Anatoli Pristawkin – „Schlief ein goldnes Wölkchen“

„Die Kinder, das war was anderes, sie waren wie Kollerdisteln, die der Wind trieb, wohin er wollte.“ 

Sie heißen Kolka und Saschka. Die meisten kennen sie als Kusmin-Zwillinge. Keiner kann sie ob ihrer verblüffenden Ähnlichkeit auseinanderhalten. Sie sind unzertrennlich und klammern sich an sich in einer Zeit des Krieges, des Leids, des stetigen Hungers. Sie leben in einem Waisenhaus, wissen nicht, was Familie und elterliche Liebe bedeuten. Mit 500 weiteren Kindern werden sie eines Tages in den fernen Osten, in den Kaukasus, geschickt. Doch hier geraten sie zwischen die Fronten. Mit seinem Roman „Schlief ein goldnes Wölkchen“ hat der russische Schriftsteller Anatoli Pristawkin (1931 – 2008) ein erschütterndes literarisches autobiografisches Zeitdokument verfasst, das nun in einer neuen Ausgabe wiederentdeckt werden kann – und sollte. „Anatoli Pristawkin – „Schlief ein goldnes Wölkchen““ weiterlesen

Tarjei Vesaas – „Die Vögel“

„Merkwürdig, wird man vielleicht erst klug, wenn es zu spät ist?“

Ein Haus auf dem Berg mit Blick auf das Meer, drumherum dichter Wald. Der Himmel ist klar und wolkenlos. Vor dem Haus sitzt Hege – und strickt. Es ist eine stille und ruhige Szene, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Wie viele andere Szenen auch aus dem mit dem Originaltitel „Fuglane“ 1957 erschienenen Roman „Die Vögel“, dem bekanntesten Werk des Norwegers Tarje Vesaas (1897 – 1970), das nun in einer deutschen Neuübersetzung entdeckt werden kann und sollte. Denn dieser Roman ist anders und sehr speziell – wie es auch der Held der Geschichte ist.      

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Tove Ditlevsen – „Kindheit“, „Jugend“, „Abhängigkeit“

„Es ist schwierig, bei sich zu bleiben, wenn die Dinge ringsherum ihr Gesicht ändern.“

Kein Werk wurde in diesem Frühjahr so oft und so überschwänglich landauf und landab besprochen wie die sogenannte Kopenhagen-Trilogie der Dänin Tove Ditlevsen (1917 – 1976). Gefüllt überfluteten Bilder und Meinungen die Social-Media-Kanäle; zünftig ausgestattet mit dem Hashtag #tovelesen. Feuilletons großer Tageszeitungen sowie beliebte Literatur-Sendungen kamen an dem dreibändigen autobiografischen Roman, der nun erstmals komplett ins Deutsche übersetzt wurde und zugleich in 16 weiteren Ländern erschienen ist, nicht vorbei.  Ein Hype, der gut in diese Zeit passt, in der das autobiografische beziehungsweise autofiktionale Schreiben großer Autoren noch immer viele Leser fasziniert, eine Wiederentdeckung, über die man sehr dankbar sein kann. „Tove Ditlevsen – „Kindheit“, „Jugend“, „Abhängigkeit““ weiterlesen

Stephen Crane – „Die rote Tapferkeitsmedaille“

„Es war wohl der instinktive Impuls eines Lebenden, in den Augen des Todes die Antwort auf die Frage aller Fragen zu finden.“

Bei einer Passage denkt man unweigerlich an den Klassiker „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. 1929 erschienen, werden in dem Antikriegsbuch die Schrecken des Ersten Weltkrieges aus der Sicht des jungen Soldaten Paul Bäumer geschildert . „Am Rappahannock nichts Neues“ heißt es im 16. Kapitel des Romans „Die rote Tapferkeitsmedaille“ aus der Feder des amerikanischen Autors Stephen Crane (1871 – 1900), dem für das Leben und sein literarisches Schaffen nur wenig Zeit vergönnt war. Bereits 1895 unter dem Originaltitel „The Red Badge of Courage“ veröffentlicht, kann der Roman über den amerikanischen Bürgerkrieg in einer Neuübersetzung wiederentdeckt werden.

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Olive Schreiner – „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“

„In ihrer bittersten Not sind alle Seelen allein.“

Zugegeben: Es gibt Regionen dieser Erde, die sind literarisch gesehen weiße Flecken, wenn ich an meine vergangene Lektüre zurückdenke. Dazu zählen weite Teile Asiens und Afrikas. Speziell bei Südafrika fallen mir nur J. M. Coetzee und Kenneth Bonert als Gegenwarts-Autoren ein. Wer historisch weiter zurückgehen möchte, dem sei der Roman „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ von Olive Schreiner (1855 – 1920) ans Herz gelegt, eine Wiederentdeckung eines Werkes und seiner Autorin, für die man dankbar sein sollte.

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Kent Haruf – „Kostbare Tage“

„Hier passiert nichts, ohne dass alle Leute es mitkriegen.“

Schriftsteller erschaffen nicht nur literarische Figuren und deren Leben, sondern oftmals auch Orte. In allen sechs Romanen des amerikanischen Autors Kent Haruf (1943 – 2014) ist die fiktive Kleinstadt Holt in Colorado Schauplatz der Handlung. Mit seinem letzten Roman „Our Souls by Night“, 2017 in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Unsere Seelen bei Nacht“ erschienen, setzte in den vergangenen Jahren eine Wiederentdeckung und Würdigung des mehrfach preisgekrönten Verfassers ein. Zuletzt erschien sein Roman „Kostbare Tage“ aus dem Jahr 2013, mit dem er sich auf ergreifende Art einem Tabu-Thema zuwendet: Tod, Abschied und Trauer.  „Kent Haruf – „Kostbare Tage““ weiterlesen