Von Leid und Hoffnung – Sebastian Barry „Tage ohne Ende“

„Schätze mal, letzten Endes ist das Land der Verheißung in Grautöne gehüllt.“

Der Wildwestroman hat es noch immer schwer, als anspruchsvolle Literatur wahrgenommen zu werden. Abgesehen von großen Namen wie James Fenimore Cooper und Jack London, und obwohl es in den vergangenen Jahren mit Antonin Varennes Roman „Äquator“ und die Wiederentdeckung von „Butchers Crossing“ von John Williams schon herausragende Titel gegeben hat, an die ich an dieser Stelle gern erinnern möchte. Denn allzu eng ist dieses Genre noch immer mit den dünnen Heftchen verknüpft, die in Bahnhofsbuchhandlungen, Supermärkten und am Kiosk verramscht werden. Der irische Schriftsteller und Dramatiker Sebastian Barry legt mit seinem neuen Werk „Tage ohne Ende“ Maßstäbe und beweist, dass eine große Geschichte im historischen Amerika und große Poesie durchaus zueinander finden können. „Von Leid und Hoffnung – Sebastian Barry „Tage ohne Ende““ weiterlesen

Das Böse – Louise Penny „Hinter den drei Kiefern“

„Und er fragte sich, ob einem, so wie die Liebe, auch der Hass aus früheren Leben folgte.“

Malerisch gelegen, erscheint Three Pines wie ein Ort, in dem man die ruhigen Töne des Lebens anstimmen und hier alt werden könnte. In dem kleinen Dorf in der Region Quebec unweit von Montreal hat sich eine Schar leicht schrulliger, aber liebenswürdiger Männer und Frauen niedergelassen und eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet. Dieser gehören unter anderem die Ex-Psychologin und nunmehr als Buchhändlerin tätige Myrna, die in die Jahre gekommene Dichterin Ruth, die an ihrer Seite keinen Hund, aber eine Ente weiß, oder die Malerin Clara, die Bilder entstehen lässt, die irgendwie unfertig wirken, an. „Das Böse – Louise Penny „Hinter den drei Kiefern““ weiterlesen

Ketil Bjørnstad „Die Welt die meine war“

„Das ist mein Platz. Der des Betrachters.“

Als ich dieses Buch las, hatte ich oft diesen fetzigen Song im Kopf, einen Ohrwurm, der einfach nicht verschwinden wollte. Kurioserweise oder wie der Zufall es so wollte, stammt der Hit – wie auch dieses Buch  –  von einem Pianisten. „We Didn’t Start The Fire“ heißt der Hit des Amerikaners Billy Joel, in dem „The Piano Man“ herausragende Personen und Ereignisse der Geschichte in den Strophen aufzählt und aneinanderreiht, einer Chronik gleich. Zu einem Rückblick in eine vergangene Zeit, genauer gesagt in die 1960er-Jahre, lädt der Jazz-Pianist Ketil Bjørnstad mit dem ersten Band seiner Autobiografie ein. Auf eine ganz ähnliche Weise wie sein Kollege Joel.  „Ketil Bjørnstad „Die Welt die meine war““ weiterlesen

Welt der Waffen – Jennifer Clement „Gun Love“

„Irgendwer hatte immer den Finger am Abzug.“

Der Zustand eines Landes lässt sich oft in den Medien sowie in den Werken aus Kunst und Kultur ablesen. Das sind Zeitungen, Rundfunk und Blogs, das sind aber auch Romane, die die Atmosphäre und ein Stimmungsbild einfangen. Mit „Gun Love“ legt die amerikanische und mehrfach ausgezeichnete Autorin Jennifer Clement einen Roman vor, dessen Titel nicht nur das Geschehen trefflich in nur zwei Wörtern beschreibt. Er schildert in all seiner schier herzergreifenden Tragik und Melancholie von Waffenhysterie und Waffengewalt, die vor keiner Generation und keinem gesellschaftlichen Status Halt macht. „Welt der Waffen – Jennifer Clement „Gun Love““ weiterlesen

Trauma – Juli Zeh „Neujahr“

„Da war etwas, aus dem es kalt heraufwehte.“

Lanzarote: Die trockene und karge Vulkaninsel im Atlantik mit ihren schwarzen Stränden und Bergmassiven ist Ziel vieler Touristen. Henning, seine Frau Theresa und die beiden gemeinsamen Kinder Jonas und Bibbi zieht es ebenfalls auf das spanische Eiland. Die Familie verbringt die Tage des Jahreswechsels auf der kanarischen Insel. Doch für den jungen Mann wird es alles andere als ein erholsamer Urlaub, weil diese Reise in die Ferne nicht nur die Disharmonie des Paares offenlegt. Er wird während einer Radtour hinauf in die Berge konfrontiert mit einer düsteren Episode aus seiner Kindheit, an die er sich bis zu jenem Tag nicht erinnert.  „Trauma – Juli Zeh „Neujahr““ weiterlesen

Backlist #7 – John Wray „Die rechte Hand des Schlafes“

„Wie konnte das alles passieren?“

Obwohl ich allgemein sehr viel und sehr oft Literatur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder Bücher über jene Zeit lese, ist es Zufall, dass ich für diese Reihe „Backlist lesen“ nach Robert Seethealers Werk „Der Trafikant“ erneut zu einem Roman gegriffen habe, der sich mit dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich beschäftigt (ich werde in den kommenden Folgen wieder für etwas Abwechslung sorgen). Doch mit John Wray und seinem Debüt „Die rechte Hand des Schlafs“ verhält es sich dann doch etwas anders, als es auf den ersten Blick erscheint. „Backlist #7 – John Wray „Die rechte Hand des Schlafes““ weiterlesen