Ich und der Philosoph – Gisela von Wysocki „Wiesengrund“

„Ich habe für mich nur diesen einen ausfindig gemacht, einen weder weit entfernten noch still vor sich hin funkelnden Stern.“

Theodor W. Adorno (1903 – 1969) zählt zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit seinem Kollegen wie Freund Max Horkheimer (1895 – 1973) begründete er die sogenannte Frankfurter Schule. Adornos Familienname ist wohl vielen bekannt, die Bedeutung des W. indes nicht allen geläufig. „Wiesengrund“ heißt auch der Titel des neuen Romans von Gisela von Wysocki, die sich nach ihrem wunderbaren Debüt „Wir machen Musik“ nun der Astronomie und der Philosophie widmet und daraus eine ganz wundersame Mischung entstehen lässt, in der die Musik indes auch nicht fehlen darf.  „Ich und der Philosoph – Gisela von Wysocki „Wiesengrund““ weiterlesen

Ungeboren – Ian McEwan „Nussschale“

„Identität wird zu meinem kostbaren, einzig wahren Besitz.“ 

Im Jahr 1998 veröffentlichte die britische Band „Massive Attack“ ihren Song „Teardrop“. In dem dazugehörigen Video ist ein ungeborenes Kind zu sehen, das seine Lippen bewegt, als ob es mitsinge.  Ein Fötus als Sänger, als Erzähler? Warum nicht, sagte sich wohl auch der britische Schriftsteller Ian McEwan. In seinem neuesten Werk lässt er ein ungeborenes Kind die besondere Geschichte seiner Eltern und seines Onkels schildern – und die ist nicht mehr nicht weniger als eine Reminiszenz auf William Shakespeares wohl berühmtestes Meisterwerk „Hamlet“. „Ungeboren – Ian McEwan „Nussschale““ weiterlesen

Unvorhergesehen – Arnaud Dudek „Strand am Nordpol“

„Um nicht unterzugehen, muss man sich an bedeutungslose Dinge klammern.“

Was wäre doch das Leben geradlinig und wohl auch recht fad ohne die unvorhergesehenen Zufälle und Begegnungen. Viele Freundschaften gäbe es nicht, Beziehungen oder sogar Ehen vermutlich ebenso weniger. Auch im Fall von Jean-Claude Stillmann und Françoise Vitelli scheint jemand, eine unbekannte Macht an den richtigen Strippen gezogen zu haben. Sie treffen sich und werden Freunde – trotz der Unterschiede. Auslöser ist eine Kamera, die Jean-Claude verliert und Françoise findet. Und schon nimmt die Geschichte in „Strand am Nordpol“ des Franzosen Arnaud Dudek ihren Verlauf. „Unvorhergesehen – Arnaud Dudek „Strand am Nordpol““ weiterlesen

Andrea Wulf „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“

„In der unberührten Natur liegt die Erhaltung der Welt.“ Henry David Thoreau

Er war der bekannteste Entdecker, Forscher und Reisende seiner Zeit. Und obwohl heute noch zahlreiche Schulen, Straßen und Plätze, eine Pinguin-Art und ein Mondkrater neben vielen weiteren Örtlichkeiten und Geschöpfen nach ihm benannt sind, ist sein Wirken und seine Bedeutung in Geschichte, Gegenwart und für die Zukunft nahezu in Vergessenheit geraten. Alexander von Humboldt (1769 – 1859) diskutierte mit Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, brachte Charles Darwin dazu, die Beagle für eine Weltumsegelung zu besteigen, und inspirierte bedeutende Naturschriftsteller wie beispielsweise Henry David Thoreau. Andrea Wulf hat über den deutschen Wissenschaftler ein Buch geschrieben, das Maßstäbe setzt und eine wundersame Lektüre bereitet.  „Andrea Wulf „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur““ weiterlesen

Wenn Krieg ist – Hugo Claus „Der Kummer von Belgien“

„Der Kern unseres Wesens ist nicht anderes als die Anstrengung, die wir unternehmen, um Mensch zu bleiben, nicht zu sterben.“

Belgien ist kein Land, sondern ein Zustand, sagt der Vater von Louis, der jugendliche Held im Roman „Der Kummer von Belgien“. Das Werk von Hugo Claus (1929 – 2008) scheint vieles zugleich zu sein: Entwicklungs-, Familien- wie auch Kriegsroman. Denn obwohl das Land, eingerahmt von Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg, für viele mit Blick auf seine Geschichte wohl recht unscheinbar wirkt, hat es auf dem Boden des Königreichs verheerende Schlachten gegeben. Man denke an Waterloo, man denke an Ypern. Im Mai 1940 besetzt die Deutsche Wehrmacht das kleine Land. Und einige deutschfreundliche Belgier machen mit dem Feind gemeinsame Sache.   „Wenn Krieg ist – Hugo Claus „Der Kummer von Belgien““ weiterlesen

Buntes Frühjahr – ein Blick in die Vorschauen

Für Bücherfreunde sind die zweimal jährlich erscheinenden Vorschauen für Frühjahr und Herbst wie Reisekataloge. Es geht in ein literarisches Schlaraffenland, in dem die Bibliophilen unter uns nie genug bekommen. Auch ich habe mich durch die Vorschauen geblättert und gebe einen Einblick in meine Wunschliste, die sich sicherlich noch vergrößern wird. Denn neben Wiederbegegnungen mit großen Namen beziehungsweise geschätzte Schriftsteller gibt es sicherlich die eine oder andere Entdeckung zu machen.

Aus hiesigen Landen

Auch die kommenden Frühjahrsvorschauen erinnern ein wenig an die Lektürliste eines Germanistik-Studiums, finden sich unter anderem Siegfried Lenz  (Hoffmann & Campe) und Hans Fallada (Aufbau-Verlag) wieder. Von Johannes Bobrowski wird es ein Band mit den gesammelten Gedichten geben (DVA, März). Zudem erscheint mit  „Trutz“ ein neuester Streich von Christoph Hein (Suhrkamp, März). Nach ihrem Erfolgsroman „Wald“ legt Doris Knecht mit „Alles über Beziehungen“ ein neues Werk vor (Rowohlt Berlin, März). Mit Begeisterung habe ich Natascha Wodins Schlüsselroman „Nachtgeschwister“ über ihre Beziehung zu dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig gelesen. Mit „Sie kam aus Mariupol“ erscheint ein Buch über Wodins Mutter (Rowohlt, Februar). Noch nicht gelesen habe ich indes Birk Meinhardts DDR-Roman „Brüder & Schwestern“. Nun ist es Zeit für einen zweiten, gleichnamigen Teil, der von den Jahren nach der Wende erzählt (Hanser, Februar).  Ulrich Schacht habe ich kürzlich mit seiner Novelle „Grimsey“ kennengelernt. Sein kommendes Buch trägt den Titel „Notre Dame“ (Aufbau, Februar). Gespannt bin ich auch auf das Buch „Arbeiterroman“ von Gerhard Henschel (Hoffmann & Campe, Februar) sowie „Die Poesie der Hörigkeit“ von Lea Singer (Hoffmann & Campe, März), letzteres Buch erzählt die Liebesgeschichte von Gottfried Benn. Mit dem Schweizer Buchpreis wurde Henriette Vásárhelyi für „immeer“ bedacht. Nun erscheint ihr neuestes Werk „Seit ich fort bin“ (Dörlemann, Februar). Einen dicken Wälzer mit einer besonderen Familiengeschichte gibt es von Chris Kraus: „Das kalte Blut“ (Diogenes, März).

Blick ins Nachbarland

Nach Niederlande und Flandern wird Frankreich im kommenden Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Das zeigt sich bereits jetzt mit einem Blick in die Frühjahrsvorschauen. Eine Robinsonade der besonderen Art, bei der ein Paar auf eine abgelegene Insel nahe dem Kap Hoorn strandet, legt die gebürtige Pariserin Isabelle Autissier mit ihrem Roman „Herz auf Eis“ vor (mare, März).  Der in Kabul geborene, aber in Frankreich lebende Atiq  Rahimi, Preisträger des renommierten Prix Goncourt, wird mit seinem neuesten, ins Deutsche übersetzte Werk „Heimatballade“ in die Buchläden kommen (Ullstein, Februar). Für ihren nun in Deutschland erscheinenden Roman „Die Zeit der Ruhelosen“ war Karine Tuil für den Prix Goncourt nominiert. Von Olivier Adam, bekannt für „Klippen“ und „An den Rändern der Welt“, gibt ebenfalls einen neuen Roman. Er trägt den Titel „Die Summe aller Möglichkeiten“ (Klett & Cotta, Juni).

Über den großen Teich

Fans von Paul Auster können sich freuen: „4321“ heißt sein neuester Roman (Rowohlt, Januar). Auch die große Margaret Atwood ist noch nicht schreibmüde. Es erscheint „Hexensaat“ (Knaus, April). Von T.C. Boyle gibt es „Terranauten“ zu lesen (Hanser, Januar), von Dave Eggers „Bis an die Grenze“ (Kiepenheuer & Witsch, März). In deutscher Neu-Übersetzung erscheint „Boston“ von Upton Sinclair (Manesse, Juni). Nach seinem wunderbaren Roman „Diese gottverdammten Träume“ freue ich mich auf einen neuen Streich von Richard Russo: „Ein Mann der Tat“ (Dumont, Mai).  Das Buch, das dank Verlagsnewsletter zuerst auf die Wunschliste kam, war „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara (Hanser Berlin, Januar). Gespannt bin auf die mir noch unbekannte Jennifer Haigh mit „Licht und Glut“ (Droemer, April), „Ich bin niemand“ von Patrick Flanery (Blessing, März) sowie Laird Hunt mit seinem Bürgerkriegsroman „Die Zweige der Esche“ (btb, April).

Aus dem hohen Norden

In den vergangenen Jahren haben mich besonders zwei Schriftstellerinnen aus Finnland imponiert: Sofi Oksanen sowie Katja Kettu. Von beiden gibt es mit „Die Sache mit Norman“ (Kiepenheuer & Witsch, März) beziehungsweise „Feuerherz“ (Ullstein, Februar) neue Werke. Von Landsmann Jussi Valtonen kann „Zwei Kontinente“ gelesen werden (Piper, Mai). Von „Wir Ertrunkenen“ begeistert, herrscht deshalb Vorfreude auf einen neuen Roman des Dänen Carsten Jensen: „Der erste Stein“ (Knaus, März). Auch der Isländer Jón Kalman Stefánsson ist mit „Etwas von der Größe des Universums“ zurück (Piper, Februar). Auch Fans von Tomas Espedal können sich freuen. „Biografie, Tagebuch, Briefe“ gibt es bald in den Buchläden (Matthes & Seitz, April). Von dessen Freund und Kollegen Karl Ove Knausgård erscheint der letzte Band der „Min kamp“-Reihe mit dem Titel „Kämpfen“ (Luchterhand, Mai). Auch Jostein Gaarder bringt sich mit „Ein treuer Freund“ wieder in Erinnerung (Hanser, März). Neu sind für mich die beiden Norwegerinnen Maja Lunde mit den Roman „Die Geschichte der Bienen“ (btb, März) sowie Erika Fatland mit ihrem Reisebericht „Sowjestistan“ (Suhrkamp, März). Beide sind in ihrem Heimatland mit dem Buchhandelspreis geehrt wurden. Aus Schweden kommen Jonas Hassem Khemiri mit „Alles, was ich nicht erinnere“ (DVA, März) sowie Tom Malquist mit „In jedem Augenblick unseres Lebens“ (Klett & Cotta, März). Nicht zu vergessen an dieser Stelle der Blick in die Krimi-Ecke. Nach seinem spannenden wie tiefgründigen Debüt „Der letzte Pilger“ wartet Gard Sveen mit einem neuesten spannenden Fall des Kommissars Tommy Bergmann auf. „Teufelskälte“ heißt das Buch (List, Juni). Auch Anne Holt steht mit „Ein kalter Fall“ im Regal der Neuerscheinungen (Piper, März).  Gespannt bin ich auf „… und morgen werde ich dich vermissen“ von Heine Bakkeid (Rowohlt, Juli).

Und, und, und…

Die Romanreihe von Elena Ferrante zählt wohl zu den erfolgreichsten Literatur-Importen der letzten Jahre. Nach „Meine geniale Freundin“ freue ich mich auf die Bände zwei und drei (Suhrkamp, Januar, Mai). Auch Folge vier wird bereits angekündigt (Suhrkamp, Oktober). Auch Haruki Murakami ist bei den Neuerscheinungen wieder mit von der Partie – mit „Birthday Girl“, eine illustrierte Erzählung des Japaners. Von Claudio Magris gibt es ebenfalls ein neues Buch: „Verfahren eingestellt“ (Hanser, März). Mit Interesse begegne ich zunehmend Literatur aus dem Osten. Auf die Wunschliste schafften es Artjom Wesjoly mit „Blut und Feuer“ (Aufbau, Juni) sowie Michael Schischkin mit „Die Eroberung von Ismael“ (DVA, Mai). Von Primo Levi erscheint mit „So war Auschwitz“ erstmals übersetzte Erinnerungen (Hanser, März).  Interessant erschienen mir zudem die Romane „Die Reise“ von Murray Bail (Dörlemann, April), „Das Floß der Medusa“ von Franzobel (Zsolnay & Deuticke, Januar),  „Am Ende der Via Condotti“ von Sándor Lénárd (dtv, April) sowie „Hier treffen sich fünf Flüsse“ von Barney Norris (Dumont, März). Im Bereich Sachbuch gibt es zwei für mich spannende Titel: „Die Anfänge von allem“ von Jürgen Kaube (Rowohlt Berlin, Juli) sowie Gaston Dorren „Sprachen. Eine verbale Reise durch Europa“ (Ullstein, März).


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