Grauen – Edna O’Brien „Die kleinen roten Stühle“

„Sie sahen die Ruinen ausgebrannter Häuser, eine verwüstete Landschaft, verängstigte Familien auf dem Marsch (…).“

Er ist kein Heiler, er ist vielmehr das Grauen und das Böse in Person. Als Vladimir Dragan an einem Winterabend den kleinen Ort Cloonoila an der irischen Westküste erreicht, ahnt keiner der Einwohner, welchen Fremden sie für die kommenden Wochen und Monaten bei sich willkommen heißen. Sein Charisma, seine Eloquenz und auch sein Aussehen blenden sie. Keiner fragt nach seiner Vergangenheit. Die Frauen wickelt er um den Finger. Fidelma, einst Inhaberin eines Textilgeschäftes und Frau des Textilhändlers Jack, beginnt eine Affäre mit ihm. Ein Verhältnis, das sie später teuer zu stehen kommt: Denn Vladimir ist einer der meist gesuchten Kriegsverbrecher, der während der Belagerung Sarajewos sein Unwesen getrieben hat. Die Irin Edna O‘ Brien erzählt in ihrem meisterhaften Roman „Die kleinen roten Stühle“ auf beklemmende Art und Weise von Lug und Betrug sowie den entsetzlichen Folgen der Gewalt des Menschen gegenüber seinesgleichen.   „Grauen – Edna O’Brien „Die kleinen roten Stühle““ weiterlesen

Schuld – Pierre Lemaitre „Drei Tage und ein Leben“

„Die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein …“

Der Tatort: der Wald von Saint-Eustache, das Opfer: der kleine Rémi, der Täter:  der gerade mal zwölfjährige Antoine. Seine Tatwaffe: ein Stock.  Keine Angst, hier wird nicht alles verraten, wovon der Roman von Pierre Lemaitre „Drei Tage und ein Leben“ handelt. Denn dieser grausame wie tragische Akt der Gewalt ist schon auf Seite 23 zu lesen, das neue Werk des Franzosen kein Krimi und der Gewinner des renommierten Prix Goncourt ein meisterhafter Erzähler, der Überraschungen mag.     „Schuld – Pierre Lemaitre „Drei Tage und ein Leben““ weiterlesen

„Knausgård hat Türen geöffnet“ – Interview mit Elke Ranzinger

Zwischen den jährlichen Neuerscheinungen, auch in den kommenden Frühjahrsprogrammen der Verlage, finden sich Titel aus Norwegen, das 2019 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird und meines Erachtens auch darüber hinaus mehr Aufmerksamkeit seitens deutscher Leser verdient hätte. In einem Gespräch mit „Zeichen & Zeiten“ erzählt Elke Ranzinger über ihre Arbeit als Übersetzerin, Lieblingsautoren und die Wahrnehmung der Literatur Norwegens hierzulande.

Wie sind Sie Übersetzerin geworden? 

Mit Sprache habe ich mich schon immer beschäftigt. Und übersetzt habe ich gewissermaßen auch in meinem ersten Beruf, könnte man sagen; schon während meiner Arbeit als Dramaturgin am Theater, nur ging es da um die Übersetzung vom geschriebenen Wort in die Sprache von Körpern. Die Aufgabe ist aber in beiden Fällen die gleiche, in einen Text regelrecht hineinzukriechen, ich muss verstehen, wie er gebaut ist, was wie was erzeugt und meint, um dann den passenden künstlerischen Ausdruck zu finden. Und als ich nach einem halben Leben am Theater nach etwas Neuem gesucht habe, tauchte da plötzlich das Übersetzen auf.

Und wie kam es zum Norwegischen?

Während meines ersten Studienjahrs habe ich Henrik Ibsens „Die Frau vom Meer“ gelesen. Das Stück hat etwas nicht Greifbares in mir angesprochen, ich hatte das Gefühl, daraus strahlt ein spezielles Licht, vielleicht das Licht der Mitternachtssonne, eine Stimmung, die ich heute aus Norwegen so auch kenne. Da habe ich beschlossen, Norwegisch zu lernen, ich sagte mir, „in einem Jahr liest du das Stück im Original.“ Ja und dieses eine Jahr später fand ich mich dann in Bergen wieder, für ein halbes Jahr Auslandssemester. Dort habe ich alles mitgenommen, was man an Sprachkursen so machen konnte. Und mich unwiderruflich in das Land verliebt. Und so habe ich zwei Jahre später nochmal für ein halbes Jahr Praktikum am Goethe Institut in Oslo gelebt. Irgendetwas ist mit mir und diesem Land, sobald ich da bin, fühle ich mich Zuhause, als käme etwas in mir von dort.

Wie nähern Sie sich einem Werk an?

Erstmal das Buch lesen. Wobei das bisher immer lange vor dem eigentlichen Auftrag passiert ist. Dazu muss ich kurz erläutern, dass meine bisherigen Prosa-Aufträge alle dadurch entstanden sind, weil ich tatsächlich für ein Buch, das mich fasziniert hat, den passenden Verlag gefunden habe. Das waren Bücher, die etwas über unsere Welt und unsere Gesellschaft sagen, was mir persönlich wichtig ist, und über das ich auch mit meinen Freunden diskutieren können möchte. Darüber soll überhaupt gesprochen werden können. Ob ich nun Theater mache oder übersetze, ist mir am Wichtigsten, mit dem, was ich tue, Themen in Umlauf, ins Gespräch zu bringen. Ich glaube, so kann man als Künstler die Welt langsam verändern.

Foto: Christan Wittmann

Aber zurück zum Übersetzen. Also, nach dem ersten Lesen, fange ich einfach direkt an „runter zu übersetzen“, das ist wie ein sehr genaues Lesen durch Schreiben. Ich arbeite mich tiefer und tiefer hinein, in die semantische Struktur, in die Figuren, die Situationen, eben die Stimme des Buches. Dieser erste Durchgang besteht aus zwei Phasen, einem ersten schnellen Tippdurchgang, in dem ich noch nicht viel nachschlage, wo ich mir verschiedene Möglichkeiten, Ideen und Gedanken hintereinander weg notiere, auch mal im Satz die Satzkonstruktion ändere, wenn ich eine neue Idee habe, den Satz anzupacken. Einfach ein erstes Hineinspringen ohne Perfektionsdruck. Was da so entsteht, wird am nächsten Tag mit Recherche überarbeitet, gefeilt, Wörter werden nachgeschlagen, erste Entscheidungen getroffen usw. So entsteht die Rohfassung. Und wenn ich dann einmal durch bin und erleichtert, dass da jetzt zumindest schon einmal etwas steht, geht es wieder von vorne los. Mehrmals. Ein Durchgang auch ausgedruckt auf Papier. Das ist besonders wichtig, denn wenn meine Übersetzung dann so vor mir liegt, ist es irgendwie gleich ernst. Das Gedruckte lässt sich nicht so leicht löschen, das ist wirklich so gemeint. Dieses Gefühl zwingt mich noch genauer hinzusehen, und dabei entdecke ich auch oft die Weichen, die letztlich zu der spezifischen Stimme führen. Und ich lese viel laut. Sowohl das Norwegische als auch das Deutsche. Bis das Deutsche in Inhalt, Rhythmus und Atmosphäre dem Norwegischen entspricht. Aber die Arbeitsweise ist sicher bei jedem Übersetzer anders. Und ich bin selber noch auf der Suche nach der besten Arbeitsweise für mich, schließlich mache ich das ja jetzt erst seit knapp zwei Jahren.

Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit sammeln können? 

Im Augenblick stehe ich kurz vor der Abgabe meiner dritten Romanübersetzung und merke immer mehr, wie sich die Intuition mit Handwerk anreichert und ergänzt. Für diesen Roman bin ich in der glücklichen Lage, das Bode-Stipendium vom Deutschen Übersetzerfonds erhalten zu haben, und dieses Stipendium bedeutet nicht nur Geld, sondern dass ich mir einen erfahrenen Übersetzer als Mentor suchen durfte. Das ist in meinem Fall Ina Kronenberger. Ich empfinde es als riesiges Privileg, mit jemandem wie ihr ganz allein an einem Tisch zu sitzen, um nur über meinen Text, die übersetzerischen Probleme wie auch grundsätzlich Handwerkliches zu sprechen. Übersetzen ist ja an sich erstmal eine sehr einsame Tätigkeit, aber ich merke wie viel man gerade im Austausch lernt.

Wie und wo entdecken Sie die Bücher in Originalsprache?

Das ist in Deutschland gar nicht so leicht, Norwegen ist ja nicht in der EU, also mal schnell bestellen ist nicht. Früher, also vor meiner Zeit als Übersetzerin, ging ich bei meiner in etwa alle drei Jahre stattfindenden Sommerreise nach Norwegen in meine Lieblingsbuchhandlung in Oslo und sagte zum Buchhändler: „Ich war jetzt X Jahre nicht in Norwegen, was muss man gelesen haben.“ Heute lese ich norwegische Literatur vor allem beruflich, um neue Projekte zu finden, das heißt, ich schaue mir die Programme der norwegischen Verlage an und schreibe den Agenten, zu denen ich mittlerweile gute Kontakte habe, was sie mir bitte schicken sollen. Gekauft werden also nur noch Bücher, die ich zum Spaß lese.

Woran arbeiten Sie aktuell?

An „Fra vinterarkivene“ von Merethe Lindstrøm. Sie ist eine etablierte Autorin und hat mit dem Vorgängerroman „Dager i stillhetens historie“ 2012 den Literaturpreis des Nordischen Rates erhalten. „Fra vinterarkivene ist ein autobiografischer Roman. Sie versucht sich darin mithilfe des Schreibens der bipolaren Störung ihres Mannes anzunähern, versucht im Schreiben, das Unverständliche zu verstehen. 

Das Ganze ist dabei eine große Liebeserklärung an ihren Mann. Sehr berührend und sehr wahr. Vor allem dadurch, dass die Sprache ganz schlicht und pur ist, aber zugleich ein dichtes Netz an Bildern erzeugt, die nach und nach Räume eröffnen, in denen spürbar wird, was nicht sagbar ist. Das Buch wird im Verlag Matthes & Seitz erscheinen.

Wie oft greifen Sie zum Wörterbuch?

Kommt darauf an, in welcher Phase ich stecke, anfangs mehr, dann weniger. Aber ohne möchte ich nicht übersetzen. Es liegt immer in Reichweite. Manchmal ist es dazu da, mich zu versichern, und oft nutze ich es auch nur, um mir Anregungen zu holen, wohin ich noch denken könnte. Sehr hilfreich sind da auch einsprachige Norwegisch-Wörterbücher, die einem das Wortfeld eröffnen, sowie deutsche Synonymwörterbücher.

Was reizt Sie an der norwegischen Sprache, was ist das Besondere an ihr?

Das fällt mir schwer zu beantworten, kannte ich die Sprache ja gar nicht, als ich angefangen habe, sie zu lernen. Der Reiz lag wie gesagt in einem bestimmten Text. Jetzt, wo ich sie immer mehr kenne, mag ich, wie erdig sie ist, wie einfach, aber auch wie offen. Es gibt einige Worte, die in mir ein Gefühl erzeugen, das mehr stimmt als die deutsche Entsprechung. Oft denke ich in der Sprache spiegelt sich die beeindruckende Landschaft und die Natur in diesem Land wieder, die ich als gnadenlos empfinde. Als Mensch hat man hier, besonders im Winter, nichts verloren. Eigentlich.

Beherrschen Sie noch weitere skandinavische Sprachen?

Nicht aktiv, ich kann sie jedoch alle lesen, stammen sie ja aus einer Familie. Das mussten wir auch im Studium. Gut möglich, dass ich später auch einmal aus einer anderen Sprache übersetzen werde, vielleicht als erstes aus dem Dänischen.

Welche Autoren mögen und können Sie empfehlen?

146_27073_176925_xxlAlle, die ich übersetze. Wie gesagt, ich wollte ja unbedingt, dass man die hier lesen kann. Da ist einmal Tore Renberg mit seiner Texas-Serie, der erste Band davon „Wir sehen uns morgen“ zum Beispiel erzählt auf schmerzhafte und zugleich witzig schräge Weise von unserer durchkapitalisierten Welt und der Suche nach Menschlichkeit darin, die manchmal nur zu erreichen ist, wenn man vorher kriminell wird, wie in der Serie „Breaking Bad“. Dann, Helga Flatland, die eine wahnsinnig genaue Beobachterin von Figurenkonstellationen ist, davon, wie sich Menschen verhalten, wenn ihre Welt ins Schwanken gebracht wird. Ich freue mich schon richtig darauf, bald ein paar Monate mit den Figuren ihres neuesten Romans „En moderne familie“ zu verbringen. Dieses Buch über Geschwister Ende dreißig, deren Welt aus den Fugen gerät, weil sich ihre Eltern nach 40 Jahren Ehe scheiden lassen wollen, wird in 2019 beim Weidle Verlag erscheinen. Von meinen Herzensprojekten mal abgesehen, empfehle ich noch Tomas Espedal, Per Petterson, Johan Harstad, Mattias Faldbakken, ja, der hat nach viele Jahren auch gerade ein großartig böses neues Buch geschrieben.

Wie schätzen Sie die Wahrnehmung der norwegischen Literatur in Deutschland ein?

Ich denke, Knausgård hat hier schon Türen geöffnet. Die Leser sehen, dass aus Norwegen nicht nur Krimis kommen. Allerdings ist es für mich schwierig zu sagen, inwiefern die Literatur allgemein und in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen als den meinen wahrgenommen und geschätzt wird. Ich denke aber, da ist noch Luft nach oben.

2019 wird Norwegen das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Was erhoffen Sie sich?

Ich hoffe, dass auch Titel und Autoren, die bereits jetzt schon in Deutschland zu lesen wären, in den Fokus rücken, und dass neue, auch sperrigere Bücher eine Chance bekommen, die die Verlage womöglich sonst aufgrund von Marktgründen nicht machen würden. Zugleich habe ich aber auch ein wenig Angst davor, dass zu viele Bücher gemacht werden, dass der Markt in nur einem Jahr übersättigt wird und sich keiner dieser Autoren wirklich etablieren kann. Denn das wäre, was ich mir eigentlich wünschen würde. Ich hoffe also, dass sich alle am Buchmarkt beteiligten Parteien, auch die Norweger selbst, die gerade unendlich viel, noch mehr als sonst auch, dafür tun, ihre Autoren bekannt zu machen, ihrer Aufgabe und Verantwortung gegenüber der Literatur bewusst sind.

Für mich als Übersetzerin heißt es natürlich erst einmal viel Arbeit in 2018, um die Bücher zu übersetzen, die 2019 erscheinen sollen. Und dann 2019, wenn die Bücher in Veranstaltungen vorgestellt werden. Das ist schön, und ich freue mich auf diese beiden spannenden Jahre. Ich bin sehr glücklich, mit dem was ich tue. Es ist schon ein Geschenk, den ganzen Tag nur mit Sprache arbeiten zu dürfen.

Elke Ranzinger wurde 1980 in Passau geboren. Sie studierte Theaterwissenschaft, Nordische Philologie sowie Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie arbeitete im Anschluss als Regieassistentin am Pfalztheater Kaiserslautern, später am Landestheater in Linz als Dramaturgin. Heute lebt und arbeitet sie als Übersetzerin von Prosa, Theatertexten und Musicals und freie Dramaturgin in Berlin. Für Heyne Encore übertrug sie den Roman „Wir sehen uns morgen“ von Tore Renberg ins Deutsche. 

Blätterrascheln – Ein Blick in die Frühjahrsprogramme

Ein neues Regal musste her. Die Bücher stapelten sich unkontrolliert in den Räumen. Und wieder begleitete mich das bange Gefühl, noch zu viele ungelesene Bücher zu haben. Trotzdem warf ich in den vergangenen Tagen einen Blick in die kommenden Frühjahrsprogramme großer und kleiner Verlage und wurde vielerorts fündig. Wie sollte es auch anders sein. Obwohl ich sicherlich nicht alle Titel lesen werde und kann, hier ein Überblick über Bücher, die mir besonders aufgefallen sind. Und vielleicht ist ja auch das eine oder andere Buch für Euch dabei.

Deutschsprachige Literatur

Bereits auf der Frankfurter Buchmesse erhielt ich die überaus gute Nachricht, dass ein neuer Roman von Ralf Rothmann mit dem  Titel „Der Gott jenes Sommers“ (März, Suhrkamp) erscheinen wird. Freuen werde ich mich ebenfalls über ein neues Werk von Monika Maron: „Munin oder Chaos im Kopf“ (Februar, S. Fischer). Da aus Sachsen stammend, fiel mir „Die Sintflut von Sachsen“, ein in Wurzen spielender Roman von Bernd Wagner, auf (März, Schöffling). Mit „Unter der Drachenwand“ legt auch Arno Geiger wieder etwas Neues vor (Januar, Hanser). Svenja Leibers Debüt „Das letzte Land“ habe ich mit viel Begeisterung gelesen. Nun erscheint ihr zweiter Roman „Staub“ (März, Suhrkamp). Ihren Erstling mit dem Titel „Leinsee“ legt hingegen Anne Reinecke vor (Februar, Diogenes). Auch Mareike Fallwickl und Gunnar Kaiser, in der Bloggerszene sehr bekannt, legen jeweils ihr Debüt vor: „Dunkelgrün fast schwarz“ (März, Frankfurter Verlagsanstalt) und  „Unter der Haut“ (März, Berlin Verlag). Hans Pleschinski hat mit „Wiesenstein“ einen Roman über Gerhart Hauptmann geschrieben (Januar, C.H.Beck).

Auch Bernhard Schlink ist wieder zurück. Sein neuer Roman heißt „Olga“ (Januar, Diogenes). Spannend fand ich den Vorausblick auf den Roman „Die Gewitter-Schwimmerin“ von Franziska Hauser (Februar, Eichborn) sowie auf das neue Buch von Wolfram Fleischhauer „Das Meer“ (März, Droemer). Mit „Skizzen eines Sommers“ stand André Kubiczek 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Nun erscheint „Komm in den totgesagten Park und staune“ (März, Rowohlt Berlin).  Große Schriftsteller sind ebenfalls wieder mit dabei: Es erscheinen das Gesamt-Gedichtwerk von Paul Celan (März, Suhrkamp), eine Biografie über Bertolt Brecht  von Stephen Parker (Juni, Suhrkamp) sowie weitere Werke von Hans Fallada (Februar, Juni, Aufbau). Für mich immer wieder besonders interessant: Werke, die wieder entdeckt werden. Ich bin gespannt auf  „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (Februar, Klett-Cotta).

Über den großen Teich

Um beim Sprung über den großen Teich beim Thema zu bleiben: Auch Felix Jacksons Tagebuch-Roman „Berlin, April 1933“ ist eine Wiederentdeckung. Der gebürtige Hamburger schreibt ebenfalls über die Anfänge des Dritten Reiches (März, Weidle). Mit William Finnegans „Barbarentage“ (März, Suhrkamp) sowie George Sanders „Lincoln in Bardo“ (März, Luchterhand) gibt es die Werke zweier Preisträger, die mit dem Pulitzer-Preis beziehungsweise mit dem Man Booker Prize geehrt worden sind. Nominiert für den National Book Award war hingegen Jacqueline Woodson mit „Ein anderes Brooklyn“ (März, Piper).  Als Liebling der Buchhändler gelang Emily Fridlund mit „Eine Geschichte der Wölfe“ der Sprung in die Bestseller-Listen (März, Berlin Verlag).

Sehr interessant wohl auch: „Von dieser Welt“ von James Baldwin (März, dtv), Nickolas Butlers „Die Herzen der Männer“ (Februar, Klett-Cotta), Lionel Shrivers Zukunftsvision „Eine amerikanische Familie“ (März, Piper) sowie „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ von Jesmyn Ward (Februar, Kunstmann),  deren Roman „Vor dem Sturm“ ich sehr empfehlen kann.  Joshua Cohen gilt als eine der  spannendsten Stimmen der jüngeren amerikanischen Literatur. Es erscheint sein Roman „Das Buch der Zahlen“ (Januar, Schöffling). Ein Sprung nach Südamerika: Nach seinem viel gelobten Roman „Flut“ ist Daniel Galera mit „So enden wir“ zurück (März, Suhrkamp).

Literatur aus dem hohen Norden

Gleich zwei große norwegische Autoren sind mit neuem Werk vertreten: Lars Saabye Christensen mit „Magnet“ (März, btb) und Linn Ullmann mit „Die Unruhigen“ (Juni, Luchterhand). Nach ihrem Bestseller „Die Geschichte der Bienen“ widmet sich Maja Lund mit „Die Geschichte des Wassers“ dem Meer (März, btb). Johan Bargums „Nachsommer“ führt in die südfinnische Schären-Welt (Februar, mare). Der Finne Tommi Kinnunen hat mit „Wege, die sich kreuzen“ einen Generationenroman geschrieben (März, DVA). „Krokodilwächter“ heißt ein Krimi der Dänin Katrine Engberg (März, Diogenes), „Blackout Island“ ein Krimi der Isländerin Sigríður Hagalín Björnsdóttir (August, Suhrkamp). Madame Nielsen, ein Star in Skandinavien, ist künftig mit ihrem Roman „Der endlose Sommer“ in deutschen Buchläden vertreten (März, Kiwi).

In Europa – von Ost nach West

Georgien ist Gastland der kommenden Frankfurter Buchmesse. In deutscher Übersetzung erscheint „Der Korb“ von Otar Tschiladse (März, Matthes & Seitz).  Um im Osten zu bleiben: „Internat“ heißt der neue Roman des Ukrainers Serhij Zhadan (März, Suhrkamp). Die Kroatin Daša Drndic legt nach „Sonnenschein“ ihren neuen Roman „Belladonna“ vor (Februar, Hoffmann & Campe). Den Balkan-Krieg thematisiert Sara Nović in „Das Echo der Bäume“ (April, btb). Familienhistorie trifft auf Weltgeschichte in dem Roman „Die Heimkehrer“ von Edna Krasikow (April, Luchterhand). Neu übersetzt erscheinen Erzählung von Maxim Gorki unter dem Titel „Jahrmarkt in Holtwa“ (Januar, Aufbau). Die Tschechin Bianca Bellová erzählt in „Am See“ eine Coming-Age-Geschichte (Februar, Kein & Aber).

Der Engländer Ian McGuire führt in seinem Roman „Nordwasser“ den Leser auf ein Walfangschiff (Februar, mare). John Boyne neuester Streich trägt den Titel „Cyril Avery“ (März, Piper). Den Kriegserlebnissen Samuel Becketts widmet sich der Roman „Ein Ire in Paris“ von Jo Baker (April, Knaus). „Von Vögeln und Menschen“ heißt der neue Roman der Niederländerin Margriet de Moor (Februar, Hanser), „Eine bessere Zeit“ das neue Werk des Katalanen Jaume Cabré (März, Insel). Preisgekrönt: „Patria“ des Spaniers Fernando Aramburu (Januar, Rowohl). Eine Familiengeschichte erzählt die Italienerin Maria Rosaria Valentini in „Magnifica“ (März, Dumont). Das Meer spielt eine Hauptrolle in „Der Strand“ der Französin Marie Nimier (April, Dörlemann). Der Leser kann sich mit „Teich“ der Engländerin Claire-Louise Bennett in die Einsamkeit eines ruhig gelegenen irischen Cottages zurückziehen (April, Luchterhand). In die Natur führt auch „Das große Spiel“ der Französin Céline Minard (Februar, Matthes & Seitz).

Zukunftswelten

Science-Fiction-Literatur und interessante Zukunftsvisionen stehen immer öfter auf meiner Lektüreliste. Mit „Der dunkle Wald“ legt der vielfach preisgekrönte Chinese Cixin Liu den Folgeband von „Die drei Sonnen“ vor (Juli, Heyne). Auch Andy Weir, Autor des verfilmten Bestsellers „Der Marsianer“, ist mit „Artemis“ zurück (März, Heyne). Wohin und in welche Zeit Kim Stanley in seinem Roman „New York 2140“ führt, verrät schon  allein der Titel (Mai, Heyne). Der Mars und zugleich New York finden sich in „Central Station“ von Lavie Tidhar wieder (Februar, Heyne). In meinem Urlaub in Ahrenshoop kaufte ich mir eine Neuausgabe des neu übersetzten Klassikers „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert. In Kürze erscheint der Folgeband „Der Herr des Wüstenplaneten“ (August, Heyne).

Besonderes

Fans von Haruki Murakami werden wohl Luftsprünge machen. Mit „Die Ermordung des Commendatore“  Teil 1 und 2 erscheinen gleich zwei neue Bücher des Japaners (Januar, April, Dumont). Mit Wehmut werden Anhänger der Ferrante-Saga auf den Abschlussband „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ reagieren (Januar, Suhrkamp). Zum Trost gibt es mit „Frantumaglia“ ein Selbstporträt der erfolgreichen Autorin (Juni, Suhrkamp). Mit der wundervollen Biografie von Andrea Wulf erhielt ich vor einiger Zeit einen Einblick in das spannende Leben von Alexander von Humboldt.

Mit „Das Buch der Begegnungen“ erscheint ein Prachtband mit Auszügen aus seinen Reisetagebüchern (Juni, Manesse). Stets fasziniert vom Meer, entdeckte ich mit sehr viel Freude den Band „Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme“ von R. G. Grant (Mai, Dumont). Und zu guter Letzt noch ein Muss für jeden Bücherfreund: In seiner Reportage „Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ erzählt Charlie English von einer besonderen Rettungsaktion (März, Hoffmann & Campe).

Da einige wenige Verlage ihre jeweilige Frühjahrsvorschau noch nicht veröffentlicht haben, werde ich den Beitrag womöglich mit einigen weitere Titeln ergänzen. Wem das noch nicht reicht – auf den Blogs „Muromez“, „Die Buchbloggerin“, „Bücherherbst“, „Buzzaldrins Bücher“, „SchöneSeiten“ und auf der Seite von Stefan Mesch gibt es noch weitere Einblicke in die Frühjahrvorschauen und Lesetipps. Für das kommende Jahr habe ich mir fest vorgenommen, hin und wieder einen Backlist-Titel zu lesen und auf dem Blog vorstellen.

Ketil Bjørnstad „Emma oder das Ende der Welt“

„Müßiggang ist der beste Freund der Trauer. Dann macht sie dich fertig.“

Der Roman beginnt bereits mit einer Tragödie, einem schmerzvollen wie unfassbaren Verlust, den Eltern nie erfahren sollten. Emma, die neunjährige Tochter von Aslak Timbereid und seiner Frau Hanne, stirbt nach einem Flugzeugunglück – als einziges Opfer. Zu Beginn von Vorahnungen gequält, sucht der Vater gemeinsam mit der Mutter seines Kindes nach einem Schuldigen des Unglücks. Der neue Roman „Emma oder das Ende der Welt“ des Norwegers Ketil Bjørnstad beschreibt allerdings nicht nur die Tragödie und ihre furchtbaren Folgen. Das Buch gibt einige Einblicke in die literarische Szene des skandinavischen Landes und versammelt zugleich zahlreiche interessante Gedanken von großen Namen.  „Ketil Bjørnstad „Emma oder das Ende der Welt““ weiterlesen

Tierische Helden – Zwei Bücher für den Gabentisch

Sie sind überall, um uns herum. Sie laufen, sie kriechen, sie schwimmen, ja, sie fliegen auch. Sie haben ein Fell, Gefieder, Schuppen oder eine aalglatte Haut. Die Natur ist voller wundersamer tierischer Wesen, denen es vermutlich ohne uns Menschen besser gehen würde. Zwei Bücher möchte ich an dieser Stelle vorstellen, denen ich mich in den vergangenen Tagen mit Begeisterung gewidmet habe und die sich wunderbar als Geschenk eignen für all jene, die Freude an der Tierwelt haben, über sie noch immer staunen und gerne lesen.

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