Dorf ohne Idylle – Szilárd Borbély „Die Mittellosen“

„Vater sagte, es gibt Zahlen, die man nicht teilen kann. Sie haben keinen anderen Teiler als die Eins und sich selbst. Seither versuche ich jede Zahl zu teilen. Ich mag die, die keinen Teiler haben. Die so sind wie in diesem Dorf wir. Aus den anderen herausragen.“

Ein Junge lebt in einem Dorf. Mit seinen Eltern, der älteren Schwester, einem jüngeren Bruder. Die Familie ist arm und wohnt in einem Erdhaus mit Lehmwänden etwas abseits des Ortes. Der Vater hat oft keine Arbeit und trinkt, die Mutter weiß manchmal nicht weiter und droht, sich das Leben zu nehmen. Eine Spirale der Gewalt setzt sich in Gang: Die Eltern schlagen die Kinder, die Kinder töten kleine Tiere. Auch der Junge, der von seinem Leben erzählt. „Dorf ohne Idylle – Szilárd Borbély „Die Mittellosen““ weiterlesen

Lockruf des Nordens – Simon Michalowicz „Norwegen der Länge nach“

„Alles strahlt in den prächtigsten Rot- und Gelbtönen, die glasklaren Bäche schimmern grünlich blau, und die Sonne strahlt jeden Tag mit mir um die Wette. Es ist eine Gnade, gerade jetzt hier zu sein.“

Wenn Kollegen und Freunde über ihren Urlaub unter Palmen oder an den Stränden des Südens berichten, lässt mich das kalt. Mein Herz schlägt für den Norden, schon seit vielen Jahren. Genauer ist Norwegen zu meiner Seelenheimat geworden. Nicht nur durch zahlreiche Reisen, zuletzt eine Wintertour auf der MS Polarlys der Hurtigruten-Flotte. Vor allem hat mich meine Familie, genauer gesagt meine Großmutter geprägt, die aus Norwegen stammt. Leider habe ich sie nie kennenlernen dürfen, da sie einige Jahre vor meiner Geburt gestorben ist. Aber sie war sicherlich auch der Grund, dass ich nach meinem Abitur zehn Monate als Au-pair auf der kleinen Insel Runde verbrachte. Wenn ich heute Fotos, Filme oder Bücher über das Land sehe oder lese, fühle ich ein gewisses Heimweh. Hjemlengsel nennen es die Norweger. So ist es mir nun auch bei der Lektüre von Simon Michalowicz‘ Reisebericht „Norwegen der Länge nach“ ergangen. „Lockruf des Nordens – Simon Michalowicz „Norwegen der Länge nach““ weiterlesen

Vom Menschsein – Lily King „Euphoria“

„Ich glaube, mehr als alles andere ist es die Freiheit, nach der ich in meiner Arbeit suche, in all diesen entlegenen Gegenden der Welt – nach einer Gruppe von Menschen, die einander den Raum geben, so zu sein, wie es den Bedürfnissen eines jeden entspricht. Und vielleicht werde ich niemals in einer einzigen Kultur fündig werden, sondern finde Teile davon in verschiedenen Kulturen, die ich dann wie ein Mosaik zusammensetzen und der Welt vorführen kann.“

Der Zufall bringt sie zusammen. Weihnachten 1932 begegnen sich die drei Ethnologen Nell Stone, Schuyler Fenwick und Andy Bankson auf der Regierungsstation in Angoram/Neuguinea. Nell und Fen sind verheiratet und wollen nach ihrem Aufenthalt bei verschiedenen Völkern die Insel wieder in Richtung Australien verlassen, um dort das Leben der Aborigines zu erforschen. Doch Andy kann die beiden überreden zu bleiben. Er verspricht ihnen, ein Volk zu finden, das sie untersuchen können. Zu Beginn eher eine rein berufliche Verbindung, entwickeln sich zwischen Nell und Andy tiefe Gefühle und eine Abhängigkeit, die später dramatische Folgen haben werden.  „Vom Menschsein – Lily King „Euphoria““ weiterlesen

Into the wild – David Guterson „Der Andere“

„Du tust, was du tun musst, aber mich kriegen sie nicht. Das Leben ist kurz. Die Ewigkeit ist lang. Ich schmuggle mich an Gott vorbei – auch er kriegt mich nicht.“

Der Gedanke, dem modernen Leben den Rücken zuzudrehen, sich in die wilde Natur zurückziehen und alle Brücken hinter sich abzubrechen, hat etwas faszinierendes wie beängstigendes. Einige sind dem Ruf der Wildnis gefolgt, manche waren erfolgreich, mit sich im Einklang und der schwierigen Herausforderung gewachsen, andere sind gescheitert. Die reale Historie des amerikanischen Studenten Christopher McCandless, unter dem Titel „Into the Wild“ von Jon Krakauer niedergeschrieben und verfilmt von Sean Penn, ist womöglich die bekannteste der tragischen Geschichten, in denen ein Mensch selbst gewählt das moderne und bequeme Leben verlässt. Als ich „Der Andere“ von David Guterson nun las, erinnerte mich an jenen beeindruckenden Film.  Und der Roman des Amerikaners, der mit seinem Buch „Schnee, der auf Zedern fällt“ berühmt wurde, ist nicht minder ergreifend.  „Into the wild – David Guterson „Der Andere““ weiterlesen

Töten in Trance – John Williams „Butcher’s Crossing“

„Was er suchte, war das, was seine Welt nährte und sie erhielt, eine Welt, die sich stets ängstlich von ihrer Quelle abzuwenden schien, statt danach zu suchen, so wie das Präriegras um ihn herum faserige Wurzeln in die satte, dunkle Feuchte schickte, in die Wildnis, und sich so erneuerte.“

Einst streiften sie in schier unermesslichen Herden über die weite Landschaft Nordamerikas. Doch der Mensch machte dem Bison, auch Indianer-Büffel genannt, nahezu den Garaus. Ende des 19. Jahrhunderts lebten nur noch rund 800 Tiere auf dem Kontinent. Wie es dazu kommen konnte, erzählt auf beeindruckende Weise John Williams, der in den vergangenen Jahren mit seinem wiederentdeckten Roman „Stoner“  Berühmtheit erlang. Der mit dem National Book Award geehrte Amerikaner erlebte diesen späten Ruhm nicht mehr. Er starb 1994, neun Jahre nachdem er als Hochschullehrer für englische Sprache emeritiert worden war.   „Töten in Trance – John Williams „Butcher’s Crossing““ weiterlesen

Wort und Bild – Zoran Drvenkar und Corinna Bernburg „Könnte ich meine Sehnsucht nach dir sammeln“

„wir werden durch unsere freunde sichtbar unsere selbstzweifel lassen uns verschwinden“

Ein Autor trifft auf eine Fotografin. Gemeinsam planen sie, einen Moment auf ihre ganz eigene Weise zu erfassen. Der Autor mit seinen Worten, die Fotografin mit einem Bild. Es ist fast ein Wettkampf, eine besondere Verbindung. Die Fotografin nimmt eine Szene auf, der Autor soll bis zum Ende des Tages ein Gedicht dazu schreiben. Entstanden ist ein Band, der beglückt – mit wunderbaren Aufnahmen und herausragenden Texten. Und dies ist nur der erste Streich. Nach dem ersten Buch mit 90 Fotografien und Gedichten sollen nach dem Wunsch von Zoran Drvenkar und Corinna Bernburg drei weitere entstehen.  „Wort und Bild – Zoran Drvenkar und Corinna Bernburg „Könnte ich meine Sehnsucht nach dir sammeln““ weiterlesen