Zurück in Neapel – Elena Ferrante „Die Geschichte des verlorenen Kindes“

„Bücher schreibt man, um gehört zu werden, nicht um den Mund zu halten.“

Es heißt nun, Abschied zu nehmen. Zwei Jahre hat sie mich begleitet – die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante um die Freundschaft zwischen Lila und Elena, von der Kindheit bis ins reifere Alter. Sechs Jahrzehnte, von den Nachkriegsjahren in Neapel bis in die moderne Zeit des 21. Jahrhunderts. Im Herbst 2016 las ich den ersten Band mit dem Titel „Meine geniale Freundin“, in den vergangenen Tagen nun den vierten und letzten Band mit dem Titel „Das verlorene Kind“.  „Zurück in Neapel – Elena Ferrante „Die Geschichte des verlorenen Kindes““ weiterlesen

Backlist #6 – Robert Seethaler „Der Trafikant“

„Es sind komische Zeiten gerade. Oder vielleicht waren die Zeiten immer schon so komisch.“

Die Zeit ist schon eine merkwürdige Erscheinung. Sie rast dahin, man möchte sie festhalten. Manchmal lässt sie Wunden in Narben verwandeln. Manchmal glaubt man,  meint man, hat es sie schon einmal gegeben.  In diesen Wochen, Monaten denkt man oft an eine Zeit zurück, die schließlich die Schwärze und das Grauen gebracht hat. Damals begann sich der Horizont dunkel zu verfärben. Wer den vierten Roman Robert Seethalers mit dem recht unscheinbaren Titel „Der Trafikant“ in die Hand nimmt und ihn liest, wird Parallelen zwischen dem historischen Geschehen, das dem Österreicher als Vorlage diente, und aktuellen Erscheinungen feststellen. Doch nicht nur deshalb sollte man dieses großartige Werk lesen und immer wieder weiter empfehlen. „Backlist #6 – Robert Seethaler „Der Trafikant““ weiterlesen

Rocket Man – Michael Chabon „Moonglow“

„Für mich ist die Welt ganz verschwommen.“

Viele haben es gesungen, darunter die ganz Großen: Benny Goodman, Tony Bennett, Bing Crosby, Billy Holiday. Selbst der Engländer Rod Stewart zählt zu jenen, die das 1933 entstandene Lied „Moonglow“ über Mondschein und eine besondere Liebe interpretiert haben. Auch der neue Roman von Michael Chabon trägt diesen Titel und verweist an einer Stelle auf diesen legendären Song. Das Werk des amerikanischen Pulitzerpreisträgers, der zu den bedeutendsten Gegenwartsautoren seines Landes zählt, beschreibt das auf den ersten Blick recht unaufgeregte Leben eines Mannes, der jedoch zu einem Protagonisten in der Geschichte der Raumfahrt wird.

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On the road – Bill Beverly „Dodgers“

„(…) jedes bisschen Luft ein Rätsel, jede Person ein zukünftiges Ereignis.“

Man ist sogleich mittendrin: Der Hubschrauber kreist in der Luft, ein Heer aus Polizeiwagen rast heran. Ein Mädchen ist zur falschen Zeit am falschen Ort und wird diesen Tag nicht überleben. Ungläubig beobachtet East diese Zusammenballung merkwürdiger Ereignisse, die ihn zu einem Gejagten machen. East ist gerade mal 15 Jahre alt und kein großer, aber auch kein kleiner Fisch im Drogengeschäft von Los Angeles. Bis zu jener Razzia, die sein Leben verändern wird. In seinem eindrucksvollen Debüt hat der Amerikaner Bill Beverly einen ambivalenten Helden geschaffen, den man so schnell nicht vergisst.

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Einfach nur weg – Christian Torkler „Der Platz an der Sonne“

„Was ist so falsch daran, wenn einer rauswill aus’m Dreck?“

Dieser letzte Satz. Nur sechs Wörter. Fassungslosigkeit macht sich breit. Ich schlage das Buch zu und fühle mich wie erstarrt. Ich schaue, ohne etwas zu fokussieren. Der Blick geht nach innen. Ich  möchte die letzten Seiten vergessen, die Geschichte anders schreiben. Für Josua, für diesen Helden! Doch nein! Dann würde Christian Torklers Roman „Der Platz an der Sonne“ seine Wirkung, seine Botschaft verlieren. Sein mutiges Debüt führt uns deutlich vor Augen, dass die Geschichte und damit unser Leben auch anders verlaufen hätten können, und das haben die meisten von uns (scheinbar) schon vergessen. „Einfach nur weg – Christian Torkler „Der Platz an der Sonne““ weiterlesen

Ein Mann auf der Flucht – Antonin Varenne „Äquator“

„Ich habe den Eindruck, wohin auch immer du gehst, sie folgen dir, Billy.“

Der Western ist nicht totzukriegen. Noch immer erscheinen Filme aus diesem Genre, noch immer widmet sich auch die Literatur diesem Kapitel amerikanischer Geschichte – der Besiedlung des Kontinents, der kriegerischen Auseinandersetzungen und der Vertreibung der Ureinwohner, der Auslöschung der gigantischen Büffel-Herden. Mehr und mehr geschieht diese Beschäftigung mit dieser Historie und den einstigen Geschehnissen in einer anspruchsvollen Weise. Der Roman „Butcher’s Crossing“  des Amerikaners John Williams (1922 – 1994), dessen wunderbare Werke wie „Stoner“ man hierzulande wieder neu entdeckte hatte, hat vor einigen Jahren mein Interesse an diesem Thema entfacht. Doch auch europäische Autoren verlegen die Handlung ihrer Romane scheinbar gern nach Übersee und in eine längst vergangene Zeit. Mit „Äquator“ hat der Franzose Antonin Varenne einen eindrucksvollen Western geschrieben, der allerdings den geografischen Rahmen der Handlung weiter gen Süden spannt. „Ein Mann auf der Flucht – Antonin Varenne „Äquator““ weiterlesen