Jesmyn Ward „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“

„Hier ist von Glück keine Spur.“

Ein Blick auf die Liste der Gewinner des National Book Awards macht eines deutlich: Es gibt nicht viele Schriftsteller, die diese neben dem Pulitzerpreis renommierteste literarische Auszeichnung in den USA gleich mehrfach erhalten haben. Dazu zählen Autoren mit Rang und Namen wie William Faulkner, Philip Roth, John Updike oder Saul Bellow, deren Werke heute zu den Klassikern der amerikanischen Literatur zählen. Doch nur eine Frau ist dies ebenfalls gelungen: Jesmyn Ward. Nach ihrem Roman „Vor dem Sturm“ (Verlag Antje Kunstmann)  bekam sie für ihr aktuelles Werk „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ erneut den Award. Und das zu Recht. „Jesmyn Ward „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt““ weiterlesen

Abstieg – Lionel Shriver „Eine amerikanische Familie“

„Alles hat mit allem zu tun.“

Es kann schon erschreckend sein, wenn in Deutschland innerhalb eines Jahres zwei Romane erscheinen, die in die Zukunft der USA blicken und eine unheilvolle, ja düstere Zeit beschreiben. Erzählt Omar El Akkad in seinem Roman „American War“ von Krieg und Zerstörung, Hass und Terrorismus, wendet sich die amerikanische Autorin Lionel Shriver einem ganz anderen Thema zu: dem Verfall des Dollars, Inflation und damit dem Abstieg weiter Teile der amerikanischen Bevölkerung.  „Abstieg – Lionel Shriver „Eine amerikanische Familie““ weiterlesen

Blätterrascheln – Ein Blick in die Frühjahrsprogramme

Ein neues Regal musste her. Die Bücher stapelten sich unkontrolliert in den Räumen. Und wieder begleitete mich das bange Gefühl, noch zu viele ungelesene Bücher zu haben. Trotzdem warf ich in den vergangenen Tagen einen Blick in die kommenden Frühjahrsprogramme großer und kleiner Verlage und wurde vielerorts fündig. Wie sollte es auch anders sein. Obwohl ich sicherlich nicht alle Titel lesen werde und kann, hier ein Überblick über Bücher, die mir besonders aufgefallen sind. Und vielleicht ist ja auch das eine oder andere Buch für Euch dabei.

Deutschsprachige Literatur

Bereits auf der Frankfurter Buchmesse erhielt ich die überaus gute Nachricht, dass ein neuer Roman von Ralf Rothmann mit dem  Titel „Der Gott jenes Sommers“ (März, Suhrkamp) erscheinen wird. Freuen werde ich mich ebenfalls über ein neues Werk von Monika Maron: „Munin oder Chaos im Kopf“ (Februar, S. Fischer). Da aus Sachsen stammend, fiel mir „Die Sintflut von Sachsen“, ein in Wurzen spielender Roman von Bernd Wagner, auf (März, Schöffling). Mit „Unter der Drachenwand“ legt auch Arno Geiger wieder etwas Neues vor (Januar, Hanser). Svenja Leibers Debüt „Das letzte Land“ habe ich mit viel Begeisterung gelesen. Nun erscheint ihr zweiter Roman „Staub“ (März, Suhrkamp). Ihren Erstling mit dem Titel „Leinsee“ legt hingegen Anne Reinecke vor (Februar, Diogenes). Auch Mareike Fallwickl und Gunnar Kaiser, in der Bloggerszene sehr bekannt, legen jeweils ihr Debüt vor: „Dunkelgrün fast schwarz“ (März, Frankfurter Verlagsanstalt) und  „Unter der Haut“ (März, Berlin Verlag). Hans Pleschinski hat mit „Wiesenstein“ einen Roman über Gerhart Hauptmann geschrieben (Januar, C.H.Beck).

Auch Bernhard Schlink ist wieder zurück. Sein neuer Roman heißt „Olga“ (Januar, Diogenes). Spannend fand ich den Vorausblick auf den Roman „Die Gewitter-Schwimmerin“ von Franziska Hauser (Februar, Eichborn) sowie auf das neue Buch von Wolfram Fleischhauer „Das Meer“ (März, Droemer). Mit „Skizzen eines Sommers“ stand André Kubiczek 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Nun erscheint „Komm in den totgesagten Park und staune“ (März, Rowohlt Berlin).  Große Schriftsteller sind ebenfalls wieder mit dabei: Es erscheinen das Gesamt-Gedichtwerk von Paul Celan (März, Suhrkamp), eine Biografie über Bertolt Brecht  von Stephen Parker (Juni, Suhrkamp) sowie weitere Werke von Hans Fallada (Februar, Juni, Aufbau). Für mich immer wieder besonders interessant: Werke, die wieder entdeckt werden. Ich bin gespannt auf  „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (Februar, Klett-Cotta).

Über den großen Teich

Um beim Sprung über den großen Teich beim Thema zu bleiben: Auch Felix Jacksons Tagebuch-Roman „Berlin, April 1933“ ist eine Wiederentdeckung. Der gebürtige Hamburger schreibt ebenfalls über die Anfänge des Dritten Reiches (März, Weidle). Mit William Finnegans „Barbarentage“ (März, Suhrkamp) sowie George Sanders „Lincoln in Bardo“ (März, Luchterhand) gibt es die Werke zweier Preisträger, die mit dem Pulitzer-Preis beziehungsweise mit dem Man Booker Prize geehrt worden sind. Nominiert für den National Book Award war hingegen Jacqueline Woodson mit „Ein anderes Brooklyn“ (März, Piper).  Als Liebling der Buchhändler gelang Emily Fridlund mit „Eine Geschichte der Wölfe“ der Sprung in die Bestseller-Listen (März, Berlin Verlag).

Sehr interessant wohl auch: „Von dieser Welt“ von James Baldwin (März, dtv), Nickolas Butlers „Die Herzen der Männer“ (Februar, Klett-Cotta), Lionel Shrivers Zukunftsvision „Eine amerikanische Familie“ (März, Piper) sowie „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ von Jesmyn Ward (Februar, Kunstmann),  deren Roman „Vor dem Sturm“ ich sehr empfehlen kann.  Joshua Cohen gilt als eine der  spannendsten Stimmen der jüngeren amerikanischen Literatur. Es erscheint sein Roman „Das Buch der Zahlen“ (Januar, Schöffling). Ein Sprung nach Südamerika: Nach seinem viel gelobten Roman „Flut“ ist Daniel Galera mit „So enden wir“ zurück (März, Suhrkamp).

Literatur aus dem hohen Norden

Gleich zwei große norwegische Autoren sind mit neuem Werk vertreten: Lars Saabye Christensen mit „Magnet“ (März, btb) und Linn Ullmann mit „Die Unruhigen“ (Juni, Luchterhand). Nach ihrem Bestseller „Die Geschichte der Bienen“ widmet sich Maja Lund mit „Die Geschichte des Wassers“ dem Meer (März, btb). Johan Bargums „Nachsommer“ führt in die südfinnische Schären-Welt (Februar, mare). Der Finne Tommi Kinnunen hat mit „Wege, die sich kreuzen“ einen Generationenroman geschrieben (März, DVA). „Krokodilwächter“ heißt ein Krimi der Dänin Katrine Engberg (März, Diogenes), „Blackout Island“ ein Krimi der Isländerin Sigríður Hagalín Björnsdóttir (August, Suhrkamp). Madame Nielsen, ein Star in Skandinavien, ist künftig mit ihrem Roman „Der endlose Sommer“ in deutschen Buchläden vertreten (März, Kiwi).

In Europa – von Ost nach West

Georgien ist Gastland der kommenden Frankfurter Buchmesse. In deutscher Übersetzung erscheint „Der Korb“ von Otar Tschiladse (März, Matthes & Seitz).  Um im Osten zu bleiben: „Internat“ heißt der neue Roman des Ukrainers Serhij Zhadan (März, Suhrkamp). Die Kroatin Daša Drndic legt nach „Sonnenschein“ ihren neuen Roman „Belladonna“ vor (Februar, Hoffmann & Campe). Den Balkan-Krieg thematisiert Sara Nović in „Das Echo der Bäume“ (April, btb). Familienhistorie trifft auf Weltgeschichte in dem Roman „Die Heimkehrer“ von Edna Krasikow (April, Luchterhand). Neu übersetzt erscheinen Erzählung von Maxim Gorki unter dem Titel „Jahrmarkt in Holtwa“ (Januar, Aufbau). Die Tschechin Bianca Bellová erzählt in „Am See“ eine Coming-Age-Geschichte (Februar, Kein & Aber).

Der Engländer Ian McGuire führt in seinem Roman „Nordwasser“ den Leser auf ein Walfangschiff (Februar, mare). John Boyne neuester Streich trägt den Titel „Cyril Avery“ (März, Piper). Den Kriegserlebnissen Samuel Becketts widmet sich der Roman „Ein Ire in Paris“ von Jo Baker (April, Knaus). „Von Vögeln und Menschen“ heißt der neue Roman der Niederländerin Margriet de Moor (Februar, Hanser), „Eine bessere Zeit“ das neue Werk des Katalanen Jaume Cabré (März, Insel). Preisgekrönt: „Patria“ des Spaniers Fernando Aramburu (Januar, Rowohl). Eine Familiengeschichte erzählt die Italienerin Maria Rosaria Valentini in „Magnifica“ (März, Dumont). Das Meer spielt eine Hauptrolle in „Der Strand“ der Französin Marie Nimier (April, Dörlemann). Der Leser kann sich mit „Teich“ der Engländerin Claire-Louise Bennett in die Einsamkeit eines ruhig gelegenen irischen Cottages zurückziehen (April, Luchterhand). In die Natur führt auch „Das große Spiel“ der Französin Céline Minard (Februar, Matthes & Seitz).

Zukunftswelten

Science-Fiction-Literatur und interessante Zukunftsvisionen stehen immer öfter auf meiner Lektüreliste. Mit „Der dunkle Wald“ legt der vielfach preisgekrönte Chinese Cixin Liu den Folgeband von „Die drei Sonnen“ vor (Juli, Heyne). Auch Andy Weir, Autor des verfilmten Bestsellers „Der Marsianer“, ist mit „Artemis“ zurück (März, Heyne). Wohin und in welche Zeit Kim Stanley in seinem Roman „New York 2140“ führt, verrät schon  allein der Titel (Mai, Heyne). Der Mars und zugleich New York finden sich in „Central Station“ von Lavie Tidhar wieder (Februar, Heyne). In meinem Urlaub in Ahrenshoop kaufte ich mir eine Neuausgabe des neu übersetzten Klassikers „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert. In Kürze erscheint der Folgeband „Der Herr des Wüstenplaneten“ (August, Heyne).

Besonderes

Fans von Haruki Murakami werden wohl Luftsprünge machen. Mit „Die Ermordung des Commendatore“  Teil 1 und 2 erscheinen gleich zwei neue Bücher des Japaners (Januar, April, Dumont). Mit Wehmut werden Anhänger der Ferrante-Saga auf den Abschlussband „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ reagieren (Januar, Suhrkamp). Zum Trost gibt es mit „Frantumaglia“ ein Selbstporträt der erfolgreichen Autorin (Juni, Suhrkamp). Mit der wundervollen Biografie von Andrea Wulf erhielt ich vor einiger Zeit einen Einblick in das spannende Leben von Alexander von Humboldt.

Mit „Das Buch der Begegnungen“ erscheint ein Prachtband mit Auszügen aus seinen Reisetagebüchern (Juni, Manesse). Stets fasziniert vom Meer, entdeckte ich mit sehr viel Freude den Band „Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme“ von R. G. Grant (Mai, Dumont). Und zu guter Letzt noch ein Muss für jeden Bücherfreund: In seiner Reportage „Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ erzählt Charlie English von einer besonderen Rettungsaktion (März, Hoffmann & Campe).

Da einige wenige Verlage ihre jeweilige Frühjahrsvorschau noch nicht veröffentlicht haben, werde ich den Beitrag womöglich mit einigen weitere Titeln ergänzen. Wem das noch nicht reicht – auf den Blogs „Muromez“, „Die Buchbloggerin“, „Bücherherbst“, „Buzzaldrins Bücher“, „SchöneSeiten“ und auf der Seite von Stefan Mesch gibt es noch weitere Einblicke in die Frühjahrvorschauen und Lesetipps. Für das kommende Jahr habe ich mir fest vorgenommen, hin und wieder einen Backlist-Titel zu lesen und auf dem Blog vorstellen.

Lindsey Lee Johnson – „Der gefährlichste Ort der Welt“

Sie ist eine der beliebtesten Fotomotive in den USA, doch tragischerweise auch ein bekannter Ort, an dem Menschen ihrem Leben ein Ende setzen wollen: die Golden Gate Bridge in San Francisco. An einem sonnigen Junitag in den Morgenstunden kurz nach dem Aufstehen radelt Tristan Bloch zur Brücke. Mit einem letzten Gedanken an seine Mutter und „ohne jeden Schmerz, ohne jede Traurigkeit“ stürzt er sich in die Tiefe. Die Küstenwache findet später seine Leiche. Tristan ist gerade mal 13 Jahre alt, von den anderen Schülern an seiner Schule belächelt und Opfer einer fiesen Mobbing-Intrige.  Sein Tod wird bereits auf Seite 53 des Romans „Der gefährlichste Ort der Welt“ erzählt. Wer glaubt,  dass in dem Buch die amerikanische Autorin Lindsey Lee Johnson damit schon alles geschildert hat, der irrt gewaltig. Denn mit diesem tragischen Ereignis fängt die Geschichte erst an, ihre eindrucksvolle Wirkung zu entfalten.  „Lindsey Lee Johnson – „Der gefährlichste Ort der Welt““ weiterlesen

Hass – Omar El Akkad „American War“

„Im Krieg kämpft man mit Waffen, im Frieden mit Geschichten.“

Amerika ist geteilt in Nord und Süd, ein erbitterter Krieg herrscht. Einst so schillernde Küstenstädte sind vom Meer überspült, das vom Sturm zerzauste Washington hat seinen Hauptstadt-Titel und den Regierungssitz an die früher einst unbedeutende Stadt Columbus (Ohio) verloren. Zwischen dem heutigen Jetzt und diesem erschütternden Zukunftspanorama des Amerikaners Omar El Akkad liegen nur wenig mehr als 60 Jahre. Sein Roman-Debüt „American War“ erweckt den Eindruck einer Warnung, denn viele darin beschriebene Katastrophen haben ihre Ursachen in der aktuellen Gegenwart. „Hass – Omar El Akkad „American War““ weiterlesen

Frau im Krieg – Laird Hunt „Die Zweige der Esche“

„Weiter weg von der Welt als an die Schwelle zum Jenseits kann man kaum gelangen.“

Die Wahl Abraham Lincolns zum amerikanischen Präsidenten 1860 und die Sklaverei-Frage spalten das Land. Mehrere Südstaaten verlassen die Union und schließen sich zu einer Konföderation zusammen. Als am 12. April 1861 Fort Sumter (South Carolina) durch Soldaten aus dem Süden beschossen wird, verwandelt sich der Konflikt in einen Krieg. 3,8 Millionen Soldaten nehmen in den kommenden vier Jahren daran teil, rund 560.000 von ihnen lassen ihr Leben. Obwohl bereits viel über diese Zeit geschrieben wurde, ist ein Kapitel nur wenig bekannt: Dass sich auch Frauen den beiden Armeen einst angeschlossen haben. Der amerikanische Autor Laird Hunt erzählt davon in seinem Roman „Die Zweige der Esche“.  „Frau im Krieg – Laird Hunt „Die Zweige der Esche““ weiterlesen