Zeiten in Moll – Jaume Cabré "Das Schweigen des Sammlers"

„Kunstwerke sind Rätsel, die sich der Vernunft entziehen.“ 

Gut geschützt und sicher liegt sie im Tresor des Antiquitätenhändlers Felix Ardevol: die wertvolle Storioni-Geige aus dem 18. Jahrhundert. Adrià, sein Sohn, erhält nie die Gelegenheit, auf ihr zu spielen, geschweige denn sie einmal für längere Zeit in die Hand zu nehmen. Eines Tages geschieht jedoch das Unglück: Adrià, der das Instrument aus dem Tresor heimlich entwendet und seinem spielenden besten Freund Bernat zum Üben überlässt, verliert seinen Vater. Ardevol, der zu einem geheimen Treffen mit der Übungsgeige seines Sohnes anstatt mit der vermeintlichen Storioni-Geige loszieht, wird auf grausame Art und Weise ermordet.
Und es soll nicht das einzige Geheimnis bleiben, das erst Jahre später ans Tageslicht kommen soll. Der neue Roman „Das Schweigen des Sammlers“ des katalanischen Autors Jaume Cabré, der, 1947 in Barcelona geboren, vor einigen Jahren in Deutschland mit seinem Roman „Die Stimmen des Flusses“ sehr erfolgreich war, ist voller Rätsel, die sich mit den Seiten des überaus dicken Werkes auflösen.

Cabré spannt einen zeitlichen Bogen, der nicht nur das Leben des Adriá beinhaltet, seine eher schwierige Kindheit und Jugend angesichts strenger Eltern, sein umfassendes Studium, das spätere erfolgreiche Berufsleben als Geisteswissenschaftler und seine Liebe zu Sara. Der Spanier nimmt den Leser auf eine spannende Reise durch die Jahrhunderte – vom Mittelalter und der Geschichte eines abgelegenen Klosters, über jenen Mann, der im 18. Jahrhundert das Holz für die Geige ausfindig macht bis hin zur dunklen NS-Zeit und das Trauma des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust. Denn der Antiquitätenhändler ist alles andere als ein feiner Mann. Mit der Hilfe von Unterhändlern macht er Geschäfte mit dem Besitz jüdischer Familien, die noch fliehen konnten oder in den Konzentrationslagern getötet werden. Auch jene Geige erzählt eine solche erschütternde Geschichte einer Familie, die von der SS in Holland festgenommen und bis auf ein Mitglied der Familie in Auschwitz umkommen wird.      

Cabré stellt in diesem Zusammenhang auch die Frage, was das Böse ist, was es auszeichnet, wie es entsteht. Er wagt dabei nicht nur einen Blick in die Vorhöfe der Hölle in Auschwitz-Birkenau, er erzählt, wie zwei ranghohe Ärzte, verantwortlich unter anderem für grausame Versuche an Kindern, nach dem Krieg untertauchen, weiter praktizieren, in einem Beispiel allerdings auch Buße tun. Besonders in jenen Szenen fällt jenes stilistisches Merkmal des Romans auf: die schnellen Übergänge von Zeit und Raum. Kein Absatz, keine Überschrift trennen die einzelnen Zeiten voneinander, manchmal fließen sie nahezu ineinander über, wie die Szenen in Auschwitz mit denen des Mittelalters, wo die Inquisition Gewalt aussät im Namen der Kirche. Dabei stellt nicht nur jenes Karussell der Epochen eine Herausforderung an den Leser, bei dem sich Zeiten und Schauplätze manchmal sogar schnappschussartig abwechseln, auch die Erzählweise wandelt sich. Mal lässt Cabré Adrià aus der Ich-Perspektive berichten, mal in der Er-Form. Erst am Ende wird auch dieses Rätsel gelöst.

Dieses rund 840-seitige Buch ist dabei sowohl stilistisch als auch thematisch ein Wunderwerk. Cabré versammelt viele Themen des Lebens und widmet sich ihnen auf unheimlich kluge Art. Die Bedeutung von Kunst findet sich hier ebenso wie die Rolle der Freundschaft und die Kraft der Liebe. Geschaffen hat der Katalane eine spannend zu lesende Geschichte und Personen, deren Geschichte und Schicksal ans Herz gehen, sei es die jüdische Familie, die des Holzexperten Jachiam oder Adriàs Frau Sara, die vor ihrem Mann eine lange Zeit ein trauriges Geheimnis verbirgt. Diesem unheimlich aufwühlenden wie auch erhellenden Roman sind viele Leser zu wünschen. Sein Schöpfer hat acht Jahren daran geschrieben.  

Der Roman „Das Schweigen des Sammlers“ von Jaume Cabré erschien im Insel-Verlag, mittlerweile auch als Paperback-Ausgabe im Insel-Taschenbuch-Verlag, in der Übersetzung aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann.
845 Seiten, 9,99 Euro

Drei Freunde – Ljudmila Ulitzkaja "Das grüne Zelt"

Ilja, Sanja und Micha leben in gefährlichen Zeiten, an einem gefährlichen Ort. Man schreibt die Mitte des 20 Jahrhunderts. Der große vaterländische Krieg wurde gewonnen, doch auch nach Stalins Tod haben die russische Diktatur und ihr Netz aus Geheimdienst und Partei nicht an Schrecken verloren. Die Menschen leben in Angst vor Verrat, vor einer Verbannung, den Lagern in Sibirien. Nur die Literatur und  die Werke der großen Namen wie Puschkin und Pasternak helfen den drei Jugendlichen über die schwierigen Jahren. Drei Freunde – Ljudmila Ulitzkaja "Das grüne Zelt" weiterlesen

Der Namenswandler – Michael Köhlmeier "Die Abenteuer des Joel Spazierer"

„Weiß nun, dachte ich, dass der Mensch nur allein sein kann, wenn er geht. Will er allein sein, darf er nicht verweilen.“ 

 András Fülöp bleibt ein Mensch ohne Biografie, auch wenn seine eigenen Erinnerungen plastisch sind und zurückgehen bis in seine früheste Kindheit, als er vier Jahre alt war und mit seiner Familie in Budapest wohnte. Doch dann ist auch schon Schluss mit dem ruhigen Leben, dem Leben als András. Gemeinsam mit Mutter, Vater und den Großeltern flieht der Junge aus Ungarn ins Nachbarland Österreich kurz nach Stalins Tod, um vor den Schergen des Staatssicherheitsdienstes zu entwischen, noch vor der großen Fluchtwelle, die wenig später in Richtung Westen einsetzen soll. Aber der Neuanfang in Wien hat seine Tücken, die Hoffnungen, mit der schillernden Identität und dem Namen von Großmutter Helena, Professorin und Expertin der Ägyptologie, Anschluss zu finden, scheitern. András Eltern entscheiden sich für eine zweite Flucht (für die es noch einmal nach Ungarn und wieder zurück in die neue, deutschsprachige Heimat geht) und für eine neue Identität. Aus András wird Andres.  Doch es wird nicht der letzte Namenswechsel sein.

In seinem Roman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ entwirft Autor Michael Köhlmeier einen Helden, für den der Sprung zwischen den Identitäten schlichtweg das Lebenselixier ist, der die Wahrheit und Realität als ein sehr dehnbares Gefüge erachtet und die Lüge als Belastungsprobe und Überlebensstrategie, der allerdings auch ums sein unmoralisches Handeln weiß. Alles kann aus uns werden, heißt es an mehreren Stellen im Roman. Denn jene Flucht in den gelobten, sicheren Westen ist nicht das einzige Abenteuer. Andrés, der sich zuvor als Jugendlicher gemeinsam mit zwei Freunden als Stricher verdingte und die Freier auch gleich der Geldgier wegen gleich noch erpresst hatte, wird von einem ehemaligen Schergen des ungarischen Staatssicherheitsdienstes gekidnappt, der von Ostende nach Amerika gelangen will. Zurück in Wien macht er die Bekanntschaft mit der reichen Familie Lundin. Sein Talent, dank seines angenehmen Äußeres und schneller Anpassung einen Vertrauensbonus zu bekommen, leistet ihm auch hier gute Dienste. Doch die Geldgier bringt ihn schließlich in das Gefängnis, als er die Mutter seines Mitschülers erschießt, während er in das Haus einbrechen will. Nach mehreren Jahren Knast wird er wieder ein anderer: Joel Spazierer. Als Student gerät er in kommunistische Kreise, um Jahre später als Enkel des Kommunisten und DDR-Idols Ernst Thälmann eine Karriere in der Deutschen Demokratischen Republik mit der Rückendeckung höchster Kreise anzutreten.

András-Andrés-Joel reist also nicht nur von Land zu Land – er wird auch in die USA und nach Mexico kommen -, von einem politischen System in das andere – er ist zugleich ein Kind der Geschichte Europas nach 1945, das politische  und gesellschaftliche Entwicklungen erlebt, vielleicht sogar sinnbildlich in sich vereint. Der kalte Krieg und die entsetzlichen Klauen des Stalinismus finden sich in diesem Roman ebenso wie der kapitalistische Geldadel und die Lebensfremdheit der Hippie-Kultur, die sich mit Drogen das Leben zerstört. Und nicht nur deshalb ist Köhlmeiers neuestes Werk nach seinem vielbeachteten Roman „Abendland“ ein Geniestreich. Wie er die Person seines sicherlich umstrittenen Helden, der seine Erlebnisse auch als Ich-Erzähler schildert, zum Leben erweckt, ihm eine ganze Reihe besonderer Figuren zur Seite stellt – das ist Literatur auf höchstem Niveau. Immer wieder lässt er Joel Spazierer über das Leben und seine eigenen Erinnerungen reflektieren. Immer wieder spricht der Held, ein Sprachengenie, den Leser an, zitiert Aussprüche des mittelalterlichen Theologen und Philosophen Meister Eckhart.

Wie es schwer ist, den zwiespältigen und für viele vielleicht auch fragwürdigen Charakter des Joel Spazierer zu beschreiben und  zu fassen, so schwer ist es auch, den Roman in eine einzige Schublade zu legen. Er ist Entwicklungs- und Schelmenroman sowie ein Buch über einen Betrüger und Mörder zugleich und umfasst ein zeitgeschichtliches Panorama sondergleichen. Sicher ist jedoch, es ist ein Lebensbuch, eines der wenigen Werke, die im Laufe des Lebens immer wieder zur Hand genommen werden, um darin Neues zu entdecken und in diesem Fall womöglich seine Meinung zu Joel Spazierer immer wieder zu korrigieren.

„Die Abenteuer des Joel Spazierer“  von Michael Köhlmeier erschien im Carl Hanser Verlag.
656 Seiten, 24,90 Euro

Der Sehende – Christoph Ransmayr "Atlas eines ängstlichen Mannes"

„Vielleicht war die Riesin in Schwarz tatsächlich aus ihrer Tiefe zu einem Atlantikschwimmer emporgeschwebt, um ihm eine Ahnung davon zu vermitteln, wie reich, wie vielfältig, unverändert und selbstverständlich die Welt ohne ihn war.“ 

Ein fremder Ort, fern der Heimat, birgt für den Reisenden Begegnungen und Erkenntnisse. Selbst, wenn sie erst im Nachhinein für sich entstehen, da die Faszination für das Unbekannte erst abgelegt werden muss, um das Unbekannte zu verstehen. Christoph Ransmayr, 1954 im oberösterreichischen Wels geboren und bereits mit zahlreichen großen Literaturpreisen geehrt, ist zeit seines Lebens ein Reisender gewesen. Seine Touren führten ihn in exotische Länder, über Meere und Kontinente. Selbst Orte des Globus hat er gesehen, die den Titel „Das Ende der Welt“ tragen. Seine Erlebnisse und Begegnungen sind nun in dem jüngst im Fischer-Verlag erschienenen Band „Atlas eines ängstlichen Mannes“ versammelt.

Siebzig Episoden versammelt das Buch. Jede beginnt mit „Ich sah“. Jede beinhaltet ein besondere Begegnung, ein besonderes Erlebnis. Auf einer Whale-Whatching-Tour nahe der Dominikanischen Republik beobachtet der Erzähler ein Buckelwalweibchen und ihr Junges, auf dem abgelegenen und winzigen Eiland Pitcairn inmitten des riesigen Pazifik wandelt er auf dem Spuren der Meuterer der Bounty, in Tschechien begegnet er einem alten Mann, der einen jüdischen Friedhof pflegt, in Bolivien wird er von einem Militärflugzeug attackiert, am Nordpol erlebt er die 18 Abschläge eines Golfers.

So unterschiedlich die Geschichten, so unterschiedlich die Wirkung auf den Leser. Man schmunzelt, man erschaunt, man ist erschüttert und berührt. Obgleich viele der Episoden eine Begegnung mit Tieren erzählen, der Mensch, die Menschheit an sich, steht nicht minder im Mittelpunkt. Dabei sind es meist Menschen, die zwar ihr einfaches Dasein leben, inmitten ihres Heimatlandes, ihrer Kultur und Gebräuche, aber immer eine Aufgabe, eine Geschichte zu erzählen haben. Ob der Bootbesitzer aus Laos, der sein Boot seinem Sohn vererbt, der Greis, der an einem brasilianischen Strand das Meer verflucht, die junge Aztekenfrau, die vor einem Juweliergeschäft Akkordeon spielt und den Erzähler an eine Frau auf einem Gemälde erinnert.

Er selbst ist ein stiller Beobachter, nicht umsonst der stete Einstieg „Ich sah“. Ransmayrs Sprache hingegen ist wortgewaltig, poetisch, mit viel Liebe zum Detail, mit viel Gespür für eine besondere  Stimmung, der Charakteristik eines Ortes und seiner Natur. Und immer wieder zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten der Mensch und sein zwiespältiges Wesen, das mal voller Demut und Nächstenliebe erfüllt ist, auf der anderen Seite jedoch mit seiner Zerstörungswut und  Machtgehabe blindlings unzählige Schreckensspuren auf dem Erdball hinterlassen hat. So ist der Band nicht nur eine beeindruckende Weltreise auf rund 450 Seiten. Es ist vor allem ein wunderschönes Buch voller Weisheit, das einem trotz Mangels an weißen Flecken auf der Erde und nahezu unendlichen Reisemöglichkeiten noch immer staunen lässt über das Wunder Leben, das eigentlich ohne uns am besten gedeihen könnte.

„Atlas eines ängstlichen Mannes“  von Christoph Ransmayr erschien im S. Fischer-Verlag.
464 Seiten, 24,90 Euro

Tierische Tatwaffen – "Ruhe sanft in Sachsen-Anhalt. Kurzkrimis aus dem Land der Frühaufsteher"

Sie muss weg aus Balgstedt (Balgstädt). Was hilft es, wenn die Unstrut sacht plätschert, der Wein und das Land lieblich sind, nur Peter ein Schwein ist. Ein außergewöhnlicher Plan muss her. Die junge Frau aus dem Osten, frisch aus dem Katalog bestellt, von Maminka dann verabschiedet, von ihrem deutschen Mann schließlich versohlt, sinnt auf Rache. Die Katze, liebevoll Ljonuschka genannt, soll die Tatwaffe sein. Und diese ist nicht die einzige tierische Hauptfigur in dem jüngst erschienenen Band „Ruhe sanft in Sachsen-Anhalt. Kurzkrimis aus dem Land der Frühaufsteher“, der, im Verlag KBV veröffentlicht, pünktlich und druckfrisch zur Leipziger Buchmesse in die Regale kam. Tierische Tatwaffen – "Ruhe sanft in Sachsen-Anhalt. Kurzkrimis aus dem Land der Frühaufsteher" weiterlesen

Leben in Farben – Margriet de Moor "Der Maler und das Mädchen"

„Jeder Mensch trägt die künftigen Fakten seines Lebens vom ersten Atemzug an in sich.“ 

Die beste Zeit des Malers liegt hinter ihm. Zwar wird er noch immer respektiert, aber nach dem wirtschaftlichen Ruin und dem Tod seiner geliebten zweiten Frau lebt er zurückgezogen und sinnt der vergangenen Zeit hinterher, den Erfolgen und den Niederlagen, den Erlebnissen voller Glück und den Verlusten. Jahrhunderte später wird er als einer der bedeutendsten Maler, nicht nur seiner Epoche, gelten. Leben in Farben – Margriet de Moor "Der Maler und das Mädchen" weiterlesen

Stadt der Geheimnisse – Hjorth & Rosenfeldt "Der Mann, der kein Mörder war"

Der 16-jährige Roger wird vermisst gemeldet. Erst Tage später nimmt die Polizei in Västerås ihre Ermittlungen auf. Schließlich ist Wochenende, und wer sagt, dass der Junge eigentlich sich nicht irgendwo in Stockholm eine schöne Zeit macht, denkt sich der zuständige Beamte Haraldsson und liegt gründlich falsch. Ein Irrglaube, der ihn lange verfolgen wird. Denn wenig später wird die Leiche des Jungen in einem Waldstück gefunden, übersät mit über 20 Messerstichen und herausgerissenem Herzen. Die Reichsmordkommission rund um ihren Chef Torkel rückt an und trifft zu Beginn gleich auf einen Bekannten: Sebastian Bergmann. Stadt der Geheimnisse – Hjorth & Rosenfeldt "Der Mann, der kein Mörder war" weiterlesen

Draußen – Joshua Ferris "Ins Freie"

„Die Welt ist viel zu alt. Seele ist Geist ist Hirn ist Körper. Ich bin du, und du bist es, und es wird immer Sieger bleiben.“ 

Er könnte ein glückliches, erfolgreiches und zufriedenes Leben führen. So viele positiven Eigenschaften und Möglichkeiten verbinden sich mit Tim Farnsworths Leben. Als Anwalt und Partner einer New Yorker Kanzlei wird er geachtet. Seine Frau Jane und seine Tochter Becka lieben ihn. Gemeinsam wohnen sie in einem großen Haus im Grünen. Doch die Idylle kippt mit der Sucht des Mannes. Oder ist es ein eigener innerer Antrieb? Tims unerklärlichen Märsche, die plötzlich beginnen und in unbekannte Viertel und Straßen führen, bleiben unerklärlich. Er läuft und läuft und läuft. Viele Kilometer lässt der Held im Roman „Ins Freie“ von Joshua Ferris zurück. Bis zur Erschöpfung ist er unterwegs, bis er schließlich in einen Schlaf fällt. Wenn er aufwacht, weiß er meist nicht, wo er sich befindet. Denn Strecke und ihr Zielpunkt sind immer wieder verschieden. Mal ist auf einem Friedhof Schluss, mal auf einer Parkbank, an Müllcontainern oder im Fahrerhaus eines Lieferwagens. Das Wetter spielt keine Rolle. Es kann regnen, schneien, Hitze herrschen – Tim ist unterwegs. Weder ein wichtiger Termin kann ihn stoppen noch die Bitten seiner Familie.  Draußen – Joshua Ferris "Ins Freie" weiterlesen

Schluss mit Süßkram

Häufig werde ich derzeit mit einer Frage konfrontiert: „Na, was macht das Fasten?“. Als ob „Fasten“ mein Wellensittich wäre, der die Mauser hat. Doch auch ich habe sprichwörtlich Federn gelassen. Denn zugegeben: So ein Stück Quarkkuchen wäre jetzt gar nicht so schlecht. Doch ich versuche, eisern zu bleiben. Schon allein die Tatsache, dass eine Kollegin sich ebenfalls dem Süßkram verweigert, bringt den Ehrgeiz wieder auf Touren. Sollte doch gelacht sein, wenn das nicht zu schaffen wäre – dachte ich zuerst.

Denn schon vor Aschermittwoch begann die Diskussion, was unter Süßkram denn alles fällt. Kuchen, Schokolade und Kekse sind klar. Aber wie sieht es mit dem Schokoraspeln im Müsli oder der Marmelade auf dem Brötchen aus? Als mir Verena Jähn während eines Besuches in ihrem derzeit veganen Haushalt eine Praline reichte, streifte mich schon ein Hauch des schlechten Gewissens. Das leckere Stück bestand weder aus Schokolade noch aus Zucker oder Milch, redete ich mich heraus. Meine Kollegin lächelte jedoch nur verschmitzt – ganz nach dem Motto „1:0 für mich“. Zum Ausgleich und zur Reue reichte ich einem Kollegen das Tiramisu vom Nachtisch.

Selbst schuld, werden jetzt einige meinen. Und sicherlich erscheint Fasten vielen nur als Verzicht. Aber es ist mehr: Es bietet die Chance, über den eigenen Konsum nachzudenken. Denn seien wir ehrlich: Oft heißt es zwar, ich will mir nur etwas gönnen, aber meist beginnt dann erst das große Fressen ohne Seele und Verstand.

Foto: PeeF/pixelio.de

Zwischen den Kulturen – Joseph Boyden "Durch dunkle Wälder"

„Zeit ist bloß ein Gedanke.“

Will liegt im Koma. Der Cree-Indianer wurde Opfer eines brutalen Überfalls, kurze Zeit nachdem er aus der Wildnis wieder in die Siedlung Moosonee hoch oben im Norden Ostkanadas zurückgekehrt war. Seine Nichte Annie harrt an seinem Krankenbett aus und erzählt ihm ihre Erlebnisse, die sie in die Big-Cities Toronto und New York auf der Suche nach ihrer Schwester Suzanne führten, die spurlos verschwunden war. Annie hat dabei viel zu erzählen: von ihrer Begegnung mit dem stummen Gordon, der, ebenfalls indianischer Abstammung, nicht mehr von ihrer Seite weicht, von ihrer Zeit als Model in der Glitzerwelt der Mode, in deren Kreise auch ihrer Schwester zu finden und bekannt war.

So prallen zwei unterschiedliche Kulturen im Roman „Durch dunkle Wälder“ des kanadischen Autors Joseph Boyden aufeinander: die ursprüngliche und einfache Lebensweise der Indianer in der Wildnis gegen die moderne Welt des Westens mit ihren Gefahren und Verlockungen, denen auch Will und Annie ausgesetzt sind beziehungsweise sich nicht entziehen können. Will ist dem Alkohol verfallen, nachdem er durch ein schreckliches Unglück seine Familie verloren hat. Mit seinen beiden Kumpanen trinkt er meist über den Durst. Die Zeit, als er als Pilot Touristen geflogen und damit sein Einkommen gesichert hat, ist längst  vorbei. Der Rückzug in die Wildnis, in der sich Eisbär und Wolf „Guten Tag“ sagen und in der jeder kleine Fehler mit dem Tod bestraft werden kann, sollte ein Neuanfang sein, nachdem er wegen der stetigen Bedrohung durch Gang-Mitglieder zur Waffe greift. Doch wenige Wochen später entscheidet er sich für die Rückkehr mit fatalen Folgen.

Boyden, 1967 in Kanada geboren und selbst Nachfahre von Indianern, lässt beide, sowohl Will als auch Annie, rückblickend zu Wort kommen. Beide berichten abwechselnd von ihren Erfahrungen und Erlebnissen. Will erinnert sich zudem an seine Kindheit und seinen Vater, der im Ersten Weltkrieg in Europa zum Einsatz kam. Jene Geschichte, die sich einem kaum bekannten Thema widmet, findet sich in Boydens Romandebüt „Der lange Weg„, mit dem der Kanadier auch hierzulande lobende Kritiken eingeheimst hatte und dadurch bekannt wurde.   

Dabei setzt der Nachfolger nicht nur an das Geschehen fast nahtlos an. Auch „Durch dunkle Wälder“ besticht durch eine besondere Geschichte, erzählerisches Können, eindrucksvolle Charaktere und einem ernsten, gesellschaftlich relevanten Thema, das tiefgründig aufgearbeitet wird. Boydens neuestes Werk kann man auf zweierlei Weise lesen: sowohl als spannenden Thriller als auch als wichtige und kritische Auseinandersetzung mit den Kulturen. Denn Boyden hält nicht nur der modernen westlichen Welt einen Spiegel vor. Auch das Scheitern seiner indianischen Landsleute, die von den Auswüchsen der Moderne schier vergiftet zu sein scheinen, stehen hier am Pranger. Der Rückzug in die Wildnis, sofern dafür geeignet, scheint ein Ausweg zu sein. Ein anderer könnte in der Gemeinschaft liegen – wie das Happy-End am Schluss des Buches beweist.

„Durch dunkle Wälder“ von Joseph Boyden erschien 2010 im Knaus-Verlag, 2012 als Taschenbuch bei btb, in der Übersetzung aus dem Englischen von Ingo Herzke.
448 Seiten, 10,99 Euro 

Rache für Hobbes – Gerard Donovan "Winter in Maine"

„Vielleicht gibt es für viele Dinge gar keinen Grund, und sie passieren nur, weil die Menschen sie tun.“ 

Julius Winsome ist ein Einzelgänger. Zurückgezogen lebt er in einer Jagdhütte in den Wäldern von Maine. Die Wände des kleinen Hauses sind mit Bücherregalen tapeziert. Die Zeit der Einsamkeit verbringt Winsome mit Lesen. Vor allem die Werke Shakespeare und dessen Sprache sind es immer wieder, die ihn beschäftigen. Er hat eine Wörterliste angelegt, um jeden shakespearschen Wort eine heutige Bedeutung zuzuweisen.

Julius‘ einziger Mitbewohner ist Hobbes, ein kleiner Pitbullterrier, der nicht von seiner Seite weicht. Es könnte alles so idyllisch sein in dem Roman „Winter in Maine“ von Gerard Donovan. Doch eines Tage findet Julius seinen treuen Begleiter angeschossen nicht vom Haus entfernt, der Hund stirbt wenig später. Seine letzte Ruhestätte findet er umringt von Blumen. Winsome sinnt nun auf Rache. Denn das Beste, was er hatte, ist von ihm genommen werden. Doch nicht nur eine harmlose Vergeltungsmaßnahme nimmt ihren Lauf, bei der der Täter nur erschreckt werden und seine Lehre daraus ziehen soll. Julius beginnt einen  Rachefeldzug sondersgleichen, so viel sei an dieser Stelle verraten, doch nicht in welcher Form, denn dann würde der Roman viel von seiner Wirkung, seiner Wucht verlieren. Nur so viel noch: Gewalt scheint für Julius die einzige Antwort zu sein. Dass es dabei auch Unschuldige trifft, scheint ihn und seinem Gewissen nicht zu stören.

Zwischen seinen Taten kreuzt er dann und wann in der nahegelegenen Stadt auf, um mit einem Plakat nach dem Täter zu suchen und in aller Ruhe einzukaufen. Dabei trifft er auf Claire, jener Frau, die seine große Liebe war und mit der er sich ein gemeinsames Leben vorstellen konnte. Sie hat ihn auch den Vorschlag gemacht, sich doch einen Hund als Begleiter zu suchen. Allerdings endet die kurze Beziehung so schnell wie sie auch begonnen hat.  Winsome blickt während all jener Zeit zurück auf sein Leben. Er erinnert sich an seine früh verstorbene Mutter, an den bücherversessenen Vater, der wie auch der Großvater die Schrecken des Krieg erlebt hatte und den Jungen allein aufgezogen hat. Winsomes Leben scheint so immer wieder von tragischen Ereignissen durchbrochen zu sein, die ihn zu einem Einzelgänger gemacht haben.

Donovan verwendet für die sehr poetische Schilderung der Handlung, die den unvorbereiteten Leser zu Beginn erst einmal in Schockstarre versetzen, als Erzähler die Hauptperson. Ein kluger Schachzug. So werden die Ereignisse nicht bewertet, nach Moral und Unmoral hinterfragt. Wichtig erscheinen nur die Ereignissen und die Beziehung von Winsome zu seiner Familie, zu Claire und natürlich zu Hobbes. An dem Leser ist es, die Taten des Einzelgängers und seine Person zu bewerten. Wer an dieser Auseinandersetzung zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit kein Interesse hat, kann hingegen das nur gut 200-seitige Buch als unheimlich spannenden Krimi lesen und sich nebenbei in eine Idylle im Norden der USA zurückziehen. Denn die bekommt kaum einen Kratzer – trotz der furchtbaren Ereignisse in ihrer Mitte. Dem irischen Autor ist ein atemberaubendes Meisterwerk gelungen, dem man sich nur schwer entziehen kann. Kein Wunder, dass Donovans Werk 2008 von der englischen Zeitung „The Guardian“ zum Buch des Jahres gekürt wurde.

„Winter in Maine“  von Gerard Donovan erschien im Luchterhand-Verlag, später bei btb, in der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Gunkel.
208 Seiten, 9,99 Euro

Das Jahr am Südhang der Geschichte – Florian Illies "1913"

Mit einem Schuss aus dem Revolver begrüßt der zwölfjährige Louis Armstrong das neue Jahr 1913. Die Polizei befördert ihn daraufhin in die Besserungsanstalt. Schlimm möchte man meinen. Doch der kleine Louis bekommt dort eine Trompete in die Hand gedrückt. What a wonderful world. A star is born. Arthur Schnitzler ist es in jenem Jahr schon, seine erotischen Werke machen von sich reden. Am Nachmittag des Silvestertages liest er Ricarda Huchs „Der große Krieg in Deutschland“. Ein Prophezeiung! Das Jahr am Südhang der Geschichte – Florian Illies "1913" weiterlesen

Durchleuchtet – Don DeLillo "Unterwelt"

„(…) die Sandkörnchenunendlichkeit der Dinge, die keiner zählen kann. Alles fällt unauslöschlich der Vergangenheit anheim.“ 

Wo und wie mit dem Nacherzählen der Geschichte beginnen, wenn diese sich als ein einziges Wollknäuel entpuppt, das nicht nur aus einem einzigen langen Faden besteht, sondern aus vielen, die mal länger, mal kürzer sind. Und wie ein Buch bewerten, wenn der Autor ein Meister seines Faches ist und man zu ihm mit Respekt und Bewunderung hinaufschaut? Ich entscheide mich, an dieser Stelle mal einen anderen Weg zu gehen, nicht die vielen Geschichten nachzuerzählen, sondern zu beschreiben, wie das Buch und ich die vergangenen zwei bis drei Wochen verbracht haben.

Es war schon mutig, aber auch blauäugig zu glauben, als ich den rund 1.000-seitigen Wälzer aus dem Buchregal nahm (in guter Nachbarschaft anderer Werke amerikanischer Autoren stehend), dass ich mühelos die Seiten durchpflügen würde. Der Beginn las sich wunderbar. Don DeLillo blickt auf ein berühmtes Baseball-Spiel 1951 zwischen den New York Giants und den Brooklyn Dodgers zurück, das nicht nur Persönlichkeiten wie Frank Sinatra und der FBI-Gründer J. Edgar Hoover live im Stadion verfolgten, dass auch mit dem überraschenden Sieg der Giants durch einen Homerun am Spielende Sportgeschichte schreiben sollte. DeLillo verknüpft schon in diesem Kapitel verschiedene Handlungsfäden zusammen und beschreibt das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Diese stilistische Besonderheit zieht sich schließlich durch das ganze Mammut-Werk, wobei in den ingesamt acht Teilen und dem Epilog zum Abschluss die Fäden ineinanderverwoben werden. So lerne ich die Brüder Nick und Matt kennen, deren Vater verschwunden sein soll, als beide Jungen noch Kinder waren. Während Matt später in der Wüste Nevadas in einem militärischen Forschungszentrum unter der Erde arbeitet, wird Nick in den kommenden Jahren zu einem Spezialisten in Sachen Müll. Die atomare Bedrohung und das Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion sowie die kläglichen, jedoch im Umfang riesigen Hinterlassenschaften der Menschheit sind Themen, die das ganze Buch durchziehen – wie auch jener Baseball, der einst von Thomson hoch hinaus geschlagen wurde und im Laufe der Jahre durch viele Hände gehen soll.

Mit der Lektüre reise ich nicht nur durch die Jahre und Jahrzehnte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, meine literarische Tour führt mich auch durch die Staaten – von New York bis Arizona. Selbst das weit entfernte Kasachstan liegt am Schluss meiner Route. Von Kapitel zu Kapitel lerne ich nicht nur all die fiktiven Gestalten kennen, denen DeLillo Leben eingehaucht hat, immer wieder treffe ich auf bekannte Gesichter: Sinatra und Hoover, den legendären Komiker Lenny Bruce. Mit den Tagen und Wochen muss sich das dicke Werk indes ab und an in Geduld üben, manchmal sind nur wenige Seiten zu schaffen, manchmal jedoch pflüge ich wirklich durch die Passagen. Begeistert von der poetischen Prosa, den Szenen und Bildern voller Lebendigkeit und Eindringlichkeit, die einen bannen, festzurren, nicht mehr loslassen wollen. Immer wieder wird mir auch der Grund des Titel klar, finden sich doch markante Anspielungen: ein gleichnamiger, indes fiktiver Film des russischen Filmpioniers Sergej Eisenstein, der Blick von Dächern der New Yorker Wolkenkratzer hinab in die Straßenschluchten, die Bunker und unterirdische Gänge als vermeintlicher Schutz vor der atomaren Verstrahlung.

Große gesellschaftliche Fragen und Themen stehen ebenso auf dem Tableau wie das kleine Leben des Einzelnen gegenüber dem unausweichlichen Lauf der Geschichte. Alle entscheidenden Themen der Menschheit kommen hier in einem einzigartigen Panorama zusammen: die Macht der Wirtschaft, die Macht der Elite, die Klauen des Krieges und der Gewalt, die Kraft der Kunst. Vietnam ist hier ebenso Teil des menschlichen Handelns wie die riesigen Malereien auf längst vergessenen und ausrangierten Militärbombern in der Wüste Arizonas, ein Projekt der Künstlerin Klara Sax, die mit Nick einst eine kurze, aber heftige Affäre verband, die sich später auf die Suche nach einem jungen Graffiti-Künstler begibt, der am Ende des Romans im Ghetto sein kümmerliches Dasein fristet. Obwohl die Geschichten und Lebensläufe als ein nahezu undurchdringliches Netz erscheinen – zum Schluss fügen sie sich hingegen zu einem großen Mosaik zusammen, das einen indes randvoll mit Melancholie zurücklässt. Weil letztlich so viel Zerstörung geschehen ist und geschieht. Das dicke Buch hat tiefe Spuren hinterlassen und bleibt unvergessen. Und auch ich habe in ihm Spuren hinterlassen: unterstrichene Zeilen, Markierungen am Rande. Auf vielen Seiten, für all die mit Bedeutung und Poesie geladenen Wörter und Sätze.

Der Roman „Unterwelt“ von Don DeLillo erschien 1997 im amerikanischen Original mit dem Titel „Underworld“, 1998 im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2000 als Taschenbuch bei Goldmann, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Frank Heibert.

Gestrandet – Jean-Michel Guenassia "Der Club der unverbesserlichen Optimisten"

„Überzeugungen und Hoffnung unterliegen nicht der Logik.“ 

 Die Schule ödet ihn an. Gelangweilt ist Michel von Lehrern und dem Unterricht. Den übersteht er nur heimlich lesend. Selbst auf dem Schulweg steckt der Zwölfjährige die Nase in ein Buch. Es sind die 60er Jahre, die Zeit des Rock’n‘ Roll. Auch Michel lässt die Musik nicht mehr los. Nebenbei probiert er sich im Fotografieren und zeigt sich als Champion am Tischkicker. Eines Tages entdeckt der Junge in seinem Stammlokal „Balto“ eine Gruppe mit Männern, die, gut versteckt hinter einem Vorhang, dem Schachspiel frönen. Michel stößt dazu und lernt in den folgenden fünf Jahren die Männer des Clubs der unverbesserlichen Optimisten genau kennen, der dem Roman des Franzosen Jean-Michel Guenassia auch den Namen gibt.

Der Club versammelt Gestrandete, meist Intellektuelle aus Osteuropa, die in der Stalinzeit nach Paris geflohen waren, um ihren möglichen Tod oder einer langen Gefängnisstrafe zu entgehen, wie Igor, ein Arzt aus Leningrad, oder der ungarische Schauspieler Tibor. Auch der Deutsche Werner, der während des Zweiten Weltkrieges in den Reihen der Resistance gekämpft hatte, zählt zu dem illustren Kreis, zu dem die beiden großen Autoren Jean-Paul Sartre und Joseph Kessel dann und wann dazustoßen. All jene und eine ganze Reihe anderer Exilanten und Heimatloser kommen im „Balto“ zusammen, um Schach zu spielen, zu trinken, zu rauchen und zu diskutieren.

Michel wird in diesen Strudel aus verschiedenen Menschen mit ihren ganz verschiedenen Biografien hineingerissen und findet sich oftmals orientierungslos zwischen all den verschiedenen Ansichten und Meinungen über Gott und die Welt, Politik und Religion wieder. Doch auch er wird nicht vom Leben verschont: sein Freund Pierre stirbt im Algerien-Krieg, seine Bruder Franck ist auf der Flucht, weil er desertiert ist. Seine Eltern lassen sich scheiden, der Großvater geht zurück nach Italien, während Michel  die Schule bestehen muss und zum ersten Mal die Schmerzen einer verlorenen Liebe, die zu Camille, kennenlernen muss, die mit ihrer jüdischen Familie Frankreich in Richtung Israel verlässt.

All diese Lebensgeschichten verwebt Guenassia zu einem faszinierenden Porträt einer Zeit, wenn nicht sogar des 20. Jahrhunderts, mit seinen Erschütterungen und Schicksalen. Der 1950 in Algier geborene Autor schuf mit seinem wunderbaren Werk Figuren, die einem mit der Lektüre ans Herz wachsen und deren Erlebnisse erschüttern. Genauso einzigartig wie die Lebensbilder wird im Kopf des Lesers die Stadt Paris entstehen, mit ihren verschiedenen Vierteln, den kleinen Cafés und Bistros und dem Gemisch aus unterschiedlichen Kulturen und Menschenschlägen. Umrahmt wird die Handlung als Rückblick in den 60er Jahren spielend von der Begegnung zwischen Michel und dem Exilanten Pavel, die sich 1980 während der Beerdigung von Sartre wiedersehen.

Hätte der Held dieses Buch in den Händen gehalten, er wäre trotz der Gefahr lesend durch die Straßen gelaufen. Der gut 700-seitige Roman strahlt sehr viel Menschenliebe aus, ohne die Wucht geschichtlicher Ereignisse und die Macht auf einzelne Menschenleben auszublenden. Für sein Buch wurde Guenassia mit dem Prix Goncourt des lyceéns geehrt, für den von der Jugend gewählten besten Roman des Landes. Erwachsene werden ebenfalls begeistert sein und diesen grandiosen Roman sicherlich so schnell vergessen.

Der Roman „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia erschien im Insel-Verlag als Taschenbuch, in der Übersetzung aus dem Französischen von Eva Moldenhauer.
685 Seiten
9,99 Euro

Kindheitsmuster – Tomas Tranströmer "Die Erinnerungen sehen mich"

„In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe hat.“ 

Dichter haben viel zu erzählen, auch über ihre Werke hinaus. Sie erscheinen als mitteilsam, ohne dass ihre Worte jemals als überflüssig gelten. Ihre Beschreibungen, Erzählungen, Reflexionen und Analysen zeigen Bilder der Welt. Wie sie zum Schreiben gekommen sind, warum sie schreiben und welche Rolle dieser künstlerische Akt spielt, sind die interessantesten Fragen, die sich Literaturliebhaber stellen können und müssen. So sind Biografien, vor allem autobiografische Werke eine gute Quelle, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Mehr noch: Sie zeichnen ein Bild des Künstlers selbst, über seine Werke hinaus.  Kindheitsmuster – Tomas Tranströmer "Die Erinnerungen sehen mich" weiterlesen

Traumatlas – David Mitchell "Number 9 Dream"


„Vertraue nicht darauf, was du denkst. Vertraue darauf, was du träumst.“ 

 Eiji Miyake verschlägt es nach Tokio. Der 19-Jährige ist auf der Suche nach seinem Vater, der ihn kurz nach der Geburt im Stich gelassen hat. Jahre sind seitdem vergangen, der tragische Tod seiner Zwillingsschwester Anju genauso wie die letzte Begegnung mit Eijis Mutter. Doch die Suche gestaltet sich schwierig: Tokio ist eine Millionen-Metropole, durchzogen von Betonpisten und U-Bahn-Röhren, und das plötzliche Auftauchen des Jungen ist alles andere als erwünscht. Eine Kollegin des Vaters und dessen derzeitige Frau versuchen mit allen Mitteln, ein Treffen beider zu verhindern.
Sein Job in einem Fundbüro, seine Gitarre, auf der er Lennon-Songs spielt, die Freundschaft mit seinem Vermieter Buntaro, Besuchen in Spielcasinos und seine Träume halten ihn „über Wasser“, um in diesem technokratischen Moloch und Ameisenstaat, in der auch noch drei Mafiabosse sich gegenseitig ausradieren, nicht unterzugehen.

Das kleine, wie große Wort „Dream“ findet sich deshalb auch im Titel des Romans „Number 9 Dream“ von David Mitchell wieder, der bereits drei Jahre vor seinem Bestseller „Der Wolkenatlas“ veröffentlicht wurde. Beide Bücher ähneln sich, ohne damit ihren ganz eigenen Reiz zu verlieren. Denn in beiden spinnt  der Engländer mehrere Fäden, verknüpft mehrere meist wundersame Geschichten miteinander. Da sind zum einen die zahlreichen Träume des Jungen als Spiegel seiner Erlebnisse, Wünsche und Hoffnungen, die schier ineinander fließen. Zum anderen wird eine fantatische Geschichte mit den Abenteuern rund um einen schreibenden Ziegenbock (wie herrlich sein Name – Goatwriter) sowie dessen beide Mitbewohner eine Henne und einen Urmenschen sowie das Tagebuch von Enjis Großonkel eingebunden, der wenige Monate vor Kriegsende als Besatzungsmitglied und Selbstmordattentäter der Kaiten-Torpedo-Flotte während eines Angriffs auf einen Marinestützpunkt der Alliierten sein Leben ließ.

Trotz dieser zahlreichen Charaktere in vielen kleinen Nebenhandlungen bleibt der Fokus auf Enji gerichtet. Er ist ein Held, nicht nur mit Blick auf seine Rolle als Hauptperson des Buches. Der junge Mann überlebt seine Begegnungen mit der Yakuza, der japanischen Mafia, für die ein Menschenleben nicht viel wert ist, genauso wie die zahlreichen Rückschläge bei der Suche nach seinem Vater. Doch trotz all dieser lebensgefährlichen beziehungsweise ernüchternden Erlebnisse hat Enji auch Freunde an seiner Seite. Allen voran Ai, Bedienung in seinem Stammcafé und Musikstudentin, in die er sich verliebt.

In vielen Szenen des Buches zieht man Vergleiche mit den Romanen von Haruki Murakami in denen ebenfall die Grenzen zwischen der erzählten Fiktion einer durchaus realen Story und einer zweiten,  fantastischen Ebene verschwimmen. Mit diesem Vergleich kann man mit reinem Gewissen nicht nur dieses Buch von Mitchell empfehlen. Nein, man sollte es preisen als einen ungewöhnlichen und fesselnden Roman, der nicht nur Unterhaltungswert besitzt, sondern mit seinen zahlreichen Anspielungen, gesellschaftstkritischen Anmerkungen und einer hochpoetischen Sprache vor allem eines abverlangt: Geist.   

Der Roman „Number 9 Dream“ von David Mitchell erschien als Taschenbuch im Rowohlt-Taschenbuch-Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Volker Oldenburg.
544 Seiten
Preis: 12,99 Euro



Auch Hundertjährige wollen doch nur spielen!

Manch Spielenachmittag verhilft zu existenziellen Erkenntnissen. In jenem Fall ist ein Spielevormittag gemeint, nach einem reichlichen Frühstück mit frischem Kaffee und Brötchen, Honig und Familiennutella-Glas als Gast bei den Erdmanns in gemütlicher Runde. Zwischen den ersten Partien eines Kartenspiels, bei der der blutige Laie mit dem Glück des Anfängers jubelnd, gar kreischend die alten Hasen schlug, fiel der Blick auf die Verpackung des Spiels. Bei der Angabe des Alters für mögliche Spieler waren die Zahlen 10 und 99 vermerkt. Nun, fragten wir uns, warum sollte es Hundertjährigen nicht gestattet sein, mitzuspielen.

Schließlich können die Betagten auch durchaus agil sein und wie im Fall eines derzeit berühmt-berüchtigten schwedischen Helden („Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“) sogar aus Altersheimen türmen und die gesamte Nachbarschaft im Umkreis mehrerer Kilometer auf den Kopf stellen. Gut, Altersbeschränkungen gibt es ja  bekanntlich viele im Verlauf unseres Lebens, von blutigen oder allzu erotischen Kinofilmen über den Alkoholausschank bis zur Wahlberechtigung und die Heiratsfähigkeit. Aber für einen Hundertjährigen muss doch mittlerweile die Welt offen stehen – sowohl für die „Nur für Personen ab 18 Jahren“-Ecke in der Videothek bis hin zu den Spielen, die selbst Kinder nutzen können.

Aber womöglich sind die Senioren im dreistelligen Alter zu weise und zu ausgebufft. Sie würden jeden Teilnehmer der Runde blass aussehen lassen. Oder die Spielunternehmen haben Angst, dass sie eines Tages verklagt werden, weil während einer Partie einer der Teilnehmer angesichts der körperlichen oder nervlichen Belastung verstirbt und die anderen mit einem Traumata zurücklässt. Aber wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Also sollte vielleicht eine Petition gemacht werden, um im Grundgesetz eindeutig zu verankern, dass Spiele ein Grundrecht sind, für das Kind wie für den hundertjährigen Erwachsenen. Nur so wachsen die Generationen zusammen, und wer sagt denn, dass sie nicht einen besonderen Effekt auf das Wohlbefinden haben. So ein herzlicher Jubelschrei ist doch ein Jungbrunnen, und wenn dann noch die anderen Mitspieler bei der nächsten Partie erneut alt aussehen – bingo!

Foto: Lupo/pixelio.de

Die Gondel im Keller – Wlodzimiercz Odojewski "Ein Sommer in Venedig"

„… da war dieses kaum spürbare Etwas, das wie der Flügelschlag eines Vogels im Flug kurz sein Bewußtsein gestreift und ihn hatte erschaudern lassen, gleich wieder ganz weit weg.“ 

Perlen sind bekanntlich kostbar, aber klein und gut versteckt. Und auch in Bücherregalen gibt es diese Schätze von geringer Gestalt. Man muss sie nur finden zwischen all den voluminösen Bänden mit den wohlklingenden Titeln von wohlbekannten Autoren. Bei der deutschen Ausgabe des Romans „Ein Sommer in Venedig“ des Polen Wlodzimierz Odojewski reizt indes schon das Titelfoto. Sowohl auf der gebundenen Ausgabe als auch in der als Taschenbuch horcht ein Junge an einer Muschel, seine Augen sind geschlossen, ein zartes Lächeln im Gesicht. Er scheint tief versunken, ganz den Geräuschen zugetan.

So auch der Held in diesem dünnen, gerade mal nur wenig mehr als 120 Seiten umfassenden Roman mit dem Namen Marek. Statt im Sommer auf eine Fahrt nach Venedig, in die Stadt der Gondeln und Kanäle, aufzubrechen, muss er zu Tante Weronika. Der Junge ist verärgert, hatte er sich doch auf die Sommerreise sehr gefreut und sich in seinen Gedanken schon alles ausgemalt. Die Schwester seiner Mutter bewohnt auf dem Land eine schmucke Jugendstilvilla, die von Obstbäumen und verwunschenen Gärten umgeben wird. Die Bewirtschaftung des Gutes verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit, ihren Wunsch, ein Kurhotel zu eröffnen, träumt sie nur. Doch eines Tages findet Marek im Keller eine Quelle. Eine weitere Schwester von Mareks Mutter, Barbara, stößt ebenfalls zu Marek und seiner Tante hinzu.

Die Villa wird so zur Zufluchtsstätte für Familie und Freunde. Doch dann verwandelt Barbaras Idee von einem Tag auf den anderen jedoch das unheilvolle Geschehen, als im Sommer 1939 der Krieg ausbricht, auch Mareks Vater an die Front muss. Im Wasser bilden hastig in den Keller gebrachte Möbel Brücken, Waschzuber verwandeln sich in Gondeln. Und leuchtende Lampions dürfen auch nicht fehlen. Der Neunjährige wird zu einem Teil dieser berückenden Szenerie, die sich als fantasievolle Idylle gegen die Höhle des Krieges stellt und die eigentliche Reise an den Originalschauplatz von Gondeln und Kähnen vergessen lässt. Doch auch den Krieg bekommt Marek zu spüren, obwohl die Erwachsenen versuchen, ihre Angst und Sorgen dem Kind nicht spüren zu lassen. Doch Bomben fallen, Menschen flüchten in Scharen von Ost nach West später wieder von West nach Ost, es gibt Tote. Marek sieht einen gefallenen Soldaten, der in einem Bombentrichter liegt. Und auch der kommende Holocaust kündigt sich an in der Person des jüdischen Jungen Naumek, der so wunderbar Geige spielen kann und in Mareks Traum von Unbekannten abgeführt wird.

Wer den Krieg überlebt hat und wer nicht, lässt Odojewksi offen. Einzig das Schicksal Mareks erzählt er, der die grauenhaften Jahre übersteht und in der späteren Zeit die Welt gesehen hat – ausgenommen Venedig. Das bezaubernde Buch schließt damit und hinterlässt Spuren, vor allem eine bedrückende Melancholie. Auch wenn die Geschichte ein gutes Ende findet und diese für den Jungen geschaffene Insel der Freude im Keller von Tanta Barbara ihre Aufgabe erfüllt hat: dem Kind ein Stück Kindheit zu erhalten, abgeschlossen von dem Entsetzen der großen Welt, die in Scherben fällt.

Odojewski ist eine poetische Perle von Buch gelungen, eine, mit deren Geschichte und Charakteren man sehr mitfühlt und die in einem lange nachhallt. Trotz seines eher unauffälligen Umfangs.

Der Roman „Ein Sommer in Venedig“ von Włodzimierz Odojewski erschien als gebundene Ausgabe im SchirmerGraf Verlag, als Taschenbuch im dtv-Verlag in der Übersetzung aus dem Polnischen von Barbara Schaefer.
128 Seiten, 7,90 Euro