„Der heutige Mensch verdeckt sie rasch mit Begriffen und Erklärungen, darunter verkümmert das Staunen.“
Robert Musil und Wilhelm Lehmann verbindet nicht nur in etwa die Zeit, der eine Jahrgang 1880, der andere 1882, in die sie beide hineingeboren werden. Beide erhalten 1923 den renommierten Kleist-Preis zugesprochen. Während Musil mit seinem wohl bekanntesten Werk „Der Mann ohne Eigenschaften“ Weltruhm erlangt hat und mittlerweile zu den Klassikern der Literatur zählt, gehört Lehmann zu den leider nahezu in Vergessenheit geratenen Autoren. Die neu erschienene Ausgabe „Bukolisches Tagebuch“, herausgegeben vom Berliner Verlag Matthes & Seitz, erinnert an sein Schaffen. Der Band erblickt dabei zur richtigen Zeit das „Licht der Buchwelt“. „Achtsam – Wilhelm Lehmann „Bukolisches Tagebuch““ weiterlesen →
Morgen ist ein neuer Tag. Morgen beginnt ein anderes Leben. All die Wünsche und Träume beginnen – morgen. Da wird der öde und schlecht bezahlte Job gekündigt, die noch ödere Partnerschaft beendet, endlich mal all jenen Mitmenschen die Meinung gegeigt, die man nicht ausstehen kann und doch jeden Tag ums Neue anlächelt. Doch es wird nicht so kommen. Alles sind nur Gedanken und bleiben es meistens auch. Aus den verschiedensten Gründen. Weil wir bequem sind, den Mut nicht haben, uns wirtschaftlich wie sozial in bereits eingefahrenen Bahnen bewegen. Vielleicht findet sich der eine oder andere im neuen Roman von Olivier Adam „Die Summe aller Möglichkeiten“ erschreckenderweise wieder. Denn das Leben mit all seinen guten wie schlechten Zeiten, verpasste Chancen sowie falsche Entscheidungen sind das große Thema des Franzosen. „Lebensläufe – Olivier Adam „Die Summe aller Möglichkeiten““ weiterlesen →
„Die Zeit hat ein kaputtes Gewinde, sie dreht durch wie eine überdrehte Schraubenmutter.“
Die Eisenbahn verbindet nicht nur einen bestimmten Ort mit einem anderen. Sie kann vielmehr auch ein riesiges und unermessliches Land für den menschlichen Geist in einer bestimmten Weise erfassbar machen. Als in Nordamerika der Kontinent von Ost nach West besiedelt wurde, zählte der Bau der Eisenbahn-Strecke von Küste zu Küste zu einem der größten und wichtigsten Bauprojekte. Nicht anders ist es in Russland, wo die Transsibirische Eisenbahn bis heute Kultstatus genießt. Züge und Bahnhöfe spielen in „Die Eroberung von Ismail“, dem neuen Roman des russischen Autors Michail Schischkin, eine wesentliche Rolle. Doch der ist keineswegs so leicht und bequem wie eine Fahrt mit einem Zug. „Der Prozess – Michail Schischkin „Die Eroberung von Ismael““ weiterlesen →
„Manchmal hatte er das Gefühl, als hätte er zwei Drittel seines Lebens hinterm Lenkrad verbracht, auf immer wieder denselben Straßen.“
Die Südstaaten der USA haben ihr eigenes Gesicht – geprägt von ihrer besonderen Geschichte als Teil der US-amerikanischen Historie, geprägt von ihren Gegebenheiten aufgrund der speziellen geografischen Lage. Der amerikanische Autor Larry Brown hat den Süden seines Landes in das Zentrum seiner Werke gesetzt. Vielen wird er hierzulande kaum bekannt sein, denn erst mit der deutschen Übersetzung seines vierten Romans „Fay“ wird er wohl einem breiteren Publikum vertraut werden. Den möglichen Erfolg wird Brown jedoch nicht erleben können: Er starb 2004 mit gerade mal 53 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. „Sumpf – Larry Brown „Fay““ weiterlesen →
Eine Bibliothek im Netz für Erzählungen ist mit „The Short Story Project“ nun auch in Deutschland vor einigen Tagen an den Start gegangen. Ihren Ursprung hat die internationale Initiative in Israel, wo sie bereits 2014 ihren Anfang genommen hat. Ziel ist es, Literatur online allen kostenfrei zugänglich zu machen und Sprachbarrieren sowie Ländergrenzen zu überwinden und speziell das Interesse für das Genre der Erzählung zu fördern, wie auf der Internetseite nachzulesen ist. „Für die verschiedenen Sprachräume und Listen wie English, Hebräisch, Spanisch, Kinder- und Jugendbuch sowie Klassiker gibt es jeweils eine Lektorin oder einen Lektor. Getragen wird es von einer israelischen Non-Profit-Organisation, die sich über private Spenden und Zuwendungen finanziert“, erklärt Simon Lörsch, Lektor im Suhrkamp Verlag und verantwortlich für den deutschen Bereich von „Short Story Project“. Die Übersetzungen finanziert das Goethe-Institut.
Screenshot
Den Start machten auf deutscher Seite 15 Short Stories, die von sogenannten Empfehlern ausgesucht worden sind. „Jeden Sonntag wird eine weitere Erzählung folgen“, blickt Lörsch voraus. Die Bandbreite ist dabei groß, eine inhaltliche wie stilistische Einschränkung gibt es nicht: Autoren der jungen deutschen Gegenwartsliteratur zählen ebenso dazu wie bekannte und berühmte Schriftsteller, die bereits seit Jahren einen Stamm-Platz auf den Lektüre-Listen von Schülern und Studenten einnehmen. So finden sich unter anderem neben Karen Köhler, Saša Stanišić und Ralf Rothmann Hugo von Hofmannsthal, Arno Schmidt und Rainer Maria Rilke. Der Liste der Empfehler gehören Autoren, Verleger und Journalisten an; so beispielsweise Nora Bossong, David Wagner, Ijoma Mangold, Maxim Biller und Jo Lendle.
„Wir glauben, dass Lesen kein bloßer Zeitvertreib ist, sondern als Resonanzraum für Stimmen und Ideen fungiert und Brücken schlagen kann zwischen Menschen, zwischen Kulturen.“
Wer sich durch das Menü klickt, wird auch auf eine Liste von unterschiedlichen Themen stoßen, in denen die Texte inhaltlich eingeordnet werden. Vertreten sind unter anderem die Bereiche „Familie“, Das Absurde“, „Realismus“, „Reisen“ sowie „Tiere“ und viele mehr. Wer mag, kann sich natürlich auch mit den anderen Sprachräumen vertraut machen und Erzählungen in Englisch, Spanisch und Hebräisch lesen. Nebenbei kann man so auch seine Sprachkenntnisse auffrischen oder pflegen. Weit größer ist die Liste der Herkunftsländer der Erzählungen: Bisher werden 24 Sprachen beziehungsweise Länder genannt – vom Arabischen über das Griechische und Norwegische bis hin zum Ungarischen. Wer spezielle literarische Vorlieben, die in verschiedenen Kulturräumen oder Weltregionen verankert sind, hat, wird sicherlich da fündig. Zwar bleibt bei einem Klick auf einige Sprachbereiche die jeweilige Seite noch leer, allerdings finden sich bereits namhafte Autoren anderer Länder ins Deutsche übersetzt, wie der Amerikaner Jonathan Lethem und die Französin Irène Némirovsky. Praktisch nebenbei: Jeder Text zeigt die geschätzte Lesezeit an. Die bisherige Resonanz auf das Angebot sei sehr gut, schätzt der Suhrkamp-Lektor ein. „Die Leute sind von der Auswahl angetan“, so Lörsch. Eine analoge Druck-Ausgabe der Erzählungen in Form eines Buches, begleitend zum virtuellen Projekt, sei jedoch nicht angedacht.
Wer diese internationale Initiative im Übrigen finanziell unterstützen möchte, kann dies auf verschiedene Weisen tun. Es gibt die Möglichkeiten, einmalig oder regelmäßig einmal im Monat Geld spenden, um so unter anderem zu einem „Helden“ (3 Dollar monatlich), „Beschützer“ (10 Dollar monatlich) oder sogar einem „Champion“ (20 Dollar monatlich) zu werden. Wer einen einmaligen Geldbetrag gibt, gilt als „Barmherziger Samariter“. Die Unterstützer werden Teil der literarischen Gemeinschaft und können selbst Texte vorschlagen. So können in Zukunft Literatur-Fans nicht nur auf die allseits bekannte Maxime „ein Gedicht am Tag“ beharren, sondern ihr Vorsatz könnte künftig „one short story per day“ lauten. Die Erzählung als besonderes Prosa-Genre und kleine Schwester des Romans, leider allzu sehr unterschätzt, hätte es allemal verdient.
„Er driftet düster ab: da ist die Frau. Und da ist die Malerei. Diese übermächtige Notwendigkeit.“
Es ist ein Tag im März 1955. Nicolas de Staël schreibt Briefe. Es sollen die letzten seines kurzen Lebens sein. Wenige Stunden später setzt er seinem Leben ein Ende. Der Maler, der mit seinen Bildern und seinem Stil vor allem in den USA Erfolge feiern konnte, stürzt sich aus seinem Atelier im südfranzösischem Antibes. Die Schwermut, eine körperliche wie seelische Erschöpfung nach einigen arbeitswütigen Jahren und die gescheiterte Liebe zu Jeanne haben dem Maler zermürbt. Seine Lebens- wie Leidensgeschichte erzählt die Französin Nathalie Chaix in ihrem Roman „Liegender Akt in Blau“. Der Band fasziniert nicht nur mit seiner poetischen Sprache. Er zeichnet sich zudem durch seine besondere künstlerische Ausstattung aus. „Sehn-Sucht – Nathalie Chaix „Liegender Akt in Blau““ weiterlesen →