Metamorphose – Anna Katharina Hahn „Das Kleid meiner Mutter“

„Das gesamte Anderssein war ein Versprechen.“

Gut ausgebildet, aber chancenlos: Spaniens Jugend steht im Abseits. Die Eurokrise hat das Land tief getroffen. Wer kann und will, wandert  aus. Wer zurückbleibt, hat meist keine Arbeit oder einen schlecht bezahlten Job. Statt in einer eigenen Wohnung leben viele bei den Eltern. Auch Ana María Martínez Madrugada, kurz Anita Nanita genannt, trifft dieses harte wie ernüchternde Los einer vergessenen Generation.    „Metamorphose – Anna Katharina Hahn „Das Kleid meiner Mutter““ weiterlesen

Eine Wiederbegegnung mit Ketil Bjørnstad

Neulich fiel sie mir wieder in die Hände: die CD mit dem kurzen wie prägnanten Titel „Grace“ und dem zarten und elfenbeinfarbenen Gesicht einer Frauen-Plastik auf dem Cover. Das Album von Ketil Bjørnstad enthält nicht nur eines meiner Lieblingslieder: „Lovers Infiniteness“.  Darüber hinaus begleitet mich der Norweger mit seinen Werken schon seit einigen Jahren – sowohl mit seinen Romanen als auch mit seiner Musik. Grund genug, ihm nun einen Beitrag zu widmen – zusammen mit der wunderbaren Nachricht als Anlass, dass Norwegen das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2019 sein wird. „Eine Wiederbegegnung mit Ketil Bjørnstad“ weiterlesen

Rückblende – Anthony Marra „Letztes Lied einer vergangenen Welt“

„Es gibt mehr Möglichkeiten, sich an einen Menschen zu erinnern, als es Menschen auf der Welt gibt.“

In einem meiner Lieblingsbuchläden fiel er mir auf: der Roman von Anthony Marra mit dem Titel „Die niedrigen Himmel“. Mit diesem meisterhaften Buch erlebte ich meine erste literarische Begegnung mit Tschetschenien – ein Land, das in den vergangenen Jahren vor allem durch die Berichte zweier Kriege regelmäßig in die Schlagzeilen gekommen war. Mit seinem neuesten Werk „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ kehrt der Amerikaner zurück in dieses traditionsreiche wie einst zerrüttete Land und spannt den Bogen indes zeitlich und geografisch weiter.   „Rückblende – Anthony Marra „Letztes Lied einer vergangenen Welt““ weiterlesen

Geschärfte Sinne – Andreas Pflüger „Endgültig“

„Jeder hat sein Leben, hält es fest, nimmt es für selbstverständlich. Die Wenigsten wissen, dass es das nicht ist.“

Als ein Einsatz verheerend endet, ahnt sie nicht, dass dies erst der Beginn eines Kampfes auf Leben und Tod ist. Der Fall rund um ein gestohlenes Gemälde von Marc Chagall führt Jenny Aaron und Niko Kvist, zwei verdeckte Ermittler einer deutschen Polizei-Eliteeinheit, nach Barcelona. Während der vereinbarten Übergabe werden beide lebensbedrohlich verletzt. Seitdem hat Aaron ihr Augenlicht verloren. Trotzdem bleibt sie der Polizei als Vernehmungsspezialistin erhalten und gerät fünf Jahre nach dem Fiasko in der katalanischen Metropole erneut in einen gefährlichen Strudel der Gewalt.  „Geschärfte Sinne – Andreas Pflüger „Endgültig““ weiterlesen

Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater“

„Mit unseren Erinnerungen versuchen wir, ein missglücktes Leben zu korrigieren, nur darum erinnern wir uns. Es sind die Erinnerungen, mit denen wir uns gegen Ende des Lebens beruhigen.“

Der folgende Gedanke macht zugegeben recht traurig: Der Wunsch auf ein selbstbestimmtes Leben bleibt meist unerfüllt, erweist sich als Trugschluss, als Fantasie. Selbst wenn wir hoffen, wenn wir tapfer, wenn wir ehrgeizig sind. Unser Lebensweg wird oft in andere, nicht gewollte und erwünschte Richtungen gelenkt. Christoph Heins neuer Roman „Glückskind mit Vater“ erzählt davon und weckt ein melancholisches Gefühl wie er wiederum glücklich macht, einen besonderen Helden kennengelernt zu haben.  „Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater““ weiterlesen

Abschied – Milena Busquets „Auch das wird vergehen“

„Ich glaube, dass wir ein paar Dinge für immer verlieren. Ich glaube, sogar, dass wir mehr das sind, was wir verloren haben, als das, was wir besitzen.“

Nahezu jeder spürt die Furcht vor dem eigenen Tod sowie dem  Verlust eines geliebten Menschen. Wie wir mit dem unwiederbringlichen Ende umgehen, wird verschieden sein. Manchmal weigern wir uns, uns der Trauer zu stellen. Bis auch sie sich einstellt. Wenige Wochen nach dem Tod ihrer Mutter ist Blanca hin und hergerissen. Auf der einen Seite fühlt sie den Schmerz, auf der anderen Seite ist da das pure Leben mit Freundinnen, Männern und den beiden Söhnen. Der Sommersitz der Familie in dem beschaulichen Fischerdorf Cadaqués an der spanischen Mittelmeer-Küste verspricht Rückzug und Ablenkung zugleich.  „Abschied – Milena Busquets „Auch das wird vergehen““ weiterlesen

Überleben – Anthony Marra „Die niedrigen Himmel“

„Unter der Wolkendecke sahen ferne Städte und Dörfer winzig aus. Angreifer wie Angegriffene klammerten sich an ihre Handvoll Erde, aber am Ende lebte die Erde länger als die Hände, die sie umschlossen.“

Nahezu abseits unserer Gedankenwelt gab es einen Krieg, dem wenig später ein weiterer folgte. Bis heute erfährt Tschetschenien wenig Aufmerksamkeit – wie wohl eine Vielzahl jener Staaten, die nach dem Zerfall der Sowjetunion ihre Selbstständigkeit errungen haben.  Die Republik im Nordkaukasus wurde gleich zweimal von Krieg und Elend (1994 – 1996/1999 – 2009) getroffen. In seinem Debüt-Roman „Die niedrigen Himmel“ erzählt der Amerikaner Anthony Marra vom Leid der Bevölkerung und ihrem Kampf ums Überleben.  „Überleben – Anthony Marra „Die niedrigen Himmel““ weiterlesen

Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher“

„Vielleicht leben wir zwischen diesen Bergen, beginnen zu ahnen, daß wir immer im Tal sein werden, beginnen darunter zu leiden, können uns aber aus eigener Kraft nicht aufschwingen.“

Das  Land und ihre Menschen ließen sie zeitlebens nicht los. Zehnmal reiste Christa Wolf (1929 – 2011) in die Sowjetunion; zuerst 1957 als junge Journalistin und Autorin, zuletzt 1989 als die Wende dem Sozialismus ein Ende setzte. Über ihre Reisen geben ihre Tagebücher Auskunft, die mehr sind als nur Einträge ihres eigenen Tuns. In ihren Texten, die sie nie als literarisch empfand und nun  von ihrem Mann Gerhard Wolf herausgegeben wurden, beschreibt sie das Land und das Leben, die Sorgen und Nöte der Menschen.  „Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher““ weiterlesen

Gezeichnet – György Dragomán „Der Scheiterhaufen“

„Die schmerzvollsten Geschichten könne man nur so erzählen, dass der, der zuhört, das Gefühl hat, dass sie ihm selbst widerfahren, dass es seine eigenen Geschichten sind.“

Den Menschen zeichnen Erfahrungen und Erlebnisse, Gedanken und Gefühle und nicht minder politische und gesellschaftliche Ereignisse, die später zu Geschichte werden. Wir sind immer das, was wir einst waren. Ein Teil von allem. Kinder und Jugendliche wie Emma machen ebenfalls diese Erfahrung, wenn sie auch erst später wirklich bewusst wird. In Emmas Heimatland Rumänien hat der Sozialismus sein Ende gefunden. Auf dem Hof ihres Internates werden die Überreste des diktatorischen Regimes unter Nicolae Ceaușescu auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt. Eine neue Zeit bricht an: nicht nur gesellschaftlich, sondern für Emma auch privat. Ihre ihr bis dato unbekannte Großmutter holt sie aus dem Internat. Fortan soll das Mädchen, das beide Eltern durch einen Autounfall verloren hat, bei ihr leben.  „Gezeichnet – György Dragomán „Der Scheiterhaufen““ weiterlesen

Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen“

„Ich stelle mir vor, wenn nach uns jemand die Welt wieder aufbaut, wird es eine schweigsame Welt.“

Am Anfang ist die Kälte: Fünf Männer stehen im Kreis dicht aneinander. Sie frieren und wärmen sich. Am Anfang gibt es auch eine unkontrollierte Gewalt: Fünf Männer vergehen sich nacheinander an einer wehrlosen Frau, die im Gebüsch liegt. Man schreibt den Monat April. Eine Katastrophe ist geschehen. Die bekannte Welt existiert nicht mehr. Dörfer sind verwüstet, die Menschen tot. Am Anfang einer neuen Zeit nach dem Ende streifen fünf Männer durch das Land. Ziellos, hungrig, frierend.  „Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen““ weiterlesen