Schweigen – Sylvie Schenk „Schnell, dein Leben“

„Eltern stecken in ihren Kindern und können sie schwer und traurig machen.“

Um das Leben literarisch zu erfassen, braucht es keine großen Worte, keine bekannten Personen als Protagonisten. „Stoner“ von John Williams, Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ – zwei Romane, die daran erinnern, dass große Literatur vor allem die Geschichte der kleinen, nicht berühmten Leute in ihrem Alltag im Lauf der Zeit erzählt. Dieser Reihe kann ein neuer Roman hinzugefügt werden: „Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk. Dabei wird den wenigsten wohl der Name der deutsch-französischen Schriftstellerin bekannt sein, die in der Vergangenheit vor allem Lyrik und einige wenige Romane (Picus Verlag Wien) veröffentlicht hat. Doch mit ihrem neuen Werk gilt es, sie zu entdecken. Denn es ist ein großartiges Buch. „Schweigen – Sylvie Schenk „Schnell, dein Leben““ weiterlesen

Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe“

„Vermutlich schlingern die meisten so durch ihr Leben, halb wissend und halb blind, bedrängt von Erinnerungen, die unmöglich wahr sein können.“

Rückblicke haben oft einen ambivalenten Charakter. Und immer bleibt dabei die Frage, welchen Ereignissen der Vergangenheit stellt man sich in seinen eigenen Erinnerungen, welche werden eher unterdrückt, gemieden, ausgeblendet. Meist sind es vor allem überraschende, teils auch tragische Geschehnisse, die Erinnerungen hervorholen. Wegen einer Infektion nach einer Blinddarm-OP liegt Lucy Barton für mehrere Wochen im Krankenhaus. Eines Tages sitzt ihre Mutter am Bett, völlig überraschend. Denn Mutter und Tochter haben sich gemieden und einige Jahre lang nicht gesehen, aber nun vieles zu berichten. „Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe““ weiterlesen

Warum ich lese

Mit seinem Beitrag „Warum ich lese“ hat Sandro Abbate auf seinem Blog „novelero“ ein Thema berührt, das nachfolgend viele weitere Blogger beschäftigt hat. Unterschiedliche Einblicke in Lesebiografien und persönliche Gedanken sind so entstanden. Dies ist nun meine Geschichte. „Warum ich lese“ weiterlesen

Entwurzelt – Lars Mytting „Die Birken wissen’s noch“

„Antwortlose Fragen. Zeugenlose Verwandlungen. So war es mit unserer Geschichte, immer wieder und wieder.“

Unsere Herkunft ist Teil unserer Identität und Selbstwahrnehmung. In der Familiengeschichte von Edvard klaffen indes Lücken. Als Waise wächst er bei seinem Großvater auf dem Hof in Gudbrandsdalen auf. Beide gelten im Dorf als Sonderlinge. Weil der Großvater im Krieg auf der Seite der Deutschen gekämpft hat, weil die Eltern von Edvard durch einen tragischen Unfall in Frankreich ums Leben gekommen sind, als der Junge gerade mal drei Jahre alt war.

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Closeup der Erinnerung – Botho Strauß „Herkunft“

„Eigentlich gelangt man ja nur nach Hause in verschwommenen und undisziplinierten Empfindungen.“

Zwei Städte, zwei Flüsse, zwei Lebensgeschichten: Botho Strauß, 1944 in Naumburg an der Saale geboren, aufgewachsen in Bad Ems an der Lahn, zählt zu den großen literarischen Stimmen Deutschlands. Seine umfangreiche Werkliste umfasst Theaterstücke, Erzählungen und Essays. Für sein Schaffen wurde er mehrfach geehrt, so mit dem Lessing- und dem Büchner-Preis. Eines seiner jüngsten Bände, 2014 mit dem Titel „Herkunft“ im Hanser Verlag erschienen, ist ein Meisterwerk von Erinnerungsbuch.   „Closeup der Erinnerung – Botho Strauß „Herkunft““ weiterlesen

Heimatlos – Ulrike Draesner „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“

„Wir hatten ein Kind verloren, das Erbe verloren, alle Gräber, ein Stück unserer selbst, die Verbindung zu unserer Vergangenheit, die Verankerung in Besitz und Beständigkeit, das Vertrauen, da sein zu dürfen.“

Weder persönliche Erinnerungen noch statistische Zahlen können das Ausmaß erfassen, als Millionen Menschen am Ende des Zweiten Weltkriegs Flucht und Vertreibung erleben. Sie werden zu Heimatlosen, die ihr früheres Leben zurücklassen und nie wieder Wurzeln schlagen werden. Selbst die folgenden Generationen sind gezeichnet. Ulrike Draesner hat mit ihrem Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ jenen Familien eine Stimme gegeben. „Heimatlos – Ulrike Draesner „Sieben Sprünge vom Rand der Welt““ weiterlesen