Lockruf des Nordens – Simon Michalowicz „Norwegen der Länge nach“

„Alles strahlt in den prächtigsten Rot- und Gelbtönen, die glasklaren Bäche schimmern grünlich blau, und die Sonne strahlt jeden Tag mit mir um die Wette. Es ist eine Gnade, gerade jetzt hier zu sein.“

Wenn Kollegen und Freunde über ihren Urlaub unter Palmen oder an den Stränden des Südens berichten, lässt mich das kalt. Mein Herz schlägt für den Norden, schon seit vielen Jahren. Genauer ist Norwegen zu meiner Seelenheimat geworden. Nicht nur durch zahlreiche Reisen, zuletzt eine Wintertour auf der MS Polarlys der Hurtigruten-Flotte. Vor allem hat mich meine Familie, genauer gesagt meine Großmutter geprägt, die aus Norwegen stammt. Leider habe ich sie nie kennenlernen dürfen, da sie einige Jahre vor meiner Geburt gestorben ist. Aber sie war sicherlich auch der Grund, dass ich nach meinem Abitur zehn Monate als Au-pair auf der kleinen Insel Runde verbrachte. Wenn ich heute Fotos, Filme oder Bücher über das Land sehe oder lese, fühle ich ein gewisses Heimweh. Hjemlengsel nennen es die Norweger. So ist es mir nun auch bei der Lektüre von Simon Michalowicz‘ Reisebericht „Norwegen der Länge nach“ ergangen. „Lockruf des Nordens – Simon Michalowicz „Norwegen der Länge nach““ weiterlesen

Drei Brüder – Favel Parrett "Jenseits der Untiefen"

„Er lebte dafür, für diese Augenblicke, wenn alles stillstand außer dem eigenen Herz und die Zeit sich ausdehnte und wogte – sich Bild für Bild vor das innere Auge schob und man jenseits der Zeit und vor der Zeit war und einem niemand etwas anhaben konnte.“ 

Das Leben der Currens wird vom Meer bestimmt. Es liegt nahezu vor der Haustür – jene riesige Wasserfläche, die manchmal platt erscheint, sich oft jedoch aufbäumt, in der sich unzählige Lebewesen regen.  Der Vater verdient sein Geld mit dem Fischen und Muschelsuchen, wenn auch illegal. Auch Miles muss auf dem Kutter mithelfen und harte Arbeit leisten anstatt zur Schule zu gehen. Der kleine Bruder Harry fürchtet indes das große Wasser. Und Joe, der ältere der Drei, will einfach nur weg – mit dem selbst gebauten Boot. Die australische Autorin Favel Parrett, 1974 geboren, hat ihre Heimat, die Küste Tasmaniens, zum Schauplatz ihres Debütromans „Jenseits der Untiefen“ gemacht. Hier ist nur wenig idyllisch. Doch daran hat nicht das Meer Schuld, sondern vielmehr einige Menschen.  „Drei Brüder – Favel Parrett "Jenseits der Untiefen"“ weiterlesen

Ein Paar auf Augenhöhe – Ingeborg Gleichauf "Ingeborg Bachmann und Max Frisch"

„Beide inszenieren sich in verschiedenen Rollen hinein, sind ihre eigenen Regisseure in selbst erfundenen Stücken, die sich schließlich als erschütternd real enthüllen.“

Sie war die dichtende Diva, von einer geheimnisvollen Aura und unzähligen Bewunderern umgeben, er der berühmte Schriftsteller, der sich eher in einer familiären Bürgerlichkeit wohlfühlte. Zusammen galten Ingeborg Bachmann (1926-1973) und Max Frisch (1911-1991) als das Traumpaar der deutschsprachigen Literaturszene. Obwohl von ihrer gemeinsamen Zeit nicht ein Foto existieren soll. Diesem besonderen Kapitel im Leben beider und nicht minder der deutschen Literaturgeschichte widmet sich die Germanistin Ingeborg Gleichauf in ihrem Band, der als Titel den Namen beider berühmter Autoren und die Unterzeile „Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit“ trägt. Die Autorin ist sehr vertraut mit dem Leben und Schaffen beider Schriftsteller. Gleichauf promovierte über Ingeborg Bachmann, verfasste eine Biografie über Max Frisch. Und dieses umfangreiche Wissen trägt auch dazu bei, dass ihr neuestes Werk herausragend ist.  „Ein Paar auf Augenhöhe – Ingeborg Gleichauf "Ingeborg Bachmann und Max Frisch"“ weiterlesen

Spurensuche im ewigen Eis – Stephan Orth "Opas Eisberg"

„Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man in eine menschenfeindlichen Wildnis reist, weit weg von der Zivilisation, und dann plötzlich der kargste Ort der Welt etwas Vertrautes gewinnt.“

Das besondere Vermächtnis zeigt sich als „unscheinbares Büchlein“. Gezeichnet vom Zahn der Zeit und Aufenthalten in fremden Ländern erzählt es als Tagebuch die Geschichte einer gefährlichen Abenteuerreise. 1912 gehörte der spätere Architekt Roderich Fick, damals nur 25 Jahre alt, der Schweizer Grönland-Expedition unter der Regie des Expeditionsleiters Alfred de Quervain an. 100 Jahre später wandelt dessen Enkel Stephan Orth auf den Spuren seines Großvaters. Der „Spiegel-Online“-Redakteur wagt sich nach einer ersten Tour zur größten Insel der Welt gemeinsam mit einigen Familienmitgliedern wenig später erneut in die Arktis. Sein Plan: die Überquerung des grönländischen Inlandeises von Ost nach West. Seinen „Opa“ hat Orth nie gekannt, der viele Jahre vor seiner Geburt infolge eines Herzinfarkts verstorben war. Obwohl das Grönland-Kapitel aus dem Leben des Vorfahren der Familie wohlbekannt ist, zählten doch Andenken wie Walross-Elfenbein und Kajak-Paddel zu den besonderen Erbstücken, wird erst dieses Tagebuch zum Auslöser der herausfordernden Jubiläums-Tour im Vier-Mann-Team. „Spurensuche im ewigen Eis – Stephan Orth "Opas Eisberg"“ weiterlesen

Eine Welt auf zwölf Quadratmetern – Emma Donoghue: "Raum"

Jacks Welt besteht aus einem Raum, etwas mehr als einen Dutzend Quadratmeter groß, mit Bett und Badewanne, Teppich und Fernseher und einem Kleiderschrank, in dem der fünfjährige Junge schläft. Ein Fenster gibt es nicht. Nur ein Oberlicht gibt dem Raum etwas Helligkeit, die den Tag von der Nacht trennt. Manchmal erblickt der Junge dort den Mond – der einzige Beweis für die Welt da draußen und der einzige, wenn auch leblose Zeuge der schrecklichen Geschehnisse. Geschehnisse, die einen an entsetzliche, indes auch reale Nachrichten von Entführungen und jahrelangen Missbrauchs erinnern, die trauriges Vorbild für den Roman „Raum“ der Amerikanerin Emma Donoghue sind.

Der Täter im Buch trägt den Namen Old Nick. Vor sieben Jahren entführte er Jacks Ma, damals eine junge Collagestudentin von gerade mal 19 Jahren. Er sperrte sie in den Raum, errichtet in einer Gartenlaube, abseits der Stadt und vergeht sich seitdem an ihr. Mehrmals, regelmäßig. Auch Jack – Ergebnis einer Vergewaltigung – wird diese Greueltaten erleben. Er schildert die Ereignisse und die Personen aus seiner kindlichen Sicht, mit seiner begrenzten, fehlerhaften Sprache, die sowohl Folge jener schrecklichen Lebensverhältnisse ist als auch das besondere sprachliche Merkmal des Buches bildet, das zum fünften Geburtstag des Jungen einsetzt und mit einem Neuanfang für Mutter und Kind im Draußen und nach vielen, ebenfalls schmerzhaften Ereignissen endet. Ereignisse, die den Leser sehr berühren, sich regelrecht eingraben und gerade durch die Perspektive des Kindes an Wirkung gewinnen.

Denn seine Erfahrungen begrenzen sich auf jenen Raum, auf die wenigen, abgenutzten Dinge oder jene Sachen, mit denen Old Nick die beiden versorgt. Jack kennt nicht die Welt da draußen, sondern eine künstliche Welt, die für seine Mutter und ihn in Form des licht- und schalldichten und versiegelten Raumes geschaffen wurde und die sich ab und an auch in Fernsehsendungen zeigen. Jacks Verhältnis zu seiner Mutter ist deshalb sehr eng. Sie versucht ihm so gut es den Umständen geht, ein „normales“ Leben über die reine Existenz hinaus zu bieten und ihn zu erziehen. Diese starke Bindung wird im Laufe des Buches indes auf eine Belastungsprobe gestellt, als das Kind nach der gelungenen Flucht mit jener anderen Welt konfrontiert wird und diese erste entdecken muss, jeden Quadratmeter, kleine und große Personen und Dinge und sich ob dieser Fremdheit Sehnsucht nach dem engen Raum hat.
Mit diesem Roman ist Donoghue ein besonderes Buch gelungen. Es packt einen, es beißt regelrecht und lässt einen so schnell nicht los. Man leidet mit, man lacht allerdings auch ab und an aufgrund Jacks kesser und neugieriger Blick auf die Welt und trotz der tieftraurigen und unvorstellbaren Erlebnisse. Man erfährt eine Achterbahn der Gefühle, vor allem weil es der Autorin wunderbar gelingt zu zeigen, dass die kleinen schönen Dinge des Lebens in ihrer Mehrzahl sowie Liebe, Hoffnung und Glaube manches Mal nicht von Schmerz, Gewalt und Qualen überwältigt werden können.

„Raum“ ist trotz seiner schockierenden Geschichte somit ein recht positives Buch – auch wenn die Realität meist ein Happyend nicht kennt. Donoghue setzt der engen Beziehung zwischen Mutter und Kind ein literarisches Denkmal, während sie einige Gesellschaftsbereiche dagegen scharf angreift, wie beispielsweise die sensationsgierige Medienwelt, die das Schicksal von Mutter und Sohn so gut es geht verkaufen will. Worauf allerdings die Autorin mit ihrer Geschichte keine Antwort weiß – wie kann so viel Gewalt und Menschenverachtung überhaupt entstehen.

Raum von Emma Donoghue ist im Piper-Verlag erschienen.
In der Übersetzung von Armin Gontermann
August 2011
416 Seiten, 19,99 Euro