Schein – Olivier Bourdeaut „Warten auf Bojangles“

„Bei Tageslicht zu weinen ist wirklich etwas anderes, der Traurigkeitsgrad ist ein anderer.“

Er liebt sie, sie liebt ihn. Gemeinsam lieben sie ihren Sohn. Gemeinsam leben sie wie in einem Märchen: mit einem Schloss, mit rauschenden Partys. Sie tanzen, als gäbe es kein Morgen mehr; ihr gemeinsames Lied: „Mr. Bojangles“ von Nina Simone (1933 – 2003). Traurig und lebendig zugleich –  wie ihr Leben. Der Franzose Olivier Bourdeaut erinnert in seinem Debüt „Warten auf Bojangles“ an diesen Evergreen der amerikanischen Sängerin und erzählt darin zugleich eine unvergessliche Geschichte über eine ganz besondere Familie und ihr tragisches Schicksal.  „Schein – Olivier Bourdeaut „Warten auf Bojangles““ weiterlesen

Brüder – Kris Van Steenberge „Verlangen“

„Vögel im Käfig verlieren das Fliegen.“

Ypern, die Stadt in Westflandern mit ihren heute rund 35.000 Einwohnern, hat sich in die Geschichtsbücher eingeschrieben. Wenngleich auch in düsterer Weise. Während des Ersten Weltkriegs fanden hier vier große Schlachten statt, testeten die deutschen Truppen zum ersten Mal Senfgas aus. Einen kleinen realen Ort namens Woesten nahe Ypern setzt Kris Van Steenberge in den Mittelpunkt seines Debütromans „Verlangen“, der neben dem Krieg auch vom Dorfleben und einer besonderen Familie erzählt.  „Brüder – Kris Van Steenberge „Verlangen““ weiterlesen

Schweigen – Sylvie Schenk „Schnell, dein Leben“

„Eltern stecken in ihren Kindern und können sie schwer und traurig machen.“

Um das Leben literarisch zu erfassen, braucht es keine großen Worte, keine bekannten Personen als Protagonisten. „Stoner“ von John Williams, Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ – zwei Romane, die daran erinnern, dass große Literatur vor allem die Geschichte der kleinen, nicht berühmten Leute in ihrem Alltag im Lauf der Zeit erzählt. Dieser Reihe kann ein neuer Roman hinzugefügt werden: „Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk. Dabei wird den wenigsten wohl der Name der deutsch-französischen Schriftstellerin bekannt sein, die in der Vergangenheit vor allem Lyrik und einige wenige Romane (Picus Verlag Wien) veröffentlicht hat. Doch mit ihrem neuen Werk gilt es, sie zu entdecken. Denn es ist ein großartiges Buch. „Schweigen – Sylvie Schenk „Schnell, dein Leben““ weiterlesen

Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe“

„Vermutlich schlingern die meisten so durch ihr Leben, halb wissend und halb blind, bedrängt von Erinnerungen, die unmöglich wahr sein können.“

Rückblicke haben oft einen ambivalenten Charakter. Und immer bleibt dabei die Frage, welchen Ereignissen der Vergangenheit stellt man sich in seinen eigenen Erinnerungen, welche werden eher unterdrückt, gemieden, ausgeblendet. Meist sind es vor allem überraschende, teils auch tragische Geschehnisse, die Erinnerungen hervorholen. Wegen einer Infektion nach einer Blinddarm-OP liegt Lucy Barton für mehrere Wochen im Krankenhaus. Eines Tages sitzt ihre Mutter am Bett, völlig überraschend. Denn Mutter und Tochter haben sich gemieden und einige Jahre lang nicht gesehen, aber nun vieles zu berichten. „Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe““ weiterlesen

Warum ich lese

Mit seinem Beitrag „Warum ich lese“ hat Sandro Abbate auf seinem Blog „novelero“ ein Thema berührt, das nachfolgend viele weitere Blogger beschäftigt hat. Unterschiedliche Einblicke in Lesebiografien und persönliche Gedanken sind so entstanden. Dies ist nun meine Geschichte. „Warum ich lese“ weiterlesen

Entwurzelt – Lars Mytting „Die Birken wissen’s noch“

„Antwortlose Fragen. Zeugenlose Verwandlungen. So war es mit unserer Geschichte, immer wieder und wieder.“

Unsere Herkunft ist Teil unserer Identität und Selbstwahrnehmung. In der Familiengeschichte von Edvard klaffen indes Lücken. Als Waise wächst er bei seinem Großvater auf dem Hof in Gudbrandsdalen auf. Beide gelten im Dorf als Sonderlinge. Weil der Großvater im Krieg auf der Seite der Deutschen gekämpft hat, weil die Eltern von Edvard durch einen tragischen Unfall in Frankreich ums Leben gekommen sind, als der Junge gerade mal drei Jahre alt war.

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