer, Frauen und Kinder, die durch Bomben, Straßenkämpfe und Hinrichtungen getötet werden. Mittendrin Ignacio auf der Suche nach seiner Geliebten Judith, die er ein Jahr zuvor kennengelernt hatte. Die Amerikanerin ist spurlos verschwunden, nachdem Ignacios Frau Adela dessen heimliche Beziehung entdeckte hatte und nachfolgend einen Selbstmord verübte, den sie indes überlebte. Mit den zwei Kindern zieht sich Adela in das Wochenend-Haus in den Bergen zurück. Nicht nur die erkaltete Beziehung des Paares auch Adelas Freitod-Versuch und das kritische Verhältnis zwischen ihren Eltern und ihrem Bruder Victor zu Ignacio belastet diese Ehe. Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen" weiterlesen

Schicksalhafter Wurf – Chad Harbach "Die Kunst des Feldspiels"

„Es war immer etwas Unnahbares in seinen Augen, wie bei einem Solisten, der so sehr eins mit der Musik ist, dass man nicht zu ihm durchdringt. Hierher könnt ihr mir nicht folgen, schienen die blauen Augen zu sagen. Ihr werdet niemals wissen, wie das ist.“

Er galt als dürrer und unscheinbarer Sonderling. Nichts sprach für eine große Zukunft, geschweige denn für eine herausragende Karriere als Baseball-Spieler. Bis er eines Tages entdeckt wird. Mike Schwartz, Spieler am Westish-College, sieht Henry Skrimshander und erkennt dessen einzigartige Begabung als Shortstop. Er wirft nicht nur zielsicher, er erkennt schon früh die Bahn des Balles, um schnell reagieren zu können. Schwartz holt Henry an das College und in die Mannschaft, die fortan den Meisterschaftskurs einschlägt . Henry wird zu einem Star in der College-Szene, umkreist von Agenten, die ihn verlockende Angebote unterbreiten. Doch während eines Spieles geschieht ein Unglück: Henry trifft mit dem Ball seinen Zimmerkollegen Owen, der vertieft in einen Schmöker auf der Mannschaftsbank sitzt. Schicksalhafter Wurf – Chad Harbach "Die Kunst des Feldspiels" weiterlesen

Rückkehr nach dem Schrecken – Irène Némirovsky "Feuer im Herbst"

„Das Kriegsgebiet hatte die Männer gepackt, hatte sie zermahlen, und diejenigen, die noch nicht gefressen worden waren, gab es nur ungern wieder her.“

Beide ziehen in den Krieg. Martial als gestandener Arzt mit Unwillen, Bernard als 18-jähriger Jungspund mit reichlich Euphorie. Martial lässt seine Ehefrau Therese zurück, die er kurz vor dem Einzug in die Armee geheiratet hatte, Bernards Eltern können ihren Sohn nicht halten. Wie Europa mit Jubel den Beginn des Ersten Weltkrieges feiert, um später nach einer beispiellosen Vernichtung von Menschen und Land Millionen von Opfern zu betrauern – darüber gibt es bekanntlich viele Bücher. Rückkehr nach dem Schrecken – Irène Némirovsky "Feuer im Herbst" weiterlesen

Im Fadenkreuz von Politik und Religion – Amy Waldman "Der amerikanische Architekt"

„Die Trauer war ein Land, das sie sich nicht ausgesucht hatte, aber sie konnte entscheiden, wann sie es wieder verlassen wollte, obwohl sich das ein bisschen  nach Verrat anfühlte.“

Das Bild hat sich in das Gedächtnis der Menschheit eingebrannt: Zwei Flugzeuge fliegen über New York und schließlich in die beiden Türme des World Trade Centers hinein. Flammen schießen in die Höhe. Menschen springen aus den Fenstern. Die beiden hohen Gebäude stürzen zusammen. Eine Wolke aus Schutt und Asche legt sich über die Stadt. Rund 2.900 Menschen kommen am 11. September 2001 ums Leben, Männer und Frauen, die in den Häusern gearbeitet haben, die Insassen der beiden Flugzeuge sowie eine große Anzahl an Rettungskräften. Von vielen Opfern bleibt nur noch Asche und Staub zurück. Im Fadenkreuz von Politik und Religion – Amy Waldman "Der amerikanische Architekt" weiterlesen

Fjord als Seelenlandschaft – Jan Kjærstad "Der Entdecker"

„Was ist die wichtigste Triebkraft in meinem Leben? Ich glaube, ich weiß es. In die Tiefe zu wirken. Etwas Einfaches finden, das große Folgen hat.

Nach den Jahren im Gefängnis kehrt er zurück. Jonas Wergeland, die berühmteste Fernsehgestalt Norwegens. Mit seiner Serie „Groß denken“, in denen er die bekanntesten Personen seines Heimatlandes – von Amundsen bis Ibsen – porträtiert hat, bannte er mit jeder Sendung eine ganze Nation an den Fernsehschirm. Nun ist er in Vergessenheit geraten. Unschuldig hat er im Gefängnis ausgeharrt, für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Er nahm die Schuld für den Tod seiner Frau Margrete auf sich, die sich mit der Pistole das Leben nahm. Unerkannt reist er nun mit seiner Tochter auf einem Schiff den Sognefjord entlang.

Fjord als Seelenlandschaft – Jan Kjærstad "Der Entdecker" weiterlesen

Kampf der Kulturen – Kim Leine "Ewigkeitsfjord"

„In diesem Land verstreicht die Zeit nur langsam, und die Jahre vergehen schnell. Dies ist ein Land, das viel nimmt, stimmt er zu. Mehr, als es gibt, erwidert sie.“

Sein Ziel ist das Land des Eises, auch wenn der legendäre Wikinger Erik der Rote der großen Insel hoch oben im Norden den Namen „grünes Land“ gegeben hat. Auf Grönland herrschen nicht nur die Kälte und die Dunkelheit in der langen Winterzeit. Die Sitten sind andere als in seiner Heimat Dänemark. Das wird dem angehenden Pfarrer und Sohn eines norwegischen Schulleiters Morten Falck schnell bewusst, als er nach einer mehrwöchigen strapaziösen Schifffahrt den Westen der Insel erreicht. Doch es sind nicht die rauen Sitten der Ureinwohner Grönlands, die den jungen Missionar bei seiner Ankunft erschüttern. Vielmehr wird in den kommenden Jahren der Geistliche, der eigentlich den Beruf eines Mediziners erlernen wollte, mit den unmenschlichen Verhalten der dänischen Kolonialherren gegenüber den Ureinwohnern konfrontiert. Kampf der Kulturen – Kim Leine "Ewigkeitsfjord" weiterlesen

Der Eroberer – Hans Fallada "Ein Mann will nach oben"

„Es ist nur, Rieke“, sagte der Junge, „es ist alles so viel, alle diese Häuser, und alles Stein, und keiner weiß von uns …“

Er ist wieder zurück. Gut, er war nie wirklich weg, nur scheinbar abgetaucht. Jetzt füllt er wieder die Regale in den Buchläden und jene der Literaturfreunde. Mit dem Erfolg seines letzten Romans „Jeder stirbt für sich allein“, vor allem auch außerhalb seiner deutschen Heimat, ist Hans Fallada wieder im Gespräch. Der Aufbau-Verlag brachte 2011 jenen letzten Band des im Jahr 1893 als Rudolf Dietzel in Greifswald geborenen Autors in einer ungekürzten Neuerscheinung heraus. Weitere folgten, so auch der Roman „Ein Mann will nach oben“. Der Eroberer – Hans Fallada "Ein Mann will nach oben" weiterlesen

Lektionen des Lebens – Michael Ondaatje "Katzentisch"

Drei Wochen auf hoher See, drei Wochen unterwegs zwischen den Kontinenten, drei Wochen, um die Kindheit hinter sich lassen. Allein und im Alter von elf Jahren geht Michael im Jahr 1954 auf große Reise. Mit dem Luxus-Dampfer „Oronsay“ soll er seine Heimat Sri Lanka verlassen, um seine Mutter, die bereits seit einigen Jahren in England lebt, wiederzu sehen und gemeinsam mit ihr ein neues Leben zu beginnen. An Bord schließt Michael nicht nur mit den Gleichaltrigen Ramadhin und Cassius Freundschaft. Das Trio erkundet das riesige Schiff und stiehlt in der ersten Klasse gutes Essen und aus den Rettungsbooten Schokoladenriegel. Den Turbinenraum haben sie zu ihrem Hauptquartier erkoren. Doch bei all den irrwitzigen Streichen und Erkundungen lernen die drei Jungs vor allem die Welt der Erwachsenen kennen – denn dafür gibt es keine bessere Gelegenheit als eine lange Fahrt auf engstem Raum umgeben von den Weiten des Meeres.

Doch in Michael  Ondaatje, Autor des weltbekannten Romans „Der englische Patient“, neuestem Werk „Katzentisch“ tauchen noch eine ganze Reihe weiterer schrulliger Protagonisten auf:  ein Pianist, der plötzlich von Bord verschwindet, eine Frau, die missliebige Krimi-Romane kurzerhand über die Reling wirft und Tauben in ihrem Mantel versteckt, ein Botaniker, der im Bauch des Schiffes seinen kleinen Garten pflegt, ein an Tollwut erkrankter Millionär, für den eine Prophezeiung schreckliche Wirklichkeit wird. Sie alle und weitere recht merkwürdige Personen – allen voran ein Gefangener, der nur ab und an während seiner Rundgänge auf dem Deck für die weiteren Passagiere sichtbar wird – sind Teil dieses bunten Kammerspiels, das seine Helden wie das Leben auch in normale und wichtige Gestalten einteilt. Die einen sitzen eben am Katzentisch, am weitesten entfernt von der renommierten Tafel des Kapitäns, die anderen genießen die Sonderbehandlung als Gäste der ersten Klasse. Was sie jedoch vereint, sind Geheimnisse, die sich um ihre Person ranken. Michael, Ramadhin und Cassius erfahren im Beisein dieser illustren Gesellschaft die ersten Lektionen mit den unbeschriebenen Gesetzen des Lebens. Sie lernen die Klassentrennung genauso kennen wie den Tod, erfahren auf der Reise vor allem aber auch verschiedene Sitten der Völker kennen.

 „Was interessant und wichtig ist, ereignet sich in der Regel im Verborgenen, an machtfernen Orten. Nichts von bleibenden Wert ereignet sich je am Tisch der Mächtigen, wo altvertraute Phrasen Kontinuität garantieren. Diejenigen die Macht besitzen, bleiben in der vertrauten Fahrrinne, die sie sich ausgebaggert haben.“

Die thematische Tiefe und seinen Anspruch erfährt dieser bezaubernde und weise Roman mit seinen wunderbaren Episoden und kleinen Geschichten indes durch die Verbindung und die Verschränkung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Michael erzählt von den damaligen Erlebnissen und aus der Sicht eines Jungen, um im zweiten Teil des Buches zudem von den Auswirkungen der einstigen Geschehnisse zu berichten. Da ist die kurze, indes intensive Beziehung zu Massi, der Schwester von Ramadhin, der als junger Mann seinem langjährigen Herzleiden erliegt, da ist das besondere Verhältnis Michaels zu seiner Cousine Emily, die er schließlich auf einer kleinen Insel an der kanadischen Westküste wiederfindet. Zudem wird ein prägendes Erlebnis jener „Taubenfrau“ erzählt, die als junge Frau dem Bann eines herrschsüchtigen Mannes verfällt. Und immer wieder schimmert als Thema jene immense Herausforderung, die Heimat zu verlassen und in einem anderen Land einen Neubeginn zu wagen, durch.

Am Ende bleibt ein Leser zurück, der als Erwachsener durch die wunderbar, mit sehr viel Liebe für die Protagonisten erzählte Geschichte berührt wird, aber mit dem Kind im Herzen zugleich eine unbändige Freude an den Abenteuern und Entdeckungen von Michael und seinen beiden Freunden verspürt. So begleiten die widersprüchlichen Gefühle die Lektüre dieses Romans, mit dem Ondaatje wieder einmal ein Meisterwerk geschaffen hat, das einen so schnell nicht loslässt.

Der Roman „Der Katzentisch“ von Michael Ondaatje erschien gerade als Taschenbuch im dtv-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Melanie Walz.
304 Seiten, 9,99 Euro

360 Grad – Elliot Perlman "Sieben Seiten der Wahrheit"

„Emotional leben wir in der Dunkelheit unserer eigenen Schatten. Wir frieren immerzu und meistens wissen wir nicht warum.“ 

Simon hat nichts mehr zu verlieren,  als er einen folgenschweren Plan fasst. Den Job als Grundschullehrer los, seit neun Jahren von der großen Liebe Anna weit entfernt, entführt Simon Annas kleinen Sohn Sam. Die Polizei kommt dem Entführer jedoch schnell auf die Schliche, da er von seiner Freundin Angel verraten wird. Simon sitzt bald hinter Gittern. Die Presse dichtet ihm weitere Entführungen und noch schlimmere Verbrechen an, auch jenen Fall des verschwundenen Jungen Carlo, den Simon als Lehrer in Obut hatte. Simon wird schließlich der Prozess gemacht, und eigentlich wäre die Geschichte mit dem Gerichtsurteil schnell erzählt gewesen.

Wenn nicht der Roman „Sieben Seiten Wahrheit“ des Australiers Elliot Perlman mehr als 850 Seiten hätte und die gefüllt werden müssten. Doch wie die Geschichte von Simon dem Leser berichtet wird, ist ein stilistischer Geniestreich. Wie es der Titel des Buches schon ahnen lässt, blicken sieben Menschen zurück und erzählen das Geschehen aus ihrer persönlichen Sicht: neben dem engagierten Grundschullehrer Simon sind das dessen Psychiater Alex Klima, Angela und Anna, deren Mann Joe, dessen Kollege Mitch sowie die Tochter des Psychiaters, die Jahre nach dem Vorfall eine Beziehung zu Sam führt. Beide studieren an ein und derselben Uni. Sowohl der Vor- und der Nachteil dieser besonderen Erzählweise liegen dabei klar auf der Hand: Das Geschehen wird von mehreren Seiten reflektiert, nahezu aus 360 Grad beleuchtet. Die Personen und ihre Intentionen erscheinen plastischer. Das Geschehen setzt sich für den Leser mit jedem Detail der erzählenden Personen wie ein großes farbiges Puzzle zusammen, bei dem jede Einzelheit deutlich wird. Darin liegt eine Faszination und Erzählkraft, der man schnell erliegt. Da nimmt man schnell in Kauf, wenn Redundanzen entstehen, einiges der Handlung mehrfach erzählt wird. Die Story nimmt trotzdem ihren Lauf und konzentriert sich weniger auf die Straftat, als die Personen, die damit direkt oder indirekt zu tun haben.

Perlman, 1964 in Melbourne geboren, erhält damit auch die Möglichkeit, die Handlung nicht nur auf die Tat und den Gerichtsprozess zu konzentrieren. An vielen Stellen webt er die Geschichten der Personen ein, ihr Leben, ihren Beruf, ihre Stärken und Schwächen, ihr „Schicksal“: So verlieren Mitch und Joe nach einem heiklen Geschäft ihren Job und jegliche berufliche Perspektive, erkrankt Angel an Multilpler Sklerose. Alex Klima wird selbst ein Fall für den Psychiater. Und es sind die großen Themen, die Perlman hineinarbeitet und dieses Buch zu einem weisen, sehr berührenden Roman und ein Stück großer Literatur werden lässt: So wendet sich die Kritik des Buches an die skrupellose Gier von Wirtschaftsunternehmen, die selbst im Gesundheitssystem Profit schlagen wollen, an die Medien, die mit ihrer Hetze den Ruf eines Angeklagten komplett zerstören, ohne Fakten und Beweise auf den Tisch legen zu können. Ebenso lässt Perlman an den Holocaust und das spätere Leid, das der Stalinismus über Osteuropa bringt, erinnern.

Und ein Thema, das immer wieder durchscheint, ist natürlich die Literatur und die Liebe zur Literatur. Denn Basis dieses Romans ist das gleichnamige Werk des britischen Dichters und Literaturkritikers William Empson. In „Seven Types of Ambiguity“ beschreibt Empson  die Mehrdeutigkeit von Poesie. Simon, verliebt in Literatur und Bücher, verehrt Empson und kennt seine Thesen aus dem Effeff. Und nicht nur deshalb wandelt sich das Bild, das der Leser von dieser Hauptfigur erhält: von dem Bild eines Entführers hin zu einem mehr als sensiblen und intelligenten Menschen, der den kleinen Sam eigentlich nur helfen wollte, wie all jenen „Stillen, die sich immer noch nicht daran gewöhnt hatten, auf der Welt zu sein.“

„Sieben Seiten der Wahrheit“ von Elliot Perlman erschien im btb-Verlag, mit der Übersetzung aus dem Englischen von Matthias Jendis.
880 Seiten, 12 Euro

Das Land fern unserer Zeit – Adam Johnson "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do"

„Ein solcher innerer Rückzugsort war wie ein geheimer Garten – man baute einen Zaun drum herum, passte auf, dass er unberührt blieb, vertrieb alle Eindringlinge, hegte und pflegte ihn.“

Seine Heimat ist ein Land fern unserer Zeit, fern einer irgendwie möglichen Vorstellungswelt. Sie schreibt sein Leben und seine Geschichte. Der Junge Jun Do wächst in einem Waisenhaus in Nordkorea auf, obwohl er kein Waisenkind ist. Sein Vater ist der Leiter des Heimes, der jedoch den eigenen Sohn verleugnet. „Frohe Zukunft“ heißt das Haus, in dem die Kinder hungern müssen und zur Zwangsarbeit verpflichtet werden. Das alles natürlich nur zum Wohl der Kinder, denn das Wohl seiner Landeskinder liegt dem Geliebten Führer Kim Jong Il am Herzen.

Nichts ist so, wie es erscheint. Die Diktatur wird zum Reich der Glückseligkeit, in dem der Staat das Denken seiner Einwohner übernimmt, Andersdenkende gefoltert, in Straflager gebracht und getötet werden. Für einen Blick in ein Land, das sich permanent von der Außenwelt abschottet, ist der amerikanische Autor Adam Johnson in das asiatische Land gereist. Für seinen Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ hat der 1967 in South Dakota geborene Schriftsteller einen der renommiertesten Preise für ein niedergeschriebenes Werk bekommen: den Pulitzerpreis. Doch zurecht?

Widmen wir uns doch noch ein wenig der Handlung und der Geschichte rund um Jun Do, der als junger Mann schließlich zu einem Zahnrädchen im Getriebe der grausamen Herrschaft wird. Er kidnappt Menschen aus Japan, um sie nach Nordkorea zu bringen. Später leistet er Dienst auf einem Fischkutter, auf dem er den feindlichen Funkverkehr abhört. Auf einer Reise nach Texas sieht er nicht nur die andere Seite der Welt, sondern genau jenes Land, das die Führung Nordkoreas systematisch in seinen täglichen Botschaften an das Volk verteufelt. Nach der Reise dann der Fall: Jun Do kommt in ein Bergwerk, ein Straflager. Doch wer glaubt, dass der Roman teilweise realistische Züge annimmt, irrt – gewaltig. Denn jetzt wird es wirklich verrückt: Denn Jun Do wird der Ersatzmann jener Frau, die auf seiner Brust eintätowiert worden ist – Sun Moon, Nordkoreas Schauspielstar und Zögling des Geliebten Führers.  Zuvor musste er allerdings ihren Mann, Kommandant Ga, um die Ecke bringen. Zu ihr baut Jun Do eine besondere Beziehung auf. Nach anfänglicher Skepsis gewähren beide dem anderen Einblicke in ihr Leben. Das Vertrauen wächst. Doch ein Happy End ist für dieses Buch nicht vorgesehen, so  viel sei an dieser Stelle verraten.

Tja, wie sollte man eine so verdrehte Handlung, die zudem von mehreren Stimmen erzählt wird – es kommt auch ein Verhörspezialist zu Wort – und die vor allem im zweiten Teil zwischen den Zeiten springt, denn eigentlich so nennen: verrückt, wie von Sinnen oder dann doch einmalig. Ich muss zugeben, kein Buch hat es mir so schwer gemacht, ein Urteil zu fällen. In diesem Fall bin ich zwiegespalten. Ich mag es nicht verreißen und es auch nicht in den Himmel heben. Doch irgendwie bin ich enttäuscht. Obwohl humorvoll kann ich mit der Ironie im Buch leider nicht so viel anfangen. Sprachlich hat es mich auch nicht sonderlich überzeugt. Doch zugegeben: Die Idee hinter der Geschichte, das Leben eines Außenseiters in einem der rätselhaftesten Länder zu beschreiben, hat was. Gerade wenn es sich bei diesem Land um Nordkorea handelt, das kaum Einblicke gewährt und seinen Bürgern mit Hilfe der Propaganda eine Gehirnwäsche verpasst. Allerdings wurde diese Chance vergeben. Hinzu kommen Gewaltszenen, die detailliert beschrieben werden, wie brutale Foltermethoden oder die martialische Tötung eines Singvogels. Freunde von Horrorfilmen mit einem gewissen Verlangen, Grausamkeit zu sehen, werden ihre Freude haben. Welche menschenverachtenden und entsetzlichen Seiten eine Diktatur besitzt, kann man auch anders beschreiben.

Was bleibt? Die Erinnerung an ein verrückt-verdrehtes Buch mit einer interessanten Kerngeschichte und das doch sehr intensive Gefühl einer herben Enttäuschung. Und die Erfahrung, dass ein renommierter Preis nicht immer die Leseentscheidung beeinflussen sollte.

Der Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ von Adam Johnson erschien im Suhrkamp-Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger.
687 Seiten, 22,95 Euro

An seiner Seite Dora – Michael Kumpfmüller "Die Herrlichkeit des Lebens"

„Ist nicht alles Weg?“


Die letzte Zeit bricht für ihn an, für den ganz Großen, für den Literat mit der traurigen Gestalt. Er, der mit seinen Werken, den Erzählungen und Romanen, noch immer unzählige Leser vor Rätsel stellt, über den mehr geschrieben worden ist, als ihm selbst gelungen ist, wird wieder ein Teil der Literatur. Michael Kumpfmüller beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ die letzten Monate im Leben von Franz Kafka und damit die Zeit seiner großen Liebe.  Man schreibt das Jahr 1923. Im Sommer lernt der hagere „Doktor“ im Ostseebad Müritz Dora Diamant kennen, die Köchin des dortigen Ferienheims. Mit langen Spaziergängen entlang des Strandes und langen Gesprächen verknüpft sich  ihr Leben. Beide fühlen eine tiefe Verbundenheit und Liebe zueinander, obwohl zwischen ihnen ein Altersunterschied von 15 Jahren besteht, Kafka selbst Schwierigkeiten hat, eine Beziehung einzugehen.

Kafka verlässt mit seinen Schwestern Ottla und Elli nach einigen Tagen den Ferienort, die Reise geht zurück in die Heimat Prag.  Der Schriftsteller und die aus Polen stammende Köchin halten mit Briefen den intensiven Kontakt aufrecht. In Berlin sollen sie schließlich beide nach mehrmaligen Umzügen in einer bescheidenen Wohnung  ein gemeinsames Zuhause finden. Auch wenn die Situation nicht immer ungetrübt ist: Das Geld ist knapp, die Inflation herrscht.  Franz leidet unter den Beschwerden seiner Tuberkulose-Erkrankung. In der Großstadt macht sich zudem der Antisemitismus breit, der Jahre später ein Großteil von Kafkas Familie in den Vernichtungslagern von Chelmno und Auschwitz den Tod bringen wird. Der große Schriftsteller wird dies nicht erleben: Er stirbt genau einen Monat vor seinem 41. Geburtstag im Juni 1924 im Sanatorium Kierling in Niederösterreich. An seiner Seite: Dora. Auch wenn ihr Vater, ein orthodoxer Jude, die Heirat mit dem pensionierten Angestellten einer Versicherungsanstalt und bereits bekannten Künstlers verweigert.

All jene gegensätzlichen Stimmungen fließen in jenem wunderbaren Roman zusammen, jene heitere und hoffnungsvolle, ausgelöst durch die Beziehung, sowie jene erdrückende und düstere Atmosphäre, die durch den kritischen Gesundheitszustand Kafkas und die gespannte Situation in Berlin verursacht wird.
Wie Kumpfmüller das Wachsen der Gefühle beschreibt, ist meisterhaft, nicht minder, wie er ehrlich und unumwunden den Niedergang des weltbekannten Schriftstellers und das Leid des Paars erzählt, das nur wenige gemeinsame Monate erlebt hat. Doch neben den privaten Seiten Kafkas widmet sich Kumpfmüller auch dem Thema Schreiben. Immer wieder finden sich in dem Roman, wie dem große Autor die Schaffenspausen  aufgrund seiner Erkrankung  zu schaffen machen. Selbst sein größter Unterstützer Max Brod kann ihm wenig helfen. Kaum eine Zeile bringt er zu Papier, kommen wieder gute Zeiten, zeigt sich Kafka glücklich. Selbst in den letzten Tagen bringt ihm die Korrektur von Druckfahnen frohen Mut.

Kumpfmüller, der 1961 in München geboren wurde, heute in Berlin lebt und für seinen Roman „Nachricht an alle“ mit dem Döblin-Preis geehrt wurde, webt in seinen wunderbar poetischen Roman Kafkas Texte behutsam ein, Tagebücher, Briefe und Notizen und eine ganze Zeit finden so ihren Weg in ein großes Stück Literatur. Ein Teil der Korrespondenz sowie Notizen wurden indes 1935 von der Gestapo beschlagnahmt  und gelten bis heute als verschwunden. Dem Verfasser standen zudem die beiden Germanisten Prof. Peter-André Alt und Prof. Klaus Wagenbach zur Seite.

Wer sich vor den meist düsteren Werken Kafkas bis jetzt fürchtete, wird mit dem Roman einen anderen, weil persönlicheren Bezug zu Kafka finden und möglicherweise seine Texte in einem ganz anderen Licht sehen. Zu wünschen wäre es. Und eines darf nicht vergessen werden. Mit dem Buch wird auch einer besonderen Frau ein Denkmal gesetzt:  Dora Diamant, die ihre Liebe um 20 Jahre überleben wird. Sie starb 54 Jahre alt in London.

Der Roman  „Die Herrlichkeit des Lebens“ von  Michael Kumpfmüller  erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch im August 2011.
240 Seiten, 18,99 Euro

Eine Welt auf zwölf Quadratmetern – Emma Donoghue: "Raum"

Jacks Welt besteht aus einem Raum, etwas mehr als einen Dutzend Quadratmeter groß, mit Bett und Badewanne, Teppich und Fernseher und einem Kleiderschrank, in dem der fünfjährige Junge schläft. Ein Fenster gibt es nicht. Nur ein Oberlicht gibt dem Raum etwas Helligkeit, die den Tag von der Nacht trennt. Manchmal erblickt der Junge dort den Mond – der einzige Beweis für die Welt da draußen und der einzige, wenn auch leblose Zeuge der schrecklichen Geschehnisse. Geschehnisse, die einen an entsetzliche, indes auch reale Nachrichten von Entführungen und jahrelangen Missbrauchs erinnern, die trauriges Vorbild für den Roman „Raum“ der Amerikanerin Emma Donoghue sind.

Der Täter im Buch trägt den Namen Old Nick. Vor sieben Jahren entführte er Jacks Ma, damals eine junge Collagestudentin von gerade mal 19 Jahren. Er sperrte sie in den Raum, errichtet in einer Gartenlaube, abseits der Stadt und vergeht sich seitdem an ihr. Mehrmals, regelmäßig. Auch Jack – Ergebnis einer Vergewaltigung – wird diese Greueltaten erleben. Er schildert die Ereignisse und die Personen aus seiner kindlichen Sicht, mit seiner begrenzten, fehlerhaften Sprache, die sowohl Folge jener schrecklichen Lebensverhältnisse ist als auch das besondere sprachliche Merkmal des Buches bildet, das zum fünften Geburtstag des Jungen einsetzt und mit einem Neuanfang für Mutter und Kind im Draußen und nach vielen, ebenfalls schmerzhaften Ereignissen endet. Ereignisse, die den Leser sehr berühren, sich regelrecht eingraben und gerade durch die Perspektive des Kindes an Wirkung gewinnen.

Denn seine Erfahrungen begrenzen sich auf jenen Raum, auf die wenigen, abgenutzten Dinge oder jene Sachen, mit denen Old Nick die beiden versorgt. Jack kennt nicht die Welt da draußen, sondern eine künstliche Welt, die für seine Mutter und ihn in Form des licht- und schalldichten und versiegelten Raumes geschaffen wurde und die sich ab und an auch in Fernsehsendungen zeigen. Jacks Verhältnis zu seiner Mutter ist deshalb sehr eng. Sie versucht ihm so gut es den Umständen geht, ein „normales“ Leben über die reine Existenz hinaus zu bieten und ihn zu erziehen. Diese starke Bindung wird im Laufe des Buches indes auf eine Belastungsprobe gestellt, als das Kind nach der gelungenen Flucht mit jener anderen Welt konfrontiert wird und diese erste entdecken muss, jeden Quadratmeter, kleine und große Personen und Dinge und sich ob dieser Fremdheit Sehnsucht nach dem engen Raum hat.
Mit diesem Roman ist Donoghue ein besonderes Buch gelungen. Es packt einen, es beißt regelrecht und lässt einen so schnell nicht los. Man leidet mit, man lacht allerdings auch ab und an aufgrund Jacks kesser und neugieriger Blick auf die Welt und trotz der tieftraurigen und unvorstellbaren Erlebnisse. Man erfährt eine Achterbahn der Gefühle, vor allem weil es der Autorin wunderbar gelingt zu zeigen, dass die kleinen schönen Dinge des Lebens in ihrer Mehrzahl sowie Liebe, Hoffnung und Glaube manches Mal nicht von Schmerz, Gewalt und Qualen überwältigt werden können.

„Raum“ ist trotz seiner schockierenden Geschichte somit ein recht positives Buch – auch wenn die Realität meist ein Happyend nicht kennt. Donoghue setzt der engen Beziehung zwischen Mutter und Kind ein literarisches Denkmal, während sie einige Gesellschaftsbereiche dagegen scharf angreift, wie beispielsweise die sensationsgierige Medienwelt, die das Schicksal von Mutter und Sohn so gut es geht verkaufen will. Worauf allerdings die Autorin mit ihrer Geschichte keine Antwort weiß – wie kann so viel Gewalt und Menschenverachtung überhaupt entstehen.

Raum von Emma Donoghue ist im Piper-Verlag erschienen.
In der Übersetzung von Armin Gontermann
August 2011
416 Seiten, 19,99 Euro