Leben, um zu schreiben – Reiner Stach "Kafka. Die frühen Jahre"

„Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.“ Franz Kafka

Er war ein leidenschaftlicher Schwimmer, liebte das Kino, mochte Indianergeschichten. Er hat auch nicht das Nachtleben in seiner Heimatstadt Prag verschmäht. Ganz im Gegenteil. Manchmal ging er auch zu den „leichten Mädchen“. Viele sehen womöglich, wenn sie den Namen Franz Kafka hören, einen schmalen Mann vor sich, der Tag und Nacht, über den Schreibtisch gebeugt, schreibt – ohne Unterlass. Zugegeben, Kafka war wirklich recht dünn. Das beweisen die historischen Fotografien, die ihn zeigen. Doch der am 3. Juli 1883, an einem schönen Sommertag in Prag zur Welt gekommene Schriftsteller liebte trotz einer nicht gerade fröhlichen Kindheit und gesundheitlichen Problemen sowohl das Leben als auch das Schreiben. Nur hatte er tragischerweise nur 40 Jahre Lebenszeit. „Leben, um zu schreiben – Reiner Stach "Kafka. Die frühen Jahre"“ weiterlesen

Familiengeschichte(n) – Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"

„(…) ich wollte so sehr erhört werden, erprobte meine Zunge, meine Sprache, ich versuchte, die Geschichten zu erzählen, sie in mein fremdes Deutsch zu übertragen, ich erzählte die Geschichten, eine nach der anderen, aber ich hörte selbst nicht, was ich sagte.“

Unser Leben ist nichts ohne die Geschichte der eigenen Familie. Wir sind, was wir waren. Uns formen frühere Ereignisse früherer Generationen genauso wie eigene Erfahrungen. Und wenn wir in jungen Jahren nur Zuhörer sind, werden wir später selbst zu Erzählern. Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, nach ihrem Studium in Tartu (Estland) und Moskau als Journalistin in Berlin tätig, hat diese Rolle sehr früh übernommen. Es ist eine Rolle, die man nicht leichtfertig überstreift wie einen Lieblingspullover, der einem passt und der sich bequem anfühlt. Sie ist vielmehr eine Schlangenhaut, die mit uns wächst und die man nach einiger Zeit abstreift, weil eine neue entstanden ist. „Familiengeschichte(n) – Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"“ weiterlesen

Die Musik macht Helden – Sarah Quigley "Der Dirigent"

Die einst schöne Stadt hat sich zu einem Vorhof der Hölle verwandelt. Leningrad ist eingekesselt. Die Wehrmacht steht vor den Toren. Bomben fallen, Häuser sind zerstört, in den Straßen liegen Leichen. Wer (über)lebt, muss Hunger erleiden. Menschen sterben an Unterernährung und Krankheit. Manch einer wird zusammengeschlagen, weil er einen Laib Brot nach stundenlangem Warten ergattert hat. Andere verspeisen Katzen oder Ratten, um zu überleben. Mittendrin in diesem Ort der Zerstörung und des Todes die kulturelle Elite des Landes. Allen voran der Komponist Dimitri Schostakowitsch, der sich weigert, mit dem Gros der Künstler aus der Stadt gebracht zu werden. Zum Leidwesen seiner Frau und den beiden Kindern. Doch Schostakowitsch will Leningrad nicht verlassen, all zu viel hat er der Stadt zu verdanken, all zu viele Erinnerungen und enge Freundschaften verbindet er mit ihr. Während er am Tag seinen Dienst als Brandwache ableistet, schreibt er des Nachts an seinem besonderen Werk. Die siebente Sinfonie soll den Leningradern Kraft geben.  „Die Musik macht Helden – Sarah Quigley "Der Dirigent"“ weiterlesen

Vor und nach der Stunde Null – Melvin J. Lasky "Und alles war still. Deutsches Tagebuch 1945"

„Ein Waldstück war weggesprengt worden, und die kahle Stelle war über Kilometer hin sichtbar, ein Beweis am Himmel, dass nichts gegen menschliche Teufelei immun ist.“

Er sieht Trümmerberge, Leichen, Städte mit ausgebombten Straßenzügen, Dörfer ohne jegliches Leben. Als der Amerikaner Melvin J. Lasky im Februar 1945 nach Europa kommt, erlebt die Welt ihren Krieg. Den zweiten seiner Art, der Millionen von Menschen den Tod bringt und Länder an den Abgrund drängt. In der Uniform des amerikanischen Militärs ist Lasky, Nachkomme einer polnisch-jüdischen Familie und 1920 in New York geboren, als Militärhistoriker tätig. Seine Aufgabe ist es, den Verlauf von Kämpfen und anderer Kriegsgeschehnisse aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Von Frankreich aus kommt er schließlich nach Deutschland. Seine Wege führen ihn unter anderem auch in die Schweiz und Nordeuropa.  „Vor und nach der Stunde Null – Melvin J. Lasky "Und alles war still. Deutsches Tagebuch 1945"“ weiterlesen

Auf den Spuren der Geschichte – Geert Mak "In Europa"

Reisen bildet. Wer eine Reise macht, hat viel zu erzählen. Viele Redewendungen ranken sich um das Reisen. Die beiden oben genannten treffen dabei voll und ganz auf ein besonderes Werk zu: auf das Werk „In Europa“ von Geert Mak. Der Titel ist dabei treffender Verweis auf das spezielle Projekt des holländischen Publizisten. Im Jahr 1999 reiste er durch Europa, unzählige Orte  in vielen Ländern besuchte er, mit zahlreichen Zeitzeugen kam er ins Gespräch. Sein Ziel: die Spuren der Geschichte des 20. Jahrhunderts finden. Mak, unterwegs mit der Bahn, mit einem Wohnmobil oder Flugzeug, verknüpft dabei seine Erlebnisse mit den wichtigsten historischen Ereignissen sowie politischen und gesellschaftlichen Strömungen auf dem Kontinent. Das Wien als Hauptstadt der Doppelmonarchie Österreich und Ungarn ist ebenso Ziel wie das Berlin zu Beginn des Dritten Reiches. „Auf den Spuren der Geschichte – Geert Mak "In Europa"“ weiterlesen

Was bleibt vom Leben? – Rohinton Mistry "Das Gleichgewicht der Welt"

„Damals schien mir, dass man vom Leben nicht mehr erwarten konnte. Eine harte Straße, die mit spitzen Steinen übersät war und, wenn man Glück hatte, etwas Getreide. Später entdeckte ich, dass es verschiedene Arten von Straßen gab.“

Es herrschen Ausbeutung und Aberglauben, Unterdrückung und Willkür der Macht. Indien, das Land der Farben, bietet wenig Lebensfreude. Man schreibt das Jahr 1975. Dina, die Tochter eines Arztes, schlägt sich durch das Leben. Allein, ohne Mann, mit einem herrschsüchtigen Bruder in der Familie. Ihr Mann, mit dem sie eine glückliche Beziehung führte, starb kurz nach der Hochzeit bei einem Verkehrsunfall. Um halbwegs über die Runden zu kommen, eröffnet sie in der Wohnung eine kleine Schneiderwerkstatt und sucht Mitarbeiter. Eines Tages stehen Ishvar und sein Neffe Omprakash vor ihrer Tür. Das besondere Quartett soll wenig später Maneck, der Sohn einer Schulfreundin, vervollständigen, der in Bombay ein Studium beginnt und eine Bleibe benötigt. „Was bleibt vom Leben? – Rohinton Mistry "Das Gleichgewicht der Welt"“ weiterlesen