Vergiftet – Rolf Bauerdick „Pakete an Frau Blech“

„Je mehr ich blendete, desto heller erstrahlte ich. Nur verschwamm mir die Grenze von Sein und Schein. Dabei wollte ich niemanden täuschen. Ich wollte doch nur heraus aus dem Schatten. Ich wollte siegen über das Grau.“

Mit 13 Jahren sitzt er mit freigekauften DDR-Häftlingen in einem Bus auf dem Weg in den Westen. Anfang 40 will er seine Vergangenheit hinter sich lassen und sich eine neue Existenz in den USA aufbauen. Zuvor soll es für Maik Kleine jedoch noch nach Berlin gehen. Ein trauriger Anlass. Sein Mentor und Ersatzvater, der charismatische Zirkusdirektor Alberto Bellmonti, alias Albert Bellmann, soll beigesetzt werden. Natürlich mit dem ihm entsprechenden Tamtam – wie es sich für ein international bekanntes Oberhaupt der Manege gehört. Ein Elefant führt den mehrstündigen Trauerzug zum Friedrichsfelder Zentralfriedhof an, wo berühmte Kommunisten und DDR-Bonzen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Doch das Wiedersehen mit den anderen Zirkus-Mitstreitern, wie dem Polen Szymbo und der Russin Albina, führt Maik zurück in seine eigene Vergangenheit, als nach der Beisetzung Bellmonti unter Verdacht steht, ein Spitzel für die Stasi gewesen zu sein.
„Vergiftet – Rolf Bauerdick „Pakete an Frau Blech““ weiterlesen

Der Grenzgänger – Thomas Brasch „Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte“

Naumburg hat Eingang auf Seite 676 gefunden. „Weil ich das Eigene verloren habe“ heißt das Werk. 18 Zeilen voller Furcht und seelischem Schmerz. Keine guten Erinnerungen sind es wohl, die der Dichter, Dramatiker und Regisseur Thomas Brasch (1945-2001) von der Domstadt besaß. Der kurze Text aus dem Nachlass des 2001 verstorbenen Künstlers, vermutlich in den 80er Jahren verfasst, zählt zu den gesammelten Gedichten, die als Band mit dem Titel „Die nennen das Schrei“ nun in einer limitierten Sonderausgabe vom Suhrkamp-Verlag veröffentlicht wurde.  „Der Grenzgänger – Thomas Brasch „Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte““ weiterlesen

Ein Mythos wird enthüllt – Bill Niven „Das Buchenwaldkind“

NivenEr war nur ein Schicksal unter Millionen. In einer Zeit, die bis heute für Entsetzen und Trauer sorgt, die den Rahmen des Begreiflichen sprengt. Der polnische Jude Stefan Jerzy Zweig erlebte im Alter von vier Jahren die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald im April 1945 durch amerikanische Streitkräfte. Er und sein Vater Zacharias überstanden die Verfolgung und die Schrecknisse in mehreren Lagern und im Ghetto von Krakau. Die Geschichte von Stefan wurde in den folgenden Jahren und Jahrzehnten nicht nur deutschlandweit bekannt. Sie entwickelte sich in der DDR zu einem Mythos, missbraucht für die Propaganda. Denn Stefan ist das Buchenwaldkind und in dem Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz, eines der erfolgreichsten Bücher der DDR und zugleich verordnete Schullektüre, die Hauptgestalt. „Ein Mythos wird enthüllt – Bill Niven „Das Buchenwaldkind““ weiterlesen

(Zu)Flucht – Lutz Seiler "Kruso"

„Niemand kann dir das Sehen verbieten, niemand kann dir die Sehnsucht verbieten, schon gar nicht bei Sonnenuntergang.“

Ed macht sich aus dem Staub. Er verschwindet aus dem eigenen Alltag, verlässt nach dem Unfalltod seiner Freundin in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ die Stadt, sein Studium, das bekannte Umfeld und landet mit auf der Insel Hiddensee. Ein mythischer Glanz umgibt das kleine Eiland nahe Rügen – als schönste Perle in der Ostsee und umschwärmt von Touristen, als Ort der Inspiration für große Denker wie Gerhard Hauptmann, als letzte Bastion vor dem Westen. Die Insel ist Grenzgebiet und wird streng überwacht. „(Zu)Flucht – Lutz Seiler "Kruso"“ weiterlesen

Von Schriftstellern, dem Schreiben und der DDR – Max Frisch "Aus dem Berliner Journal"

„Die Langweile zu leben. Weil durch ,leben‘ kaum eine neue Erfahrung aufkommt. Wenn es zu Erfahrungen kommt, so nur noch durch Schreiben.“

Die Schreibmaschine und das Fenster mit Blick auf die Straße vor ihm, in der Hand die Tabakspfeife, an der er andächtig zieht, rechts die Schreibtischlampe, die sich lang macht und sich über die Schreibmaschine beugt. Die bekannte Fotografin Renate von Mangoldt hat Max Frisch 1973 in dessen Berliner Wohnung in der Sarrazinstraße porträtiert. Diese Aufnahme, die wie keine zweite das Wesen eines Schriftstellers einfängt, hat Eingang gefunden in Frischs neuestes Werk. „Von Schriftstellern, dem Schreiben und der DDR – Max Frisch "Aus dem Berliner Journal"“ weiterlesen