Into the Wild – David Wroblewski "Die Geschichte des Edgar Sawtelle"

 

Es war über eine lange Zeit eine Idylle: die Farm der Sawtelles in Winsconsin, im Norden der USA nahe der Großen Seen. Die Familie, Trudy, Gar und ihr Sohn Edgar, lebt zurückgezogen auf dem Land. Alle drei haben ihr Leben einer großen Leidenschaft verschrieben – der Aufzucht und dem Training ihrer Hunde; ganz besonderen Tiere mit speziellen Eigenschaften. Mit der Zucht hatte Edgars Großvater begonnen, die Familie führt dieses lebendige Erbe fort, das allerdings auch ihr einziges Einkommen bildet.
Während Gar sich den Gesetzen der Zucht und der Aufzeichnung der körperlichen Eigenschaften und Charaktereigenheiten jedes einzelnen Tieres widmet, kümmern sich Trudy und Edgar um das Training. Mit Strenge und eiserner Disziplin. Obwohl der intelligente Junge ein besonderes Handicap besitzt: Er ist seit seiner Geburt stumm und verständigt sich in einer selbst entwickelten Gebärdensprache mit seinen Eltern und den Hunden. Er ist es auch, der mit Hilfe eines Wörterbuches den Tieren ihren Namen gibt.
Als plötzlich Gars Bruder und Edgars Onkel Claude auf der Farm auftaucht, verschwindet der Frieden. Eines Tages stirbt Gar, und Edgar glaubt nicht an einen natürlichen Tod. Er verdächtigt Claude. Als es zu einem weiteren Unfall kommt, flieht der Junge mit einigen Tieren eines Wurfes, den er in Obhut genommen hatte. Gemeinsam mit Essay, Tinder und Baboo verlässt er Hals über Kopf sein Zuhause und schlägt sich durch die Wildnis schlagen. Zurückbleiben seine Mutter und Hündin Almondine, mit der Edgar aufgewachsen ist und zu der er eine enge Beziehung hatte.

Doch dies ist nicht das Ende des Romans „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ des Amerikaners David Wroblewski, dessen Eltern selbst eine Hundezucht führten und der auf einer Farm in Wisconsin aufgewachsen ist. Die Geschichte geht weiter und das muss sich auch. Denn das Buch trägt etwas ganz Besonderes in sich. Es ist nicht nur die Story von Menschen mit ihren Hunden, es ist eine von Hunden mit ihren Menschen. Wie Wroblewksi die enge Bindung zwischen Tier und Menschen beschreibt und jedem Hund einen besonderen Charakter zuweist, ist bezaubernd. Hinzukommen eindrucksvolle Landschaftsbilder und eine Spannung, die einen an den knapp 700-Seiten-Wälzer fesselt.

Der große Held des Buches ist neben den Hunden der Junge Edgar. Der Autor zeichnet ihn als ein überdurchschnittlich intelligentes und sensibles Kind, das allerdings einige Härteprüfungen überstehen muss: der Tod des Vaters, später des Tierarztes der Familie und die beschwerliche Reise durch die Wildnis, bei der er Hunger und Durst leidet, von Stechmücken gepeinigt wird. Was man diesem wunderschönen Buch jedoch kritisch anrechnen muss, ist sein Hang zur Mystik. Edgar kann sich mit den Toten verständigen, und auch das Ende des Romans zeigt recht fantastische Züge und lässt den Leser dann doch recht verwundert zurück.
Trotzdem ist und bleibt diese Geschichte eine, die jeden Tier- und Naturfreund rührt und an deren Lektüre man sich sehr gern erinnert. Der Bestseller-Status in den USA mit anderthalb Millionen verkauften Exemplaren beweist es ebenso.

Die Geschichte des Edgar Sawtelle von David Wroblewski erschien in der Deutschen Verlags Anstalt und als Taschenbuch im btb-Verlag.
704 Seiten, 12,99 Euro

Das Große im Kleinen – Siegfried Lenz "Die Maske"

In den kleinen Geschichten des Lebens verbergen sich die großen Dinge des Lebens. Eine Begegnung, ein Ereignis, mag es noch so unbedeutend sein, kann später vieles bewegen, Bedeutung geben. Eine Einstellung oder der Blick auf den Charakter einer Person kann sich wandeln. Entscheidungen werden oft schnell gefällt.

Eine Erzählungen ist die literarische Form per se, rasche und überraschende Veränderungen darzustellen. Sie erfordern einen guten Überblick sowohl auf das Detail als auch auf ein Gesamtbild sowie Konzentration. Ausschweifende Beschreibungen gibt es nicht. Und auch wenn der Roman die Königsklasse ist, ein Autor von guten Erzählungen ist ein wahrer Meister.

In der Meisterklasse ganz oben hat für mich Siegfried Lenz Platz genommen. In der Vergangenheit vor allem durch seine Romane, nun griff ich zu seinem neu erschienenen Erzählband „Die Maske“. Ein schmales Bändchen mit etwas mehr als 120 Seiten, das Inhaltsverzeichnis ist kurz, fünf Erzählungen sind es nur.
Sie erzählen von einem Museumswärter, der einen Überfall nutzt, gleich sein Lieblingsbild zu entwenden, von einer chinesischen Truhe, die an Land gespült, Tiermasken enthält und ein ganzes Dorf auf den Kopf stellt. Ein Geschichte erzählt von einer Ehrung eines Schiffskapitäns, eine andere von einem Schriftsteller, der wiederum mit einer Geschichte seinem verstorbenen Sohn ein Denkmal setzt. Die letzte Erzählung beschreibt das Treffen eines Journalisten mit einem Filmregisseur.

In allen fünf Texten erkennt man Lenz, seine Reduktion auf das Wesentliche, auf einfache Menschen, die trotzdem mit ihrem einfachen Leben besondere Geschichten erzählen. Und immer wieder spielt das Schreiben und das Erzählen als Rückblick eine große Rolle. Biografische Erlebnisse und Erfahrungen, wie die Zeit als Lenz als Journalist arbeitete, fließen ein. So fängt man sowohl die Vielfalt des Lebens als auch seine immergleichen Muster ein, vielleicht nur so. Lenz Sprache ist einfach, aber zugleich poetisch. Er überrascht mit seinen Wendungen und gibt mit seinen Erzählungen zugleich Zeit, innezuhalten, mit der fiktiven Geschichte als Beispiel das reale Dasein zu hinterfragen. So soll Literatur sein, ihre größte Aufgabe, für die sie jederzeit Bewunderung verdient. Auch im Fall dieses doch so schmalen Buches.

„Die Maske“  von Siegfried Lenz erschien im Verlag Hoffmann & Campe.
Oktober 2011
128 Seiten, 17,99 Euro
    

Absturz – William Boyd "Einfache Gewitter"

In einem Restaurant in London treffen zufällig der Klimaforscher und Wolkenexperte Adam Kindred und der Immunologe Philip Wang aufeinander. Nach dem Gespräch bleiben Wangs Unterlagen zurück. Kindred will die Papiere zurückgegeben. Doch als der Klimaforscher Wang in dessen Hotel vorfindet, hat dieser ein Brotmesser in der Brust und stirbt wenig später. Für Kindred beginnt ein neues Leben und ein Wettlauf um die eigene Existenz: Er wird sowohl von der Polizei als Mordverdächtiger als auch von Wangs Mörder verfolgt, der an die Unterlagen des Immunologen herankommen will.
Denn Kindred ahnt noch nicht, welche Brisanz in diesen steckt, als er in der Metropole untertauchen muss. Eine kleine Wildnis an der Themse in der Nähe der Chelsea Bridge wird seine erste Zuflucht. Als eine Art Robinson lebt er ohne ein Dach über dem Kopf, ohne Auskommen und regelmäßiges Essen. Da muss auch schon einmal eine Möwe als Mahlzeit erhalten. Passé sind die sorglosen, kreditkartenverwöhnten Zeiten als anerkannter Wissenschaftler. Als Kindred die Prostituierte Mhouse kennengelernt und in ihrer Wohnung in einem Slum-Viertel einzieht, scheint er vorerst Ruhe zu haben. Doch der Killer Jonjo bleibt weiterhin an dessen Fersen. Kindred muss wieder fliehen. Mit einer neuen Identität mit neuer Wohnung und einem Job als Pflegekraft in einem Klinikum schafft es Kindred, den Hintergrund der brisanten Unterlagen zu recherchieren, die ihn zu dem Pharma-Unternehmens Calenteure-Deutz und zu dessen medizinischen Tests führen. Ein neues Mittel gegen Asthma soll auf den Markt gebracht werden. Kindred erkennt einen Skandal riesigen Ausmaßes, den Grund für Wangs Tod als Calenteure-Deutz-Forscher und dreht den Spieß um: Er wird nun der Verfolger.

Es braut sich nichts zusammen im Roman „Einfache Gewitter“ des Briten William Boyd. Man wird vielmehr in ein riesiges Gewitter geworfen und verfolgt atemlos diese Geschichte, die intelligent konstruiert und auch so geschrieben wurde. Das Buch ist ein wahrer Pageturner, eines, das man so schnell nicht, wenn überhaupt aus der Hand liegt. Boyd wechselt geschickt Handlungsorte und -geschehen, baut einen massiven Spannungsbogen und setzt bemerkenswerte Kontraste. Er erzählt vom einfachen Dasein des Adam Kindred, der zurückgezogen und verwahrlost an der Themse haust, um wenig später vom Luxus verwöhnten Leben des Geschäftsführers des Pharmaunternehmens, Ingram Fryzer, zu berichten, von seinen Eskapaden mit der Familie und der Firma.

Zwischen dieser atemlosen Spannung hat man dann doch mal Zeit, in der Story innezuhalten und über ihre darin enthaltene Gesellschaftskritik zu philosophieren. Was machen Pharma-Riesen, wenn die Tests unerwartete Ergebnisse zutage bringen?  In diesem Fall gehen sie über Leichen, in den Augen der Firmenchefs glänzen nur die Dollarzeichen. Sie sehen nur den eigenen Gewinn, Moral und Gewissen sind vergessene ethische Kategorien, angesichts Milliarden-Gewinne und guter Publicity. Die Familien der Opfer stellt man mit einem geringfügigen Schadenersatz ruhig. Es mutet dann schon etwas merkwürdig an, wenn Boyd in jenen Beschreibungen rund um die Pharmaindustrie und ihre großen Köpfe einen leichten ironischen, wenn nicht sogar zynischen Ton anschlägt. Es ist indes die richtige Art, weil sie offenbart, bloßstellt und kritisiert. Und das rücksichtslos.

Doch die Geschichte spielt auf ein weiteres Thema an: Wie bereits in Boyds ebenfalls fabelhaften Roman „Ruhelos“ widmet sich der 1952 in Ghana geborene Autor  der Frage, wie sich ein Individuum verhält, wenn plötzlich wie aus heiterem Himmel sein Leben schwankt und es aus den Bahnen gerät. Eigentlich ein neues beginnen muss. Adam Kindred verliert viel, gewinnt jedoch am Ende. Das Ende ist nur auf den ersten Blick glücklich. Kindred kann sich nie sicher fühlen.  

„Einfache Gewitter“ von William Boyd erschien im Berlin Verlag
Oktober 2009, (Taschenbuch Oktober 2010)
448 Seiten, 25 Euro

 

Selbstbehauptung – Angelika Klüssendorf "Das Mädchen"

Sie ist zwölf und sie kennt bereits die dunklen Schatten des Lebens. Ihre Mutter lässt sie und ihren kleinen Bruder Alex tagelang allein, die Mutter schlägt zu, wenn es ihr gerade mal passt, sie pöbelt die Kinder an, beschimpft sie im unflätigen Ton, zwingt sie zum Putzen. Der Vater taucht nur unregelmäßig in der Wohnung auf. Sie muss dann Bier holen für den feuchtfröhlichen Abend der Eltern, der im Suff endet. Das Mädchen erlebt, wie die Mutter mit einer Stricknadel eine Fehlgeburt erzwingen will, wie sie Männer anschleppt, die sie auf der Arbeit in der Mitropa kennengelernt hat. Es ist die Zeit der DDR, als Händler noch die Milch bringen, das Lied „Der Tag als Conny Kramer starb“ im Radio läuft.

Liest man die ersten Seiten des neuen Romans „Das Mädchen“ von Angelika Klüssendorf stockt einem der Atem. Es tauchen Erinnerungen auf an jene Kinder, die in den vergangenen Jahren für Schlagzeilen sorgten, weil sie zu Tode geprügelt worden und verhungert sind. Nie war Hilfe in Sicht, und es waren reale Schicksale. Im Fall des Mädchens entwirft die Autorin indes eine Person, die sich selbst hilft und sich immer wieder auf die Beine stellt, egal, wie tief sie gesunken ist, wie oft sie die unberechenbare Brutalität der eigenen Mutter spüren muss. Selbst die schäbigsten Plätze werden für das Mädchen zu einer Idylle: Im Kohlenkeller, in den sie eingesperrt wird, liest sie Brehms Tierleben und die Krimigeschichten ihres Vaters, in einem verwahrlosten Garten macht sie die Bekanntschaft mit einem Hund. Elvira aus einer armen Familie ist ihre engste Freundin. Das Mädchen läuft oft davon, irrt herum.
Nach einer Zeit bei dem Vater, der mit einer neuen Frau eine neue Existenz an der Ostsee aufbauen will, kommt das Mädchen in ein Kinderheim, das Abseits liegt. Hier behauptet sie sich, wenn auch mit teilweise unmoralischen Verhalten, Sie klaut und schlägt auch mal zu. Die gewaltreiche Kindheit hinterlässt ihre Spuren.

Doch neben diesen entsetzlichen, eindrücklich beschriebenen Szenen setzt Angelika Klüssendorf, 1958 in Ahrensburg geboren und Autorin von Erzählungen, einen besonderen Kontrast: Humor, den man in dieser Geschichte eigentlich am wenigsten erwartet hätte. Doch er wirkt nicht fehlplatziert. Im Gegenteil. Nur so zeigt sich die innere Kraft, der Willen und diese hartnäckige Lebensfreude des Mädchens, sich weder von ihren Eltern noch von fiesen Typen im Heim unterkriegen zu lassen. Sie erntet Respekt und geht ihren Weg, dessen Steine sie nicht umgeht, die sie vielmehr prägen. Sie weiß: Sie kann sich nur auf sich selbst verlassen. Jede Vorfreude auf ein Happy End mit ihrer Mutter wird getrübt mit jeder weiteren Enttäuschung, das ist ihre größte Erkenntnis.

Der Roman schmerzt, doch nur so hinterlässt großartige Literatur ihre Spuren. Man sollte mitfühlen und mitleiden. Mit dem Mädchen, dessen Kindheit und Jugend der Leser verfolgt, schuf Angelika Klüssendorf eine Heldin, die man so schnell nicht aus dem Kopf und vor allem nicht aus den Herz bekommt. Trotz ihrer Fehler, ihrer negativen Eigenheiten. Wenn man schließlich das Buch nach etwas mehr als 180 Seiten und nach vier Lebensjahren des Mädchens zuklappt, fühlt man vieles: Wut über die Gewalt, Respekt vor der Kraft des Mädchen und eine gewisse Traurigkeit, da solche Schicksale nicht nur Fiktion sind.

Das Mädchen von Angelika Klüssendorf erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch.
August 2011
192 Seiten, 18,99 Euro

Jans Jugend – Thomas Lang "Bodenlos"

Füchten ist nicht unbedingt der geeignete Ort, eine aufregende Jugend zu verbringen. Hier leben gerade einmal ein paar Tausend Einwohner, ganz in der Nähe einer Raketenbasis der Nato. Es sind die 80er Jahre, die Zeit, als Privatfernsehen oder Teletext für Diskussionen sorgt, die Musik der Neuen Deutschen Welle oder eines David Bowie auf Langspielplatten in kleinen Elektroläden zu kaufen gibt. Wenn man Glück hat. Die Jugend sträubt sich mit Protesten gegen die Aufrüstung und die biedere Elterngeneration. Dann und wann wird im Eifer  der eigenen inneren Wut und Unzufriedenheit der Lack einer „fetten“ Limousine zerkratzt.

Der 18-jährige Jan schottet sich nahezu vom Rest der Welt ab. Er lebt in seiner eigenen – nur zu seiner Schwester An, den fünf Hunden der Familie und seinem Freund Torsten hat er Zugang. Seinen Eltern geht er eher aus dem Weg und vergräbt sich in Büchern und seinen eigenen Texten. Und kurz vor dem Abitur stehend, weiß er auch noch nicht, wohin es ihn führen soll. Doch der Gedanke an die Zukunft tritt in den Hintergrund, als eine Tragödie nach der anderen über Jan und seine Mitschüler hinwegfegen. Ein Mitschüler und Bandmitglied stirbt bei einem Autounfall, auch der zweite ältere Bruder von Torsten begeht Selbstmord und dann geschieht direkt für Jan das Unfassbare. Seine Schwester An wird ebenfalls während eines Verkehrsunfalls getötet. Der Boden unter den Füßen von Jan Bodenlos schwankt.

Thomas Langs Roman „Bodenlos“ – der Titel sicherlich sowohl mit Blick auf den Helden als auch auf dessen Situation treffend gewählt – erzählt eine Geschichte, die viele Themen und den Leser berühren. Neben der Beschreibung einer Jugend in einer westdeutschen Kleinstadt in den 80er Jahren, den Schwierigkeiten des Erwachsenenwerdens und mit der ersten Liebe beschreibt Lang, Jahrgang 1967 und Bachmann-Preisträger für einen Auszug aus seinen Roman „Am Seil“, die Gedankenwelt eines nachdenklichen, melancholischen Jugendlichen. Noch am Anfang mit einer herrlichen Freibad-Szene die Geschichte eröffnend, verliert sich mit jedem Kapitel die Lebenslust, Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Jan wohnt eine gewisse Todessehnsucht inne, die auch  Kiku, Tochter eines Japaners und einer Deutschen, nicht vertreiben kann, zu der Jan tiefe Gefühle empfindet. Als sie schließlich mit ihrer Mutter nach London zieht, bleibt Jan in Füchten zurück, wird der Kontakt nur über einige unregelmäßige Briefe aufrecht erhalten.

Sicherlich ist diese Ernsthaftigkeit des Buches, die zahlreichen schmerzhaften Geschehnisse und die Richtungslosigkeit seines Helden nicht unbedingt ein Grund, dieses Buch sofort mit Freude in die Hand zu nehmen.Das gewöhnungsbedürftige Coverbild lädt auch nicht dazu ein. Wer indes Entwicklungsromane und literarische Zeitporträts mag, wird diesen poetisch geschriebenen Roman regelrecht verschlingen, von ihm gefangen sein. Denn er enthält innerhalb der Handlung intelligente eingewobene Voraus- und Rückblicke sowie Szenen, die viel Liebe zum Detail und zur Ausgestaltung einer besonderen Stimmung verraten. An die Charaktere wird man lange denken müssen – ein gutes Zeichen, wie plastisch und lebendig sie gestaltet wurden und sie sich deshalb in Herz und Kopf eingegraben haben. Am Ende bleibt in einem eine Melancholie und Nachdenklichkeit zurück und die Frage, warum die Jugend sich immer so allein fühlen muss, vor allem warum die Generationen aneinandervorbeileben. 

Bodenlos von Thomas Lang erschien im vergangenen Jahr im Verlag C.H. Beck
416 Seiten, 21,95 Euro

Leben nach dem Ende – Denis Johnson "Fiskadoro"

Die Erde war zu Staub geworden, die moderne Zivilisation bis auf kümmerliche Reste hinweggefegt. Wenige Jahre nach einem verheerenden Atomkrieg lernt Mr. Cheung, der frühere Manager des Miami Sinfonieorchesters, den Fischersohn Fiskadoro kennen und bringt ihm das Klarinetten-Spielen bei. Mehr recht als schlecht. Es gibt Wichtigeres als die Kunst und Musikunterricht –  in jenem künftigen Florida, das zerstört ist von einer Atombombe. Eine weitere war damals nicht detoniert und liegt als warnendes Denkmal noch immer sichtbar nahe des Strandes. Leben nach dem Ende – Denis Johnson "Fiskadoro" weiterlesen

Müllbehälter mit literarischem Namen

Recht anspruchsvoll geht es auf dem Naumburger Weihnachtsmarkt zu. „Professor Unrat“ steht auf den Deckeln der stinknormalen Müllbehälter. Wie wohl der große Heinrich Mann auf die Nutzung des Titels seines bekannten Werkes reagieren würde? Womöglich würde er auch anderweitig wohl klingendere, weil literarische Namen vergeben. Ein Straßenmusikant sorgt für die „Dreigroschenoper“ (Bertolt Brecht). So manche Behörde erscheint kafkaesk wie das „Schloss“, ein nicht funktionierender und daraufhin von Fäusten traktierter Parkscheinautomat in Naumburg dagegen als „Blechtrommel“ (Günter Grass). Das wirre Treiben auf den Kirschfestwiesen erweist sich als „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ (William Makepeace Thackeray), ein untalentierter und für einen Wasserschaden sorgender Klempner-Azubi dafür als „Zauberlehrling“ (Johann Wolfgang Goethe). Und was wäre ein unfähiger Lokalpolitiker? „Der Mann ohne Eigenschaften“ (Robert Musil).

Der weiße Planet – Jørn Riel "Das Haus meiner Väter"

Der weiße Planet: eine von Eis und Schnee überzogene Landschaft, Monate der Dunkelheit wechseln sich mit Wochen im Schein der Mitternachtssonne ab. Nur die am besten Angepasstesten, ob Tier oder Mensch, überleben im rauen Klima der Arktis oder Antarktis. Doch trotz der unwirtlichen Verhältnisse – die Gegend rund um Nord- und Südpol zieht sowohl Entdecker als auch Naturfreunde magisch an.  Der weiße Planet – Jørn Riel "Das Haus meiner Väter" weiterlesen

Religion, Regeln und Ruhe – Klosterlandschaft Sachsen-Anhalts

In der modernen Zeit sind sie Ruhepole geworden, Ziele so manch gestresster Seele. In die historischen Mauern eines Klosters und in einen noch bestehenden Ordensalltag kehren Menschen ein, um für Tage oder Wochen der Hektik zu entfliehen. Doch über einen Erholungsurlaub und als Ausflugsziel hinaus haben diese Stätten eine besondere Bedeutung, und das seit Jahrhunderten. Sie waren Orte intensiven religiösen Lebens. Einige sind es noch immer. Zudem sind sie mit ihren eindrucksvollen Bauten architektonische Schätze einer Kulturlandschaft – auch jene in Sachsen-Anhalt, das reich ist an Klöstern.

 Klosterlandschaft Sachsen-Anhalt heißt ein Band, der in der Reihe Kulturreisen Sachsen-Anhalt im Verlag Janos Stekovics neu erschienen ist. 50 dieser religiösen Stätten in 43 Orten des Bundeslandes   widmet sich das 256-seitige  Buch. Aus dem Burgenlandkreis sind mit  Memleben, Schulpforte, Weißenfels, Zeitz und Posa fünf   Klöster vertreten. Es gibt nicht nur umfassende Informationen über  die einzelnen Klöster mit Angaben zu den Öffnungszeiten,  der Anreise und touristischen Angeboten sowie  zur Historie und dem Erhaltungszustand der Gebäude.   Der Leser erhält vor allem einen Überblick über die  zwischen Elbe und Saale ansässig gewesenen Ordensgemeinschaften,  ihre geschichtliche und kulturelle Bedeutung. Sogenannte Denkanstöße fordern zur Auseinandersetzung mit dem Thema Religion auf.

In einem Vorwort  zum Band schreiben  Harald Schwillus, Professor am Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, und Herausgeber Christian Antz über die Entstehung, das Wirken und die Regeln der verschiedenen Ordensgemeinschaften. In einem Geleitwort ermuntert Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zudem, die Klosterlandschaft mehr in das Bewusstsein zu rücken – eine Aufgabe, die der Band sich stellt.

Er ist mit seinen zahlreichen Abbildungen wie Fotos, Grundrissen und Lageplänen sowohl eine spannende und anschauliche Geschichtsstunde als auch eine Einladung, die Klöster Sachsen-Anhalts zu entdecken und damit ein bedeutsames kulturelles Erbe zu erleben. Ob nun nach und nach diszipliniert der alphabetischen Ordnung des Buches folgend oder nach der Devise die hiesigen zuerst – auf jeden Fall eignet sich das mit viel Detailfreude und Aufwand gestaltete Werk in seiner kompakten wie handlichen Form als Reiseführer.  Und sicherlich auch als besonderes Weihnachtsgeschenk: für Freunde der Geschichte, Architektur und Religion, oder aber auch für jene, die  in einem Kloster Erholung suchen und ihren Besuch in einer eindrucksvollen historischen Atmosphäre einfach (nur) genießen. 

Klosterlandschaft Sachsen-Anhalt erschien im Verlag Janos Stekovics
256 Seiten, 18,90 Euro

Fensterchen öffne dich!

Nach dem ersten Fensterchen kommt heute das zweite dran. Huch, was bloß drin ist? Und vielleicht  lässt sich auch gleich das dritte bis siebente öffnen. Beim Naschen ist Zügellosigkeit ab und an erlaubt. Wer sagt denn, dass ein mit Vollmilchschokolade gefüllter und damit eher preiswerter Adventskalender Disziplin verlangt. Die winzigen Nummern an den Türchen erwecken kaum das schlechte Gewissen.
Mit jenen eher  kostspieligen   und besonders gefüllten Varianten verhält es sich indes etwas anders. Mittlerweile  gibt es  von ihnen eine große Auswahl, je nach Geschmack des Konsumenten.  Teetrinker erleben  ebenso Abwechslung wie die süßen Kleinen mit  ihrem neuen Spielzeug für jeden Tag. Selbst Hund und Katz’ können wir eine Überraschung bieten, während wir immer noch in eher langweiliger Manier den Piepmätzen im Vogelhaus was zum Futtern vorsetzen.  Oder ob heute zu später Stunde in so mancher guter Stube am Fensterchen  genestelt wird  mit der Aussicht auf ein erotisches Bildchen?  Huch – bloß wieder zumachen, sonst sehen es noch die Kleinen.

Schreiben übers Schreiben – Siegfried Lenz "Selbstversetzung"

Er zählt zu den stillen Autoren. Wenig hört man von ihm. Die Herren Grass und Walser sind da schon lauter, öffentlichkeitswirksamer. Erscheint indes ein neues Werk von ihm, liest man einige Rezensionen in der Tagespresse. Sonst bleibt es ruhig um Siegfried Lenz. Nach Romanen wie „Deutschstunde“, „Arnes Nachlass“ oder „Schweigeminute“, letztere beide wunderschön, aber auch tieftraurig, fiel mir mit „Selbstversetzung“ kürzlich ein Buch mit Essays in die Hand.

Der recht schmale Band, vor fünf Jahren bei Hoffmann und Campe anlässlich des 80. Geburtstags  des Schriftstellers erschienen, enthält neun Texte, die sich vor allem dem Schreiben und der Literatur widmen. Der 1926 in Ostpreußen geborene Autor erzählt in ihnen vom Beginn seiner unter dem Wirken seines Deutschlehrers erwachten Leseleidenschaft, von seinem ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“, über den großen Einfluss Ernest Hemingways auf sein Schaffen und dem wachsenden Bekanntheitsgrad als Schriftsteller. Viel verrät Lenz dabei von sich: Er berichtet von seiner Kindheit, dem schnellen Erwachsenwerden im Krieg, seinen ersten Schritten als Schreibender, als Journalist. Mit einer nicht kühlen, von oben herabschauenden, sondern vielmehr einer herzenswarmen Ironie erzählt er unter anderem von seiner Straße, in der er mit seiner Frau ein Domizil gefunden hat.  Es sind somit sehr persönliche Erinnerungen und Erfahrungen – von einem großen deutschen Schriftsteller, der in der Jugend auch schon mal zu Groschenheften griff, um seine Lesesucht – Lenz schreibt, er wurde „mit Literatur infiziert“ – zu stillen.

Die Essay entstanden in den 60er und 70er Jahren und vermitteln ein persönlicheres Bild als es eine Biografie jemals zu zeichnen vermag. Wenn man die Werke von Lenz schätzt, sollte man auch zu jenem schmalen Band greifen, um einen Einblick in die Motivation für sein Schreiben zu erhalten. Denn es ist immer die große Frage: Warum schreiben, wenn es doch schon Literatur, gute Literatur gibt? Lenz dazu: „Ich wollte gleichzeitig verstehen und zugeben: so begann ich zu schreiben.“

Und wer Lenz noch nicht kennt? Sollte ihn kennenlernen. Nein, muss ihn kennenlernen. Wenn ich nur fünf Bücher auf eine einsame Insel mitnehmen könnte, ein Lenz wäre sicherlich dabei.

Selbstversetzung von Siegfried Lenz erschien bei Hoffmann und Campe.
Februar 2006
104 Seiten, 25 Euro

Die Zeitung – "Gefällt mir"

Im Kollegenkreis gibt es einen kleinen Reim, der die besondere Rolle der Zeitung auf den Punkt bringt: Zeitung lesen, dabei gewesen, Diese vier Worte fallen meist ironisch, wenn einer mal nicht auf den neuesten Stand ist. Dass der Spruch nun auch angesichts der herrschenden Präsenz von Facebook weiterhin Gültigkeit hat, verblüffte mich unlängst. Die bekannte Community nutzten wir, um über ein hier in Naumburg heiß diskutiertes Thema noch einmal zu berichten. Im Mittelpunkt stand der Text einer Kranzschleife zum Volkstrauertag mit den Worten „Wir gedenken der gefallenen Helden“. Hoch schlugen die Wellen der Empörung bei der Partei Die Linke. Doch ein Landtagsabgeordneter musste schließlich klein beigeben, als er die Zeitung aufschlug. Die Reaktionen auf seinen Facebook-Eintrag  las er dort zuerst, musste er freimütig gestehen – natürlich auf Facebook. Uns hat’s gefreut. Wurden wir doch eher registriert als die schnelllebigen und auch meist schnell hingetippten Meinungen und Einträge.

Und ist es nicht auch so, langsam wird’s zu viel. Es blinkt und piept nur noch, wenn Kommentare per Mail angekündigt werden. Die neuen Postings (ein schönes Wort, wenn man an die Behäbigkeit der Post denkt) sind oft so inhaltsleer, so ohne Aussage. Was bitte schön mache ich mit Einträgen über das gerade absolvierte Frühstück eines anderen, über Kopfschmerzen nach einem Saufgelauge – den virtuellen Salzstreuer oder die virtuelle Aspirin reichen? Wir kreieren Datenmüll und freuen uns noch darüber; das zeigen wir auch an mit einem „Gefällt mir“ auf das „Gefällt mir“. Leider sind gute Einträge Mangelware, wie kluge Kommentare in einer Diskussion, ein interessanter Link auf ein wirklich interessanten Beitrag oder eine richtige Antwort auf eine ernst gemeinte Frage.
Wir brauchen uns nicht zu beschweren, angesichts jener Zeit, die wir auf den Bildschirm glotzend vergeuden und uns etwas widmen, das dabei wenig Bedeutung für unser Leben hat. Und da ist die Zeitung wiederum im Vorteil. Sie hat einen bestimmten Umfang an Seiten und sie fordert auch kein Klick auf den „Gefällt mir“-Button, vielmehr Konzentration auf’s Lesen und ein Thema. Und sie raschelt so schön.

Ordnung ist beherrschtes Chaos

Ordnung ist das halbe Leben, mahnte mich einst ein Lehrer während einer dieser unzähligen und eher unaufgeregten Hofpausen meiner Schulzeit. In welchem Zusammenhang er das zu mir sagte, weiß ich heute, einige Jahre später, nicht mehr. Nur an eines kann ich mich erinnern: Ich sagte ihm, dass Ordnung nur ein Viertel meines Lebens sei. Ob auch diese Bruchrechnung aufgeht, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht sind aus dem Viertel im Laufe der Zeit vielmehr nur ein Achtel geworden. Aber warum sich mit Bruchrechnung beschäftigen und der Ordnung im Leben eine Nische geben, die man sowieso nicht findet in jenem Chaos, das Leben heißt.
Schon das Weltraum beweist es: Ständig fressen Schwarze Löcher Materie, ja ganze Galaxien verschwinden auf Nimmerwiedersehen, Galaxien, denen wir noch nicht einmal einen Namen gegeben haben, obwohl wir doch sonst so ordnungsliebend sein sollen.

Ein kleines Schwarzes Loch befindet sich unter meinem Couchtisch ähnlich dunkler Farbe. Es ist die Vorstufe vor der berühmt-berüchtigten Rundablage, also dem Papiercontainer oder Mülleimer. Doch so eine Ablage ist schon praktisch, schnell kann ich mich vor allem jener Dinge entledigen, für die ich vorerst keine Verwendung finde: Werbung in Zeitschriften, die Brillenetuis Nummer fünf und sechs, Microfaser-Brillenputztücher, Werbekugelschreiber, die nach wenigen Tagen eine leere Mine offenbaren. Was man da nicht alles findet, wenn man der Ordnung zuliebe dann doch mal wieder aufräumt. Aber warum Ordnung halten, wenn die Entdeckung der Dinge so viel Spaß macht. Und man spürt vor allem Sachen auf, die man eigentlich gar nicht gesucht hat: ein Handy-Schutz, der schließlich bei der Anprobe doch nicht passt, eine Panorama-Postkarte aus Schottland von einer Freundin. Kürzlich fand ich ein Foto, eine Aufnahme von einem Zirkus. Erinnerungen kamen auf. Jenes Bild entstand während meiner ersten Tour als Journalistin, nun gut als frische Praktikantin und damit angehende Journalistin. Es war meine erste Story, mit der ich am ersten Tag des Praktikums in der Lokalredaktion einer Tageszeitung ins „kalte Wasser“ geworfen wurde.

Und dieses Foto brachte mich zum Nachdenken: Das Leben ist nicht zur Hälfte Ordnung, vielmehr vielleicht eine Abfolge bunter Vorstellungen, bei denen auch mal die Pferde scheuen können, dem Jongleur die Kugel herunterfällt oder die Seiltänzerin vom Sicherheitsnetz aufgefangen werden muss. Dann geht den Musikern der Blaskapelle die Luft aus, und dem Direktor kann auch schon einmal der Hut herabfallen. Es geht also drunter und drüber. Die Beherrschung des unwägbaren Chaos ist dann die wirkliche Kunst, denke ich.

Foto: Thomas Nestke/pixelio.de

Eine Welt auf zwölf Quadratmetern – Emma Donoghue: "Raum"

Jacks Welt besteht aus einem Raum, etwas mehr als einen Dutzend Quadratmeter groß, mit Bett und Badewanne, Teppich und Fernseher und einem Kleiderschrank, in dem der fünfjährige Junge schläft. Ein Fenster gibt es nicht. Nur ein Oberlicht gibt dem Raum etwas Helligkeit, die den Tag von der Nacht trennt. Manchmal erblickt der Junge dort den Mond – der einzige Beweis für die Welt da draußen und der einzige, wenn auch leblose Zeuge der schrecklichen Geschehnisse. Geschehnisse, die einen an entsetzliche, indes auch reale Nachrichten von Entführungen und jahrelangen Missbrauchs erinnern, die trauriges Vorbild für den Roman „Raum“ der Amerikanerin Emma Donoghue sind.

Der Täter im Buch trägt den Namen Old Nick. Vor sieben Jahren entführte er Jacks Ma, damals eine junge Collagestudentin von gerade mal 19 Jahren. Er sperrte sie in den Raum, errichtet in einer Gartenlaube, abseits der Stadt und vergeht sich seitdem an ihr. Mehrmals, regelmäßig. Auch Jack – Ergebnis einer Vergewaltigung – wird diese Greueltaten erleben. Er schildert die Ereignisse und die Personen aus seiner kindlichen Sicht, mit seiner begrenzten, fehlerhaften Sprache, die sowohl Folge jener schrecklichen Lebensverhältnisse ist als auch das besondere sprachliche Merkmal des Buches bildet, das zum fünften Geburtstag des Jungen einsetzt und mit einem Neuanfang für Mutter und Kind im Draußen und nach vielen, ebenfalls schmerzhaften Ereignissen endet. Ereignisse, die den Leser sehr berühren, sich regelrecht eingraben und gerade durch die Perspektive des Kindes an Wirkung gewinnen.

Denn seine Erfahrungen begrenzen sich auf jenen Raum, auf die wenigen, abgenutzten Dinge oder jene Sachen, mit denen Old Nick die beiden versorgt. Jack kennt nicht die Welt da draußen, sondern eine künstliche Welt, die für seine Mutter und ihn in Form des licht- und schalldichten und versiegelten Raumes geschaffen wurde und die sich ab und an auch in Fernsehsendungen zeigen. Jacks Verhältnis zu seiner Mutter ist deshalb sehr eng. Sie versucht ihm so gut es den Umständen geht, ein „normales“ Leben über die reine Existenz hinaus zu bieten und ihn zu erziehen. Diese starke Bindung wird im Laufe des Buches indes auf eine Belastungsprobe gestellt, als das Kind nach der gelungenen Flucht mit jener anderen Welt konfrontiert wird und diese erste entdecken muss, jeden Quadratmeter, kleine und große Personen und Dinge und sich ob dieser Fremdheit Sehnsucht nach dem engen Raum hat.
Mit diesem Roman ist Donoghue ein besonderes Buch gelungen. Es packt einen, es beißt regelrecht und lässt einen so schnell nicht los. Man leidet mit, man lacht allerdings auch ab und an aufgrund Jacks kesser und neugieriger Blick auf die Welt und trotz der tieftraurigen und unvorstellbaren Erlebnisse. Man erfährt eine Achterbahn der Gefühle, vor allem weil es der Autorin wunderbar gelingt zu zeigen, dass die kleinen schönen Dinge des Lebens in ihrer Mehrzahl sowie Liebe, Hoffnung und Glaube manches Mal nicht von Schmerz, Gewalt und Qualen überwältigt werden können.

„Raum“ ist trotz seiner schockierenden Geschichte somit ein recht positives Buch – auch wenn die Realität meist ein Happyend nicht kennt. Donoghue setzt der engen Beziehung zwischen Mutter und Kind ein literarisches Denkmal, während sie einige Gesellschaftsbereiche dagegen scharf angreift, wie beispielsweise die sensationsgierige Medienwelt, die das Schicksal von Mutter und Sohn so gut es geht verkaufen will. Worauf allerdings die Autorin mit ihrer Geschichte keine Antwort weiß – wie kann so viel Gewalt und Menschenverachtung überhaupt entstehen.

Raum von Emma Donoghue ist im Piper-Verlag erschienen.
In der Übersetzung von Armin Gontermann
August 2011
416 Seiten, 19,99 Euro

Gedanken an Pa

Es ist Sonntag, Totensonntag. In Gedanken gehe ich zum Friedhof in Röderau, öffne das schmiedeeiserne Tor, laufe auf dem Weg zu den Urnengräbern, vorbei an der schmucken Kirche. Ich stehe vor einer roten Granittafel, vor einem Strauß mit Rosen, einem Gesteck, einem kleinen grauen Gedenkstein. Auf der Tafel ist der Name meines Vaters zu lesen. Der Herbst 2012 wird nicht als der goldene mir in Erinnerung bleiben, sondern als jener, in dem mein Vater starb. Mit 64 Jahren. Mein Leben geht weiter, doch vieles ist anders. Allzu gern würde ich den Telefonhörer in die Hand nehmen, ihn anrufen, mit ihm über dies und das reden, über Fußball, das Wetter und ja auch das Auto. Nie mehr wird er mich an der Haustür empfangen, mir Kartoffelpuffer machen, mich ermahnen, dass ich auf mich aufpassen soll. Und nie mehr werde ich ihn ermahnen, doch nicht die Bild-Zeitung zu kaufen.

Vieles erscheint mit seinem Tod banal, sogar jene Dinge des Alltags, die das Leben schön machen: gutes Essen, ein Kinobesuch, die Musik im Radio. Als er im Sterben lag, habe ich kaum Musik gehört, obwohl ich sie doch so liebe. Ich hatte die Gelegenheit, mich von ihm zu verabschieden, nicht in der frühen Stunde des 12. Oktober, als er einschlief, sondern an jenem Tag, an dem ihm bewusst war, dass er nicht mehr viel Lebenszeit hat. Wir sprachen nicht über das Traurige, sondern über die schönen gemeinsamen Erinnerungen: die Reisen nach Norwegen, die Urlaubstouren an die Ostsee. Als ich ihm von meiner jüngsten Reise an die Ostsee erzählte, blickte er stumm zum Fenster, als ob da draußen das Meer wäre. Später weinte ich. Schmerzlicher dann der Abschied mit der Beisetzung. Du hättest Dich gefreut, die gesamte Familie beieinander zu sehen, vor allem Deine Geschwister. Solveig hat mir gesagt, sie hätte dich gern mit nach Norwegen genommen. Du fehlst sehr – mir, Ma, Torsten und all den anderen. Mein Leben geht weiter, auch für Dich. Im Stillen werde ich Dir erzählen, was ich erlebt und gesehen habe. Und ganz sicher bin ich: Du bist immer bei mir.

Foto: Gerd Altmann/pixelio.de

Fotoalbum – Jonathan Coe: "Der Regen bevor er fällt"

Selbst im digitalen Zeitalter haben Fotos, richtige, entwickelte Fotos eine geradezu unheimliche Magie. Die besonderen hängen hinter Glas und eingerahmt an den Wohnzimmerwänden, andere werden bei Feiern aus dickleibigen Alben herausgesucht. Jedes Bild birgt dabei eine Erzählung, eine Geschichte aus meist längst vergangenen Tagen, über Menschen und Geschehnisse. Über die Kraft der Bilder und ihre großen Inhalte hat der englische Autor Jonathan Coe einen Roman mit dem Titel „Der Regen, bevor er fällt“ geschrieben, der Frauenschicksale über mehrere Generationen verfolgt.

Rosamund hinterlässt eine ganze Reihe Fotos. Und Tonbänder, die sie vor ihrem Tod besprochen hat. Für Imogen, die Enkelin ihrer Cousine Beatrix, zu der Rosamund in der Jugendzeit ein inniges Verhältnis hatte. Auf den Tonbändern erklärt sie Fotos der Familie. Denn Imogen ist seit ihrer frühesten Kindheit blind. Zudem ist sie schon seit vielen Jahren spurlos verschwunden. Gill, Rosamunds Nichte, soll Imogen ausfindig machen und ihr die Tonbänder übergeben. Denn darauf erzählt die Verstorbene nicht nur, was auf den Fotos aus der Vergangenheit zu sehen ist, sie erzählt zudem die wahre Geschichte der Familie, die zugleich eine sehr traurige ist.

Gill hört gemeinsam mit ihren beiden Töchtern Catharine und Elizabeth die Tonbänder an und erfahren, dass sich ein Merkmal in durch die ganze Familie zieht. Es ist die Lieblosigkeit von Mutter zu Tochter, die seelische Kälte, die von Generation zu Generation übertragen wird, verlorene Chancen im Leben. Bereits Beatrix, eigentlich in guten finanziellen Verhältnissen während dem Krieg und der Nachkriegszeit nahe Birmingham aufgewachsen, erlebt die Strenge und das fehlender Verständnis ihrer Mutter. Sie selbst wird ebenfalls keine Mutter für Thea, für die Mutter von Imogen sein. Um einen Mann zu gewinnen, lässt sie die Kleine bei Rosamund und ihrer Freundin Rebecca mehrere Jahre zurück, um sie schließlich später aus der mittlerweile kleinen gewachsenen Familie wieder herauszureißen. Thea für immer von diesen unsicheren Verhältnissen geprägt, stürzt ab: lebt zeitweise verarmt in besetzten Häusern und Wohnbungalows. Imogen wird nach einem Unfall, bei dem sie erblindet, in eine Pflegefamilie gebracht wird.
Doch Rosamund blickt nicht nur auf dieses traurige Erbe zurück, das von der Großmutter sich bis zum Enkel zieht, sondern die Frau erzählt zudem ihre eigene, ungewöhnliche Geschichte. Eine Geschichte über die Liebe zum gleichen Geschlecht, zwei Beziehungen mit traurigem Ausgang. Ihrem eigenen Leben, zurückgezogen in der einstigen Heimat Shropshire, setzt sie schließlich ein selbst gewähltes Ende. Vielleicht aus Traurigkeit, aufgrund fehlender Lebenskräfte, die in den Jahren aufgebracht wurden, als sie versuchte, jeder der Frauen, Beatrix, Thea und Imogen, zur Seite zu stehen, mit ihrer Liebe und Geborgenheit. Aber die Suche nach Imogen gestaltet sich letztlich für Gill schwierig – aus tragischem Grund.

Frauenschicksale über mehrere Generationen literarisch in den Mittelpunkt zu stellen, ist nichts Neues. Vielmehr ist die Art, mit welchem Hintergrund – im wahrsten Sinne des Wortes – dieses Erzählen geschieht, etwas Neues. Autor Jonathan Coe wählt als Hintergrund für die Erzählungen Rosamunds Familienfotos. 20 sind es genau, die sie für Imogen beschreibt. Sehr detailliert mit Blick auf die Szenerie sowie Mimik und Gestik der dargestellten Personen. Dabei ist Rosamund eine Erzählerin, die sich sehr, sehr gut erinnern kann. An Stimmungen innerhalb einer Gruppe, an die Handlungen, die sich aus der auf jedem einzelnen Foto dargestellten Situation entwickelten. Auch wenn ihr Blick auf die damaligen Ereignisse und ihr Verhältnis zu den Personen immer ein subjektives und mit Gefühlen verbunden ist. So muss sie in besonders traurigen Situationen den Erzählfluss unterbrechen, sich einen Schluck Whiskey gönnen, um wieder zur inneren Ruhe zu kommen.

Zeitlich spannt sich ein Rahmen von den ersten Kriegsjahren, in denen Rosamund in der Familie von Beatrix entfernt von der von Bomben bedrohten Stadt auf dem Land lebt, bis in die heutige Zeit. Neben diesem geschichtlichen Thema, der „Verschickung“ von Kindern in die Sicherheit, wird ein eher gesellschaftliches in den Fokus gerückt: Es ist das Problem, das gleichgeschlechtliche Beziehungen haben, in der Gesellschaft anerkannt und respektiert zu werden. Auch eine Gemeinschaft, in der Kinder erwachsen werden können.
Coe setzt in all den kleinen Geschichten der Frauen einen besonderen Kontrast: In einer scheinbaren Idylle wächst eine emotionale Kälte aus Egoismus und Selbstzweifel, aus fehlendem Verständnis und Verantwortungslosigkeit heran. Dies muss Beatrix, genauso wie ihre eigene Tochter Thea erleben. Sie prägt im Übrigen jenen Satz, der zugleich Titel des Buches ist. Sie sah in der Kinderzeit mit ihrer Nachdenklichkeit und Neugier hinter die Dinge, auch wenn die besondere Gabe ihr nicht helfen konnte, ein zufriedenes Leben zu führen.

Die geschilderten Ereignisse haben dabei eine Wucht, eine Kraft, die den Leser viel mehr beeindrucken, als die etwas dahinplätschernde Rahmenhandlung, in der Gill auf die Tonbänder stößt und diese abhört. Diese hat nur am Ende wirkliche Bedeutung, als die Geschichte von Imogen, ihr Leben in der Pflegefamilie, die Thea ausfindig macht, im Mittelpunkt steht. Eine Rezension hat dieses Buch etwas mit „Abbitte“ von Ian McEwan verglichen, da beide Romane hinter die Muster der Geschichte und den Generationen blicken, beschreiben, was eine Handlung für Auswirkungen hat. Allerdings schafft es „Der Regen, bevor er fällt“ nicht, an die immense Wirkung des kürzlich verfilmten Bestsellers des ebenfalls englischen Autors heranzukommen. Während dieser beschreibt, welchen Keil eine Aussage, eine Lüge eines Mädchens, zwischen zwei Menschen treiben und ihr Schicksal verändern, entsteht in Coes Roman vielmehr ein Puzzle aus ähnlichen Handlungen, die letztlich jedoch einen ebenfalls grausamen Einfluss auf das Leben engster Familienmitglieder haben.
„Der Regen, bevor er fällt“ erscheint als ein sehr melancholischer und ergreifender Roman. Er ist ein besonderes Leseerlebnis für all jene, die Geschichten mit einer speziellen Erzählweise sowie Tiefgang mögen. Es sind Geschichten, die hinter die Dinge, hinter ein ganze Generationen und ein Stück Historie blicken, auch wenn dieser Blick schmerzen kann und wird.

Jonathan Coe zählt zu den bekanntesten englischen Autoren der Gegenwart. 1961 in Birmingham geboren, studierte Coe an der King Edwards School in Birmingham sowie am Trinity College in Cambridge. Mit seiner Promotion zu Henry Fieldings „Tom Jones“ lehrte er englische Literatur an der Warwick University. Zudem arbeitete er als Musiker, schrieb Jazz-Stücke und fürs Kabaret. Er debütierte 1987 mit dem Roman „The Accidental woman“. Seine literarischen Werke zeichnen sich vor allem durch ihre Satire und ihre Hinwendung zu sozialen Themen aus, mehrere sind zudem verfilmt worden. Zu den Auszeichnungen, die Coe bisher in Empfang nehmen durfte, zählen unter anderem der Writers‘ Guild Award und der Prix Médicis Etranger (The house of sleep). Für eine Biografie über B.S. Johnson erhielt der englische Autor den Samuel-Johnson-Prize. Jonathan Coe lebt mit seiner Familie in London.

Der Regen bevor er fällt von Jonathan Coe erschien in der Deutschen Verlags-Anstalt
In der Übersetzung von Andreas Gressmann
August 2009
304 Seiten, 18,95 Euro

Jonathan Lethem – "Chronic City"

Nichts ist mehr, wie es war. Der einst erfolgreiche Serienstar Chase lebt nur noch von den Tantiemen für seine jetzigen Mattscheiben-Auftritte in Endlosschleife und vertrödelt den Tag in einem weichplüschigen Kinosessel mit Blick auf die aktuellen Leinwand-Stars, der berüchtigte Rockkritiker Perkus verkrümelt sich dagegen in seiner heimischen Rumpelkammer, mit ein paar selbst gedrehten Joints und Verschwörungstheorien a la „Brando lebt“ lebt es sich halt gut. Und New York? Nun, New York macht weiterhin wie gehabt kräftig Schlagzeilen, von einem Tiger ist immer wieder die Rede, der Häuser einstürzen lässt. Hat man so etwas schon gesehen? Aber was man nicht gesehen hat, liest, hört oder sieht man ja in den Medien, der Ersatz der realen Wirklichkeit schlechthin.

Auch Chase erhält seine Informationen über seine Verlobte Janice, die als Astronautin im All in gefährlichen Nähe zu einem von den Chinesen ausgesetzten Minengürtel herumschwirrt, aus der Presse: Ihre Liebesbriefe werden in der Zeitung abgedruckt und sorgen für Gesprächsstoff. Und nicht nur das. Chase muss seine Rolle als Verlobter der wagemutigen Astronautin spielen, ob er will oder nicht. The Show must go on – gerade in einer von den Medien inszenierten und diktierten Welt, wie sie im Roman „Chronic City“ des amerikanischen Autors Jonathan Lethem entsteht.

Hier tummeln sich nicht nur Chase und der frühere Rockkritiker Perkus. Zum Zirkus makabrer Gestalten gesellen sich Richard, ein einstiger Hausbesetzer, der jetzt einen recht ruhigen Posten im New Yorker Rathaus innehat, und Oona, Ghostwriterin obskurer Autobiografien und Geliebte von Chase. Man trifft sich auf High-Society-Partys oder im von Jointrauch durchnebelten Appartement von Perkus. Manchmal auch auf einen Burger in einem Imbiss um die Ecke.

Die Geschichte entlang eines roten Fadens nachzuerzählen, fällt schwer, wenn dies nicht sogar ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Figuren und Episoden drehen sich förmlich umeinander. Manchmal entsteht der Eindruck einer nahezu willkürlich zusammengesetzten Collage oder eines gestörten Fernsehempfanges, wie zu DDR-Zeiten, als der Empfang des West-Fernsehen gestört war und das Bild über die Mattscheibe rollte. Der rote Faden bilden neben den Personen Symbole, deren rätselhafte Bedeutung und Inhalt im Laufe des Romans erklärt werden, wie jenen Tiger, der sich als außer Kontrolle geratene Maschine entpuppt oder jenes so genannte Kaldron, ein virtueller Heiliger Gral, auf dessen vergebliche Suche sich Perkus, Chase und Richard machen.

All dies stellt Ansprüche an den Leser, fordert Geduld und Mut zu verqueren Deutungen. Belohnt wird man indes mit humorvollen Szenen, einem Haufen wunderbar gestalteten schrägen Figuren und einer Geschichte, die auch über das Lesen hinaus zum Nachdenken anregt dank weiser Sätze, vor allem aus dem Mund des einstigen Musikkritikers, dessen Gedankenwelt geformt aus Film- und Song-Interpretationen schließlich keine Verschwörungstheorien, sondern die Wahrheit darstellen.
Am Ende des Buches fragt man sich, was ist Wirklichkeit, was nur ein umkonstruiertes Abbild der Realität, fern derselben? Welche Rolle spielt jeder Einzelne? Ist dieses New York des Romans eine Science-Fiction-Welt oder vielmehr ein übersteigertes Bild der modernen Metropole. Was man schließlich diesem wunderbaren Werk einzig und allein vorwerfen könnte, ist das Fehlen der Bemühungen, die Figuren dem Leser ans Herz wachsen zu lassen. Sie erscheinen plastisch, aber allzu oft fern. Wie Janice, die sich schließlich im All auflöst, nur noch als Briefschreiberin in Erscheinung tritt, aber am Ende ist auch das ein Trugschluss.

Chronic City von Jonathan Lethem erschien bei Klett-Cotta
In der Übersetzung von Johann Ch. Maass und Michael Zöllner
Februar 2011
490 Seiten, 24,95 Euro

Oben und unten

Im Supermarktregalen stehen die preiswertesten Produkte unten, die teuren in Augenhöhe. Dies ist Punkt eins jeder Verkaufsstrategie eines Marktes. Gefolgt von jenen, dass im Hintergrundmusik die Kauflust erhöht und nur die wenigen sich verkneifen können, an der Kasse noch das eine oder andere Produkt in den Korb oder gleich aufs Band zu legen, ob Bonbons oder Duftbäumchen. Mittlerweile hängen dort auch schon mal High-Tech in Form von winzigen USB-Sticks mit sehr großer Speicherkapazität. Die lassen sich auch so leicht verlieren, flugs verschwinden sie in einer Hosentasche und nach einigen Wochen in der Waschmaschine. Deshalb ist es ja auch praktisch, sie immer wieder beim Einkauf an der Kasse, einem sehr leicht zu merkenden Ort, den jeder Kunde fast zwangsläufig begegnen wird, erwerben zu können.  

Die Philosophie des Oben und Unten, der wertvolleren beziehungsweise der weniger kostbaren Dinge, sollte jeder Leser von Internetseiten diverser Tageszeitungen oder Magazine einmal direkt beim Scrollen hinterfragen. Klar, oben stehen die brandaktuellen Dinge, also jene Themen, die von Usern mit Interesse, aus welchen Gründen auch immer, gelesen werden. Es ist nur dann im Verlauf des Scrolling-Vorganges erstaunlich, an welcher Stelle die Beiträge aus dem Ressort Kultur, auch Feuilleton genannt, zu finden sind. Eher im unteren Bereich. Traurig, aber wahr. In der Rangliste höher stehen sogar Artikel aus dem Bereich Panorama, also jene beispielsweise über ein kleines Erdbeben auf der Weihnachtsinsel, ein erkranktes Tier in einem Zoo mittlerer Größe oder die Geburt eines Kindes mit prominenter Abstammung und Vierfachnamen.

Da ist dann doch wieder tröstlich, wenn die großen Schlagzeilen von riesiger Bannerwerbung verdeckt wird, auch wenn es nur die Reklame eines Technikgiganten ist, der Rabatte anpreist. Für den Computer, der dann wunderbar passt zum gerade erworbenen USB-Stick, der fatalerweise ganz unten im Einkaufskorb lag und vergessen wurde ob seiner Winzigkeit.