Living Stories – John Updike "Die Tränen meines Vaters"

„Das menschliche Bewusstsein hatte sonderbare Fähigkeiten. Wie groß auch immer Dinge waren, es konnte sie umfassen, als sei es selbst noch größer.“

Das Leben ist ungerecht, sagen wir, glauben wir.  Nie haben wir ein ganzes Leben Glück. Selbst die Suche danach führt in die Irre. Glück darf nicht gefunden werden, es findet uns. Mit dem Unglück ist es dasselbe. Leben ist Wandel. Und nicht immer gehen unsere Pläne auf.

Was heißt es zu leben, zu lieben, über Tragödien zu stolpern und doch wieder aufzustehen? Einer weiß es und erzählt darüber. Wer das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen, seinen Besonderheiten und seinen trivialen Alltag lesen will, sollte zu John Updikes Werken greifen. Zwei Jahre nach dem Tod des großen amerikanischen Erzählers veröffentlichte der Rowohlt-Verlag den Band „Die Tränen meines Vaters“ mit 18 Erzählungen aus dem Nachlass.

Es sind die großen Lebensthemen, denen sich Updike darin widmet: das Leben und die Liebe, Irrungen und Wirrungen innerhalb der Familie, die inneren und äußeren Brüche, vor allem aber das Vergehen der Zeit. Recht zahlreich sind deshalb die Rückblicke – auf die Kindheit, die Jugend, Menschen, persönliche Fehler. Die Spannung liegt nicht in den großen Katastrophen, sondern in den Veränderungen der Personen und deren Leben, die sich meist still und leise anbahnen und dann doch die anderen überraschen. Der Lebenskenner Updike schaut hinter die Kulissen, offenbart sowohl Stärken als auch Schwächen, die Hoffnungen wie auch die Ängste. Die Handlungsorte sind weit verstreut, reichen von der amerikanischen Provinz, über Indien, Spanien bis nach Marokko. Der Zeitbogen ist ebenfalls weit gezogen, umfasst eine Spanne, die von 30er Jahren des vergangenen Jahres bis in in das neue Jahrtausend reicht. Besonders eindrucksvoll: die Erzählung „Spielarten religiöser Erfahrung“, in denen Updike den 11. September literarisch verarbeitet, das Schicksal mehrere Personen in einer Geschichte bündelt.

Erzählungen haben es als Genre im Gegensatz zum Roman leider um vieles schwerer. Manch einer entdeckt die Lebensweisheit und Wucht von gut geschriebenen Erzählungen erst spät. Wer von ihrer Qualität überzeugt werden will, ohne Wenn und Aber, sollte zu diesem Band greifen. Über die Größe von John Updike, der 2009 verstarb und dem es leider nicht vergönnt war, den Literaturnobelpreis entgegenzunehmen, brauch an dieser Stelle nicht geschrieben werden. Und wenn, dann nur dieser Hinweis: Eine Erzählung just aus diesem 360-seitigen Werk sollte für ein respektvolles Staunen über den großen Erzähler schon genügen.

„Die Tränen meines Vaters“  von John Updike  erschien 2011 im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Maria Carlsson.
368 Seiten, 19,95 Euro

Schweinhaber auf Halbrechts – Meine Gedanken zur Fußball-EM

Also, hiermit gebe ich es zu: Ich bin Fan des Schiedsrichters. Wer gerade gegen wem auf dem heiligen Rasen europäischer Nation spielt, ist mir nahezu schnuppe. Meine vollste Sympathie gilt dem Pfeifenmann. Denn er muss mehr einstecken als Herr Robben. Der Unparteiische muss Schwarz tragen, bekommt weit weniger Gehalt als die geschniegelten Stars, wird auch noch beschimpft und kann den Stinkefinger hinter seinem Rücken nur erahnen. Spucken ist ja seit einigen Jahren verpönt, so sagte man mir.

Überhaupt wird jetzt ziemlich viel über Fußball geredet. Er ist ja mit dem Besuch der Kanzlerin zur Chef(in)-Sache erklärt worden. Nahezu vergessen ist die Finanzkrise, die Armut in der Dritten Welt und der Reichttum von Herrn Wulff, dessen Privatkonto mal wieder in die Schlagzeilen kam. So unter der Rubrik „Neues aus aller Welt“. Der Mann hat es aber auch schwer, fast wie Robben, der Schiedsrichter und Herr Schweinsteiger wegen seiner angeschlagenen Gesundheit zusammen.

Aber sagen Sie mal, ist es nicht verwunderlich, dass in der deutschen Nationalelf zwei Spieler mit dem Namen Lahm und Schweinsteiger Seite an Seite spielen. Ich stelle mir die Namen immer etwas bildlich vor. Ein Herr Schweinhaber wäre mir da eher recht. Gegen Italien im Halbfinale würde er das runde Leder zwei Sekunden vor dem Abpfiff aus einer halbrechten Mittelfeldposition ins obere linke Eck schießen, nein, was sage ich, zirkeln. Das wäre dann allerdings erst der Ausgleich zum 1:1. Für die Verlängerung und das Elfmeterschießen sind dann mal andere Spieler dran, warum gibt es denn auch elf Stück in einer Mannschaft.

Und nun mal zum Schluss: Nein, an meinem Auto hängt keine Flagge, nicht mal eine gelbe-rote – natürlich nur als Symbol für die Karten des Schiedsrichters und nicht als Orakel, versteht sich. Und nein, ich diskutiere nicht mit jenen, die jetzt jedes Spiel in ihrer unnachahmlichen Weise analysieren und ihren Beitrag zur Spielkultur mit Fremdwörtern schmücken oder Entschuldigungen für eine miese Leistung ihrer Mannschaft wählen. Ich erzähle ja auch keinem, welchen Einfluss die Nasenklammer auf das Synchronschwimmen der Damen hat. Bleiben wir doch einfach mal am Boden. Auch bei der Chefin liebstes Spiel, das ich ebenfalls spannend finde – zugegeben.

Foto: Rike/pixelio.de

Leben zwischen Trümmern – Steven Galloway "Der Cellist von Sarajevo"

„Jeder hat mehr zu tragen, als er sagt.“

Sie wollten nur Brot kaufen – an einem Tag im Jahr eins des Krieges. Eine Granate der bosnisch-serbischen Einheiten, die die Stadt Sarajevo von den umliegenden Höhenzügen belagern, beendet ihr Leben in Bruchteilen von Sekunden. Mehr als 20 Männer und Frauen sterben, rund 70 weitere werden verletzt. Ein Mann ist Zeuge jenes grauenvollen Moments, ein Cellist des Philharmonischen Orchesters, der sich wenig später mit seinem Instrument und im Anzug gekleidet auf jenen Platz setzt und zu spielen anfängt. Inmitten des Blutes und Blumen, die nach und nach als Ausdruck der Trauer und des Gedenkens niedergelegt werden. 22 Tage lang spielt der Künstler, um an das Leid zu erinnern, die Toten zu ehren. Seiner wahren Geschichte widmet sich der Roman „Der Cellist von Sarajevo“ des kanadischen Autors Steven Galloway.

Das Stück des Cellisten: das Adagio des venezianischen Komponisten Tomaso Albinoni. Die Gefahr: von Heckenschützen erschossen zu werden. Strijela ist Heckenschützin der bosnisch-kroatischen Truppen, die die Stadt verteidigen, und eine der besten. Ihr Auftrag ist es, den Cellisten zu beschützen.
Währenddessen machen sich zwei Männer auf den Weg durch die zerstörte Stadt; der eine, Kenan, will Wasser für seine Familie und die Nachbarin holen, der andere, Dragan, Brot aus einer Bäckerei. Beide setzen sich dabei der Gefahr aus, von Heckenschützen erschossen oder von Granaten getötet zu werden. Zwischen Leben und Tod sind es nur wenige Sekunden, dass sehen beide gerade an jenen Menschen, die sterben – ob Männer, Frauen oder Kinder.

Es ist ein Leben zwischen Trümmern, das die Menschen aufreibt. Könnte doch der heutige Tag der letzte sein. Die Angst geht um. Der Alltag wird zum Versteckspiel zwischen Trümmerteilen, zum Wettlauf mit der Zeit und zu einem Kampf ums Überleben. Ein Heckenschütze könnte dich bereits ins Visier genommen haben, und der Weg zu Nahrungsmitteln ist lang und gefahrenreich. Man lebt auf einem untersten Level, selbst Strom gibt es nur ab und an. Die friedliche Vergangenheit existiert nur noch als zarte Erinnerung, die immer mal wieder auftaucht und die Menschen berührt, Mut macht, auch wenn der Krieg unerbittlich ist. Man träumt von einem Besuch in einem Restaurant, einen Ausflug in die Berge. Während die einen sich gegenseitig helfen, Medikamente verteilen, Verletzte aus der Schusslinie bringen und versorgen, bereichern sich andere an der Not der anderen, machen krumme Schwarzmarkt-Geschäfte. Erkennbar sind sie an ihrer gut genährten Figur, an den großen Autos. Es sind gerade jene Kontraste, diesen Roman rund um das Grauen des Bürgerkriegs und den besonderen Auftritt des Cellisten inmitten Tod und Leid so besonders werden lässt. So treffen die grauenvolle Gegenwart des Krieges auf die Sehnsüchte und Erinnerungen der Bewohner, die unterschiedliche Schicksale, die der jungen Heckenschützin und des Familienvaters, aufeinander. Erst die verschiedenen Blickwinkel schaffen ein plastisches Bild der damaligen Ereignisse.

Für das Buch hat Galloway aufwendig recherchiert, hat unter anderem mit Einwohnern der Stadt gesprochen und ein authentisches Beispiel als Vorlage genommen:  Vedran Smailovic hieß der Cellist, der mit seinen Auftritten nach dem Anschlag für Aufsehen sorgte. Im Buch zieht er sich wie ein roter Faden durch das Geschehen, mit seiner mutigen Tat, die den Menschen nahe geht. Es gibt kaum einen, der von der Musik nicht berührt wird. Selbst ein feindlicher Heckenschütze hört wie gebannt zu.
Zu Beginn des Romans zieht Galloway zudem eine Parallele zu Dresden, der am Ende des Zweiten Weltkriegs innerhalb von drei Tagen zerbombten sächsischen Landeshauptstadt. Nach den verheerenden Luftangriffen soll ein italienischer Musikwissenschaftler jenes Werk Albinonis in den Überresten der Dresdner Musikbibliothek gefunden haben.

Gerade in der Beschreibung der Personen, ihrer Gedanken wird die entsetzliche Atmosphäre des Krieges deutlich. Obwohl die Trümmerlandschaft und die Gewalt ebenfalls in erschütternden Bildern beschrieben werden – die Geschehnisse unmittelbar aus den Eindrücken der Personen erzählt, machen die Auswirkungen des Krieges ausdrucksvoller und ergreifender. Wer sich bisher noch nicht mit diesen jüngsten historischen Ereignissen auseinandergesetzt, wird vielleicht mit diesem ergreifenden Roman beginnen, der auf einer wahren Geschichte beruht.

Und es ist nicht nur dieser Krieg, der nachdenklich stimmt, es ist auch jener Gedanke, dass dieser Bürgerkrieg auf dem Balkan – es waren in den 90er Jahren mehrere Kriege an verschiedenen Orten – nur wenige Hunderte Kilometer von Deutschland entfernt stattgefunden hat. Und das über mehrere Jahre. Allein die Belagerung von Sarajevo von 1992 bis 1996 forderte das Leben von rund 10.000 Menschen. Über 80 Prozent der Gebäude in der Stadt wurden schwer beziehungsweise teilweise beschädigt.

 „Der Cellist von Sarajevo“ von Steven Galloway erschien im btb-Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Georg Schmidt. 
240 Seiten, 9,95 Euro

Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann"

„Einmal in diesem Wasser muss man schwimmen und schwimmen, bis man untergeht.“

Sein Leben war Flucht und Streben zugleich. Er flüchtete vor dem Schatten seines Vaters und vor einer gewalttätigen Diktatur. Er strebte, vielleicht auch unbewusst, den Namen Mann gerecht zu werden. Trotz jener Hassliebe zu seiner Familie, die ihn prägte, in der er jedoch wenig Liebe und Anerkennung erfuhr. Golo Mann ist nicht nur dem riesigen Namen gerecht geworden. Er hat als Historiker, Journalist und Literat Respekt und große Anerkennung erworben – vielleicht wie keins der sechs Kinder von Katia und Thomas Mann. Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann" weiterlesen

Bücher, das Verbrechen – Ray Bradbury "Fahrenheit 451"

„Wir sollten nicht verschont werden. Wir sollten von Zeit zu Zeit richtig aufgestört werden.“ 

Irgendwann nach unserer Zeit. Die Menschen leben in feuerfesten Häusern. Die Wohnzimmer bestehen aus riesigen Fernsehbildschirmen. Der Besitz eines Buches gilt als Verbrechen. Wer ein Buch besitzt, kommt ins Zuchthaus oder ins Irrenhaus, je nach Geisteszustand. Zuvor rückt die Feuerwehr an, die die Bücher samt des Hauses verbrennt. Meist erhält sie einen Hinweis aus  der Nachbarschaft. Denunziationen sind an der Tagesordnung. Denn Bücher in der Nähe will keiner um sich wissen. Guy Montag steht in den Diensten der Feuerwehr, die ihre einstige Aufgabe der Brandbekämpfung schon lange verloren hat. Seine Frau Mildred lebt dagegen in einer Scheinwelt und lässt sich von den Fernsehsendungen berieseln. Eines Tages lernt Montag die junge Clarisse kennen, ein Mädchen, das anders ist, die reale Welt hinterfragt, mit anderen Augen sieht. Als sie verschwindet und Montag einen entsetzlichen Einsatz erlebt, bei dem eine Frau mit ihren Büchern verbrennt, beginnt sein Umdenken. Die Menschheit steht währenddessen vor ihrem dritten Atomkrieg.

Ray Bradbury hat seinen Klassiker „Fahrenheit 451“ – Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier zu brennen beginnt – zwar in den 50er Jahren geschrieben, der jedoch so aktuell wie nie ist und zugleich schreckliche Erinnerungen an die Vergangenheit weckt. Gut, Bücher gibt es wie Sand am Meer, und eine Buchhandlung findet sich in jeder Stadt. Doch die großen Plasmabildschirme sind uns heute schon vertraut. Die Zahl der eifrigen Leser und Buchbesitzer sinkt. Und sicher können wir ebenfalls sein, dass uns nicht immer die Wahrheit gesagt wird und die bunte Werbung und die Nachrichten aus der Glitzerwelt Ablenkung beschert. Viele stellen keine Fragen mehr nach den Dingen, die die Welt zusammenhält. Individualismus gilt als unschick, als fragwürdig, für manche beängstigend.

Ähnlich ist die Zeit, die Bradbury, 1920 in Waukegan (Illinois) geboren, beschreibt. Und trotz dieser gerade zu düsteren, gar apokalyptischen Atmosphäre entwickelt sich die Geschichte zu einem hoffnungsvollen Schluss. Dem abtrünnigen Feuerwehrmann gelingt die Flucht, der zuvor den Hauptmann der Truppe und den mechanischen Spürhund ins Jenseits befördert hat. Die Jagd, an der die Öffentlichkeit mittels Live-Übertragung in jede gute Stube teilnimmt, endet mit dem Tod eines Unschuldigen. Die Stadt wird wenig später durch Bomben in Schutt und Asche gelegt. Guy gerät schließlich mit Hilfe des früheren Literaturwissenschaftlers Faber an eine Gruppe Outsider, meist Gelehrte, die früher an Hochschulen gelehrt hatten, nun abseits der normalen Gesellschaft leben und als lebendige Bücher durch das Land ziehen und den kostbarsten Besitz, die Erinnerungen an gelesene Bücher, in ihrem Geist bewahren.

Fünf Erzählungen hat Bradbury in seinem kurzen, aber unschätzbaren Roman verarbeitet, geschrieben in einer Bibliothek, in der man einen Raum mit einer Schreibmaschine mieten konnte. 2008 brachte der Diogenes-Verlag eine Neuauflage heraus, mit einem Vor- und Nachwort des Autors. Darin schreibt er: „Denn wenn sich die Welt mit Nichtlesern, Nichtlernern, Nichtwissern füllt, braucht man Bücher nicht mehr zu verbrennen. (…) Natürlich ist noch nicht alles verloren. Noch ist Zeit ….“ Bradbury bekanntestes Werk ist Klassiker und Warnung zugleich, ähnlich wie George Orwells Werk „1984“. Beide sollten in Bibliotheken stehen oder in den Buchregalen daheim, die viel eher die Wände schmücken sollten als eben jene Plasmafernseher gigantischen Ausmaßes. Auch wenn diese besonderen Werke bei dem einen oder anderen Angst schüren  vor einer trostlosen Zukunft, besser diese kommende Zeit nur aus Büchern zu kennen, als sie wirklich zu erleben. Die Zeit, eine hoffentlich buchfreundliche, gestalten wir selbst. Bücher zeigen „das Gesicht des Lebens mit allen Poren“.

„Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury erschien in einer Neuauflage 2008 im Diogenes-Verlag in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Fritz Güttinger.
220 Seiten, 9,90 Euro

Tod an der Mole – Johan Theorin "Nebelsturm"

Öland sollte ihr neues Zuhause werden. Joakim und Katrine, zwei Lehrer aus Stockholm, ziehen mit ihren kleinen Kindern Livia und Gabriel auf den einst prachtvollen Bauernhof Åludden. Sie wollen die Hektik der Großstadt hinter sich lassen und das Gut auf Vordermann bringen, Zimmer und Gebäude liebevoll restaurieren. Was sie allerdings nicht wissen: Um diesen abseits gelegenen Bauernhof ranken sich zahlreiche Mythen. Selbst dessen Entstehung ist sagenumwoben, sollen die Häuser doch aus dem Holz errichtet worden sein, das von einem Schiffswrack stammte. An der Wand einer Scheune finden sich zudem Namen von Toten, die einst auf Åludden gelebt hatten und auf meist schreckliche Weise ums Leben gekommen waren. Tod an der Mole – Johan Theorin "Nebelsturm" weiterlesen

Respekt vor dem Leben – Wallace Stegner "Vor der Stille der Sturm"

„Es  gibt keinen Plan, keine Kontinuität, keine Dauer.“ 

 Joe hat sich zurückgezogen. Aus der Hektik New Yorks, aus seinem Beruf als Literaturagent. Gemeinsam mit seiner Frau Ruth bewohnt er ein Haus in Kalifornien, abseits der großen Cities, mittendrin in der reinen Natur. Auf der Terasse genießen beide die Ruhe, ihren Garten pflegen sie hingebungsvoll, dann und wann muss ein  Schädling dran glauben wie der tückische Giftsumach oder ein fieses Nagetier, das sich an die Pracht in den Rabatten wagt.

In nur wenigen Tagen verändert sich das beschauliche Leben des Ehepaares. Mit Peck wagt sich ein Vertreter der Hippie-Kultur auf das Grundstück der Allstons. Er baut ein Baumhaus, lebt von Obst und Gemüse und plant, eine Universität des freien Geistes zu errichten. Mit der Zeit verwandelt sich allerdings das Gelände zum Lebensraum einer kleinen Kommune und Peck zum Guru – zum Ärger von Joe, der nicht an die Ideale der Hippies glaubt und sich verärgert zeigt, dass er sich von dem jungen loddrigen Mann übers Ohr hauen lässt; schließlich nutzt dieser still und heimlich seinen Strom und das Wasser. Zudem lässt der Aussteiger Joe an seinen Sohn Curtis erinnern, der mit seinen Eltern gebrochen hatte, kein Fuß ins Leben fand und mit 37 Jahren während eines Surfunfalls ums Leben gekommen war.

Doch es ist vor allem das Wesen von Marian, einer jungen Frau, die mit ihrem Mann John und der kleinen Tochter Debby in die Nachbarschaft gezogen ist, die den mürrischen Ruheständler schier gefangen nimmt. Und nicht nur ihn. Der Leser wird diese Heldin – dieser euphorische Ausdruck ist in diesem Fall wirklich verdient – aus dem Roman „Vor der Stille der Sturm“ des Amerikaners Wallace Stegner (1909 – 1993) so schnell nicht vergessen.

Marian ist eine Heldin des Lebens. Erst nach einiger Zeit erfahren Joe und Ruth, dass ihre lebensbejahende und herzliche Nachbarin an Krebs erkrankt ist. Die gemeinsamen Monate mit den Allstons, die nahezu die Rolle von Eltern angenommen haben, sind auch ihre letzten, obwohl vor allem Joe immer noch die Hoffnung auf eine Genesung hat. Marian wird ihm indes eine Lektion erteilen, in der Schmerz und Kummer zum Leben gehören, die Geburt und der Tod unabänderlich sind. Doch nie ist in ihren intensiven Gesprächen vom Schicksal die Rede, vielmehr sei es der Lauf der Natur, des Lebens an sich. Ihr Tod,  vor allem die letzten Tagen, in denen sich die junge Frau ihren Schmerzen bewusst gegenüber stellen will, hinterlassen in dem Ruheständler tiefe Spuren. Vor allem die Frage, warum sie sich für ihr noch ungeborenes Kind aufgeopfert und sich nicht für den Versuch einer Therapie entschieden hat.

Wie Stegner die Person der jungen Frau, ihre letzten Wochen und Tage, den Abschied und die Gespräche mit den Allstons in Form von Joes Erinnerungen beschreibt, lässt einen innerlich tief erschüttern und berührt ungemein. Das Buch piesackt nicht nur, es sticht in Wunden und wühlt auf, obwohl wunderbar ironisch erzählte Szenen in die ernste Handlung hineingeflochten werden. Gute, ehrliche und weise Literatur ist in ihrer Wirkung zwiespältig, sie erheitert und schmerzt – so auch hier. Denn in all der Trauer um einen besonderen Menschen hat Stegner nicht die Pracht des Lebens vergessen. Seine poetische Sprache findet Worte für sowohl große Stimmungen als auch kleine Details. Liest man die Naturbeschreibungen, enstehen im Kopf einzigartige Bilder, ja, man hört und riecht eine einzigartige Landschaft. Und selbst die Selbstopferung Marians und ihr Bekenntnis zum Tod, enthält die Kraft des Lebens und das Bewusstsein der eigenen, bescheidenen Rolle im Weltenlauf.
Wenn auch hier eine Reihe anderer Figuren nur am Rande erwähnt werden, wie die Welds, die kein Gespür für ihr kostbares Land haben und es Stück für Stück verscherbeln, oder die LoPrestis, deren Tochter in der Hippie-Kommune versumpft, hat es einen Grund. Marian und ihre eindrucksvolle Lebensphilosophie sind der Mittelpunkt, nicht mehr und nicht weniger.

Der Roman des Amerikaners, der mit seinem Buch „Zeit der Geborgenheit“ und der Erstausgabe im Deutschen Taschenbuch Verlag in Deutschland im Jahr 2008 aus der Vergessenheit geholt wurde, ist ein Wunder. Wenn jemand nur ein Buch in diesem Jahr lesen will, es sollte „Vor der Stille der Sturm“ sein. Kein Buch der letzten Zeit hat so viel Kraft und emotionale Momente zu bieten wie dieses.

„Vor der Stille der Sturm“  von Wallace Stegner erschien im Deutschen Taschenbuch Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Chris Hirte.
360 Seiten, 14,90 Euro

 

Zuflucht – Ian McEwan "Ein Kind zur Zeit"

„Doch die Zeit – nicht unbedingt wie sie ist, denn wer weiß das schon, sondern wie das Denken sie darstellt – gewährt in ihrer Monomanie keine zweite Chance.“ 

Kate ist weg. Von einer Sekunde auf die andere. Ihr Vater Stephen sucht nach seiner kleinen Tochter beharrlich, doch vergeblich. Ein unaufmerksamer Moment an der Kasse des Supermarktes trennt Tochter und Vater. Für immer. Der winzige Bruchteil der Zeit entscheidet über das weitere Leben. Stephen und seine Frau Julie sind tief erschüttert. Doch anstatt sich gegenseitig ob des selben Verlustes Halt zu geben, gehen sie getrennte Wege. Sie zieht aus der gemeinsamen Wohnung in ein Cottage auf dem Lande. Er sucht in der Arbeit in einem Ausschuss zum Thema Lesen und Schreiben sowie im Alkohol und obsessiven Fernsehkonsums Zuflucht. Die erfolgreiche Zeit als Kinderbuchautor scheint vergessen. Die Ausschusstreffen bilden den einzigen Halt im Allerlei des Alltags. Das Gremium soll der Regierungskommission zur Kindererziehung Zuarbeit leisten.

Doch Ian McEwan wäre nicht Ian McEwan wenn dieser aufregende und minutiös geschilderte Auftakt seines Romans „Ein Kind zur Zeit“ nur in einen nichtsagenden, wenn auch spannenden Roman führen würde. In dem 1999 erschienenen Werk des Engländers spielt dieser obwohl unglaublich erschütternde und die Handlung in Gang bringende Moment keine Schlüsselrolle. McEwans Bücher haben mehr zu bieten als nur schnöde Effekthascherei und vor allem mehr zu sagen. So auch hier.

McEwan strickt eine Geschichte,  in der das Vergehen der Zeit, das subjektive Empfinden und die Suche nach einer physikalisch eindeutigen Erklärung der Zeit und ihrer Rolle für das Leben auf Erden an vielen Stellen thematisiert wird. Die Szene rund um das Verschwinden der dreijährigen Kate thematisiert diese Frage erstmalig. Weitere folgen. So glaubt Stephen während eines Besuches in einem Pub seine Eltern in ihrer Jugend zu sehen. Mit Thelma, der Frau seines Freundes Charles und angesehene Physikerin, diskutiert er über die Zeit. Und Zeit hat in ihrem von Menschen erfassten Ablauf immer auch etwas mit der Kindheit zu tun, mit jener nur von der Gegenwart und dem fühlbaren Jetzt geprägten Lebensphase. Denn Charles, erfolgreich als Unternehmer und Politiker, erlebt einen Nervenzusammenbruch. Als Stephen ihn aufsucht, sieht er in dem einstigen Freund nur noch einen Schatten seiner selbst, der in einer selbst geschaffenen Kindheitsidylle eine Zuflucht sucht, aber das Ende findet.

Als nach mehr als drei Jahren Stephen seine verschwundene Tochter in einer Schülerin wiederzusehen glaubt, ändert sich sein Leben. Er beginnt wieder mit der Schriftststellerei, ein haarsträubendes und geheimes Dokument mit dem Titel „Autorisierter Leitfaden zur Kindererziehung“ wird ihm zugespielt und auch die Beziehung zu seiner Frau erfährt eine ungeahnte Wendung.
Auf den ersten Blick erscheint das Geschehen ein jetziges zu sein, das gut und gern in die heutige Zeit passen könnte. Doch McEwan entwirft ein Gesellschaftsbild, das eher einer erschreckenden Utopie gleicht: Bettler benötigen Lizenzen, die Regierung schreibt die Erziehung der Kinder vor, mit der das Land vor dem Abgrund bewahrt, es in eine erfolgreiche Zukunft geführt werden soll.

„Ein Kind zur Zeit“ ist ein spannender und vor allem anspruchsvoller Roman, der mit seinen surrealen Szenen und den weisen Gedanken über die Zeit und die Kindheit zum intensiven Nachdenken anregt.

Der Roman „Ein Kind zur Zeit“ von Ian McEwan erschien im Diogenes Verlag in der Übersetung aus dem Englischen von Otto Bayer
352 Seiten, 9,90 Euro

Ausgesetzt – J.M.G. Le Clézio "Ein Ort fernab der Welt"

„Hier herrscht tiefer Friede, eine sanfte Ruhe (…).“ 

Die alte Heimat Mauritius sollte das Ziel sein. Als der Arzt Jacques Archambau, dessen Frau Suzanne und dessen jüngerer Bruder Léon in Marseilles im Jahr 1891 die „Ava“ in Richtung Indischer Ozean besteigen, wissen sie nicht, dass vor ihnen eine Schreckensfahrt liegt. Nach einem Stopp in Aden, wo die beiden Brüder den sterbenskranken Dichter Rimbaud im Krankenhaus kennenlernen, brechen auf dem Schiff die Pocken aus. Die Passagiere werden auf die Insel Ile Plate nahe Mauritius in Quarantäne gebracht. Hier wohnen bereits eine Gruppe Inder, die sich auf dem Eiland eingerichtet haben, unter bescheidenen Verhältnissen leben. Sie bauen Gemüse an, bauen an dem Hafenkai. Beide Gruppen werden indes voneinander getrennt. Die Europäer werden in einer Quarantänestation auf der anderen Seite der Insel, also auch räumlich getrennt von den Indern, untergebracht.
Mit der Zeit fallen weitere ehemalige Passagiere der Krankheit zum Opfer, auf der Nachbarinsel Gabriel ausgesetzt finden sie fern der Landsleute meist qualvoll den Tod und werden verbrannt; darunter der Botaniker John Metcalfe, der den jungen Léon an die Geheimnisse der Pflanzenwelt heranführen will und die Flora der abgeschiedenen Insel auf Erkundungen studiert.

Literaturnobelpreisträger J.M.G. Le Clézio entwirft in seinem 1995 erschienenen Roman „Ein Ort fernab der Welt“ mehrere Gegensätze. Neben den unterschiedlichen, von einer imaginären Linie getrennten Menschen, auf der einen Seite die Europäer, auf der anderen Seite die Inder, erhalten auch die Verhältnisse auf der Insel konträre Konturen. Neben dem Leid der Kranken und der Nähe des Todes setzt Le Clézio ein Naturparadies. Für dessen Schönheit hat indes nur Léon Augen, der die Insel mit der Zeit als neue Heimat anerkennt, zumal er in der schönen Inderin Surya eine Liebe findet und von deren Seite er nicht weichen will. Der Jüngere der Brüder kann sich nicht vorstellen, nach Mauritius zu gehen. Zorn überkommt ihn bei dem Gedanken an die Patriarchen, die den auf der Insel gestrandeten Menschen nicht helfen wollen. Schon vor einigen Jahren sind auf diese Weise aus Indien stammende Emigranten gestorben. So entstehen zwischen den Brüdern, die beide früh ihre Eltern verloren haben, nahezu unüberwindbarer Differenzen.

Nach mehreren Monaten werden die Inselbewohner schließlich mit Schiffen von der Insel geholt und nach Mauritius gebracht. Beide Seiten haben zahlreiche Opfer zu beklagen. Auch Surya verlor ihre Mutter, deren Geschichte und damit unruhige Jahre der Kolonialepoche, als Indien von Unruhen erschüttert wurde, ebenfalls erzählt werden.  Beide Zeitebenen sind eingebettet in einer Rahmenhandlung, die in den 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt. Der Enkel von Suzanne und Jacques begibt sich auf die Suche nach seinem Großonkel Léon, der nach der Rettung als verschollen galt.

Obwohl der Roman mit seinen mehr als 570 Seiten recht handlungsarm erscheint, kann man sehr an ihm hängen. Vorausgesetzt man mag Naturbeschreibungen. Denn gerade mit diesem Werk kommt man angesichts wunderbar poetischer Landschaftsschilderungen, aus dem Blickwinkel des jungen Leon erzählt, voll auf seine Kosten. Die exotische Schönheit der Insel, die Flora und Fauna mit ihren seltenen Vertretern und der Kontrast zwischen Meer, Riffen sowie einer schroffen Vulkanlandschaft  eine gewichtige Rolle. Und immer wieder dazwischen: Eine Liebeserklärung an große Dichter und ihre Werke wie Rimbaud, Hugo, Longfellow.

So spaltet sicherlich Le Clézios Roman auch die Leserschaft: Die einen werden das Buch nach einigen wenigen Kapitel angesichts der fehlenden Spannung zur Seite legen, die anderen werden dank der Poesie und des einzigartigen Entwurfes eines „Ortes fernab der Welt“ die Einsamkeit mit der Lektüre genießen.

Der Roman „Ein Ort fernab der Welt“ von Jean Marie Gustave Le Clézio erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch in der Übersetzung aus dem Französischen von Uli Wittmann. 
576 Seiten, 24,95 Euro

Allein – David Vann "Im Schatten des Vaters"

„Die Dinge waren sie selbst, und sonst nichts.“

Die Insel soll Vater und Sohn wieder zusammenführen. Hier ruft die Wildnis, nur eine Hütte bietet Obdach, rundherum herbe Landschaft und Weite, hohe Berge, Meer und Bären. Doch die vermeintliche Idylle trügt. Für Jim und seinen dreizehnjährigen Sohn Roy bildet die Fahrt mit dem kleinen Flugzeug nach Sukkwan, einem Eiland vor Alaska, den Beginn einer Familientragödie. Schon die ersten Tage des Vater-Sohn-Gespannes werden zur Zerreißprobe. Das Funkgerät streikt, der Bau eines kleinen Depots, um Wild und gefangene Fische zu lagern, endet im Fiasko. Und Roy muss jede Nacht zuhören, wie sein Vater sich in den Schlaf weint. Denn Jim, vom Beruf Zahnarzt, plagen nicht nur Reuegefühle ob des Scheiterns der kleinen Familie, er leidet zudem unter extremen Kopfschmerzen. Beides sind jedoch keine Gründe so unvorbereitet in eine der entlegensten Gebiete zu reisen und dann ein Jahr gemeinsam mit dem Sohn leben zu wollen.

Erste Anzeichen für die kommende Tragödie setzt David Vann in seinem Roman „Im Schatten des Vaters“ immer wieder, sehr dezent, aber merklich. Der Junge spürt, dass sie mit falschen Vorstellungen, fehlender Ausrüstung und mangelnden Fähigkeiten in den hohen Norden gereist sind, in jene Region, die von ihren Bewohnern alles abverlangt. Dies ist nicht nur Blauäugigkeit, sondern vielmehr eine erschreckende Fähigkeit, der Realität nicht ins Auge sehen zu können und im Verlauf des Geschehens nicht aus Fehlern zu lernen. Vorräte helfen nicht, wenn ein Bär sie erbarmungslos plündert. Eine magere Fangausbeute mit der Angel sorgt nicht für regelmäßige Nahrung. Und die Einsamkeit erdrückt vor allem den Sohn, der nach der Scheidung kaum noch eine Verbindung zum Vater hat und nun allein mit ihm Mutter und die kleinere Schwester vermisst. Der einzige Funke Zuneigung zum Vater zeigt sich in der Hoffnung, ihm in seiner psychisch labilen Verfassung zur Seite zu stehen, ihn nicht allein zu lassen. Der dramatische Moment, der schließlich die erzwungene Idylle zu einem Ort des Grauens verwandelt, lässt einen erschüttert zurück, denn es trifft den Falschen, der andere muss mit einer Schuld leben und schließlich um das Überleben kämpfen.

Vann, 1966 auf Adak Island geboren, stammt selbst aus Alaska, kann so von der herben Schönheit der dortigen Landschaft aus eigenen Erfahrungen berichten. Tief dringt er zudem in die Psychologie seiner Figuren ein. Der Vater, von Verzweiflung und Gewissensbissen gekennzeichnet steht im Gegensatz zum Sohn, der seinem Vater helfen will, aber schließlich selbst in den Abgrund gerissen wird. Mit klarer Sprache wird das Geschehen erzählt. Der amerikanische Autor braucht keine stilistische Effekte, um den Leser an sein Werk zu binden. Er schreibt, was passiert. Allein die dramatisch inszenierte Geschichte fesselt ungemein. Dass auch dünnere Romane durchaus von Wert sind, beweist dieses Buch, das einen tief berührt zurücklässt.

Der Roman „Im Schatten des Vaters“ von David Vann erschien bei Suhrkamp in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow
184 Seiten, 8,99 Euro

Ich-Suche – Lars Gustafsson "Frau Sorgedahls schöne weiße Arme"

„Zerbrechlich zu sein, kann tatsächlich eine Voraussetzung dafür sein, dass man stark ist.“ 

Zwischen dem Geschmack der Zimtbirnen, den ersten Gläsern mit Obstbranntwein, den unbeschwerten Diskussionen über Mädchen und Poesie im Heizungskeller und dem Jetzt liegen 50 Jahre. Er schaut zurück, der ergraute Professor für Philosophie, der zwischen seiner alten Heimat Schweden und seiner Wirkungsstätte in Oxford Landesgrenzen und ein Meer gelegt hat. Und da ist natürlich Frau Sorgedahl, deren Namen und ihre schönen weißen Armen den Titel für den Roman von Lars Gustafsson geben.  Ich-Suche – Lars Gustafsson "Frau Sorgedahls schöne weiße Arme" weiterlesen

Magier in Ausbildung – Patrick Rothfuss "Der Name des Windes"

„(…), dass eine gute Geschichte nur selten den direkten Weg nimmt.“ 

Der große Magier lebt zurückgezogen. Als Wirt des Gasthauses „Wegstein“. Nur sein treuer Helfer Bast kennt die wahre Identität von Kvothe, dem begabten Sohn fahrender Spielleute aus dem Volk der Ruh. Doch eines Tages beginnt Kvothe zu erzählen. Ein Chronist findet ob zufällig oder nicht den Weg in das Gasthaus. Er schreibt die Geschichte von Kvothe nieder, eine abenteuerliche voller Magie. Und der erste Teil von Patrick Rothfuss Königsmörder-Chronologie „Der Name des Windes“ nimmt seinen abenteuerlichen Lauf.

Kvothe wächst in einer reisenden Schauspielertruppe auf. Er lernt die Gepflogenheiten der ewigen Wanderschaft und die Vorbereitung und Inszenierung der Stücke genauso kennen wie den Zauber der Musik. Sein Vater ist ein berühmter Lautenspieler. Kvothe lernt von ihm und das schneller als geahnt. Schon als Kind beherrscht er das Lautenspiel und eine Vielzahl bekannter, episch langer Stücke. Zur Truppe stößt eines Tages der Arkanist Ben. Er bringt den Jungen die ersten Schritte bei auf seinem Weg, ein berühmter Magier zu werden. Neben dem Wissen der Naturheilkunde sind es die ersten Kenntnisse der sogenannten Sympathie, die Ben ihm vermittelt. Der Arkanist ahnt schon früh Kvothes Ziel: die Universität. Doch das Schicksal schlägt erbarmungslos zu, nachdem Ben eines Tages die Truppe verlässt. Die Mitglieder der Gruppe, darunter Kvothes Eltern, werden ermordet. Nur der Junge überlebt den Angriff der sogenannten Chandrian, mysteriöse und grausame Gestalten.

Allein schlägt sich Kvothe durchs Leben: Er bettelt in der riesigen Stadt Tarbean, erlebt Gewalt, Hunger und Armut. Doch breiten Raum des mit 860 Seiten „dicken“ Buches nimmt schließlich die nächste Etappe auf der Reise ein: die Universität nahe der Kleinstadt Imre. Kvothe besteht die Aufnahmeprüfung und überrascht die großen Meister in den verschiedenen Fächern mit seinem Wissen. Doch das Leben wäre langweilig, würde Kvothe nicht auch an der Alma mater vor Herausforderungen stehen. Meist auch selbst verursacht. Denn der amerikanische Autor Rothfuss, Jahrgang 1973, hat nicht nur eine fantastische Welt erschaffen. Mit Kvothe entwarf er einen sehr zwiespältigen Helden, der nicht nur tugenhaft erscheint. Kvothe lügt, ist ungeduldig, hintergeht auch seine Meister, alles nur, um an sein Ziel zu gelangen – trotz seiner Armut an der Universität zu bleiben, um zu lernen und die Mörder seiner Eltern zu finden. Und die Liebe zu einem Mädchen, das unerreicht erscheint, darf ebenfalls nicht fehlen.

„Der Name des Windes“ ist ein wahrer Pageturner. Schnell liest man sich in die geschaffene Welt ein, die an eine Mischung aus Mittelalter und Märchenwelt erinnert. Es gibt Dämonen und Drachen, Magie, Alchemie und eine ganze Reihe merkwürdiger Charaktere, darunter die Meister, Kvothes Freunde oder Auri, die sich als ehemalige Studentin auf dem Gelände der Universität versteckt hält und die Begegnung mit den Menschen scheut. Obwohl Rothfuss zu Redundanz neigt, er sich in dem Backstein von Buch häufig wiederholt, bleibt man an seinem Roman kleben und vergisst die reale Welt um sich herum. Seine bildhafte Sprache, die sowohl witzige Szenen ironisch als auch die Wucht tragischer Erlebnisse beschreiben kann, macht diese Schwäche des Buches durchaus wett.

Der Roman, für den Rothfuss mit dem Publishers Weekly Award als bestes Fantasybuch des Jahres ausgezeichnet wurde, wurde mit Tolkiens Jahrhundertwerk „Herr der Ringe“ verglichen. Manchen Vergleichen sollte man ob ihrer verkaufsträchtigen Hintergründe eher wenig Vertrauen entgegenbringen. Tolkien bleibt (auch weiterhin) unerreichbar. Dafür scheue ich mich nicht, den Amerikaner ein paar Stufen über Joanne K. Rowling und ihren Zauberlehrling Harry Potter zu setzen. Auch wenn dem ersten Band „Der Name des Windes“ nur zwei weitere folgen: „Die Furcht der Weisen“ Teil 1 und 2. 

„Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss erschien im Verlag Klett-Cotta, in der Übersetzung aus dem Englischen von Jochen Schwarzer.
863 Seiten, 24,95 Euro 

Mammutwerk über großen Feldherrn

Für Alfred Döblin ist Lützen eine Marginalie. In seinem historischen Roman „Wallenstein“ nimmt die große Schlacht im Jahr 1632 nur wenige Zeilen ein. „Vom nebligen Herbstmorgen bis zum Abend acht Stunden zerhieben sich die Heere zwischen dem dünnen Mühlgraben und Floßgraben bei Markranstädt und Lützen (….). Am Abend und in der Nacht standen die beiden Heere noch auf dem Feld und rissen aneinander. Tot war Gustav Adolf und Tausende aus allen Regimentern der Schweden und der Kaiserlichen“, schreibt Döblin in seinem 1920 erschienenen Werk. Doch Literatur nimmt sich bekanntlich die Freiheit zu verknappen, Kontraste anders zu setzen. Mammutwerk über großen Feldherrn weiterlesen

Ohne Keks keine Krümel – Vorsicht, ich faste!

Zugegeben, ich mache da auch mit. Einmal im Jahr, sieben Wochen, 49 Tage. Die Stunden rechne ich nicht extra aus. An alle, die mich angesichts meiner Fastenzeit noch nach meinem Befinden fragen werden – mir geht es gut.  Okay, es war in den vergangenen Tagen mit diesem Eiscaféfreisitz-Wetter verdammt schwer, an den Lokalitäten unbeschwert vorbei zu gehen und die Kinder mit ihren Eistüten zu sehen, bei denen mehr von der klebrigen und süßen Substanz um den Mund herum als schließlich in jenem welchen war. Von dem angeregten Geschnatter der Eisbecher vertilgenden Erwachsenen ganz zu schweigen. Aber ich habe es geschafft. Bisher. Kein Kuchen, kein Eis. Ohne Keks gab es zudem auch keine Krümel auf dem Sofa. Gut, ich muss gestehen: Einmal gab es Nutella zum Frühstück und ab und an einen süßen Nachtisch. Dies ist meine Sündenliste.

Aber da ist noch die andere Sache. Fleisch ist ebenfalls tabu. Dafür kommen vielmehr Fisch und Gemüse auf den Tisch. So ganz ohne Fleisch – das ist manchmal schwerer, als aufs Süße zu verzichten. Bis auf eine herrliche Gemüsesuppe mit Fleischzugabe bei einem Pressetermin im Kloster Memleben habe ich auch dies im Griff. Noch. Um die Dönerbude mache ich einen großen Bogen.

Warum das Ganze werde ich oft gefragt. Neulich zeigte mir eine Kollegin eine tolle Karte mit dem Spruch: Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot. Aber ich bin indes der festen Überzeugung, man sollte mit einer gewissen Zeit die Dinge einmal mit anderen Augen sehen. Da hilft die Fastenzeit, man setzt sich im Kalender einen Abschnitt, in dem man Gewohnheiten über den Haufen wirft. Dinge, die man häufig achtlos zu sich nimmt, sind dann passé, und man merkt, dass der Verzicht einem nicht weh tut. Die nicht verzehrte Schokoladenpackung im Küchenschrank zweite Schublade Mitte hat mich jedenfalls noch nicht in die Finger gezwickt, wenn ich zu den Teebeuteln gegriffen habe. Mir geht es also gut. Disziplin hat immer etwas mit Selbstachtung und einem Bewusstsein für das Wichtige zu tun. Es ist immer schön, wenn eine Fastenzeit weiter wirkt. Ich würde es mir wünschen. Ab und an kann man ja die Fastenzeit fasten. Aber nur ganz selten. Sieben Wochen können Spuren hinterlassen. Vor allem im Kopf.

PS: Ohne im Besitz einer Waage zu sein, kann ich die Auswirkungen der Fastenzeit auf meinen Körper nicht mit konkreten Daten belegen. Mal sehen, was Mutti am Sonnabend sagt, wenn ich zu einem Besuch bei ihr weile. Wenn sie sagt „Kind, du hast keinen Po in der Hose“ ist das ein gutes Zeichen.

Foto: wrw/pixelio.de

Innenleben – Jeffrey Eugenides "Die Liebeshandlung"

„Was, wenn die Sanftmütigen das Erdreich tatsächlich besäßen?“

Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht, sie liebt ihn – Mitchell hilft keine Margarite, selbst wenn diese mit ihrem letzten Blütenblatt die frohe Botschaft verkünden würde. Madeleine liebt halt einen anderen, nämlich Leonard. Sie wird ihn heiraten, obwohl er Einzelgänger ist, ein Freund des Kautabaks und am Tag ihrer Abschlussveranstaltung des Colleges aufgrund seiner Depression in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses liegt, der erste Zusammenbruch von vielen, die in den kommenden Monaten beide und ihre Partnerschaft zermürben werden.

Man schreibt die 80er Jahre. An der Brown University an der amerikanischen Ostküste gelegen steht Madeleine Hanna vor ihrem Collegeabschluss. Ihr Fach: Literatur. Vor allem die viktorianischen Romane haben es ihr angetan und eben deren „Liebeshandlung“, die dem neuen Roman des amerikanischen Autors Jeffrey Eugenides schließlich auch den Namen verleiht. Madeleine stammt aus einer renommierten Familie, ihr Vater war Präsident eines anderen Colleges. In einem Semiotik-Seminar lernt sie Leonard kennen, der aus eher zerrütteten Verhältnissen stammt. Sie werden ein Paar, und Mitchell kann nur noch zusehen, wie sich diese Beziehung verfestigt. Mit einem Freund geht er nach seinem mit Bravour bestandenen Studium der Religionswissenschaft auf Europareise; sie sehen Paris und Athen. Schließlich fliegt Mitchell weiter nach Indien, um in Kalkutta in einem Hospital von Mutter Theresa freiwillig zu arbeiten. Im Gepäck immer dabei ein Brief, in dem Madeleine ihm schreibt, dass sie mit ihm nichts mehr zu tun haben will. Trotz eines Ozeans und Kontinents zwischen beiden, trägt Mitchell weiterhin schwer an seinem Herzen und den Gefühlen zu Madeleine. In einem Brief will er sie vor der Hochzeit mit Leonard warnen. Die Zeilen werden sie nie erreichen. Beide treffen jedoch nach einem guten Jahr bei einer Party in New York aufeinander.

Das Ende des Buches bleibt an dieser Stelle unerwähnt. Nicht nur bei Krimis sollten die letzten Szenen nicht erzählt werden. Jedenfalls überrascht der Schluss, so viel sei schon einmal gesagt. Wer sich jetzt enttäuscht auf die Schenkel haut, dem sei ebenfalls gesagt: Bitte lesen Sie dieses Buch! Es ist ein Schatz. Selbst für diejenigen, die vielleicht Liebesromane nicht mögen. Nun ja, es geht in diesem Roman mit diesem Titel natürlich in erster Linie um die Liebe, Gefühle, das Miteinander, Sex und Streit. Und sicherlich gibt es Romane über Universitäten und Internate, in denen es oftmals ziemlich zur Sache geht – da ist Kautabak ja noch recht harmlos -, wie Sand am Meer.

Doch Eugenides, der für seinen Roman „Middlesex“ 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, zählt zu den erfolgreichsten amerikanischen Autoren. Er ist ein großartiger Erzähler, sagt selbst sein Kollege Jonathan Franzen. Und das muss man sein, will man den gemeinen Leser angesichts des aktuellen Werkes über 600 Seiten bei der Stange halten. Eugenides verknüpft ungemein intelligent die verschiedenen Handlungsstränge, Rückblicke und Reflexionen der Personen. Am Ende der Dreiecksgeschichte ist es Mitchell, der dem Leser besonders nahe gekommen ist. Kühl und gescheitert erscheinen dagegen Madeleine und Leonhard, die zurückbleiben, kaum eine eigene Identität gebildet haben, im Verhältnis zu der inneren Entwicklung, die ihr Freund Mitchell gemacht hat. Die Gedanken zum Thema Religion und Glaube sind philosophische Geniestreiche. Ja, man muss bei diesem Roman sehr viel nachdenken und aufmerksam sein, um die Ideen nachzuverfolgen und vor allem die vielen Literaturhinweise von Franz Kafka bis Roland Barthes, von Henry James bis hin zu Jane Austen aufzunehmen. Nicht zu vergessen, die religiösen Schriften, die der junge Religionswissenschaftler „verschlingt“. Eugenides hat zudem aufwendig zum Thema Psychiatrie und manische Depression recherchiert.

Den Lesespaß kann die Weisheit und gedankliche Tiefe des Buches nicht minimieren. Ganz im Gegenteil: Sie setzen diesem wunderbar erzählten Buch die Krone auf. Ein weiterer großer Preis würde Eugenides ehren, es wäre ihm zu wünschen.     

Der Roman „Die Liebeshandlung“ von Jeffrey Eugenides erschien im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald.
624 Seiten, 24,95 Euro

Klippenfall – Antje Ravic Strubel "Sturz der Tage in die Nacht"

„Man sieht Menschen nicht immer gleich alles an. Man sieht es vor allem nicht, wenn das, was man sehen müsste, die eigene Vorstellungskraft übersteigt.“

Während seine Freunde als Bagpacker an das andere Ende der großen Welt reisen, reist Erik auf die kleine Insel. Hoch oben, im Norden, mitten in der Ostsee, abgeschieden vom Rest der Welt liegt sie. Naturparadies, Schutzgebiet, Heimat unzähliger Vögel. Erik sucht seinen Weg, will neu anfangen, etwas neues studieren. Er legt eine Pause ein zwischen den Lebensetappen und findet auf dem kleinen schwedischen Eiland nahe Gotland Inez, die Ornithologin. Aus einem Tagesausflug wird für den jungen Mann ein Sommer. Erik bleibt mit Hilfe von Inez, die ihn als Praktikanten einstellt, denn eigentlich dürfen Inselgäste nur eine begrenzte Zeit bleiben.
Zwischen beiden beginnt eine Beziehung unter Beobachtung. Denn Rainer Feldberg, der mit der selben Fähre wie Erik auf die Insel gekommen war, überwacht das seltsame Pärchen. Und keiner der beiden ahnt, dass mit dem nebulösen Mann nicht nur ein unbequemer Zeitgenosse angekommen ist, sondern die Vergangenheit schlechthin.

Denn Inez und Rainer kennen sich. Rückblick: Es sind die 80er Jahre. Inez ist gerade mal 16, als sie Felix Ton kennenlernt, ein Freund Rainers. Während ihre Eltern dem DDR-Sozialismus kritisch gegenüberstehen, hat sich Felix, der in Berlin studiert, von der Stasi anwerben lassen. Als Inez jedoch schwanger wird, lässt er sie ihm Stich. Sie bringt das Kind zur Welt und gibt es mit Hilfe von Rainer zur Adoption frei, auch er ist Teil der „Firma“. Jahre nach der Wende hofft Felix auf eine politische Karriere, natürlich reingewaschen von seiner Vergangenheit. Nur sein unbekannter Sohn spielt in diesem Drängen in die ersten Reihen eine Rolle. Feldberg baut für Ton eine sympathische Legende auf: Er, der verlassene Vater, der seinen Sohn sucht. Beide Männer agieren ohne Gewissensbisse, nur auf den eigenen Vorteil bedacht.

Und hier beginnt der neueste Roman von Antje Ravic Strubel „Sturz der Tage in die Nacht“ sich von einem Liebesroman in romantischer Landschaft in ein erschütterndes Buch der Vergangenheitsbewältigung zu wandeln, das zeigt, welche Schicksalsfäden durch andere gesponnen werden können. Denn Inez und Erik sind nicht nur ein Paar, sie sind auch Mutter und Sohn, ohne es indes zu wissen. Die Erkenntnis, die mit Hilfe eines alten Fotos entsteht, erschreckt beide ins Mark. Schlimmer noch: Feldberg hat über Jahre Erik und seine Adoptionseltern beschattet und soll nach all den Jahren den verlorenen geglaubten Sohn für Ton zurückbringen.  

Erzählt wird die Handlung auf verschiedenen Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven, eingangs berichtet Erik, der sich auf der Fähre zum Festland befindet, rückblickend von den Ereignissen. Strubels Roman ist ein gewaltiges Werk. Nicht nur, dass sie sich mit dieser Ödipus-Geschichte an ein Tabu-Thema wagt. Sie spinnt auf magische Weise und wortgewaltig-poetisch die Fäden zwischen den verschiedenen Lebensläufen. Inmitten des kleinen Personenensembles ragt Inez heraus, eine Frau, die stets ihren Weg gegangen, aufgestanden ist, wenn sie gefallen war, und nun zurückgezogen auf dem kargen Eiland inmitten des Meeres lebt. Die besondere Eigenschaft der Lummen, einer Vogelart, die auf der Insel lebt, zieht sich als Metapher durch den ganzen Roman: die Jungtiere fallen von den Klippen. Auch Erik steht schließlich dort oben, 60 Meter über dem Meer… Die unzähligen Gesichter und Stimmungen des Meeres und die besondere Naturlandschaft, abgeschottet vom Festland, verleiht dem Roman eine weitere besondere Facette. Poesie zeigt dort ihren Glanz, wenn die kleinsten Bestandteile der Wirklichkeit beschrieben werden, für die die meisten kein Auge, kein Bewusstsein haben.  

Bücher über die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit hat es in den letzten Jahren einige gegeben – Tellkamps „Turm“, Runges „In den Zeiten des abnehmenden Lichts“. Strubels Roman unterscheidet sich jedoch von beiden. Er bringt ans Licht, wie lang der Arm der Schattenrepublik reicht, nicht nur weit in eine andere Zeit und an andere Orte. Sie packt auch andere Generationen, die die DDR nicht bewusst erlebt haben. Erik war noch ein Kind, als die Mauer fiel.

Der Roman „Sturz der Tage in die Nacht“  von Antje Ravic Strubel erschien im August 2011 im S. Fischer Verlag.

448 Seiten, 19,95 Euro

Wer A sagt, muss nicht E sagen!

Sie werden lauter, übertönen sogar das romantische Seitenrascheln, gerade jetzt mit der diesjährigen Buchmesse Leipzig, dem größten Lesefestival Europas: Die Diskussionen über Sinn und Unsinn, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der E-Books geschehen meist im virtuellen Raum. Es macht klick, klick, klick… und schon findet man einen, zwei, drei… Text(e), ob objektive Bestandsaufnahme oder subjektive Glosse in den Online-Ausgaben der Zeitungen und Zeitschriften oder den allseits beliebten Blogs.

Wie glücklich war ich dann in einer Literatur-Beilage zur Messe einen wunderbaren Kommentar des amerikanischen Autors  T.C. Boyle zu lesen:  Er pflege zwar seine eigene Homepage – besser gesagt sein erwachsener Sohn, aber das E-Book erscheine ihm suspekt und leblos. Und auch mir kommen Zweifel. Wie reagieren E-Books bei Kaffeeflecken? Gibt es E-Book-Eselsohren? Wie gestalten sich Bahnfahrten, wenn man die aktuelle Lektüre des Gegenübers mit Hilfe des Buchumschlages nicht mehr erkennen kann? Wird  das E-Book gelb bei Reclam-Ausgaben? Wie viele E-Books passen in ein Billy-Regal? Wird der Energieverbrauch zunehmen? Wird ein Krimileser Amok laufen, wenn kurz vor der Auflösung des Falles sein E-Book den Geist aufgibt? Bekommt man einen elektrischen Schlag, wenn man im Bett über ihm einschläft?

Nun aber mal im Ernst: Verlieren wird nicht mit diesem Gerät und den digitalen Angeboten ein besonderes Erlebnis? Das haptische Erlebnis, wenn man ein Buch in die Hand nimmt, über das Papier streicht, die Seiten umblättert? Welchen Reiz haben Wohnungen, in denen kein einziges Buchregal steht, vielleicht dafür ein größerer Flachbild-Fernseher an der leer gewordenen Wand hängt?

Sicherlich erscheint das E-Book auf den ersten Blick praktisch. Im Urlaub oder auf einer längeren Bahnreise passen viele Bücher in ein einziges und seien es noch die dicksten. „Krieg und Frieden“ und „Die Elenden“ werden zu Leichtgewichten. Die Zeiten der schweren, mit Urlaubslektüre gefüllten Koffer könnte so ein Ende haben. Doch verführt dieses Gerät nicht wie beispielsweise seine modernen Brüder mp3-Player und x-GB-Kamerachip zu einem riesigen Haufen digitaler Daten, die sich rasant anhäufen. Wer hat denn wirklich noch einen Überblick über seine Fotos oder seine Musikdateien? Liegt in der Flut digitaler Einheiten nicht auch eine gewisse Gier zu raffen? Gut, ein Buch muss wie auch ein Musikalbum erworben werden, aber wie wenig bezahlt man heute für ein Werk einer Band, eines Sängers? Amazon bewirbt unzählige Alben mit Preisen unter fünf Euro. Wir beginnen Kunst und Kultur zu verramschen, und die Aura eines Originals verblasst.

Mein Lieblingsbuch bleibt ein gebundenes, egal ob nun mit oder ohne Kaffeeflecken. Und es würde mir weh tun, es zu verleihen und nie mehr wieder zu sehen, weil es ein sichtbarer und fühlbarer Teil von mir ist, der mich geformt hat, wie ich ihn – und sei es nur durch Eselsohren und mit Bleistift verfassten Anmerkungen auf den Seiten.

Foto: birgitH/pixelio.de

An seiner Seite Dora – Michael Kumpfmüller "Die Herrlichkeit des Lebens"

„Ist nicht alles Weg?“


Die letzte Zeit bricht für ihn an, für den ganz Großen, für den Literat mit der traurigen Gestalt. Er, der mit seinen Werken, den Erzählungen und Romanen, noch immer unzählige Leser vor Rätsel stellt, über den mehr geschrieben worden ist, als ihm selbst gelungen ist, wird wieder ein Teil der Literatur. Michael Kumpfmüller beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ die letzten Monate im Leben von Franz Kafka und damit die Zeit seiner großen Liebe.  Man schreibt das Jahr 1923. Im Sommer lernt der hagere „Doktor“ im Ostseebad Müritz Dora Diamant kennen, die Köchin des dortigen Ferienheims. Mit langen Spaziergängen entlang des Strandes und langen Gesprächen verknüpft sich  ihr Leben. Beide fühlen eine tiefe Verbundenheit und Liebe zueinander, obwohl zwischen ihnen ein Altersunterschied von 15 Jahren besteht, Kafka selbst Schwierigkeiten hat, eine Beziehung einzugehen.

Kafka verlässt mit seinen Schwestern Ottla und Elli nach einigen Tagen den Ferienort, die Reise geht zurück in die Heimat Prag.  Der Schriftsteller und die aus Polen stammende Köchin halten mit Briefen den intensiven Kontakt aufrecht. In Berlin sollen sie schließlich beide nach mehrmaligen Umzügen in einer bescheidenen Wohnung  ein gemeinsames Zuhause finden. Auch wenn die Situation nicht immer ungetrübt ist: Das Geld ist knapp, die Inflation herrscht.  Franz leidet unter den Beschwerden seiner Tuberkulose-Erkrankung. In der Großstadt macht sich zudem der Antisemitismus breit, der Jahre später ein Großteil von Kafkas Familie in den Vernichtungslagern von Chelmno und Auschwitz den Tod bringen wird. Der große Schriftsteller wird dies nicht erleben: Er stirbt genau einen Monat vor seinem 41. Geburtstag im Juni 1924 im Sanatorium Kierling in Niederösterreich. An seiner Seite: Dora. Auch wenn ihr Vater, ein orthodoxer Jude, die Heirat mit dem pensionierten Angestellten einer Versicherungsanstalt und bereits bekannten Künstlers verweigert.

All jene gegensätzlichen Stimmungen fließen in jenem wunderbaren Roman zusammen, jene heitere und hoffnungsvolle, ausgelöst durch die Beziehung, sowie jene erdrückende und düstere Atmosphäre, die durch den kritischen Gesundheitszustand Kafkas und die gespannte Situation in Berlin verursacht wird.
Wie Kumpfmüller das Wachsen der Gefühle beschreibt, ist meisterhaft, nicht minder, wie er ehrlich und unumwunden den Niedergang des weltbekannten Schriftstellers und das Leid des Paars erzählt, das nur wenige gemeinsame Monate erlebt hat. Doch neben den privaten Seiten Kafkas widmet sich Kumpfmüller auch dem Thema Schreiben. Immer wieder finden sich in dem Roman, wie dem große Autor die Schaffenspausen  aufgrund seiner Erkrankung  zu schaffen machen. Selbst sein größter Unterstützer Max Brod kann ihm wenig helfen. Kaum eine Zeile bringt er zu Papier, kommen wieder gute Zeiten, zeigt sich Kafka glücklich. Selbst in den letzten Tagen bringt ihm die Korrektur von Druckfahnen frohen Mut.

Kumpfmüller, der 1961 in München geboren wurde, heute in Berlin lebt und für seinen Roman „Nachricht an alle“ mit dem Döblin-Preis geehrt wurde, webt in seinen wunderbar poetischen Roman Kafkas Texte behutsam ein, Tagebücher, Briefe und Notizen und eine ganze Zeit finden so ihren Weg in ein großes Stück Literatur. Ein Teil der Korrespondenz sowie Notizen wurden indes 1935 von der Gestapo beschlagnahmt  und gelten bis heute als verschwunden. Dem Verfasser standen zudem die beiden Germanisten Prof. Peter-André Alt und Prof. Klaus Wagenbach zur Seite.

Wer sich vor den meist düsteren Werken Kafkas bis jetzt fürchtete, wird mit dem Roman einen anderen, weil persönlicheren Bezug zu Kafka finden und möglicherweise seine Texte in einem ganz anderen Licht sehen. Zu wünschen wäre es. Und eines darf nicht vergessen werden. Mit dem Buch wird auch einer besonderen Frau ein Denkmal gesetzt:  Dora Diamant, die ihre Liebe um 20 Jahre überleben wird. Sie starb 54 Jahre alt in London.

Der Roman  „Die Herrlichkeit des Lebens“ von  Michael Kumpfmüller  erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch im August 2011.
240 Seiten, 18,99 Euro